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Flandern-Rundfahrt als Eigenerfahrung

Ich gegen die Elemente

Flandern-Rundfahrt als Eigenerfahrung: Ich gegen die Elemente
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Unser Kolumnist wäre gerne ein Flandrien, ein rauer Radlerknochen flandrischer Härte und totaler Unerbittlichkeit. Einer, der heldenhaft auf dem Rennrad übers dreckige Pflaster rauscht, bis ihm Rotz, Schweiß und Blut aus der Nase tropfen. Aber welcher Flandrien sitzt am Schreibtisch und tippt Kolumnen?

Das musst du wirklich wollen. Mit Rennrädern über übles Kopfsteinpflaster scheppern. Die echten Flandriens raten dir, locker zu bleiben. Kein Witz. Je krampfhafter du dich an den Rahmen klammerst, desto schneller wirst du abgeworfen. Nicht Rock'n'Roll tanzen mit den Schultern. Satte Körperspannung ist gefragt. Völlig egal, was die Beine melden, die unter dir die Drecksarbeit erledigen. Runder Tritt ist wichtig, gerade wenn du den legendären Koppenberg hochkurbelst: 20 Prozent Steigung auf Kopfsteinpflaster. Da heißt es sitzen bleiben, gell!

Denk bloß nicht dran, aus dem Sattel zu gehen. Sonst dreht das Hinterrad durch, dann hast du verkackt. Dann wirst du unweigerlich auf die Seite kippen, liegst auf dem schmierigen Pavé und verbringst die nächsten Minuten damit, deine Schuhe aus den Pedalen zu klicken, während alle anderen über dich drüber trampeln. Das ist die sicherste Methode, dort zu landen, wo du als Möchtegern-Flandrien hingehörst. Auf den Boden. Entlarvt als alternder Radtourist, der auf seine letzten Tage mitmischen will bei den harten Männern. Andererseits: Es hat noch keinen Flandrien gegeben, der länger als anderthalb Sekunden liegen geblieben ist. Krämpfe, offene Schenkel oder aufgeschürfte Flanken gehören dazu. Also stell dich gefälligst nicht so an. Schließlich hast du beim Eventbüro einen anständigen Betrag bezahlt für diesen Spaß. Außerdem hast du das gesamte Osterwochenende geopfert, um Schmerzen am eigenen Leib zu spüren.

Die reinste Freude

Ob das mit Sport zu tun hat, was ich hier gerade treibe, steht auf einem anderen Kettenblatt. Tatsache ist: Ich bin einer von rund 14.000 Rad-Amateuren, die in der Jedermann-Ausgabe über die heiligen Hügel der Ronde Van Vlaanderen hecheln, wie der Radsportklassiker im belgischen Original heißt. Also strample ich in einem Bandwurm Wahnsinniger (m/w/x) kreuz und quer durch die flämischen Ardennen – einen Tag, bevor die Stars Vollering und Pieterse, Pogacar und van der Poel demonstrieren, wie locker man wirklich im Sattel sitzen kann.

Mein persönlicher Weg zum Flandrien ist weit. Markiert wird er von Milliarden windschiefen Pflastersteinen in der Größe von Babyköpfen. Zum Flandrien wirst du, wenn du morgens in der guten Stube sitzt, wenn du hörst, wie der Regen gegen das Fenster peitscht, und denkst: "Super, jetzt schnell aufs Rad, ideales Wetter für eine kurze 100-Kilometer-Standardrunde." Ach ja, falls es draußen richtig stürmt, umso besser. Dann drückst du deine Pedale gegen die arktische Wetterfront. 25 Stundenkilometer Gegenwind entsprechen ungefähr fünf Prozent Steigung. Praktisch Grundlagentraining. Das Faszinierende an dieser Herausforderung. Beim Rennen stellt sich schnell heraus, wie sich alle Elemente gegen mich wenden. Von vorne knallt der Regen. Von der Seite drückt mich eine Böe in den Graben. Von unten krieg ich Schläge. Von ganz oben fehlt mir jeder Beistand. Von innen erschlaffen die Muskeln. Selbst der hinterletzte rebelliert. Erst in der Dixi-Kabine der Verpflegungsstation gibt er Ruhe.

Kreatives Chaos

Wer sich auf dieses Programm freut, hat freilich ein Rad ab. Das muss ich schon zugeben. Dass ich mir das Abenteuer überhaupt antue, hat auch damit zu tun, dass ich Belgien mag, dieses Land voller frittierter Verrückter. Eine Nation wie ein Konglomerat der partiellen Verzweiflung. Unbedingt sympathisch. Flandern und Wallonien wurden zusammengekittet, weil man sich darin einig ist, dass der Mensch geboren ist, um Schmerzen zu ertragen. Auch die Verehrung für den Radsport beweist: Hier wohnt keiner, um es sich auf irgendeiner Sonnenseite bequem zu machen. Lebenskunst besteht ja keinesfalls darin, bei Wein und Häppchen unter der milden Sonne von Montalcino rumzulümmeln. Echtes Savoir vivre macht das Beste aus dem, was vorhanden ist: strenges Wetter, matschige Wiesen und merkwürdige Baumarkt-Sortimente. 

Aus derlei Zutaten zaubern die Einheimischen ihre Höchstleistungen. Zum Beispiel Braukunst. Schon im Mittelalter wäre kein Belgier auf die Idee gekommen, sich mit einem geheuchelten sogenannten Reinheitsgebot die Kreativität beim Brauen selbst zu beschränken. "Der Geruch einer frisch geöffneten Flasche Bier ist der Geruch meines Landes", schrieb Georges Simenon, in Lüttich geboren. Belgien ist sowieso die Steigerungsform von Frankreich. Jacques Brel, René Magritte, Viktor Lazlo, Hergé, Plastic Bertrand – allesamt belgischer Abstammung. Vom Kulinarischen muss ich gar nicht erst anfangen. Waffeln, fette Pralinen und dreifach frittierte Pommes. Es gibt so viel Wunderbares zu entdecken in diesem Land. Oder die Architektur: Wenn du dich einmal in "Ugly Belgian houses" verliebt hast, in diese wundervolle Sammlung humorvoller Architektur, siehst du die Schaffenskraft der Leute mit anderen Augen. Und du wirst beim Radeln stets schauen, welche eigentümliche Eigenheime du selbst am Straßenrand entdeckst. Allerdings: Was deine Verwandlung zum Flandrien betrifft, hast du bereits fatale Fehler begangen.

Goldene Regel: Wer in der Gegend rumglotzt, wird niemals ein Flandrien. Du musst dich schon konzentrieren. Guck’ gefälligst nach vorn und denk an nichts anderes als deinen Rhythmus und die Beschaffenheit der Straße. Du willst ja nicht im Tal des Todes landen – also der ewigen Längsrille, die in Belgien die Fahrbahn trennt und etwa die Straße zweiteilt wie eine Straßenbahnschiene in Stuttgart. Auch ins Pavé willst du nicht purzeln. Manchmal sind die Krater so abgrundtief, dass du ein Kalb darin einpferchen kannst. Aus flämischer Sicht sind solche Kleinigkeiten normal. Gerade bei Reparatur und Ausbesserungen will man hier nichts überstürzen. Außerdem ist Improvisation eine hohe Kunst. Fachbegriff: belgian solutions.

Die Ronde. Höhepunkt der heiligen Woche

Schließlich sind es auch beim Radrennen die schlimmen Passagen, die die Angelegenheit so legendär machen. Hier wird selektiert. Hier trennt sich der edle Flandrien vom gemeinen Radtouristen. Wenn es eng, steil und fies wird, kannst du den Unterschied machen. Den Rest liefert die Jahreszeit. Die großen Rennen starten samt und sonders zwischen Ende Februar und Anfang April. Die Ronde bildet das große Finale. All diese Wochen bieten beste Chancen auf veritables Dreckswetter. Kein Flame würde auf die Idee kommen, bei Schönwetter ein Radrennen zu veranstalten. Herbst? Viel zu harmlos. Außerdem könnte man im Sommer angenehm trainieren. Langweilig!

Tatsächlich gibt es nichts Erhabeneres, als mit guten Beinen im milden Renntempo eines Rentners über die flandrischen Hügel zu cruisen. Ein paar Kilometer genieße ich diesen vorzüglichen Spaß. Landschaft ein Träumchen. Pisten wie das Leben. Enge Kehren, kühne Abfahrten, fiese Rampen und dreckige Rüttelpisten. Keine Biegung ohne euphorische Leute, die sich warmklatschen für morgen, wenn die echten Profis kommen. Kein Zweifel, hier kennen sich die Menschen aus im Radsport. Gerade diejenigen, die sich sichtbar übernommen haben, werden angefeuert. In der heiligen Woche des Radsports sind alle dermaßen elektrisiert. Es würde einen nicht wundern, wenn ein Atompilz über der Landschaft aufstiegen würde. Die Spannung ist greifbar.

Du könnest mit jedem ein Fachgespräch führen, wenn du noch Luft hättest. Selbst der Typ vor dem Bierpub, der uns gestern auf der Trainingsfahrt den Weg zur nächsten Pommesbude erklärte, kennt jedes Geheimnis. Er schwärmt ungefragt von Tom Pidcock, tatsächlich der beste Radfahrer der Welt, technisch gesehen. Egal, mit wem du redest. Sie beherrschen alle den Katechismus des flämischen Radsports. Briek Schotte, Rik van Looy, Hermann van Springel, Roger De Vlaeminck, Walter Godefroot, René Martens, Lucien van Impe, Johan Museeuw, Tom Boonen. Die großen Flandriens haben sie alle drauf. Und alle drücken Wout van Aert die Daumen. Den haben sie lieb. Weil sie sich einig sind: Wout hätte einen großen Sieg verdient. Morgen wird sein Tag, sagen alle. Obwohl jeder genau weiß, dass Tadej Pogacar unschlagbarer ist als früher Eddy Merckx.

Vom britischen Autor Harry Pearson stammt die These, dass man an jedem Sport die Charaktereigenschaften ablesen kann, die im jeweiligen Land am meisten bewundert werden. Für Belgien und Radsport wäre es Leidensfähigkeit, Schmerztoleranz, Durchhaltewillen und eiserne Sturheit. Die Wout-Verehrung beweist, wie recht Pearson hat. Die meisten Flandriens sind bescheidene Leute, kaum Lautsprecher drunter. Flandriens reden wenig. Sie lassen beim Rennen die Beine sprechen. Bestes Beispiel: Der große Wout van Aert. Bei der Ronde am 5. April noch Vierter, schlägt er am letzten Sonntag eben doch den Weltmeister Pogacar. Ein monumentaler Sieg in einer historischen Ausgabe von Paris-Roubaix, nicht nur in Sachen Kopfsteinpflastersättigung das französische Pendant zur Flandern-Rundfahrt.

Viel hilft viel

Wie bitte? Ach… geh mir bitte fort mit dem ewigen Argument, sie wären alle gedopt. Ja, und? Harte Knochen sind es trotzdem – und als Radtourist zeig' ich besser nicht auf die Profis. Schließlich ist es erwiesen, dass rund 90 Prozent des gesamten Marktes der Dopingsubstanzen an Amateure vertickt werden. An Leute wie mich. Vermutet wird übrigens, dass die meisten Mittelchen im Fußball landen. Der Rest geht in die Ausdauersportarten. Von Schmerzmitteln und grenzwertigen Nahrungsergänzungen haben wir noch gar nicht gesprochen. Apropos, ohne spezielle Substanzen geht auch bei mir nichts. An Trainingstagen reicht ja Wasser. Aber nicht hier in Flandern. In den Pausenzonen der Jedermann-Ronde stehen zwei riesige Tanks mit isotonischer Brause. Ich trete an die Bar. Ein Tank schimmert neongelb, der andere leuchtet blau wie ein Tank voller Glyphosat. Ich bin längst so weit, dass ich runterkippe, was helfen könnte. Es muss einen Grund haben, dass die Anderen so fit aussehen. Oder sind die als Kind in den elektrolytischen Zaubertrank gefallen? Nach der sechsten Banane des Tages schnapp' ich eine Portion Power-Gel zum Dessert. Nicht sicher, ob es meine beste Idee war, in die Schachtel mit der Geschmacksrichtung Spekulatius zu greifen. Aber ein Flandrien muss hart gegen sich selbst sein. Auch am Buffet.

Ich greife die letzten Pflastersegmente des Tages an. Für den Oude Kruisberg und den Knokteberg reichen meine Kräfte. Vor der Pavé-Wand, die man Paterberg nennt, ist Schluss mit lustig. Ich ehre das Rennen und die flandrischen Helden, indem ich mich ins unwürdige Fußvolk einreihe, also absteige und schiebe. Bloß kein falscher Schritt, sonst kommt der Krampf zurück. Flandrien, ich? Nun, lass mich schnell die Kolumne zu Ende schreiben. Ich glaub', ich bleib' ein paar Tage zu Hause. An Radfahren nicht zu denken. Ich glaub', ich krieg' einen Schnupfen.

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1 Kommentar verfügbar

  • Tino Sanders
    vor 6 Stunden
    Antworten
    Schönen Dank!

    Selten etwas gelesen, das so empathisch die Faszination für den Radsport einfängt. Hoffentlich ist der Muskelkater bald auskuriert!
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