Im Wintersemester 1979/80 gründen Aktive der studentischen Fachschaftsräte-Vollversammlung angesichts der Wohnungsnot in Tübingen – 300 Studienanfänger:innen müssen sich wieder exmatrikulieren, weil sie kein Zimmer finden – mit ironischem Bezug auf die bekannteste deutsche Wohnzeitschrift den "Arbeitskreis Schöner Wohnen". Sie sammeln Informationen zu Mietwucher, Spekulation, Abbruch, Zweckentfremdung und Leerstand, machen durch Aktionen und Flugblätter darauf aufmerksam und möchten den Lösungsvorschlägen der etablierten Parteien, Institutionen und Medien eine radikale Gegenöffentlichkeit entgegensetzen. Durch die Dynamik der zahlreichen Besetzungen 1979/80 erhält der "AK Schöner Wohnen" großen Zulauf, die zunehmende Repression und Kriminalisierung von Hausbesetzer:innen mit Hausdurchsuchungen, Ermittlungsverfahren und Prozessen führt im Februar 1981 zur Bildung des "Kommunalen Arbeitskreis Schöner Wohnen", eines breiteren lokalen Bündnisses unter Beteiligung auch linker und grün-alternativer Parteien.
Die Besetzungen dieser Phase von 1979 bis 1981 (unter anderem Lu15, Schimpfeck, Thiepval-Kaserne/Schelling) verfolgen das Ziel, der Wohnungsnot zu entkommen und Raum für gemeinschaftliches Wohnen in (großen) WGs zu schaffen – im Fall der Thiepval-Besetzung auch Räume für ein Kulturzentrum (das dann erst später im Sudhaus umgesetzt wird).
Gründe für Besetzung verändern sich
Daneben entwickeln sich einige Besetzungen auch zu einer symbolischen, meist kurzzeitigen Protestform, deren Orte (wie das Rathaus, die Stiftskirche, Räume der Universitätsverwaltung oder Parteibüros) gewählt werden, um Öffentlichkeit herzustellen und politischen Druck zu erzeugen. Auch für Themen, die nicht unmittelbar mit Leerstand oder Wohnraum zu tun haben: Solidarität mit politischen Gefangenen, Schutz Geflüchteter vor Abschiebungen, Protest gegen Atomkraft.
In der Besetzungswelle zwischen 1989 und 1992 (mehr als 15 Besetzungen, unter anderem das Javadi-Haus, Villa Metz, verschiedene Gebäude des französischen Militärs in der Südstadt, Wagenburgen) verbinden sich Impulse sozialer Bewegungen, um mehr in die Gesellschaft zu wirken. Als neue Wohnform kommt das Wohnen in Bauwagen und LKWs hinzu: Europaweit entstehen Wagenburgen/Wagenplätze und auch in Tübingen suchen 1991 und 1992 zwei Gruppen Platz für ihre Wagen und bekommen diesen nach langem Ringen schließlich nebeneinander am Rand des neuen Französischen Viertels. Die Lebenssituationen und Hintergründe der Besetzer:innen werden vielfältiger, auch das gemeinschaftliche Wohnen mit Kindern wird zum Thema.
Nach den zahlreichen Besetzungen bietet die Stadtverwaltung schließlich einer aus diesen Besetzungen hervorgegangenen Gruppe ein altes Kasernengebäude mitten in der Hindenburgkaserne, im Provenceweg 3, zum Kauf und das Grundstück zur Erbpacht an. 1995 wird das Wohnprojekt 009 nach einer umfassenden Sanierung bezogen. Mit Gründung von 009 geht auch ein Bewegungszyklus zu Ende: Die Krise der gesellschaftlichen Linken im Zuge des Zusammenbruchs des realexistierenden Sozialismus und dem vermeintlichen Ende der Geschichte nach 1989, führen ab Mitte der 1990er-Jahre zu Rückzügen ins Familien- und Berufsleben und einem Generationenbruch in der linken aktivistischen Szene Tübingens. Dazu beigetragen hat ebenfalls die Aufarbeitung des Einsatzes von zwei verdeckten Ermittlern des Landeskriminalamtes, die auch in linken WGs wohnten und von der weite Teile der linken Szene in Tübingen direkt oder indirekt betroffen waren. Wenn nicht Straßenpunks aus ganz Deutschland im Depotareal von 1995 bis 2000 eine alte Lagerhalle besetzt hätten, wäre die zweite Hälfte der 1990er-Jahre in Tübingen eine besetzungsarme Zeit gewesen.
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