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Landtagswahl BW

Danke, Hagel!

Landtagswahl BW: Danke, Hagel!
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Könnte die Union tatsächlich Wahlen gewinnen, wenn sie einen schwarzlackierten Besenstiel als Spitzenkandidaten aufstellt? Mit Manuel Hagel näherte sich die CDU diesem Gedankenexperiment so stark wie nie zuvor, meint unser Kolumnist Cornelius W. M. Oettle, Deutschlands wichtigster Wahlbeobachter.

Ein völlig falscher Satz stand kurz vor der Landtagswahl im "Spiegel". Da hieß es: "Mit 37 Jahren will Manuel Hagel die Union in Baden-Württemberg zurück an die Macht bringen. Sein Problem: Viele Menschen haben keinen Schimmer, wer er ist." Das genaue Gegenteil war der Fall: Dass lange Zeit niemand wusste, wer Manuel Hagel ist, war Manuel Hagels größter Trumpf.

Die Zahlen belegen es: Mitte letzten Jahres stand die CDU in Umfragen bei 34 Prozent. Die Grünen weit abgeschlagen bei 18 Prozent. Dann begann bedauerlicherweise der Wahlkampf. Jede Wahl hat ihre Imponderabilien, aber dass das bloße Bekanntwerden der eigenen Führungsfigur zu einem derartigen Problem zu avancieren vermag, bestaunte man selten.

Hagels zweimonatige Rundreise in alle 70 Wahlkreise nannte man CDU-intern die "Todestour". Ironisch war‘s gemeint, aber in Wahrheit treffend: Mit jedem Tag, der verging, schaufelte Hagel am eigenen politischen Grab. Mit jedem Satz, den er sprach, wandten sich Wählerinnen und Wähler mit Entsetzen ab. Für Satiriker bedeutet ein schwerschwäbelnder Fettnapfstapfer freilich ein großes Geschenk – vielen Dank, Manuel Hagel! Aber warum um Gottes Willen stellt eine Partei so jemanden auf?

Allerorten begegnete man zuletzt Menschen, die von den Grünen wenig halten, sie aber trotzdem zu wählen gedachten, nur um den vielzitierten Hagelschaden in der Villa Reitzenstein zu verhindern. Auch Anhängerinnen und Anhänger der Linken. So darf sich der eigentlich als jüngster Ministerpräsident Deutschlands eingeplante Hagel immerhin auf die Fahne schreiben, den Einzug der Linken in den Landtag verhindert zu haben. Um ein Haar hätte der Tausendsassa auch noch die SPD rasiert – so wie FDP-Generalsekretärin Nicole Büttner, die angekündigt hatte, sich im Falle eines Ausscheidens ihrer Partei die Frisur abzusäbeln. Die einzige politische Glatze, die ich in Deutschland noch sehen will.

Trotz dieser Erfolge legte Hagel allerdings nicht nur eindrucksvoll offen, dass die Personaldecke der Union mittlerweile dünner ist als sein Nervenkostüm bei Gemeinschaftsschulbesuchen – immer im Hinterkopf, dass ein solcher Katastrophenkandidat sich ja auch noch gegen andere, heißt noch desolatere durchgesetzt haben muss.

Mehr noch steht Hagel für die ganze Arroganz einer Partei, die siegesgewiss geglaubt hatte, sie könne den Menschen in Baden-Württemberg zwar keinen schwarzlackierten Besenstiel vorsetzen, wohl aber einen Buben ohne Borsten mit den Kompetenzen einer löchrigen Kutterschaufel, der sich in sämtlichen politischen Arbeitsbereichen als vollkommen ahnungslos präsentiert. Es war eben bei Weitem nicht nur ein altes Video, das ihm die Wahl verhagelt hat.

Wie wenig er von Wirtschaft versteht, bewies der Sparkässler, der im Lebenslauf eine einjährige Weiterbildung zum "diplomierten Bankbetriebswirt" hochgebaerbockt hatte, um den Anschein einer akademischen Laufbahn zu erwecken, als er selbst im Jahr 2024 noch forderte: "Wir brauchen eine Art Ewigkeitsgarantie für die Schuldenbremse, dass die Diskussion mal aufhört." Selbst der volkswirtschaftliche Nichtsblicker Friedrich Merz (CDU, Bundeskanzler) hat den Unsinn der staatlichen Selbstknebelung bekanntlich irgendwann eingesehen. Ein Politiker, der für eine ewige Schuldenbremse eintritt, ruft im Grunde: "Bitte gebt mir auf gar keinen Fall Gestaltungsraum, ich kann nämlich nicht damit umgehen!" Was ja zutreffen mag.

Egal – am Ende regiert ja doch Mercedes

In baden-württembergischen Lehrerzimmern wiederum verscherzte es sich Hagel, weil sein Wahlprogramm das verstaubte Bild des faulen Pädagogen mit "mangelnder Leistungsbereitschaft" aufgriff. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft erklärte ihn öffentlich für "unwählbar". Zu seiner Verteidigung: Wie soll Hagel auch die Arbeit der Lehrer sehen, wenn er bei Unterrichtsbesuchen nur Augen für die Schülerinnen hat?

Auch in dieser Kolumne wurde der CDU-Spitzenkandidat bereits vor einem Dreivierteljahr als untauglich ausgemustert, nachdem er mit dem Nazi-Slogan "Umweltschutz ist Heimatschutz" in seinem Herkunftsort Ehingen in den Wahlkampf gezogen war. Entweder kennt er den Kontext des Spruchs tatsächlich nicht, dann wär's ein Bildungsmangel, der ihn fürs höchste Amt im Land eindeutig disqualifiziert. Oder er kennt ihn sehr wohl und macht absichtlich Wahlkampf mit Nazi-Parolen.

Kurzum: Hagel hat mehr Mist gebaut als die Macher von Stuttgart 21. Ein Ministerpräsident muss sicher nicht Wirtschafts-, Bildungs- oder Treibhauseffektexperte sein. Und wer von allem gleich wenig Ahnung hat, ist gewissermaßen auch ein Allrounder. Aber irgendwas sollte man halt schon können.

Rein inhaltlich macht es für the Länd aber glücklicherweise keinen Unterschied, ob nun schwarz-grün oder grün-schwarz regiert. Zur Klarstellung hatte Cem "Es Hemd schwitzt net von alloi" Özdemir in der Süddeutschen seinen Landesverband zur "CSU der Grünen" ernannt. Drum verkam diese Abstimmung zu einer reinen Persönlichkeitswahl zwischen Äffle und Pferdle, also Özdemir und Hagel, die sich im Laufe der Wahlkampfwochen dermaßen in Rage schwäbelten, dass man bald vergaß, dass zu Baden-Württemberg auch Baden gehört. Der Name Özdemir bedeutet aus dem Türkischen übersetzt übrigens "Kretschmann".

Apropos: Nach Ali Chamenei scheidet mit Winfried Kretschmann der nächste Ewigkeitspotentat aus dem Amt. Das personifizierte Grünschwarz geht auch in die Geschichte ein als Lehrstück über Demokratie im Kapitalismus. Spätestens als Winnie the Kretsch im Zuge der Pandemie Kaufprämien für Verbrennerautos forderte, hatte wohl endgültig jeder verstanden, dass, einerseits, man in Deutschland offenbar glaubt, selbst themenfernste Probleme wie herumschwirrende Aerosole mit Kaufprämien für Autos lösen zu können. Und andererseits, dass es im Kapitalismus völlig wurscht ist, ob da ein Grüner, Schwarzer oder Roter auf dem Thron sitzt – es regieren die Firmen drumherum. Wir wählen keinen Ministerpräsidenten, wir wählen den Pressesprecher von Mercedes.

In zentralen Fragen der Strukturkrise unterscheiden sich die baden-württembergischen Parteien daher nicht. "Wer rettet das Autoland?", fragte die Süddeutsche Zeitung, obwohl die Antwort offenkundig lautet: ganz sicher nicht der baden-württembergische Ministerpräsident. Die relevanten politischen Weichen stellt man im Sitz der Europäischen Kommission, dem Brüssler Berlaymont-Gebäude, nicht gegenüber vom Stuttgarter Eckensee. Und selbst dort kann man die merkantile Richtung kaum beeinflussen, die die chinesischen Kunden eingeschlagen haben: Wer keine konkurrenzfähigen E-Autos feilbietet, kann da drüben bestenfalls ans Museum verkaufen.

Özdemir hatte im Wahlkampf zwischen Brezellegen und Kretschmann-Pflegen diese Machtlosigkeit sogar angesprochen. Er könne als Ministerpräsident lediglich kleinere Maßnahmen vornehmen, etwa Berichtspflichten für Kommunen und mittelständische Unternehmen abschaffen. "Damit man sich wieder auf das konzentrieren kann, was wir alle am liebsten machen: nämlich arbeiten, Dinge entwickeln, das Land voranbringen." Das war mir neu: Dass wir, also auch ich, am liebsten arbeiten? Tatsächlich entwickle ich allerdings gerade Dinge: nämlich Hemden, die von allein schwitzen. Einfach nur, um diesen Spruch nie wieder hören zu müssen.

Bei der AfD geht noch mehr

Gegen so viel schwarzgrüne Einigkeit vermochten selbst die Spalter von der AfD nichts auszurichten. Die Rechtsextremen landeten nur bei knapp 19 Prozent, obwohl der SWR mit der Einladung Markus Frohnmaiers zum Triell wirklich alles versucht hatte, um jene Partei nach vorne zu bringen, die den SWR abschaffen will. So konnte die Putinpuppe, die in einem Strategiepapier des Kremls als "ein unter absoluter Kontrolle stehender Abgeordneter" gelistet ist, live im Fernsehen unter anderem fälschlicherweise herumposaunen, neue Atomkraftwerke würden "fast keinen Atommüll mehr" produzieren. Die Moderatoren lauschten dem Unsinn ohne Widerspruch, weil man den Faktencheck absichtlich auf nach der Sendung verlegt hatte. Da braucht man dann im Grunde auch gar keine Journalisten mehr, das hätte jede KI besser geregelt. Vielleicht sollte man beim SWR das Hemd also doch mal von allein schwitzen lassen.

Auch bei der Wahlanalyse am Sonntagabend hakten SWR-Journalisten verstörenderweise mehrfach bei Hagel nach, ob er entgegen seiner klaren Absage an das politische Familienunternehmen namens AfD jetzt nicht vielleicht doch eine Koalition bilden wolle. Falls die Kollegen beim SWR keinen Bock mehr auf Arbeit haben: Da hilft doch ein gelber Schein, dafür muss man keine Faschisten installieren.

Und falls Sie sich aller Hagel-Özdemir-Mania zum Trotz noch fragen: Sind 19 Prozent für Rechtsextreme im reichen Baden-Württemberg nicht doch ganz schön viel? Keineswegs, da geht noch viel mehr! Die AfD ist die Protestpartei für Doofe, deshalb scheint mir ihr Potential im Ländle noch lange nicht ausgereizt.
 

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