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Dicke Kartoffeln

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Viele üben jetzt den Leib. Im Wald, und manche würden es sogar gerne auf dem Acker tun. Als einheimische Erntehelfer. Aber das mag der Bauer nicht. Er bevorzugt den rumpfbeugenden Lohnsklaven.

Wenn die derzeit geltenden Ausgangsbeschränkungen für irgendetwas gut sind, dann für die Gesundheit der Gesunden. Alle sind draußen, alles rennt, wandert, spaziert. Deutschland ein Volk von Joggern. Und auch die heilende Wirkung des Waldes ist keine japanische Geheimwissenschaft mehr. Da geht es runter mit dem Blutdruck und hoch mit der Stimmung. Alle sind fit wie ein Turnschuh.

Den Ersten wird der Wald allerdings schon wieder langweilig, die brauchen einen anderen Kick. Next Level: Erntehelfer. Viel draußen auch, und das voller Sinnhaftigkeit. Doch leider gibt es da ein Problem: Die Bauern jammern zwar über fehlende Erntehelfer, würden aber offenbar lieber mitsamt ihren dicken Kartoffeln und Klasse-A-Spargel auf dem Acker sterben als freiwillige einheimische Erntehelfer zu beschäftigen. Schüler, Studenten womöglich. Leute also, die man menschenwürdig bezahlen müsste. Mit Mindestlohn, mindestens. Leute, die nicht bereit sind, sich wie Sklaven ausbeuten zu lassen, weil sie ohnehin keine Alternative haben. Weil sie aus anderen Ländern hierher gereist sind und keine Wohnung haben, weshalb man sie dann super gut zu viert in einen winzigen Schlafcontainer sperren und selbst dafür noch ein paar Hundert Euro von ihnen verlangen kann. Die man ihnen einfach vom Lohn abzieht. Die auch keinen Kühlschrank haben und keine Speisekammer mit Lebensmitteln drin, von denen sie sich ernähren können. Denen man deshalb auch die wenigen Euro, die sie verdienen, für Essen und Trinken abknöpfen kann, das man ihnen aus dem eigenen Hofladen zu stolzen Preisen verkauft.

Als Bauer vertraut man da lieber auf Julia Klöckner, die agrarindustrielle Männer-Marionette im Ministeramt, die sich am Nasenring von allen möglichen Lobbyisten durch die Manege führen lässt und dafür eingesetzt hat, dass es eine Ausnahmeregelung gibt. Dass trotz aller Ausgangsbeschränkungen und Anti-Virenverbreitungsmaßnahmen die Erntehelfer in Scharen, nämlich 40.000 Menschen pro Monat, doch einreisen und wie immer ausgebeutet werden dürfen. Wäre ja nochmal schöner, wenn wir hierzulande anfingen, dafür anständige Löhne zu zahlen. Da könnte dann ja jeder kommen, womöglich die Pflegenden auch und alle anderen neuerdings Systemrelevanten.

Eine vorsorgliche Anmerkung an dieser Stelle: Sicherlich gibt es etliche Bauern, die ihre Helfer ordentlich bezahlen und unterbringen – ganz egal, woher diese Helfer kommen. Diese mögen sich bitte hier nicht angesprochen fühlen. Alle anderen dafür umso mehr. Und Julia Klöckner ganz besonders. Sie kennt die Verhältnisse, sie duldet sie nicht nur seit Jahren, sondern sie tut alles dafür, dass sich nichts dran ändert an diesem kranken System.

Wann, wenn nicht jetzt, könnte sie als zuständige Bundesministerin die Sache von ganz oben angehen? Wann, wenn nicht jetzt könnte sie dafür sorgen, dass es eben nicht mehr einfach so ganzjährig alles gibt, und das auch noch zu Schleuderpreisen? Auch wenn Schüler und Studenten ernten, gibt es Obst und Gemüse. Spargel ist dann eben teurer. Oder irgendjemand in der Verwertungskette hat eine geringere Marge. So what?

Aber das System will sich nicht ändern. Julia Klöckner will nichts ändern. Und darum werde ich sie jetzt virtuell foulen – schließlich ist das hier eine Sportkolumne. Natürlich ohne sie zu verletzen. Also werde ich es nicht machen wie am 14. August 1981 Norbert Siegmann im Bundesligaspiel des SV Werder Bremen gegen Arminia Bielefeld, als er dem Ewald Lienen den halben Oberschenkel aufgeschlitzt hat. Vielmehr werde ich sie aus vollem Sprint am Flügel von den Beinen holen, so wie einst bei der Fußball-WM 1990 der leider bereits 2017 verstorbene Kameruner Benjamin Massing den quasi davonfliegenden Argentinier Claudio Caniggia, Spitzname "Sohn des Windes", von den Beinen holte. Wer zu jung oder zu fußballfern ist, um diese legendäre Szene auch heute noch vor Augen zu haben, dem oder der sei durchaus empfohlen, das mal im Internet nachzuschlagen.

Frau Klöckners schickes Kostüm wird dabei wahrscheinlich etwas ramponiert, und unter Umständen verliere ich bei der Aktion sogar einen Schuh. Aber eigentlich kann ich nicht zulassen, dass sie schon wieder durchkommt mit einem solchen Ding. Und wenn mir der Schiri dafür die rote Karte zeigt, dann ist das eben so. Vielleicht ist es sogar verdient – denn der göttliche Caniggia sollte eigentlich nicht mit der katastrophalen Klöckner in einem Satz genannt werden.

Und wenn ich meine Sperre abgesessen habe und dann immer noch kein Sport ist, dann reden wir über Ursula von der Leyen. Gegen die ist Julia Klöckner das reinste Nasenwasser.


Christian Prechtl ist Autor, Kommunikationsberater und Begründer der Aktionsreihe "Ballwall", die sich zuletzt insbesondere Geflüchteten und dem Thema Integration widmete. In seinem Blog "By the way" hat er viele Jahre über Sport und Gesellschaft geschrieben. Seine Tätigkeit als Kolumnist führt er unter dem Titel "Brot und Spiele" in Kontext fort.


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4 Kommentare verfügbar

  • Walter Appenzeller
    am 10.04.2020
    Antworten
    Man kann nur hoffen, der Autor dieses Artikels und die sich hinter dem Pseudonym "Ruby Tuesday" versteckende Person, die mehr grundsätzliche Agrarfeindlichkeit als faktischen Inhalt vermitteln wollen, schauen beim Nahrungseinkauf darauf, was wo gekauft wird. Denn wo immer als Herkunft Spanien oder…
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