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Guida und Eurídice

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In seinem im Brasilien der 1950er-Jahre spielenden Film "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão" nutzt der Regisseur Karim Aïnouz das Genre des Melodrams, um von Frauen in patriarchalischen Zeiten zu erzählen. Hart, empathisch, in sinnlich-leuchtenden Bildern.

Ein tropisches Idyll: Wasser, Bäume, Farne. Stein und Moos. Vogelgezwitscher. Zwei junge Frauen streifen durch diese paradiesische Szenerie, bewegen sich frei und ungezwungen, sind ganz Teil der Natur. Alles wirkt plastisch, atmend und sinnlich, so als könne auch der Zuschauer Teil dieser faszinierenden akustisch-visuellen Komposition werden, als könne er in sie hineingreifen, ja, als könne er sie sogar betreten. Brandungsgeräusche sind zu hören, das Meer ist nah, und nun sind die beiden Frauen in einem aufziehenden Unwetter plötzlich getrennt, haben sich verloren, rufen einander. In der Ferne und auf einem Felsen ist diese berühmte Christusfigur zu sehen, es schiebt sich die Stadt Rio de Janeiro ins Bild und mit ihr die Zivilisation. So beginnt nun ein Melodram, also ein Film aus einem Genre, in dem Frauen den Zwängen einer patriarchalischen Gesellschaft ausgesetzt sind, in dem ihre Wünsche zurechtgestutzt werden, in dem sich ihre Liebe nicht entfalten darf. Und in dem sie versuchen, sich diesen Zwängen zu widersetzen.

Es sind die frühen 1950er-Jahre, in denen die beiden jungen Frauen noch im kleinbürgerlich-sittsamen Haus ihrer Eltern leben. Der Vater Manuel Gusmão (Antonio Fonseca) ist Bäcker und ganz selbstverständlicher Herr und Bestimmer, die Mutter (Flavia Gusmao) ganz selbstverständliche Empfängerin seiner Befehle. Eurídice (Carol Duarte), die jüngere der Schwestern, groß und schlank, spielt Klavier und hofft auf eine Karriere als Pianistin. Guida (Julia Stockler) ist kleiner und quirliger, ihre Wünsche vielleicht bodenständiger, aber auch von kompromissloser Unbedingtheit. Beide hängen sie aneinander, erzählen sich in großer Vertrautheit das, was sie den Eltern nicht sagen können oder wollen, machen sich zum Beispiel lustig über den bieder-spröden und schon etwas älteren Freier Antenor (Gregorio Duvivier), den der Vater zum Essen eingeladen hat.

Guida bricht aus, sie verliebt sich in einen griechischen Seemann, und wie der Regisseur Karim Aïnouz das inszeniert, als Choreografie zweier lächelnder Gesichter, als Austausch einverständig-verlangender Blicke, als das Schaffen einer eigenen Kapsel der Emotionen inmitten eines brodelnden Musiklokals, auch das ist großes Kino. Genauso wie die Hochzeit von Eurídice, die nun eben doch Antenor heiratet, unaufgeklärt und unerfahren in eine Ehe stolpert und deshalb, als sie mit seinem steifen Penis konfrontiert wird, erschrocken auflacht. Auch er weiß nicht so genau, was zu tun ist, aber doch, was er von sich erwartet. Unbeholfen und pflichtbewusst geht er an die Sache ran, respektive an seine Frau, die noch ihr weißes Kleid trägt. Eine lange, intensive und beklemmende Sequenz, in der die Körper sich nicht in Freiheit begegnen und also auch nicht zu sich kommen können.

Dann steht plötzlich Guida vor der Tür. Sie ist zurückgekehrt, die Liebe hat nicht gehalten, aber sie trägt ein Kind im Bauch. Die Mutter will ihre Tochter, wenn auch zögernd, wieder aufnehmen, der Vater kommt hinzu, beschimpft Guida in drastisch-bösen Worten und wirft sie raus. Für immer. Eurídice aber weiß von all dem nichts, sie glaubt Guida immer noch in Griechenland. Und Guida wurde auch belogen, sie glaubt, dass Eurídice es nach Wien geschafft hat, aufs Konservatorium. So vergehen in diesem elliptisch erzählten Film die Jahre. Die beiden Schwestern schreiben sich Briefe, die nie ankommen, sie leben in derselben Stadt, doch in so unterschiedlichen Milieus, dass sie sich nie treffen. Halt! Einmal begegnen sich in einem Restaurant ihre Kinder, freilich ohne sich zu kennen, und auch die Mütter müssten nun gleich aufeinander treffen. Aber in einer sehr bewegenden Szene verfehlen sich Guida und Eurídice ganz knapp.

Ein Film, größer als das Leben

Der in Brasilien aufgewachsene Regisseur, der sich zu einem politischen Kino bekennt und in Berlin den Dokumentarfilm "Zentralflughafen THF" über Tempelhof und die dort untergebrachten Geflüchteten gedreht hat, will in seiner Literaturverfilmung nach eigenen Worten das Melodram als "radikale ästhetische Strategie" einsetzen: "Was mich dazu bewegte, den Roman von Martha Batalha fürs Kino zu adaptieren, war der Wunsch, die vielen unsichtbaren Leben sichtbar zu machen, wie die meiner Großmutter, meiner Tanten und so vieler anderer Frauen in dieser Zeit." Und weil er nicht nur eine Absichtserklärung gibt, sondern diese auch exzellent umsetzt, soll Karim Aïnouz noch einmal zitiert werden: "Ich stellte mir … einen Film voller leuchtender Farben vor, mit einer Kamera, die dicht an den Figuren ist und mit ihnen lebt. Einen Film voller Sinnlichkeit, Musik, Drama, Tränen, Schweiß und Mascara, aber auch einen Film, der Härte, Gewalt und Sex in sich trägt; ein Film, der sich nicht davor fürchtet, sentimental zu sein, bigger than life, und der dem Herzschlag meiner beiden Hauptfiguren folgt: Guida und Eurídice."

Aus diesen Zeilen heraus ist nicht nur eine Tragik zu spüren, sondern auch eine Hoffnung. Und es stimmt ja: "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão" ist trotz allem kein deprimierender Film, sondern das vibrierende Zeugnis eines (Über-)Lebenswillens, der sich nie ganz brechen lässt. Auch wenn diesen Frauen die Rechte und die Räume entzogen sind, wenn sie in Ämtern an chauvinistischen Gesetzen auflaufen oder in männlich dominierten Wohnungen an Grenzen stoßen, so versuchen sie doch immer wieder, sich ein bisschen Freiheit zu schaffen, sei es durch den Rückzug in die Intimität von Bad und Klo oder in das Rauchen auf Balkonen und Veranden, umgeben von üppig sprießender Botanik. Einmal versucht Eurídice, die keine Mutter werden wollte – "Nicht in mir kommen!", sagt sie bei einer heftigen Kopulation vergeblich zu ihrem Mann –, heimlich ihre Musikpläne zu realisieren. Dieses andere, dieses befreite Gesicht am Piano! "Wenn ich spiele, verschwinde ich!", sagt sie, bevor ihr Mann diesen neuen Karriereversuch unterbindet.

Was die beiden Schwestern am Leben hält, ist auch eine Solidarität der Frauen, sind vertrauende und vertrauliche Gespräche mit Nachbarinnen, ist zum Beispiel die Freundschaft Guidas mit Filomena (Bárbara Santos), die früher als Hure gearbeitet hat und nun in ihrem großen Haus die Kinder des Viertels betreut. Für Guida, die als Putzfrau über die Runden kommen muss und manchmal auch anschaffen geht, wird Filomena zur mütterlichen Ratgeberin. Nein, dieser empathische Film kennt keine Berührungsängste, er hat ein großes Herz, er denunziert nicht. Nicht mal diejenigen, die im klassischen Hollywoodmelodram die Schurken wären, also die treulosen Liebhaber und die Väter. Selbst der Bäcker Manuel Gusmão ist weniger individueller Bösewicht denn Produkt einer bösen Zeit und einer bigotten Klasse. Kann die immerwährende Sehnsucht von Guida und Eurídice am Ende doch noch in neue Zeiten führen und die enge Moral einer Klasse überwinden? Der Film gönnt dem Zuschauer einen Epilog, in dem die Augen einer alten Frau zu leuchten beginnen.


Karim Aïnouz' "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão" ist ab Donnerstag, 26. Dezember in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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