KONTEXT:Wochenzeitung
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Teure Anzeige

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Die Zeitungen werden noch dünner, weil ihre Journalisten weiter streiken. Andererseits verdienen die Verlage Geld: Das Personal sammelt für Not leidende Verleger und spendiert ihnen eine teure Anzeige, die sofort weitere Reklame nach sich zieht.

Die Anzeige der streikenden Journalisten.

Mancher Passant auf dem Stuttgarter Schloßplatz hat nicht schlecht gestaunt, als ihn rotbehemdete Menschen Hüte aus gefaltetem Zeitungspapier entgegengestreckt und um eine milde Gabe gebeten haben. Sie würden für ihre Arbeitgeber betteln, denen es sehr schlecht gehe, behaupteten sie und rannten dabei fünf Minuten lang aufgeregt hin und her. Flashmob heißt das heute. Am Ende hatten sie tatsächlich 36 Euro und sieben Cent zusammen, die sie sogleich in die Königstraße 26 trugen, wo der Verband der Südwestdeutschen Zeitungsverleger zu Hause ist. Leider war keiner da, weshalb das Geld jetzt überwiesen werden muss.

Einen weit größeren Betrag hatten die streikenden Schreiberinnen und Schreiber schon Tage zuvor untereinander gesammelt. Sie wussten, dass Anzeigen in den Stuttgarter Tageszeitungen sehr teuer sind, aber weil die Öffentlichkeit von ihrem Anliegen ("Qualitätsjournalismus") erfahren sollte, musste dieser Weg gewählt werden. Im redaktionellen Teil berichten ihre Blätter darüber eher spärlich. Die Eckanzeige (mehr ging nun wirklich nicht) ward gestaltet, ins Möhringer Pressehaus geschickt und dort zunächst mit einer Rechnung über 8834,56 Euro beantwortet.

Überrascht war der Betriebsrat der "Stuttgarter Zeitung" (StZ) allerdings, als ihn ein Anruf aus der StZ-Geschäftsführung ereilte, der mit einem hochherzigen Angebot unterlegt war. Man könne, lautete die Botschaft, auf die Anzeige verzichten, wenn die Journalisten ihrerseits nicht auf deren Abdruck bestünden. Denn da läge noch eine werbemäßige Offerte des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger e. V. ("Zukunft gestalten!") vor, die man auch zurückziehen werde, wenn die Streikanzeige unterbliebe.

Das hat die Redakteure erstaunt und empört, und sie lehnten ab. Wie konnte es sein, dass am selben Tag, in derselben Größe eine Anzeige der Verleger auf dem Tisch des Pressehauses lag? Ein Propagandatext des Gegners, der sich in den Tarifverhandlungen keinen Millimeter bewegt? Die Frage wird wohl nicht zu klären sein, auch nicht auf juristischem Weg, den die Gewerkschaft Verdi prüfen will.

Die Anzeige der Verleger.Richtig sauer waren die Kollegen, als sie lasen, sauber gedruckt, wie viel sie angeblich verdienen: durchschnittlich 4400 Euro im Monat. Da hat so mancher nachgerechnet, in den Tarifvertrag geschaut und festgestellt, dass 4401 Euro die Höchstgrenze für normale Redakteure ist, erreichbar ab dem elften Berufsjahr.

Seitdem rätseln sie, wie ihre Arbeitgeber auf ihre Durchschnittssumme gekommen sind. (Wer sich für die genauen Zahlen interessiert, möge beim Bund Deutscher Zeitungsverleger nachlesen). Vincent Klink empfiehlt der StZ-Redakteurin Julia Schröder, im Tarifstreit nach den Sternen zu greifen. Foto: Jo RöttgersWer mit den Journalisten in den nächsten Tagen reden will, findet sie in ihrer gläsernen Redaktion im Haus der katholischen Kirche. Besucht haben sie dort bereits Vincent Klink, das Gründungsmitglied der Kontext:Wochenzeitung, mit dem Appell, "richtig Krach" zu machen, und Uwe Hück, der Betriebsratschef von Porsche, der versprochen hat, mit hundert Mann den Ausstand zu verstärken. Solidarität, so Hück, sei das "Wichtigste im Leben". Alle Aktionen der Journalisten sind unter www.streikblog0711.wordpress.com aufgelistet.


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