KONTEXT:Wochenzeitung
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Kastrierte "Kultur"

Kastrierte "Kultur"
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Wieder eine Stimme weniger: Die Zeitung "Kultur" soll nur noch als aufgehübschter Veranstaltungskalender erscheinen. Nach 24 Jahren wird damit der Anspruch aufgegeben, Feuilleton auf hohem Niveau zu machen. Thomas Rothschild, Autor bei "Kultur" und Kontext, hält dagegen.

Die Stuttgarter Kulturgemeinschaft ist aus der sogenannten Volksbühne der Vorkriegszeit hervorgegangen. Sie ist ein Kind der Arbeiterbewegung, ein Ergebnis der damals virulenten, heute längst vergessenen Bestrebungen, jener Mehrheit der Bevölkerung, die traditionell von Theater- oder Konzertbesuchen ausgeschlossen blieb, schon weil ihnen die Bildungsvoraussetzungen vorenthalten worden waren, die bürgerliche Kultur zugänglich zu machen. Sie hatte, wie die Volkshochschulen, Anteil an den Bemühungen, innerhalb der bestehenden Klassengesellschaft wenigstens versuchsweise zu demokratischeren und egalitären Verhältnissen beizutragen.

Diese Bemühungen sind, wie die vielfältigen Ansätze zu einer eigenständigen Arbeiterkultur, aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden oder vielmehr von der Bourgeoisie, die sich ihrer Herrschaft so sicher ist wie nie zuvor, beseitigt und vernichtet worden. Immerhin: Die Stuttgarter Kulturgemeinschaft ist als Erinnerung an die wechselvolle Geschichte der Arbeiterbewegung erhalten geblieben, auch wenn sie ihre einstige Symbiose mit der Gewerkschaft, von der sie sich 1961 als gemeinnütziger Verein losgelöst hat, verschämt verschweigt. Sie ist die mitgliederstärkste Theaterbesucherorganisation der Bundesrepublik. Ihre Abonnenten können zu reduzierten Preisen an Kulturveranstaltungen der Stadt und der Region teilnehmen.

Nun ist das Angebot verbilligter Karten schon eine lobenswerte Leistung. Aber eine Kulturgemeinschaft, die sich ihrer Tradition besinnt, kann sich nicht darauf beschränken. Karten zum halben Preis erhält man in New York auf dem Times Square oder in London auf dem Leicester Square auch ohne eine eigenständige Zuschauerorganisation. Restkarten können die Theater auch ohne fremde Hilfe günstig abgeben. Die Kulturgemeinschaft wollte, wenn auch immer weniger erkennbar, mehr als das.

Die Zeitung "Kultur" war das Aushängeschild

Wichtigstes Aushängeschild war dabei die Zeitung "Kultur", die seit 24 Jahren monatlich, mit einer Pause während der Theaterferien im Sommer, als Mitgliederblatt der Kulturgemeinschaft versandt wird, aber leider nicht in den freien Verkauf gelangt. Sie hat eine Auflage von 19 000 Exemplaren und spielt, nach ihrer Eigendarstellung, "wegen der Größe und Bedeutung der Kulturgemeinschaft in der Region auch eine kulturpolitische Rolle". Selbstbewusst deklariert die Seite, die um Werbung buhlt: "Was in der 'Kultur' steht, wird wahrgenommen."

Tatsächlich hatte die "Kultur" eine journalistische Qualität, die von unbefangenen Beobachtern immer wieder bestaunt wird und auch durch eine wissenschaftliche Untersuchung der Stuttgarter Hochschule der Medien im Jahr 2008 bestätigt wurde. Dieser Imageanalyse zufolge sind ein beträchtlicher Anteil just wegen der "Kultur" Mitglieder der Kulturgemeinschaft. Ihr hohes Niveau verdankte die Zeitung weitgehend ihrem Redakteur Christian Marquart, dessen solide Kenntnisse und journalistische Erfahrung dem Blatt zugute kommen.

Wäre die "Kultur" an den Kiosk gelangt – sie hätte den Stadtmagazinen handfeste Konkurrenz bereitet. Hier fand man ausführliche Berichte von Ausstellungen, eine regelmäßige Vorschau auf Konzerte, die es sonst jenseits der Eigenwerbung der Veranstalter nirgends gibt, grundlegende Essays und pointierte Kommentare zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen. Und die "Kultur" bot das einzige ernst zu nehmende Korrektiv zur Theaterkritik der Stuttgarter Tageszeitungen – schon weil sie noch Platz, wenn auch in den vergangenen Monaten nur halb so viel wie zuvor, zur Verfügung stellen konnte, wo die Feuilletons zunehmend haushalten müssen.

Geschäftsführer Jakobeit: Der feuilletonistische Teil entfällt ersatzlos

Damit soll es nun vorbei sein. Die "Kultur" in der bisherigen Form soll mit dem Dezemberheft verabschiedet werden. In der aktuellen Nummer erklärt Peter Jakobeit, seit 1. Oktober 2006  der Geschäftsführer der Kulturgemeinschaft: "Um kursierenden Gerüchten klar entgegenzutreten: Die Zeitung wird NICHT abgeschafft. Sie erscheint ab Januar 2014 jedoch in reduzierter Form. Die Balance zwischen den redaktionellen Beiträgen und dem Kalendarium wird sich dadurch verschieben." (Der vollständige Text ist unter diesem Link zu finden.) Die Gerüchte freilich hat Jakobeit selbst in Umlauf gebracht. In seinem Rundschreiben an die Mitarbeiter vom 25. Oktober hieß es noch unmissverständlich, "dass der gesamte feuilletonistische Teil ersatzlos entfällt".

Offenbar hatte er darüber vergessen, dass die Satzung der Kulturgemeinschaft die Herausgabe der "Kultur" unter Aufgaben und Zielen führt und Satzungsänderungen nur bei der Mitgliederversammlung mit einer Dreiviertelmehrheit beschlossen werden können. Eine Mitgliederversammlung aber hatte zu dem Zeitpunkt, als Jakobeit seinen Brief verschickte, nicht stattgefunden.

Nun muss selbst in der modifizierten Version jedem, der zwischen einem Anzeigenblatt und einer Zeitung unterscheiden kann, klar sein: Ein Programmkalender mit redaktionellem Umfeld ist nicht dasselbe wie eine Zeitung, der eine Programmübersicht beigelegt ist. Das vornehme Wort Balance kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die "Kultur" als Meinungsmedium auf dem Spiel steht. Die Leser werden das beobachten und entscheiden müssen, ob sie das neue Gleichgewicht, das es streng genommen nicht geben kann, wollen oder nicht. Wenn sich eine Waagschale hebt, herrscht nicht eine verschobene, sondern keine Balance.

Noch vor gar nicht so langer Zeit gelang es der "Kultur", ihre Seitenzahl und sogar die Zeilenhonorare der Mitarbeiter in einem Umfeld sinkender Vergütungen zu erhöhen: Eine neue Angestellte einer Anzeigenagentur hatte sich als Genie der Akquisition erwiesen, wobei sie – und das ist umso lobenswerter, als es keineswegs selbstverständlich ist – auf Annoncen verzichtete, die mit dem Geist des Blattes nicht vereinbar waren. Doch dann kündigten die Staatstheater die hohen Rabatte, die sie über Jahre hinweg der Kulturgemeinschaft und damit deren Abonnenten eingeräumt hatten. Der Schlag traf die Organisation unverhofft. Dass sie mit diesem Einschnitt in eine finanzielle Bredouille geriet, steht außer Zweifel. Die Frage ist bloß, wie man aus ihr herauskommt. Die erste Reaktion war eine empfindliche Verdünnung der "Kultur". Nun sollte, so Jakobeit in seinem Brief, nach dem Willen des Vorstands und des Geschäftsführers der Kulturgemeinschaft de facto das Aus folgen.

Hat irgendjemand ermittelt, was die Abonnenten wollen?

Wenn gespart werden muss, stehen Entscheidungen an: Wie setzt man die Prioritäten? Sind wirklich alle Möglichkeiten ausgeschöpft? Hat man wirklich alles versucht, um zu retten, was einem wichtig erscheint (und was erscheint einem mit welchen Gründen wichtig)? Hat man ermittelt, welche Prioritäten jene haben, die von den Entscheidungen am meisten betroffen sind – die Mitglieder der Kulturgemeinschaft?

Peter Jakobeit hat stets versichert, dass die Rabatte der Staatstheater nicht der Querfinanzierung gedient hätten. Nun ist Querfinanzierung allenfalls eine haushaltsrechtliche, keineswegs eine moralische Sünde. Auch in den Staatstheatern selbst werden defizitäre Bereiche durch erfolgreiche Produktionen mitfinanziert. Aber da sich Jakobeit auf diese Argumentation eingelassen hat, muss er sich an ihr messen lassen. Es ist sicher schwierig, auseinanderzudröseln, wie die Bezahlung von Mitarbeitern, die Werbung, anfallende Unkosten und Eigenproduktionen, auf die Jakobeit besonders stolz ist, mit den an die Abonnenten weitergegebenen Kartenpreisen zu verrechnen sind und wie die "Kultur" den Kartenverkauf und somit die Einnahmen beeinflusst. Aber wenn der Verdacht der Querfinanzierung ausgeräumt werden soll, dann darf nicht just die Einsparung bei der Mitgliederzeitschrift mit der Reduktion von Rabatten begründet werden. Dann müsste Einblick in die Geschäftsunterlagen gewährt werden.

Die Staatstheater weisen jede Schuld von sich. Sie beharren darauf, dass kein Zusammenhang zwischen der Reduktion der Rabatte und den Finanzproblemen der Kulturgemeinschaft bestehe, und auch von außerhalb mehren sich die Gerüchte, wonach die Krise der Kulturgemeinschaft hausgemacht sei. Die Mitgliederzahl ist in den vergangenen Jahren um 20 Prozent, nach intern kursierenden Schätzungen sogar um 35 Prozent zurückgegangen. Die Abonnementpreise wurden schon vor der Kürzung der Rabatte erhöht, was den Abgang von Abonnenten wiederum beschleunigt hat. Jakobeit hat in enger Verknüpfung mit der Kulturgemeinschaft das Online-Portal "Kulturfinder" gegründet, das über Veranstaltungen in Baden-Württemberg informieren soll, von den erhofften Benutzern aber nicht angenommen wurde. Mit einem feuilletonistischen Teil macht dieser "Kulturfinder" der eigenen Zeitung "Kultur" Konkurrenz. Und natürlich verursacht diese Website zusätzliche Kosten.

Statt einen neuen Service anzubieten, hätte man ja auch erwägen können, die "Kultur" billiger zu produzieren – nach Aussage von Fachleuten hätte es da durchaus Spielraum gegeben –, oder von Print auf Internet umzustellen. Besser als die Einstellung wäre solch eine Umstellung allemal. Den Lesern von "Kontext" muss man das wohl nicht erläutern.

Der Niedergang der "Kultur" ist ein herber Verlust für die Region

Wir können von außen nicht im Detail beurteilen, welche Alternativen es innerhalb der Kulturgemeinschaft gegeben hätte. Und wir können nicht einschätzen, wie weit Jakobeit ein vom Vorstand des Trägervereins Gejagter und wie weit er selbst Jäger ist, ob er also nur zu wenig Widerstand geleistet oder die Entwicklung selbst vorangetrieben hat. Eins aber können wir mit Nachdruck behaupten: Die Reduktion der "Kultur" bedeutet, zumal in Zeiten der verschwindenden Medien und der allgemein beklagten Krise des Journalismus, einen herben Verlust für die Region, in der die "Kultur" nach eigenen Worten "eine kulturpolitische Rolle" gespielt hat, und letzten Endes einen Verrat an der Idee einer Kulturgemeinschaft, die mehr sein will als der Ticket Booth am Times Square. Die Entscheidung für das Ende der "Kultur" bedeutet obendrein einen empfindlichen Einschnitt für jene freien Mitarbeiter, die nicht ökonomisch abgesichert sind und vom Schreiben leben. Ihnen entgeht, wohl nicht zum ersten Mal, eine wichtige Einkommensquelle. Da ist die Politik gefragt, die schnell tätig wird, wenn es sich darum handelt, eine Bank vor der Pleite zu retten.

Die betroffenen Mitarbeiter, zu denen – das sei aus Gründen der Transparenz ausdrücklich festgehalten – auch der Autor dieses Artikels gehört, wurden zu den Plänen einer Zeitungsvernichtung nicht befragt, sie wurden erst informiert, als sie bereits beschlossen schien. Dieser Umgang, der uns aus der "freien Wirtschaft" vertraut ist, verträgt sich schlecht mit der gewerkschaftlichen Vergangenheit, aus der die Kulturgemeinschaft stammt, und auch mit der Forderung nach Bürgerbeteiligung, die Jakobeit im Zusammenhang mit Stuttgart 21 unterstützt hat.

Aber Beschlüsse sind revidierbar, wo es Gegenwehr gibt. Wenn jemand eine DVD kauft, in der das Beiheft fehlt, bringt er die DVD in den Laden und verlangt sein Geld zurück. Man möchte sich wünschen, dass die bisherigen Leser der "Kultur" sich verhalten wie Götz von Berlichingen, dessen Rebellion auf der Bühne sie bewundern. Sie können die Wegrationalisierung oder auch nur die Ausdünnung der "Kultur" dulden oder nicht dulden. Das letzte Wort sprechen sie.

Im gerade ausgelieferten Dezember-Heft hat Peter Jakobeit aber auch einen Rückzieher gemacht. In einem langen Artikel stellt er die Lage aus seiner Sicht dar. Von den gekürzten Rabatten ist nicht mehr die Rede. Nach einem Aufruf an die Leser, Ideen zu entwickeln, gelangt er zu einer Zukunftsvision: "Es wäre eine wunderbare Vorstellung, zu Beginn der Saison 2014/2015 eine 'Wiederbelebungsfeier' abhalten zu können." Das klingt eher nach Beschwichtigung oder nach dem sprichwörtlichen Pfeifen im Walde. Die Erfahrung lehrt uns: Was, zumal im Bereich der Kultur und der Medien, erst einmal verschwunden ist, kehrt nicht so leicht wieder. Es wird wohl keine Auferstehung zu feiern geben.


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5 Kommentare verfügbar

  • Magdalena Klein
    am 22.11.2013
    Antworten
    @Kornelia

    Ja, ich sehe das auch ähnlich.
    Eine Kulturgemeinschaft hat ja hauptsächlich die Aufgabe ALLEN Menschen, vorallem auch Kultur(szenen)-fremden Menschen den Zugang zu erleichtern und näher zu bringen. Man hat hier aber viel mehr das Gefühl dass das Ganze nur für einen elitären Bereich…
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