Die hohe Waffenaffinität der Szene bleibe "ein zentrales Risikoelement", so der Jahresbericht. Dabei weise die zunehmende Vermischung reichsbürgertypischer Ideologieelemente mit delegitimierenden und rechtsextremen Narrativen wegen potenziell terroristischer Bezüge eine besondere Gefährdungsrelevanz auf. "Reichsbürgern" und "Selbstverwaltern" wurden im Berichtsjahr insgesamt 663 politisch motivierte Straftaten zugerechnet, 483 davon als extremistisch eingeordnet. Unter diesen extremistischen Straftaten waren insgesamt 53 Gewalttaten. Die in absoluten Zahlen mit Abstand meisten extremistischen Straftaten begingen "Reichsbürger" und "Selbstverwalter" in Baden-Württemberg: Hier waren es 142, darunter 13 Gewalttaten und 28 Fälle von Nötigung/Bedrohung.
Allein 4.200 der bundesweit 26.000 Szene-Angehörigen leben in Baden-Württemberg – diese Zahl nennt das Landesamt für Verfassungsschutz. Etwa "drei Prozent der bekannten Milieu-Angehörigen" würden "nach aktuellen Erkenntnissen" auch rechtsextremistische Denkweisen vertreten, so das Landesamt.
Bundesweit: Bewaffnete "Reichsbürger"
Zum Stichtag 31. Dezember 2024 haben nach Kenntnis der Bundesregierung 357 "Reichsbürger" und "Selbstverwalter" waffenrechtliche Erlaubnisse besessen. Wie die Bundesregierung in ihrer Antwort vom 6. Juli 2026 auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen weiter ausführt, liegen für das Erhebungsjahr 2025 noch keine abschließenden Zahlen vor.
Auch wenn die Bundesregierung in ihrer Antwort mit erkennbarem Bezug auf den Bundesverfassungsschutzbericht betont, dass nur ein kleiner Teil der Szene dem Rechtsextremismus zuzurechnen sei, konstatiert sie für den Verlauf der letzten Jahre eine Zunahme – in absoluten Zahlen – im Bereich der gewaltorientierten "Reichsbürger" und "Selbstverwalter". Das Wachstum korrespondiere mit dem allgemeinen Aufwuchs der Szene, relativ gesehen bleibe der Anteil an gewaltorientierten Szeneangehörigen über die Jahre konstant.
Aufgrund der Ablehnung der Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland birge jeder Waffenbesitz bei "Reichsbürgern" und "Selbstverwaltern" das unkalkulierbare Risiko, dass sie Waffen einsetzen, um gegen sie gerichtete staatliche Maßnahmen gewaltsam abzuwehren ("reaktives Gefährdungspotenzial"). Szeneangehörige, die über waffenrechtliche Erlaubnisse verfügen, stellen dabei eine "ganz besondere Risikogruppe" dar, so die Bundesregierung. Die zunehmende Vermischung mit anderen, teilweise radikalisierten Akteuren birge ein weiteres besonderes Gefährdungspotenzial, das sich in einigen Fällen in konkreten Umsturzplänen manifestiert ("aktives Gefährdungspotenzial").
Auf Anfrage gibt die Bundesregierung das Personenpotenzial der aus Sicht der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen fünf größten Gruppierungen der "Reichsbürger" bzw. "Selbstverwalter" wie folgt an: "Bismarcks Erben/Vaterländischer Hilfsdienst" ca. 500, Indigenes Volk/Germaniten ca. 800, Staatenbund Deutsches Reich ca. 200, Verband Deutscher Wahlkommissionen ca. 300, Internationale Organisation Völkerrecht ca. 300.
Baden-Württemberg: "Reichsbürger"-Eltern verantwortlich für Tod ihres Kindes
Ein zweijähriger Junge musste im Januar 2023 an einer Bronchitis sterben, weil seine Eltern, die der Reichsbürger-Szene zugerechnet werden, keinen Arzt holen wollten. Monatelang kämpfte das an einer chronischen Atemwegserkrankung leidende Kleinkind um Luft. Die Eltern behandelten das Kind mit ätherischen Ölen. Als mit erheblicher Verzögerung endlich ein Notarzt gerufen wurde, war es zu spät. Nach der Hausgeburt hatten die Eltern ihr Kind nicht angemeldet, um die rechtliche Existenz zu verleugnen und es so dem staatlichem Einfluss zu entziehen, so die Staatsanwaltschaft.
Das Amtsgericht Horb (Landkreis Freudenstadt) verurteilte die Mutter (44), eine Kinderphysiotherapeutin und Heilpraktikerin, und den Vater (50), einen Gärtner, am 13. Juli wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen. Das Elternpaar wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, ausgesetzt für drei Jahre zur Bewährung. Außerdem müssen die Eltern je 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Der Prozess sollte bereits im April 2025 stattfinden, doch die untergetauchten Eltern aus Waldachtal-Salzstetten (Kreis Freudenstadt) konnten erst am 10. Juni im niederbayrischen Mainburg festgenommen werden.
Baden-Württemberg: Die Klages-Gesellschaft und ihre illustren Mitglieder
In Marbach am Neckar (Landkreis Ludwigsburg) ist der Sitz der in der Öffentlichkeit nahezu unbekannten "Klages-Gesellschaft Marbach e.V.". 1964 gegründet, möchte die Gesellschaft die Auseinandersetzung mit dem Werk von Ludwig Klages (1872 bis 1956) fördern. Der Grafologe, Psychologe, Philosoph, Exzentriker Ludwig Klages wird in rechten Kreisen als "einer der Urväter der konservativen Ökologie" verehrt. Klages, der schon vor dem Ersten Weltkrieg "die kapitalistische Moderne als großen Entfremdungs und Zerstörungsvorgang" beschrieb, sei "einer der bedeutendsten deutschen Denker", so die rechtsextreme Monatszeitschrift "Zuerst!" im Jahr 2022. Unter dem Titel "Konservative Ökologie" ist zu lesen, dass Klages "furiose Kritik der liberal-kapitalistischen Fortschrittsideologie, die Natur, Kultur und Volkstum gleichermaßen zerstört", von "beklemmender Aktualität" sei. Beim Freideutschen Jugendtag 1913 warnte Klages laut "Zuerst!" vor "einem leeren und fremdbestimmten Leben, dem er die vitalisierenden Kräfte der Seele, der Natur und Gemeinschaft entgegensetzte". Der "gleichermaßen anti-christliche wie anti-jüdische Mystiker" ("Der Spiegel") verfasste 1903 eine Schrift, wonach "der Jude ... überhaupt kein Mensch" sei und das "Scheinleben einer Larve" lebe, "die Moloch-Jahwe sich vorband, um auf dem Wege der Täuschung die Menschheit zu vernichten".
Interessant ist die personelle Zusammensetzung des Vorstands der Klage-Gesellschaft. Laut aktuellem Abruf beim Handelsregister steht Heinz-Siegfried Strelow der Gesellschaft als Präsident vor. Vizepräsident und Schriftführer ist Hans-Ulrich Kopp. Strelow war einst Bundessprecher der "Unabhängigen Ökologen Deutschlands" (UÖD). In deren Selbstdarstellung hieß es: "Im Gegensatz zu den (heutigen) Grünen und auch der ÖDP haben die Unabhängigen Ökologen auch keine Schwierigkeiten, sich als Patrioten zu bezeichnen." Propagiert wurde "das Ziel eines bündischen Gemeinwesens, das die kleinen Gemeinschaften, die Stämme, Länder und Landschaften wieder zu ihrem Recht kommen lassen soll." Und der Stuttgarter Bauunternehmer Hans-Ulrich Kopp, Alter Herr der pflichtschlagenden Münchner Burschenschaft Danubia, saß im November 2023 im Landhaus Adlon in Potsdam mit am Tisch bei dem Treffen von Rechtsextremisten, bei dem der österreichische Identitären-Kopf Martin Sellner Pläne zur "Remigration" vorstellte. "Correctiv" berichtete unter dem Titel "Geheimplan gegen Deutschland" im Januar 2024 über das Treffen.
Vom 14. bis 16. September 2026 führt nun die Klages-Gesellschaft im italienischen Verona eine Tagung zum Thema "Diverse Antike. Unkonventionelle Gendertypologien des griechisch-römischen Altertums bei Klages, Schuler, George und in ihrem Umkreis" durch. Die illustre, vorwiegend professorale Referenten-Runde stammt aus Italien und der Bundesrepublik. Zu den Vortragenden der Tagung zählt neben Strelow auch Dr. Baal Müller. Er referiert zu "Dekadenz der Gegenwart als Fluoreszenz der Urzeit – Schulers Cäsaren als Sonnenkinder der Großen Mutter". Als Carsten Müller sitzt er für die AfD in der Stadtverordnetenversammlung des brandenburgischen Treuenbrietzen. Vor allem unter dem Künstlernamen Baal Müller ist er seit vielen Jahren in neuheidnischen und völkischen Kreisen aktiv.
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