Ausgabe 418
Kolumne

Europa Čaputová?

Von Peter Grohmann
Datum: 03.04.2019

Das ist bei uns nicht möglich: Dass unerfahrene Komiker Wahlen gewinnen oder Oligarchen ganze Parteien kaufen. Zugegeben, hin und wieder schänden wir das Grundgesetz oder pfeifen auf unsere Verfassung, aber im Grunde genommen gibt es weder Komiker noch echte Korruption. Wir machen es anders. Bei allem Jubel über den Wahlsieg, oh Zuzanna!, bürgerbewegte Freundin Europas und der Umwelt, übersieht man leicht, dass Čaputová nicht viel zu sagen hat und rund 50 Prozent der Schlowacken zu Hause blieben. So was ist scharf zu kritisieren und bei uns allenfalls bei Europawahlen zugelassen.

Da hatten es die türkischen Männer und die Frauen, die ihnen traditionell hinterherhinken, leichter. Klar, die Türkei an sich ist laut Verfassung ein demokratischer, laizistischer und sozialer Rechtsstaat mit Kopftuch und unser Nato-Partner. Wir müssen also nachsichtig (und vorsichtig) sein, bevor wir über solche Länder herfallen, Demokratie hin oder her. Wenn wir überall unsere überzogenen menschenrechtlichen Maßstäbe anlegen, können wir eh bald nur noch in Bayern Urlaub machen, notfalls auch bei Kramp-Karrenbauers auf dem Ökohof.

Die Türkei als solche hat es da bei den Wahlen einfacher als wir hier, weil die Wählerschaft eher dem Glauben als dem Wissen anhängt. Das hat sie mit Robert Habeck gemein, der freilich etwas besser aussieht als Recep Tayyip. Und die Türkei hat noch einen anderen Vorteil, den wir demnächst mit den neuen Polizeigesetzen wettmachen werden: Kurden verhaften und nach der Wahl wieder freilassen. Stimmenkauf oder Urnenklau – es ist eben eine Frage des Anstands, wo man Urlaub macht.

Beim Geheimtipp Rumänien – die Alternative zur Demokratur Ungarn – (eine Woche Vollpension mit Flug 66 Euro) kommen einem als Sozialdemokraten verkleidete Stasi-Leute in die politische Quere: Das schwarze Schwarzmeer hat also auch allen Charme verloren. Tröstet es, wenn wir in den meisten Urlaubsländern nicht wissen, ob das Lächeln des Servicepersonals nur gespielt ist und sie am liebsten heulen würden, aber aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht dürfen?

Also doch die Ukraine, hin zur Komik, weg von der Korruption? Die Politiker dort machen ja aus Sicht der EU und ihrer Drohung vieles richtig, sie müssen sich nur hüten, wieder mit Russland anzubandeln. Mit denen versöhnt man sich nicht, das ärgert die Nato. Aber Odessa mit seiner potemkinschen Treppe ist unter allen Oligarchen und Urlaubern sehr beliebt, der Panzerkreuzer selbst ist untergegangen.


Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter.
Alle Wettern-Videos gibt es hier zum Nachgucken.


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