Ida Dehmel hatte den größeren Teil ihres Lebens bereits hinter sich, als sie 1926 die Gemeinschaft deutscher und österreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen (Gedok) gründete: Ein Leben voller Kunst, Literatur und rauschender Feste. 56 Jahre war sie alt. Ihr zweiter Mann, ihre große Liebe, der um die Jahrhundertwende überaus erfolgreiche Dichter Richard Dehmel, war schon sechs Jahre zuvor gestorben. Ihre Hauptaufgabe sah sie darin, sein Lebenswerk zu bewahren.
Ida Dehmel hätte die Gedok nicht gründen können ohne die Netzwerke, die sie schon lange vorher geknüpft hatte, ohne ihre umfassenden Kenntnisse und Verbindungen auf allen Gebieten der Kunst. Als die Vereinigung 1933 gleichgeschaltet und Dehmel hinausgedrängt wurde, blieb davon trotz allem etwas bestehen. Sie endete einsam und isoliert. Doch ihre Nichte Mariane Gärtner setzte nach dem Krieg ihre Arbeit fort. Und im Lauf der Jahrzehnte ist die Gedok immer weiter gewachsen.
Dass Ida Dehmel, damals Coblenz, für Poesie außergewöhnlich empfänglich war, zeigte sich schon im Alter von 20 Jahren. "Fräulein Ida, ich möchte Ihnen was anvertrauen", sprach sie ein gleichaltriger Tanzpartner an, der sie hin und wieder nach Hause begleitete. "Mein Bruder Schtefan – ja unser Schtefan dicht’t! Und denken Sie, jetzt sind seine ersten Gedichte gedruckt worden, und wir können sie nicht verstehen, keiner von uns, und ich meine bestimmt, Sie würden sie verstehen."
So beschreibt Ida Dehmel selbst fünfzig Jahre später, wie sie Stefan George kennenlernte: den elitären Dichter, der später nach seinem Tod zur Identifikationsfigur konservativer NS-Regimegegner wie der Brüder Stauffenberg wurde. Sie las seinen ersten Gedichtband. “Es geschah das Wunder, dass ich, die Zwanzigjährige, die Ahnungslose, nachdem ich die ersten Gedichte gelesen hatte, wusste, nicht nur fühlte, was ich da in Händen hielt. Ich gab mich dem nie gehörten Klang ganz und gar hin; ich war Georgianerin geworden: die erste, die es gab.”




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