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Vorhang auf!

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Eine Gruppe von Menschen wird von Corona besonders hart getroffen. Nicht, weil sie besonders gefährdet ist, sondern weil das Virus droht, sie in den Ruin zu treiben. Es sind die freien Kulturschaffenden, die keine Bühne mehr haben. Wir bieten ihnen jeden Tag eine virtuelle. In Folge 29 unserer Serie geht der "Vorhang auf" für Esther Falk und Johanna Sophia Müller!

Der Vorhang fiel mitten in den Proben zu ihrem neuen Stück. Wie eine Guillotine. Am Montag noch geprobt, am Freitag schlug Corona die Tür zum Proberaum im Tübinger Fichtehaus zu. Zack. Als Mucke und Puppe haben sich die beiden Künstlerinnen Johanna Sophia Müller und Esther Falk zusammengetan, um ihre Liebe zur Musik und zum Figurentheater auf die Bühne und vor allem auf die Straße zu bringen. Über zwei Jahre war die Idee zum gemeinsamen Auftritt gereift und weiterentwickelt, waren Musik und Figuren entstanden und zusammengewachsen. "Selfmade Illusion" heißt ihr Stück, das nun als Unvollendete da liegt und die zwei Frauen wie betäubt zurückließ. Und natürlich sind auch die geplanten Vorführungen abgesagt. "Im März und April spiele ich normalerweise wie eine Verrückte", sagt Esther Falk. Denn für Straßentheater-Combos ist jetzt Hochzeit: Sommerfestivals, Theaterfestivals, Straßenfeste. War einmal. Und nun?

Solange Corona die Welt in Atem hält und die Bühnen, Ausstellungen und Konzertsäle im Land geschlossen sind, gibt es jeden Tag eine neue Folge des Kontext-Vorhangs. Alle Folgen der vergangenen Wochen sind hier zu finden.

Die virtuelle Bühne in Kontext hat die beiden Frauen aus ihrer Lähmung geholt. Aus ihrem Theater ein Video zu machen, kurz und prägnant, sich an den Haaren aus dem Sumpf der Lähmung ziehen, das war die Idee. Aber wo, wenn man sich nirgendwo mehr treffen kann? Sie zogen mit ihren Puppen, mit Lautsprecherboxen, mit Kostümen und Schubkarren in Esther Falks Garten auf der Wangener Höhe bei Stuttgart. Wilde Natur, ein Gartenhaus, eine gute Kulisse und vor allem: eine Sauna. Das erwies sich als besonders hilfreich. Denn es war die Zeit der Kälte kurz vor dem Sommerausbruch im Frühling. Zwischen ihren Filmszenen mussten die Videokünstlerinnen sich immer wieder aufwärmen.

Die Suche nach dem Dazwischen ist es, was die beiden verbindet. Esther Falk studierte Figurentheater an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, Johanna Sophia Müller Schauspiel an der Theaterakademie Stuttgart. Tod und Lebendigkeit liegen bei den beiden Künstlerinnen und ihren Werken eng beisammen. Die inneren Monster haben Esther Falk schon immer fasziniert, die dunklen Seiten, die in jedem und jeder schlummern, die versteckt werden, die man nicht akzeptieren kann und will und die darüber immer größer werden. "Corona ernährt und säugt diese inneren Monster", sagt Esther Falk. Denn Isolation und Einsamkeit sind die beste Nahrung für die dunkle Macht. Sie fühlt sich bestätigt, wenn sie jetzt liest, dass das Seelsorgetelefon häufiger klingelt, dass Gewalt in Familien zunimmt. Das wollten sie in ihrer isolierten Gartenbühne für ein virtuelles Kontext-Publikum umsetzen. Aber auch eine Tür aufmachen für die Hoffnung: "Denn in der Isolation spüren wir, wie wichtig es ist, uns zu begegnen", sagt Johanna Sophia Müller.

Es war ein kleines Ziel, "eine geile Aktion", sagt Esther Falk, "ein kurzes Aufbäumen". Herausgekommen ist der erste Videoclip der beiden Frauen. Und es hat ihnen Spaß gemacht. Doch die Figurenbauerin sieht auch die Gefahren der virtuellen Kulturoffensive überall. "Wichtig beim Theater ist doch die reale Begegnung", sagt die 40-Jährige. In der Kommunikation mit dem Publikum erst entsteht für sie Theater. Am unmittelbarsten auf der Straße.

Esther Falk arbeitet weiter an ihren Stücken. Und an ihren Figuren. Etwa für das Staatstheater Meiningen. Dort hat sie für das Kinderstück "Der Wolf und sieben Geißlein" Ausstattung und Bühnenbild übernommen. Demnächst zieht sie mit KollegInnen aus der Figurentheaterszene um in eine neue Werkstatt in den Wagenhallen. Aber auch das muss noch warten.

Web: www.esther-falk.com, www.johanna-sophia.de
 

Virtuelle Bühne bei Kontext

Weil Corona den Kulturschaffenden ihre Bühnen nimmt, wollen wir als Medium eine virtuelle bieten. Wenn wir es schaffen, wechseln wir täglich die Stücke, damit möglichst viele ihren Auftritt bekommen. Den Auftakttext zum Projekt gibt es hier nachzulesen. Spenden bitte direkt an die KünstlerInnen.

Folge 28: Vorhang auf für Martin Stiefel!

 

Sonntag, 26. April 2020

Vor ein paar Jahren wollte Martin Stiefel die Luft aus einem Tetra Pack drücken, von dem er vergessen hatte, den Deckel abzuschrauben. Der schoss mit viel Druck vom Gewinde und durch die Luft und der Münchner hatte die nächste Idee für ein Kunstwerk geboren. Das war 2015, der Bayrische Rundfunk hat damals eine Reportage über seine verrückte Idee, diese "schön lapidare Sache" gedreht: Stiefel lässt darin mehrere Backsteine gleichzeitig auf Flaschen mit Dispersionsfarbe fallen, das Blau verteilt sich spritzend auf einer Leinwand, die später Teil eines Triptychons werden wird. Nach einigem Grübeln beschließt er, das ganze nochmal zu machen. Mit verdünnter Farbe, die besser spritzt, bis er zufrieden und der filmende Kameramann voller blauer Klekse ist.

Martin Stiefel nennt sich einen "Gebildebaumeister". "Weil mir die Künstlerrolle, der Geniekult, noch nie zugesagt hat", erzählt er. Seine Vorliebe für "absurde Kombinationen von Gebrauchsgegenständen" hat der gebürtige Rudersberger schon Ende der Siebziger entdeckt, als Kommunarde des Experiments AA-Kommune um den österreichischen Aktionskünstler Otto Muehl. Vor allem die Schuhe der Mitwohnenden hatten es ihm angetan. Später hat er an Quirlen von Haushaltsmixern Pinsel befestigt und sie malen lassen und als die Mixer ausgereizt waren ließ er Waschmaschinen wandern – auch schon mal über einen Fluss oder über hunderte sauber aufgereihte Gläser in einer Galerie. Vor ein paar Jahren haben er und ein Künstlerkollege die International Leaf Blowing Competition veranstaltet, einen Wettbewerb für passionierte Laubbläser, bei dem  – unter Berücksichtigung der Mittagsruhe versteht sich, herbstliche Blätter in diversen Disziplinen herumgeblasen werden mussten. "Kontrapunkte setzen", nennt er es, "um den Künstlermythos zu brechen."

Für "Vorhang auf" hat uns der 65-Jährige das Video einer Kunstaktion aus dem Jahr 2011 gesendet. Da rückt er auf der Wiese des Münchner Botanikums, dort hat er sein Atelier, einem Spaghetti-Feld mit dem Rasenmäher zu Leibe. Kam ihm beim Aufwachen, die Idee, im Dämmerzustand, weil Ideen oft die Eigenschaft haben, nicht in den Momenten zu kommen, in denen man versucht, sie herbeizudenken. 25 000 winzige Löcher haben er, Kollegen und Freunde in Bretter gebohrt und voller Hingabe mit den langen dünnen Teigwaren bestückt, die der Künstler (ja, das ist er) wenig später binnen Minuten zu Stoppeln mäht. Spaghetti, sagt Stiefel, fand er einfach passend zur Corona-Zeit, in denen sich die Nudelregale zwar langsam wieder füllen, das Klopapier, aber noch immer (!!) vielerorts fehlt. 

Schwer zu empfehlen, nicht nur für LiebhaberInnen von Haushaltsgeräten: www.martinstiefel.de

Folge 27: Vorhang auf für Mayu Fujii!


Freitag, 24. April 2020

Und zack – landet der linke Fuß auf den Klaviertasten, gleichzeitig mit beiden Händen. Ein heftiges Donnergrollen ertönt, während ein grelles Gewitter von Lichterscheinungen an Decke und Wänden des Raums, auf der Innenseite des Klavierdeckels und auf einem an der Vorderseite des Flügels angebrachten Papierfolie aufleuchtet. Noch bevor man sich richtig orientieren kann, wird das Ganze unterbrochen durch ein schnelles Hickhack unzusammenhängender Bilder in waagrechten Streifen, begleitet von ebenso zerhackter Musik. Ist die Aufnahme geschrottet? Nein, die geschredderte Bild- und Tonfolge deutet an, dass Mayu Fujii die ursprünglich 35 Minuten lange Aufzeichnung eines Konzerts in der Stuttgarter Gedok-Galerie geschnitten hat, um auf fünf Minuten zu kürzen. Ihr Video ist wunderbar abgefahren, knallig-bunt abgedreht. Und nichts für schwache Nerven.

Die Japanerin kann auch Bach und Chopin spielen, wie eine Aufnahme vom Takamatsu Klavierwettbewerb 2008 beweist. Doch nachdem sie bereits vor ihrem Studium in Kobe einen Wettbewerb in ihrer Heimatstadt Wakayama gewann, dem bald weitere Preise folgten, kam sie 2010 zum Masterstudium nach Stuttgart, um ihr Repertoire auf Jazz und Neue Musik zu erweitern. Ein etwa dreizehnminütiges klassisches Medley, zu dem ihre Künstlerkollegin Masami Saito Wände und Boden der Gedok-Galerie bemalt, hat sie aus der Kurzversion des Konzertmitschnitts herausgeschnitten – man sieht die Malerin, aber überlagert von Projektionen eines wilden Farbleuchtens mit Aufnahmen aus dem Wald am Frauenkopf, die Fujii selbst angefertigt hat.

Zu hören ist nicht nur das Klavier, wie gleich anschließend deutlicher wird, als das schnelle Staccato auf ein- und demselben Ton, jeweils in beiden Händen, an Tempo verliert, bis die Geräuschkaskaden genug Zeit finden, um einzeln zu verhallen. Erst nach einer weiteren Bildstörung folgt ein ruhigerer Teil mit Bildern aus dem Wald, der ursprünglich nach rund fünf Minuten an zweiter Stelle des Konzerts stand. Es endet auf einem monoton angeschlagenen Ton ohne Bild.

"KLK" heißt das Werk, wie Klang – Licht – Kunst. Die Musik ebenso wie die Videoprojektionen stammen vom chilenischen Komponisten Remmy Canedo, der die Klaviertöne zugleich in elektronische Klänge und Bilder verwandelt. Von Fujii stammt das Konzept für das Programm mit den drei Protagonisten. Fujii und Canedo sind Mitglieder des Stuttgarter Kollektivs für aktuelle Musik (SKAM), das sein Betätigungsfeld auch als "experimentelle und querständige Musik" beschreibt. Seit vier Jahren ist Mayu Fujii freiberuflich tätig als Pianistin und Klavierlehrerin. Corona macht auch ihr derzeit einen dicken Strich durch die Rechnung.
 

Folge 26: Vorhang auf für Lorenzo Petrocca!

 

Donnerstag, 23. April 2020

Gleich am ersten Sonntag, also am 22. März, ist Lorenzo Petrocca dem Aufruf der Musiker*innen für Deutschland gefolgt, hat seine Gitarre ausgepackt und sich um 18 Uhr auf den Balkon seiner Wohnung gestellt. "Es war arschkalt", sagt er. Ab und zu hört man den Wind, die Zuhörer unten am Gartenzaun sind dick eingemummelt. Trotzdem laufen die Finger flink über die Saiten. Petrocca ist Jazzmusiker, kein Orchestermusiker, daher hat er nicht "Freude schöner Götterfunken" gespielt, sondern "Smile". Von Charlie Chaplin. Das ist auch eine Botschaft: ein bisschen Lächeln in die Welt tragen bei all den Schreckensnachrichten, die auch an ihm nicht vorübergehen. Er hat viele Freunde, auch in Norditalien, und ist ständig mit ihnen in Kontakt.

Er selbst stammt aus Crotone in Kalabrien. Im Alter von 15 Jahren kam er mit seinen Eltern nach Stuttgart. Beinahe hätte er eine semiprofessionelle Karriere als Halbweltergewichtsboxer eingeschlagen. Bis zum baden-württembergischen Jugendmeister hatte er es in dieser Gewichtsklasse bald gebracht. "Halbweltergewicht: das ist bis 63 Kilo", erklärt er, "da fängt es schon an, weh zu tun." Dann entdeckte er jedoch durch einen Freund seine Leidenschaft für Musik und kam schließlich zum Jazz: als Autodidakt. Seine jüngeren Brüder Francesco, Antonio und Davide folgten seinen Spuren. Sie wurden ebenfalls Jazzmusiker.

Petrocca hat einen hübschen Stapel CDs veröffentlicht, zuerst in der Edition Musikat des Buchhändlers Julius Pischl. Aber das Wesentliche für einen Jazzmusiker sind die Konzerte, und die sind derzeit alle abgesagt: An die zwanzig sind auf seiner Homepage vom 14. März, dem Tag nach der Absage aller Kulturveranstaltungen, bis Ende Juli angekündigt, weitere zwanzig bis Jahresende und bereits mehr als zehn im kommenden Jahr. Niemand weiß, wie lange die Zwangspause noch dauert. Ein Auftritt: das sind für Petrocca nicht nur zwei Stunden Musik plus An- und Abreise. "Jedes Konzert bedarf monatelanger Arbeit", betont er: es müssen Kontakte mit dem Veranstalter geknüpft werden, es gilt einen Termin zu finden, an dem jeweils alle Musiker können. Denn die Besetzung ist immer wieder verschieden.

Aber das Wichtigste ist doch, gesund zu bleiben – und die gute Laune nicht zu verlieren.

Web: www.lorenzopetrocca.de

Folge 25: Vorhang auf für Simon Pfeffel und die Schiebenden!

 

Mittwoch, 22. April 2020

Ob in Paris, Moskau oder Edenkoben – der Einsatz ist immer der ganze Körper. Und der Ausgang ist offen. Werden sie ihn fallen lassen, wenn er am Seil über einer steilen Treppe hängt, gehalten von wildfremden Menschen? Und was passiert in Bregenz, wenn er sich wie eine Teppichrolle an die Querstange eines Fahrrads bindet und Passanten bittet, ihn den Berg hinauf zum Palais Thurn und Taxis zu schieben? Das Projekt hat er "Moving Mountains" genannt.

"Niemand hat bisher mein Vertrauen missbraucht", sagt Simon Pfeffel. Auf die Frage, woher er bloß diese Zuversicht nimmt, wie er es schafft, sich anderen völlig auszuliefern, antwortet er, dieses Urvertrauen habe sich erst durch seine künstlerische Praxis entwickelt.

Der gebürtige Nürnberger, Jahrgang 1985, ist Performance-Künstler, und normalerweise viel unterwegs. In Paris sollte er im renommierten Palais de Tokyo auftreten, hat sich aber für die Straße entschieden und dort ein spannendes Experiment gewagt: Er steht am Kopf einer Treppe, eine ihm unbekannte Person hält ihn an der Hand, um ihn vor dem Hinunterfallen zu bewahren. Die Person fragt, wann diese Situation zuende sei, also wann sie loslassen könne, und Pfeffel antwortet: "Entweder du lässt mich fallen oder du suchst jemanden, der oder die deinen Platz einnimmt." Es fand sich immer jemand.

Ob in Afrika, Frankreich, Deutschland, Russland, Finnland – überall ist er auf "reißfeste Vertrauensverhältnisse" gestoßen, ohne immer zu verstehen, was die Menschen sagten. Er hat gelernt, dass die Handlung in der Situation auf "nonverbaler Ebene zur Sprache" wurde. In Corona-Zeiten ist das alles weg, ist seiner Kunst buchstäblich der Boden entzogen: die menschliche Interaktion, die sie erst erzeugt. Mit all den Irritationen, der Neugier, den Überraschungen. Er kann sich ja nicht auf den Roten Platz stellen, mit seinem Projekt "teach me to dance, please". Aber man kann ihm zuschauen unter www.simonpfeffel.com.


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