KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Kontext im neuen Layout

"Lesen ohne Trallala"

Kontext im neuen Layout: "Lesen ohne Trallala"
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Der Grafikdesigner Andreas Uebele hat der gedruckten Kontext ein neues Kleid geschneidert, das am kommenden Wochenende erstmals zu sehen ist. Ein Gespräch über Schönheit, Zerstörung und stürzende Linien.

Herr Uebele, Sie sagten einmal: "Ich sehe meinen Beruf auch als eine Art Weltverbesserung." Der Grafikdesigner als Weltverbesserer, das müssen Sie einer Journalistin mal erklären.

Das ist gemein, mit einer solchen Frage zu starten. Das Weltverbesserertum hat ja immer so ein Geschmäckle von Besserwisserei. Aber ernsthaft: Ich finde, wir Grafikdesigner haben die Aufgabe, die Welt im kleinen zu verbessern. Nicht, um uns selbst zu verwirklichen oder um noch mehr Produkte zu verkaufen. Nix dagegen, Produkte zu vermarkten. Aber das wichtigste an unserem Job ist es, die Dinge besser zu machen.

Heißt besser für Sie schöner?

Schöner ist immer besser. Es bedeutet, ein Buch oder eine Zeitung so zu gestalten, dass man besser lesen kann. Oder die Wege bei Orientierungssystemen so anzubieten, dass das auch in verschiedenen soziokulturellen Zusammenhängen verstanden wird. Und es soll schön sein, klar. Schön ist auch immer höflicher.

Sie haben Kontext ein neues Gesicht gegeben mit Ihrem ReDesign. Was hat Sie daran gereizt?

Jede Aufgabe, ob klein oder groß, prominent oder weniger prominent, gut oder schlecht bezahlt, macht mir Spaß. Vorausgesetzt ich habe Kund:innen, die uns einen Freiraum zubilligen. Bei Kontext war es so, dass ich das Projekt sympathisch fand. Mit Ihrer journalistischen Arbeit sind Sie wichtig für die Demokratie, wichtig für eine Zivilgesellschaft, die informiert sein muss. Und gute Inhalte brauchen eine gute Grafik. Kontext so aufzubereiten, dass es auch ein jüngeres und diverseres, womöglich auch ein konservatives Publikum aufschließt, das hat mich gereizt.

Der Auftrag an Sie lautete: Das ReDesign soll luftiger werden, aber genauso viel Platz für Artikel haben. Es soll zum Online-Auftritt von Kontext passen, es soll Teil der taz sein, aber seine Eigenständigkeit behalten. Es war die Quadratur des Kreises. Hat Sie das in eine Depression gestürzt?

Andreas Uebele, Jahrgang 1960, studierte Architektur und Städtebau an der Uni Stuttgart und Freie Grafik an der Kunstakademie Stuttgart. Als er 1996 sein eigenes Büro gründete, pflanzte er im Hinterhof einen Trompetenbaum, der inzwischen zum Verweilen einlädt. Unter diesen Ästen wurden schon viele Entwürfe diskutiert, verworfen, neu gedacht. "Schönheit bedeutet Mühe", sagt der 62-Jährige. Der Grafikdesigner ist Professor für Visuelle Kommunikation in Düsseldorf. Die Arbeiten seines Büros wurden mit vielen nationalen und internationalen Preisen gewürdigt. Ab heute übernimmt das Büro im Stuttgarter Süden auch die wöchentliche Gestaltung der Kontext-Seiten in der taz.  (sus)

Im Gegenteil. Bei schwierigen Aufgaben laufen wir zu Höchstform auf. Da komm ich wieder auf die Weltverbesserung im Kleinen zurück: Wir wollten Kontext besser machen. Klar hatten wir von Ihnen klare technische Vorgaben. Klar setzen wir uns darüber hinweg, wenn wir denken, dass es im Sinne der Kund:innen ist. Aber wir haben keine Artdirector-Allüren. Nein, der Auftrag hat mir gefallen, da musste man rumtüfteln.

Wie sind Sie rangegangen?

Wir haben die taz angeschaut, die gedruckte Kontext, den Online-Auftritt. Und dann haben wir erst mal aufgeräumt und ein 12-spaltiges Raster zugrunde gelegt, das ist die Glücksformel (lacht). Dann haben wir ganz krass geguckt, wie schaffen wir's, dass es luftiger wird, ohne dass es weniger Anschläge werden. Das schaffen wir mit einer gut lesbaren und größeren Schrift, und auch mit dem jetzt linksbündigen Flattersatz, der außerdem auch schön aussieht.

Wer aufräumt, verändert. Was auffällt, sind die stürzenden Linien. Darüber haben wir in der Redaktion heftig diskutiert, denn das bricht mit Lesegewohnheiten und klingt nach schmerzenden Veränderungen. Muss ich jetzt die Zeitung umdrehen und auf den Kopf stellen, wenn ich die Bildtexte lesen will?

Wir haben bei Kontext nichts Revolutionäres gemacht. Bei einer Anzeige, einem Orientierungssystem oder einer Visitenkarte kann ich viel radikaler sein. Aber bei Mengensatzlesen willst du ohne Behinderung, ohne Experiment, ohne ästhetisches Trallalla gut lesen können. Die gestürzten Linien in den Rubriken oder den Bildtexten sehen vielleicht revolutionär aus. Aber sie waren eher notwendig, um die Textmenge unterzubringen. Und die Struktur des Blattes zum Funktionieren zu bringen. Wenn Sie die Bilder bis an den Rand der nächsten Spalte ziehen, dann wirkt das Bild sehr verpackt. Dann muss die Bildlegende klassischerweise unter das Bild. Das bringt Unruhe rein. So ist das aufgeräumter. Hier ist alles auf bequemes, gutes, komfortables Lesen ausgerichtet. Und jetzt könnte man sagen, muss ich den Kopf drehen. Ja, man kann den Kopf drehen, man kann die Zeitung drehen, man kann beides drehen oder von unten nach oben lesen.

Von unten nach oben lesen gelingt zumindest bei den Bücherrücken im Regal problemlos. Aber geben Sie's zu: Da spielte doch auch der Wunsch mit, aus dem strengen Vorgabenkonzept auszubrechen und im Wortsinn die Dinge auf den Kopf zu stellen?

So denken wir nicht. Wir denken nicht vom Design her sondern von der Funktion. Die Funktion war hier tatsächlich, ein optimales ReDesign zu machen, das für die Redaktion gut und für die Leser:innen optimal funktioniert. Deshalb haben wir die Bildlegende gestürzt, ist ja auch wenig Text zu lesen. Und natürlich messen wir alles, was wir machen, an der Latte: Sieht's gut aus. Aber Sie haben Recht, mir wohnt eine schwäbische Aufmüpfigkeit inne, von der man in der Mundart sagt: grad zum bossa.

Der Bundesadler

Eine der großen Arbeiten des Büro Uebele ist das Corporate Design für den Deutschen Bundestag 2009: vom Briefpapier bis zu den Visitenkarten. Es war nicht ausgemacht, dass die Stuttgarter Grafikdesigner den Zuschlag bekommen. Denn obwohl es die Vorgabe war, auf keinen Fall am Bundesadler herumzudoktern, hat sich Uebele darüber hinweggesetzt: "Wenn man den Adler verkleinert etwa auf Visitenkarten-Größe, dann schnurzelt der zusammen wie ein Brathähnchen." Es war eine bewusste Regelverletzung um der Schönheit willen. Das Büro bekam den Auftrag.  (sus)

Was so viel heißt wie: mit Absicht und gegen die Vernunft.

Kann man vielleicht so übersetzen oder auch so: Ja, ich breche gerne Regeln. Ich stelle jede Regel im Design in Frage. Das ist aber nicht die Lust an der Provokation, sondern dahinter steht: Ich will den Dingen auf den Grund gehen, wie bei der Sendung mit der Maus. Wenn man grundsätzlich über die beste Lösung im Design nachdenkt, bricht man automatisch mit allen Regeln. Aber das Glaubensbekenntnis lautet, das Optimale zu finden.

Sie sind bekannt für Ihre ausgeklügelten Orientierungssysteme, dennoch haben Sie die farbigen Ressort-Icons und die farbigen Zwischenzeilen rausgeworfen. Warum?

Zu viele Elemente dienen nicht der Orientierung, sie wirken eher wie ein Fiepen im Ohr, wie ein Störgeräusch, das die visuelle Wahrnehmung stört. Ruhe hingegen trägt zu einer schnellen und klaren Orientierung des Auges bei. Ich finde, auch wenn das in Ihren Ohren ungewohnt klingt: Eine Zeitung ist immer eine schöne Bleiwüste. Die Bilder dürfen farbig und groß sein, das reicht. Wir leben in einer Welt, in der du ständig mit Eindrücke zugeschüttet wirst, am Handy, im Radio, im Fernsehen. Tatsächlich finde ich es toll, wenn da mal etwas ruhig daherkommt. Ob das jetzt die Stille in der Natur ist oder eine aufgeräumte Zeitung.

Hat Sie eigentlich manchmal genervt, dass bei dieser Aufräumaktion so viele mitgeredet haben, wie das eben bei taz und bei Kontext üblich ist?

Dass es mal eine Besprechung gibt, wo viele dabei sitzen, und dann Dinge wieder erklärt werden müssen, das ist anstrengend und manchmal auch nervig, weil es Zeit kostet und man sich wiederholen muss. Aber es schützt auch vor Fehlern und das zwingt mich und mein Team, die guten und richtigen Argumente parat zu haben. Sonst überzeuge ich ja weder die taz noch Kontext. Ich hab schon schlimmere Projekte erlebt.

Schönheit ohne den Mut, das Risiko einzugehen, dass etwas Schlechtes entsteht, gibt es nicht. Das steht auf Ihrer Homepage.

Schönheit fällt einem nicht in den Schoß. Das bedeutet Mühe und den Mut, Gewohnheiten in Frage zu stellen. Man klammert sich ja oftmals an das, was man kennt und geht lieber den gesicherten Weg. Aber der Weg zum Gelingen heißt: Kill your Darlings. Sie müssen Konventionen zerstören und manchmal auch die Erwartungen ihrer Kund:innen. Selbst mit dem Risiko, dass die Sie rausschmeißen. Wir gehen volles Risiko, aber im Sinne der guten Sache. Ich hab auch schon zu Kund:innen gesagt, was Sie wollen, verstehe ich, aber das ist nicht gut für Sie. Ich gelte wegen dieser Offenheit auch als schwierig.

Schwierig wurde es, als Sie bei Kontext unbedingt den Markennamen Kontext:Wochenzeitung liften wollten, das haben wir nicht mitgemacht.

Dabei wäre das besser und schöner gewesen. Ihr Marke heißt heute: Kontext:Wochenzeitung. Das ist, also würde man bei Fiat noch Auto drunter schreiben. Oder Kirche auf eine Kirche. Ich sehe, dass das eine Wochenzeitung ist. Da braucht es einfach und schlicht nur Kontext, fertig. Alles andere ist uncool, unsouverän und doppelt gemoppelt.

Kontext:Wochenzeitung gibt es nun schon elf Jahre. Da wirft man nicht so hoppla-hopp die Marke über Bord.

Da haben Sie einen Fehler gemacht. Liebgewordene Gewohnheiten muss man zerstören. Und dann entsteht etwas Neues. In dem Fall: etwas Besseres.


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6 Kommentare verfügbar

  • IF
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Ich kann Herrn Eggers in seiner Kritik voll und ganz zustimmen, sehe ich genauso. Alles wurde verschlimmbessert. Daher finde ich die Aussagen von Herrn Übel umso grotesker. Er hat aus gut lesbaren Texten eine Bleiwüste geschaffen und verkauft das dann noch als große Design-Leistung von…
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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 2 Tagen 23 Stunden
Sehr interessant!


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