KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Löhne in Kunst und Kultur

Von Fair Pay weit entfernt

Löhne in Kunst und Kultur: Von Fair Pay weit entfernt
|

Datum:

Frauen sind in der Kultur längst in Führungspositionen angekommen. Doch von Gendergerechtigkeit kann keine Rede sein.

In Stuttgart stehen Frauen an der Spitze des Kunstmuseums, der Staatsgalerie, des Landesmuseums, der Kunstakademie und der Musikhochschule, des Hauses der Geschichte und der Kunstabteilung des Instituts für Auslandsbeziehungen. Ebenso in den Kunsthallen von Karlsruhe, Tübingen, Göppingen und zahlreichen Städtischen Galerien. Das war nicht immer so: Direktorinnen waren vor zwanzig Jahren noch extrem selten.

In einer Ausstellung, die Frauen gewidmet ist, stellt der Württembergische Kunstverein (WKV) derzeit feministische Aktivistinnen im Frankreich der 1970er-Jahre vor. Heute kaum mehr vorstellbar, dass damals am selben Ort, im WKV, nur alle paar Jahre mal Künstlerinnen ausgestellt waren. Nur die großen Namen wurden gezeigt: Käthe Kollwitz, Gabriele Münter, Ida Kerkovius. Ganz langsam hat sich das in den 1980er-Jahren geändert, so richtig erst nach der Jahrtausendwende.

Alles in Butter also? Keineswegs, wie aus den Antworten von Künstlerinnen und Musikerinnen hervorgeht, die sich im Bündnis für eine gerechte Kunst- und Kulturarbeit engagieren. "Das Problem in der Kultur beginnt damit, dass noch nicht einmal verlässliche Statistiken und Zahlen vorliegen", sagt Lisa Bergmann, Künstlerin und Kuratorin aus Karlsruhe, zudem Sprecherin der Arbeitsgruppe Gerechte Bezahlung.

Bündnis für eine gerechte Kunst- und Kulturarbeit

Über 300 Akteur:innen aus allen Landesteilen und allen Kulturbereichen haben sich Mitte 2020 zu einem Bündnis für eine gerechte Kunst- und Kulturarbeit zusammengeschlossen. Hintergrund waren die gravierenden Probleme, die durch die Corona-Maßnahmen zutage getreten sind, oft aber ältere Ursachen haben. Ursachen wie die weit verbreitete Selbstausbeutung, mangelnde Wertschätzung für die Kultur seitens der Politik, aber auch strukturelle Ungleichheiten in der Kultur wie in der Gesellschaft. In derzeit sechs Arbeitsgruppen arbeitet das Bündnis daran, solche Probleme zu beheben.  (dh)

Die Ankündigung zum gestrigen Equal Pay Day, der in diesem Jahr dem Kulturbereich gewidmet war, spricht von einem Gender-Pay-Gap von 30 Prozent. Das bezieht sich auf 2021, als Frauen im Bereich "Kunst, Unterhaltung und Erholung" – so die Kategorie des Statistischen Bundesamts – ein knappes Drittel weniger verdienten als Männer. 2022 sollen es 20 Prozent weniger gewesen sein. Haben sich die Einkommensunterschiede also innerhalb eines Jahres so deutlich verringert? Wohl kaum. Die Vergleichbarkeit mit Vorjahren sei "aufgrund neuer Verdiensterhebung eingeschränkt", bestätigt die amtliche Pressemitteilung.

Von der Kunst zu leben, ist kaum noch möglich

"Zahlen, Zahlen, Zahlen" fordert auch Olaf Zimmermann im zuletzt 2020 erschienenen Bericht des Deutschen Kulturrats über "Frauen und Männer im Kulturmarkt". Die Situation ist außerordentlich komplex. Gabriele Schulz unterscheidet in ihrer 2016 für den Kulturrat erarbeiteten Studie über "Frauen in Kultur und Medien" zwischen einem gewinnorientierten Bereich, der von freien Künstler:innen bis zu großen Medienunternehmen reicht, einem öffentlich geförderten und einem Non-Profit-Sektor.

Für die bildende Kunst seien diese Studien wenig aussagekräftig, moniert Bergmann. Obwohl an den Hochschulen um die 60 Prozent Frauen studieren, seien Künstlerinnen in Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, in Museen und öffentlichen Sammlungen nur zu 20 Prozent vertreten. Bei der Kunst im öffentlichen Raum, den Straßennamen, in Schulbüchern ergibt sich ein ähnliches Bild. "Frauen wurden aus der Kunstgeschichte absichtlich rausgeschrieben", meint Bergmann und erinnert an die schwedische Pionierin der Abstraktion Hilma af Klint.

Mit dem Einkommensunterschied von 30 oder 20 Prozent ist der unbereinigte Gender-Pay-Gap gemeint, also der Querschnitt aller im Kulturbereich Tätigen. Die Unterschiede sind enorm. Während über 90 Prozent aller bildenden Künstler:innen von ihrer Kunst nicht leben können und, wie Bergmann hervorhebt, oft mit 40 in andere Berufe wechseln, haben die Intendanten der großen Theater und die Generalmusikdirektoren, also die Chefdirigenten der Orchester, Jahreseinkommen in sechsstelliger Höhe. Beinahe erübrigt sich hier die Erweiterung ":innen", denn bundesweit gibt es derzeit nur vier Generalmusikdirektorinnen, gegenüber 125 Männern.

In Stuttgart hat es bei den vier großen Orchestern noch nie eine Generalmusikdirektorin gegeben, und bis auf Marcia Haydée auch noch nie eine Intendantin am Staatstheater. Die Gehälter sind normalerweise Top Secret. Nur weil der Landesrechnungshof die Beträge monierte, sickerte vor zehn Jahren durch, dass der geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks 150.000 Euro pro Jahr verdiente, der Generalmusikdirektor Manfred Honeck sogar 240.000 Euro, mehr als der Oberbürgermeister.

Am anderen Ende der Skala findet sich die Masse der künstlerischen Berufe: überwiegend Frauen. Tätigkeiten, die viel Engagement erfordern, während die Einkünfte zum Leben nicht reichen. Susanne Jakob, Leiterin des Kunstvereins Neuhausen, berichtet, sie habe sich vor Jahren einmal auf die Leitung einer Städtischen Galerie beworben – dann aber dankend verzichtet. 800 Euro im Monat, nominell eine Halbtagsstelle, die aber vollen Einsatz verlangt: Solche Verhältnisse sind keineswegs verschwunden.

Die Lohnunterschiede verschlimmern Altersarmut

Aus dem Gender-Pay-Gap ergibt sich später ein Renten-Gap und ein Vermögens-Gap, unterstreicht Bergmann: "Das betrifft die Frage, wer in einer Gesellschaft gestalten kann, etwa indem er oder sie eine Stiftung gründet." Das mit dem Renten-Gap kann Astrid S. Klein bestätigen, eine der ersten Künstlerinnen, die der Württembergische Kunstverein 1984 mit einer Einzelausstellung gewürdigt hat. "Altersarmut bei Künstler:innen, das Problem der Grundsicherung: Das betrifft mich auch, wie fast alle Künstler:innen, die ich kenne." Sie kritisiert auch, dass Stipendien oft auf das Alter bis 35 Jahre beschränkt sind.

"Es gibt ja neben dem Pay-Gap auch einen eklatanten Show-Gap und vieles mehr", ergänzt Birgit Reich, Kunstvermittlerin aus Karlsruhe. "Der betrifft vordergründig die riesige Masse an Frauen – aber dann doch auch nicht alle gleichermaßen. Herkunft, Klasse, Habitus, Status, Fertilität, Care-Verpflichtung und Mutterschaft, Attraktivität, Ability, Race, Gender-ID – all das spielt eine große Rolle, ob man in diesen auf Netzwerken beruhenden Strukturen Sichtbarkeit erlangt und in die Diskursräume vordringt, in denen auch monetäre Gegenleistungen für kreative Arbeit aufgebracht werden."

Reich hat im Bündnis eine Umfrage "FairPay für freie Akteur*innen der kulturellen Bildung" durchgeführt. 499 freiberuflich oder hybrid tätige Kunstvermittler:innen haben teilgenommen. Die Tendenz ist eindeutig: Während unter dem prekären Einkommen bis 800 Euro im Monat Frauen viermal so stark vertreten sind wie Männer, verhält es sich bei den wenigen, die mehr als 2.400 Euro im Monat verdienen, genau umgekehrt.

Eine ganze Reihe von Ausgrenzungsmechanismen

Nicht nur schlechte Honorare benachteiligen Frauen in der Kunst und Kultur. Wie in sämtlichen anderen Branchen nimmt wird auch hier keine Rücksicht auf das Muttersein genommen. Das ist ein Bereich, der Anna Gohmert und Marie Lienhard interessiert, die mit Renate Liebel das Projekt Mothers*, Warriors, and Poets ins Leben gerufen haben, "ein Ausstellungs- und Diskursprogramm, das sich auf die Frage konzentriert, was es heute bedeutet, eine Mutter und eine Künstlerin zu sein". Das Sternchen im Titel will sagen, dass auch Männer gemeint sind, wenn sie Pflegeverantwortung übernehmen. Elternschaft gilt oft als Manko, das die freie Verfügbarkeit einschränkt.

"Gerne würde ich mir mehr Zeit nehmen für die Antwort. Aber ich habe keine Zeit!", schreibt Gohmert auf Kontext-Anfrage. Nur um dann seitenlang zu erklären, wie sie hin- und hergerissen ist zwischen Kind und Kunst, Anträgen auf Projektförderung und Wohngeld, der Notwendigkeit, Geld zu verdienen und ihrem ehrenamtlichen Engagement im Bündnis. Das, wie Lienhard erläutert, nun auf die Politik zugeht: "Die AG Politische Sichtbarkeit führt seit letztem Frühjahr viele Gespräche mit den kulturpolitischen Sprecher*innen der Parteien im Landtag und in den Kommunen in Baden-Württemberg sowie mit Kulturämtern und Interessenverbänden."

Die Gespräche mit den Kultursprecher:innen der Landtagsfraktionen seien sehr konstruktiv gewesen, bestätigt auch Lisa Bergmann. Von den größeren Städten ausgehend wollen sie flächendeckend auf alle Kommunen zugehen, ebenso auf Kulturämter, den Städtetag, den Museumsbund und weitere Verbände und Institutionen. "Es gibt eine Trägheit, die wir uns nicht erlauben sollten", so Bergmann, "im Sinne eines demokratischen Verständnisses von Teilhabe." Ihr Fazit: "Wenn man leise ist, kriegt man nichts geschenkt."


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!