Ausgabe 396
Kolumne

Pferdewechsel

Von Peter Grohmann
Datum: 31.10.2018

Als die Post noch funktionierte, brauchte eine Sendung von Innsbruck ins holländische Mechelen fünf Tage. Okay, das war 1505. Die Postreiter waren natürlich längst nicht so kaputt wie der Briefträger heute. Das lag am Pferdewechsel: alle 15 Kilometer, wenn es sein musste. Alles sehr gut organisiert, effektiv, schnell, zuverlässig. Aber halt Pferdewechsel und, wenn ich mich recht erinnere, Diktatur oder so. Also Brasilien morgen.

Wegen der Wahlen verlieren die Parteien zunehmend das Vertrauen zu ihren Wählern, und das mit Recht! Wenn sich an einem normalen Sonntag 100 000 SPD-Wähler zu einem Spaziergang zur AfD aufmachen, ist das nicht mehr lustig. Dabei hat doch die SPD, sagt sie, "Themen besetzt" und "Kompetenz" zugewiesen bekommen, von allen Seiten! Schlimm, diese unzuverlässige Wähler-Bagage! So gesehen, kann man keinem Wähler mehr über den Weg trauen.

Anders gesehen hieße das aber, dass in einer halbwegs aufgeklärten Republik wie unserer im Bewusstsein der Menschen offenbar kein Platz mehr ist für die eigene Geschichte, kein Platz fürs Erinnern, für die Kämpfe um soziale Gerechtigkeit, Stimmrecht, Demokratie. Auf Werte wie Solidarität wird angeblich gepfiffen, keiner scheint mehr so recht zu wissen, welche Opfer die Arbeiterbewegung, die Gewerkschaften, die Parteien der Linken in den letzten 100 Jahren gebracht haben, und erst recht nicht, dass sich die Rechte das Ende der Republik auf ihre Fahnen geschrieben hatte.

"Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Dafür kannste dir aber nischt koofen", würde meine Omi Glimbzsch in Zittau jetzt sagen. Richtig. Aber man muss nichts abstauben an solchen Werten, nichts an der eigenen Geschichte. Denn eine solide Republik und eine solide Politik sind ohne diese Werte nicht zu machen. Der Kapitalismus ist ein Auslaufmodell, das weiß selbst Franziskus. Zurückgewinnen muss die SPD das Grundvertrauen zu ihrer eigenen Geschichte, einer Geschichte mit Kämpfen und Fehlern und Niederlagen und Siegen. Zu den Siegen gehört unsere Republik. Es wäre doch gelacht, wenn das nicht 25 bis 35 Prozent der Menschen kapieren würden. Pfeift auf die Ministerposten, wechselt die Pferde, auf nach Europa.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter.Alle "Wettern"-Videos gibt es hier zum Nachgucken.


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1 Kommentar verfügbar

  • Je.So Jürgen Sojka
    am 31.10.2018
    Wechsel – Wechselwähler – Wechseln, die eigene Meinung, wie Hemden gewechselt werden; oder, wie häufig anzutreffen: Die eigene Meinung gewechselt, je nachdem, wer das Sagen hat!!!

    [b]Postreiter[/b] – weiter zurückgehend betrachtet, als lediglich 100 Jahre. In die Zeit der Adligen Monopolisten "[b]Thurn und Taxis[/b]", die in den Hochadel erhoben wurden.
    Im 14. Jahrhundert den Kurierdienst für die Republik Venedig begründend, die im 15. Jahrhundert vom deutsch-römischen [b]Kaiser Maximilian I.[/b] das Monopol für das europäische Postwesen von ihm erhalten!

    Erinnert werden muss dabei auch an [b]Jakob Fugger[/b], der reichste Europäer seiner Zeit (bis 1525), der [b]Sonderrechte vom Kaiser[/b] erhielt. Gesetze wurden nur für ihn geschrieben. Bedankt hat sich Fugger mit Geldzuwendungen in erheblichem Umfang; auch an die Fürstenhäuser, die den Kaiser zu wählen hatten!!

    [b]Erleben wir es heute nicht ebenso?! – “Geld-Adel“ wendet sich Politikern/Innen zu!!![/b]

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