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Herzlich willkommen!

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Herzlich willkommen! ruf ich dem neuen Jahr Hals über Kopf zu – noch ist es ja Zeit. Aber täuschen wir uns nicht – was wir gestern hinter uns hatten, haben Sie morgen vor sich. Die alten Sorgen, Nöte, Freuden, Demos, Weltuntergangsgefühle, Spenden zählen, Abonnenten wiegen, zu fettes Essen, zu viel Alkohol, weniger Abendland, mehr Morgenland, mehr schaffen, schneller schlafen, denn der Klassenfeind schläft nie – aber wo?

Mehr schaffe, schaffe, schaffe und koi Häusle baue gilt allerdings nicht für alle. Nehmen wir die Minijobber, die mit einem oder auch zwei Jobs den Hals nicht voll genug kriegen, bei denen es pekuniär hinten und vorne nicht reicht. Die bleiben lebenslang Mieter, wenn sie nicht Lotto spielen, und warten auf andere Zeiten. Ganz anders sieht es da bei den Vollzeit-Arbeitslosen aus. Die können wenigstens den Tag so lange totschlagen, wie sie wollen, oder in der Stuttgarter City kostenlos das Internet nutzen. Meine Omi Glimbzsch in Zittau konnte zu besseren Zeiten (meint sie!) davon nur träumen, ihrer arbeitslosen Mischpoke allerdings immerhin raten, die nach dem Totschlagen übrig gebliebene Zeit in der Volksbücherei zu nutzen, um ein gutes Buch oder die Zeitungen zu lesen und sich aufzuwärmen. Der Sinnspruch über dem Eingang hieß "Ein Blick ins Buch und zwei ins Leben, das wird die rechte Form dem Geiste geben" und stammt von J. W. Goethe (auch so ein Illusionist aus der DDR). Vorher, zwischen 33 und 45, hatten die Leute meist nicht den geistesgerechten Zugang zur Literatur: Was nicht verbrannt war, kam hinter Gitter, der Rest war braun angekokelt.

Nu ja ja, nu ne ne, tät die Omi jetzt sagen: Nach 45 bis 89 war auch nicht alles lesbar, was lesenswert gewesen wäre, und nach der Wende habt ihr ja lastwagenweise Tucholsky und Heine und Brecht und Luxemburg in den Papiermüll gekarrt. Was heißt hier "ihr"?

So wie die Bahnhöfe heutzutage auf das "Herzlich willkommen!" verzichten, um nicht Arbeitsscheue und andere Emigranten anzulocken – die Wartehallen bleiben kalt wie der ICE –, sind auch die Bibliotheken empfindlich: In Stuttgart wird die neue Stadtbibliothek von kaufwütigem Volk überflutet, weil dem benachbarten neuen Einkaufsparadies Milaneo das Klopapier ausgegangen ist. Jetzt passt die (private) Security auf: Wer unerlaubt pinkelt oder, fast so schlimm, Politisches vorm Haus verteilt, wird der Polizei übergeben. Herzlich willkommen, werte Leserschaft, dort wie hier, erst recht bei Kontext 2015. Weitersagen. Weglesen. Demonstrieren.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die Anstifter.


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