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Kontext-Sommerserie

An der Haltestelle

Kontext-Sommerserie: An der Haltestelle
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 Fotos: Julian Rettig 

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In Beutelsbach im Remstal, direkt an der S-Bahn, befindet sich seit bald einem Jahr das Limbo: ein kleines, feines Kulturcafé. Ausstellungen, Konzerte, Gartensalons, Bahnhofslichtspiele, Spieleabende: Alles erscheint fast schwerelos.

Seit 1984 ist Beutelsbach, einst ein beschauliches Weinbauerndorf im Remstal, an die S-Bahn angeschlossen. Aus diesem Anlass errichtete der östlich von Stuttgart gelegene Ort, damals schon Teilgemeinde von Weinstadt, direkt an der Haltestelle einen kleinen gläsernen Pavillon: ein Entrée für die Ankommenden, ein Reisebüro für die, die weg wollen, und ein Kiosk. 

Dieses einstige Schmuckstück war verwaist und heruntergekommen, als Martina Schneider den Kiosk für sich entdeckte. "Schade, dass das leersteht", dachte sie. "Es war dunkel. Und dreckig", beschreibt sie ihren Eindruck. "Die Uhr funktionierte nicht, die Toiletten waren geschlossen." Sie ergriff die Initiative und seit September vorigen Jahres befindet sich dort das Limbo: ein kleines und feines Kulturcafé. "Die spannendsten Orte entstehen nicht im Zentrum, sondern knapp daneben", behauptet die Homepage.

Martina Schneider hat zuletzt in Stuttgart eine Pizzeria betrieben, am Marienplatz. Sie hat einmal Modedesign studiert, nebenher aber schon immer gekellnert. Der Besitzer des Stuttgarter Cafés Kaiserbau machte sie zur Geschäftsführerin. Sie konzipierte die dazugehörige Gelateria, gründete mit Andreas Vogel die Bar Rakete am Theater Rampe und betrieb in der Heusteigstraße in dem Haus, in dem nach dem Krieg der Landtag tagte, das Restaurant "Casa del Consumo". Irgendwann nach Corona gab sie alles auf. Sie wollte mehr Zeit im Remstal verbringen, wo sie bereits ein Grundstück besaß.

Der Kiosk ist nun am Wochenende ein Café. Im einstigen Reisebüro finden Ausstellungen und Veranstaltungen statt. Der Raum ist nicht sehr groß, ganze 25 Quadratmeter, und es ist erstaunlich, was das Künstlerduo Sara Hernández und David Tobón, das derzeit dort ausstellt, in diesem Raum alles unterbringt. Beide stammen aus Kolumbien, Tobón hat in Brüssel, Hernández in Stuttgart studiert. Sie arbeiten zusammen, seit sie festgestellt haben, dass sie ähnlich zeichnen.

Ausstellungen, Konzerte und sprechende Blumen

In Kolumbien sind Verkaufsstände an der Straße oft mit Sonnenschirmen versehen, so kamen sie auf den Ausstellungstitel "Toldo", Markise, Sonnenschutz. Bilder aus Google Street View übertrugen die beiden auf originalgroße Papp-Aufsteller, wie im Kino. Für das Limbo fertigten sie eine Miniaturversion: auf der einen Seite der Stand, auf der anderen nur die Umgebung, die Silhouette ist ausgespart. Ähnlich verfährt das Künstlerduo mit weiterem "urbanen Inventar": Die eine Seite kann man im Ausstellungsraum gegen die Fensterscheiben ansehen, die andere von außen durchs Fenster. 

Tobón und Hernández mögen solche kleinen Verschiebungen. Zwei der weltweit weit verbreiteten Monoblock-Stapelstühle, normalerweise aus weißem Kunststoff, haben sie in Bronze nachgegossen. An einem Kaugummiautomat kann man zum Preis von zwei Euro Zwei-Euro-Münzen aus Graphit herauslassen. Die schwarzen Zahlenbalken der Bahnhofsuhr setzen sich auf den weißen Kugellampen fort, die daran anschließend vom Glasgewölbe herabhängen. Dabei zerfällt die Zeitanzeige zunehmend in ihre Bestandteile.

Die Ausstellungen im Limbo kuratiert Sophie Bergemann, die als Abschlussarbeit an der Stuttgarter Kunstakademie eine Pommesbude gebaut hat, genannt Fitty-Bar, die prompt den Akademiepreis gewann. Im selben Raum finden auch Konzerte statt: ungefähr einmal im Monat, in kleiner Besetzung und nicht sehr laut. Das Programm gestaltet Stephen Burch, Martina Schneiders Partner, selbst Musiker. Er nennt seine Musik "problem folk", hat allein in diesem Jahr schon acht Alben produziert und tourt, wenn er nicht gerade im Remstal weilt, unter dem Namen "The Great Park" durch Deutschland und darüber hinaus.

Der Rest des Programms lässt sich nicht so eindeutig einem Genre zuordnen. Die monatliche Reihe "Meet Me in the Garden" zum Beispiel. Wo sie schon mal einen Garten besaß, wollte Martina Schneider mehr dazu wissen und sich mit anderen austauschen. Sie stieß auf die "Grüne Reihe" des Berliner Sukultur Verlags: Kleine, illustrierte Büchlein für drei bis fünf Euro. "Es geht um praktische Tipps, theoretische Überlegung, betrachtende Begeisterung, wütende Analyse, peinliche Erkenntnis, betrübten Befund und das Erlebnis der Schönheit", so das Verlagsprogramm.

"Blume Deutsch – Deutsch Blume" heißt das Büchlein, das zuletzt an der Reihe war. Im Mittelpunkt steht – daher der merkwürdige Titel – die Kunst, durch die Blume zu sprechen oder Blumen sprechen zu lassen. Sie entstand am osmanischen Hof und trägt den Namen Selamik, nach dem halböffentlichen Teil des Hauses, zu dem Besucher zugelassen waren, im Gegensatz zum Harem, dem für Außenstehende unzugänglichen Bereich der Frauen und Kinder. Da Frauen mit ihren Verehrern nicht sprechen durften, schickten sie sich Blumensträuße, die codierte Botschaften transportierten.

Auch in Europa war die Selamik im 19. Jahrhundert sehr weit verbreitet. Es gab umfangreiche Nachschlagewerke, allerdings kein einheitliches System: Die einen ordneten die Pflanzen dem Alphabet zu, zumeist aber wurden sie mit bestimmten Begriffen assoziiert. Martina Schneider liest aus dem Buch und unterhält sich mit den Teilnehmenden über das Thema. Sie hat einen ganzen Stapel Kärtchen angefertigt, die auf der einen Seite die Pflanze zeigen, auf der anderen stehen die Begriffe, für die sie steht.

Viele Ideen auf kleinem Raum

Zu den Gartensalons kommen zumeist zwei, drei ältere Damen, die selbst einen Garten besitzen. Irgendjemand hat gesagt, die Martina kenne schon ganz Beutelsbach. Das stimmt nicht ganz, korrigiert sie: Es gebe eine Handvoll Aktive, denen man bei verschiedenen Anlässen immer wieder begegne. Mit der Stolperstein-Initiative hat sie schon einmal eine Veranstaltung gemacht, eine andere zum Beutelsbacher Konsens, der seit 50 Jahren die Standards der politischen Bildung in Baden-Württemberg bestimmt.

Um Ideen ist sie nicht verlegen. In der Gelateria hat sie ungewöhnliche Eissorten angeboten, ähnlich in der Pizzeria. In der Casa del Consumo servierte sie die Cucina Povera, die Arme-Leute-Küche aus allen Regionen Italiens. Sie hatte alle Regionen bereist, um an die richtigen Rezepte zu gelangen. Im Limbo gibt es Alpenkräuter-Limonade mit Wildkräutern aus Beutelsbach, am 13. September einen Bingo-Abend mit Tacos. 

Aber das Kulinarische spielt nicht die Hauptrolle: Im Mittelpunkt steht die Kultur. So hat Martina Schneider ein Format wiederbelebt, das in der Nachkriegszeit vor der Zeit des Fernsehens weit verbreitet war: In den Bahnhofslichtspielen, die es überall gab, lief ein 90-minütiges Programm in Endlosschlaufe, um den Wartenden die Zeit zu verkürzen. Es bestand aus Wochenschauen, Werbung, Kultur, Slapsticks und Zeichentrickfilmen. Am kommenden Freitag, dem 28. August ist es zum dritten Mal soweit: Es gibt "Bite-Size Filme", Häppchenkino in Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Kino, denn das gibt es in Beutelsbach noch.

Am 18. September heißt es wieder: "Meet Me in the Garden": diesmal mit dem Buch "Der graue Garten" von Getrude Jekyll. Anders als der Titel vermuten lässt, geht es um die Farben der Pflanzen, "die aus ihren symmetrischen Rabatten und Hecken schwappen und schäumen", angelehnt an die Lehren des Farbtheoretikers Eugène Chevreul und die Malerei William Turners.

Kultur bringt Menschen zusammen

Zur Finissage der Ausstellung von Sara Hernández und David Tobón spielt das Revolution Trio um den Jazzgitarristen Jo Ambros auf den Spuren der "Cubanos Postizos" des New Yorkers Marc Ribot melancholische Revolutionslieder in Instrumentalversion. Das Programm reicht von "Die Gedanken sind frei" bis "Hasta siempre" für Che Guevara. Im Oktober stehen bereits zwei Konzerte auf dem Programm, darunter am 30. The Great Park, sprich Stephen Burch, der Mitbetreiber des Limbo.

Es gibt unzählige Bahnhöfe und Haltestellen, wo es so aussieht, wie bis vor einem Jahr an der S-Bahn-Station Beutelsbach: verwaist, verwahrlost, verdreckt. Es sind Unorte, Angsträume, an denen sich zwischen zwei Zügen nichts ereignet. Es braucht wenig, um das Warten angenehm zu gestalten: ein nettes Café oder Bahnhofsrestaurant, ein paar andere Menschen, die einem das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Und auch wenn es sich spießig anhört: ein wenig Ordnung und Sauberkeit. Allerdings vermietet die Deutsche Bahn solche Lokalitäten, soweit sie ihr gehören, zu Preisen, die sich nur große Ketten leisten können.

Wer dagegen in Beutelsbach am Wochenende durch die Weinberge wandert oder am Sonntag das Museum Wiege Württemberg besucht, braucht sich keine Gedanken zu machen, ob er oder sie die S-Bahn noch erreicht: Bei Kaffee und Kuchen, einem Blick in die Ausstellung und vielleicht sogar noch einem Konzert könnte sich der Aufenthalt im Gegenteil länger hinziehen als geplant. 

Warum gibt es so etwas nicht viel öfter? "Davon kann man nicht leben", erklärt Martina Schneider: "Wir legen nicht drauf, aber viel verdienen wir nicht." Sie möchten ihren Musiker:innen eine kleine Gage und ein nettes Hotelzimmer bieten. "Das Limbo trägt sich schon", bestätigt sie, "aber wir dürfen unsere Stunden nicht aufschreiben." Und das ist schon fast das ganze Geheimnis: Es geht nicht ums Geldverdienen, sondern um einen Ort der Kultur und des Miteinander. 


Das Limbo in Beutelsbach hat freitags von 17 bis 22 Uhr, samstags von 11 bis 22 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Am 28. August gibt es ab 18 Uhr mit "Bite-Size Films" einen Ausflug in die fast vergessene Kinokultur der Bahnhofslichtspielhäuser. Zu den weiteren Veranstaltungen bitte hier entlang.

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