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Cannabis-Legalisierung

Abschied vom Dealer

Cannabis-Legalisierung: Abschied vom Dealer
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Den Schwarzmarkt zu untergraben, ist für Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) auch ein Stück Jugendschutz. Zahlreichen Klein- und Großkriminellen droht nun der Verlust ihres Arbeitsplatzes. Erfahrungsberichte von Einkaufserlebnissen.

Achim hatte stets vorzügliches Haschisch, vielleicht das beste in der Stadt. Der Haken: Jedes Mal, wenn man bei ihm einkaufen wollte, musste man sich mindestens eine Dreiviertelstunde lang sein bizarres Gelaber anhören. Um zu erkennen, dass Chemtrails die Luft mit Schwermetallen verpesten, brauchte der verzottelte Althippie nur einen Blick auf den Himmel zu werfen – "Der sah doch früher noch anders aus! Ich sag's euch, der war viel blauer ... ein richtiges Blau!" Immer, wenn er Besuch bekam, rollte Achim einen neuen Joint. Aber keineswegs normale Tüten, sondern übertriebene Monsterbretter, wobei sein unverrückbares Prinzip darin bestand, jedes Mal mehrere Gramm reinzubröseln. Seine Kund:innen waren in der Regel nach drei Zügen außer Gefecht. Er aber rauchte mehrere dieser Dinger am Tag. Das half ihm, an seinen Theorien zu feilen.

Ernesto war ein sympathischer Typ, aber von Grund auf verpeilt und hochgradig unzuverlässig. Einmal erzählte er, wie er das tiefbraune, seit zwei Jahren nicht mehr gewechselte Wasser aus einer Bong getrunken habe, weil jemand behauptet hatte, dass es klatscht. Gewirkt hat es nicht, war aber hilfreich dabei, den Magen zu leeren. Er hatte dunkelbraune Dreadlocks bis zu den Arschbacken und eine Zeit lang eine blond gefärbte Wimper. "Ja, Wette verloren." Er erzählte gerne von seinem großen Zeh. Eines Tages saß Ernesto hochkonzentriert und mit gerunzelter Stirn vor seiner Waage und starrte mit großen Augen auf die Anzeige. Erst hatte er viel zu viel Gras draufgepackt, dann wiederum war es deutlich zu wenig, und so tüftelte er eine Weile lang vor sich hin. Irgendwann platzte den Rauchlustigen der Geduldsfaden. "Was is'n mit dir los?" – "Tschulli", murmelte Ernesto: "Das ist nicht so einfach, wenn sich alles bewegt." Er war inzwischen dazu übergegangen, auch mal unter der Woche LSD zu naschen. An diesem Dienstag hatte er sich eine doppelte Portion gegönnt.

Wenn es in der Branche so etwas wie seriöse Geschäftsleute gibt, dann war Kasimir ohne jeden Zweifel einer von ihnen. Im Gegensatz zu vielen Kolleg:innen legte er hohen Wert auf Diskretion. Wer mit Kasimir kommunizieren wollte, durfte das nur in einer von ihm entworfenen Code-Sprache. Dabei einen Fehler zu machen, bedeutete, dass man nie wieder kommen durfte. Nachrichten über Telegram löschten sich nach einer Minute automatisch. Kasimir suchte sich seinen erlesenen Kund:innen-Kreis sehr penibel aus. Und er hatte keine Lust auf halbe Sachen. Die Mindestbestellmenge in seinem Portfolio lag bei 25 Gramm.

Die Wohnung von Gizmo sah immer aus wie der hinterletzte Saustall. An der Wand vegetierte irgendetwas vor sich hin, vielleicht war es uralte Tomatensoße. Was es auch war, er wollte es über Monate hinweg nicht entfernen. Generell bekam Gizmo im Grunde genommen überhaupt nichts auf die Reihe, außer für einen permanenten Nachschub an Stoff zu sorgen. Eines Tages empfing er seinen Besuch im Dunkeln. Wegen nicht bezahlter Rechnungen hatte man ihm den Strom abgestellt. Irgendwann landete Gizmo für ein paar Monate im Gefängnis. Als er wieder auf freiem Fuß war, berichtete er, dass er es dort eigentlich ganz entspannt fand. "Da musst' ich mich um nix kümmern."

Schade um die Suppe

Auch Kalle hatte schon einige Jahren hinter Gittern verbracht. Nun war er ein Fastfood-Entrepreneur, betrieb einen gut laufenden Laden und lieferte Leckereien wie überbackenen Schafskäse oder ausgefallene Suppen. Auch wenn er Überlegungen verfolgte, den Einzelstandort zum Franchise auszubauen, war die ganze Operation in ihrem Wesenskern nur eine aufwändige Finte, um Geld zu waschen. Denn Kalle handelte, seit er draußen war, wieder mit Kilos. Irgendwann hatte irgendwer in der Lieferkette von Marokko nach Deutschland die Freundin eines anderen gebumst, ein Schlägertrupp kam zur Vergeltung vorbei, prügelte den Lustmolch halb tot – und das ganze Netzwerk flog auf. Kalle landete erneut im Knast, sein Restaurant machte dicht. Schade um die schmackhaften Suppen.

Yussuf gehörte zu der Sorte von Dealern, die ein kleines Päckchen im Vorbeigehen per Handschlag überreichen und gerne Treffpunkte im Freien ausmachen. Er hatte eine treue Fangemeinde ... ach was, er war Kult! Ein Besuch vor seiner Wohnung in einem Plattenbau, auf der Wiese davor lungert ein gutes Dutzend Halbstarker herum. Was macht ihr denn alle hier? "Na was wohl, wir warten auf Yussuf!" Der lässt sich Zeit. Dann, irgendwann, ist es endlich so weit. Yussuf taucht auf mit zwei fetten Beuteln voller Ecstasy-Pillen, die er triumphierend gen Himmel streckt. "Yussuf ist King!!", kreischt eine begeisterte Meute, die dem Augenschein nach überwiegend aus Minderjährigen besteht.

Heinz war im Nebenberuf Gymnasiallehrer, den Großteil seines Einkommens aber bezog er über den Drogenhandel. Damit finanzierte er, neben ein paar anderen Späßen, seine große Leidenschaft: die Aquaristik. In einem Becken züchtete er Garnelen, um damit seine exotischen Kampffische aus Japan zu füttern. Nach einer Observation über mehrere Monate hat ihn die Polizei schließlich hopsgenommen – und neben mehreren Kilos Cannabis auch Sprengstoff und eine Schusswaffe sichergestellt.

Samuel war der einäugige Kaiser, die mit Abstand hellste Kerze auf der Torte neben ein paar nassen Streichhölzern. Seiner Gefolgschaft imponierte er durch Eloquenz: Der Wald habe das Wasser absorbiert, wusste er einmal nach starken Regelfällen zu referieren. "Boah, was der für Wörter kennt", raunte einer seiner Jünger. Und wiederholte gleichermaßen bewundernd wie herausgefordert: "Ab-sor-biert."

Die Lahmi-Saga

Er, den sie Lahmi nannten, war eine Art Hood-Legende inmitten einer gutbürgerlichen Vorstadt. Die Empfehlung, bei ihm vorbeizuschauen, stammte von einem Punk namens Jürgen, der – um Rat gebeten, wo sich auf die Kürze noch etwas auftreiben lasse – den Entschluss fasste, selbst auch mitzukommen. Jürgen war zu dieser Zeit mächtig stolz auf seine "Spione": Fertigzigaretten, die er geleert hatte, um sie dann mit einer Mischung aus Tabak und Gras neu zu befüllen. Damit dabei nicht so viel wertvolles Rauchgut verloren geht, hatte er ein Wattestäbchen zurechtgestutzt und durch den Filter gebohrt – angeblich könne man so besser ziehen und sei beim Rauchen in der Öffentlichkeit bestens getarnt.

Die Tür öffnet nicht Lahmi persönlich, sondern sein kleiner Bruder, der höchstens 16 Jahre alt gewesen sein kann. Er raucht Kette (normale Kippen) und hat abgefahrene Tricks mit Rauch drauf. So kann er einen Kringel pusten, der bis auf den Boden sinkt und erst dann zerstäubt. Die Wohnung, durch die er führt, zeugt von fortgeschrittener Verwahrlosung. Überall liegen leere Schnapsflaschen herum – und Sägespäne, warum auch immer. Der kleine Bruder leitet in ein Seitenzimmer mit einem Aquarium, das von Algen überwuchert ist – und in dem ebenfalls Sägespäne herumschwimmen. Hier liegt Lahmi, die Legende, und schläft schnarchend auf dem Sofa (es ist etwa 15:30 Uhr an einem Sonntag). "Wenn ihr wollt, dass er aufsteht, müsst ihr ihm erst was zu rauchen geben", weiß der Bruder. Jürgen hat noch ein paar Spione parat, zündet einen an, gönnt sich zuerst selbst ein paar Züge, bevor er Lahmi das Ding in den Mund steckt – und der saugt sich fest wie ein Baby, das an einem Schnuller nuckelt. Langsam zieht Jürgen den Joint von ihm weg, was Lahmi dazu bewegt, sich allmählich aufzurichten, bis er tatsächlich die Augen öffnet.

"Neee, wer seid ihr denn?", blafft Lahmi die neuen Gäste an und offenbart eine Zahnlücke. "Ah, Jürgen, nice, was geht?" Lahmi erzählt, wie er kürzlich Pillen geballert hat und auf dem Oktoberfest feiern war. "So geil auf dem Dancefloor – links einer an den Arsch gegrapscht, rechts einer an den Arsch gegrapscht. Noch ein Arsch – ah, scheiße … Männerarsch erwischt!"

Bei einem zweiten Besuch bei Lahmi musste sich die Besuchergruppe fluchtartig über das Hintertor im Garten verziehen – denn Lahmis Mutter kam gerade heim und sollte nichts davon wissen, dass er mit Drogen handelt. Später landete auch Lahmi im Knast. Nicht wegen der Drogen, sondern weil er ausgerastet ist und jemandem mit einem Stein auf den Kopf geschlagen hat, bis der im Koma landete.

 

Die Namen der Personen in diesem Beitrag wurden verändert. Auch der Name des Autors ist ein Pseudonym. 


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1 Kommentar verfügbar

  • Ruby Tuesday
    am 04.11.2022
    Antworten
    Was ist, wenn man keinen Bock auf Lauterbachs Industrieshit in verschiedenen Dröhnstufen hat, der in Hochsicherheitseinrichtungen von altbewährten Pharmakonzernen preistreibend produziert wird und deutsche Apotheker:innen und Start Ups reicher machen soll? Wenn der Besitz von 20 oder 30 Gramm…
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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 2 Tagen 23 Stunden
Sehr interessant!


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