Diese Mischung ist toxisch: aus Zuständigkeiten der Länder, von Bund und Europa, aus berechtigen Ansprüchen der Wirtschaft und überzogenen Hoffnungen auf Deregulierung, aus Halbwissen selbst in der interessierten Öffentlichkeit und immer neuen Behauptungen. "Eine Bürokratiewelle rollt seit Jahren durch deutsche Betriebe", heißt es im Magazin der IHK Region Stuttgart. Aus zahllosen Detailvorschriften sei "ein Verwaltungsgebirge geworden, das Zeit, Nerven und Geld frisst". Als "eines von vielen Symbolen" spaziert der Trittleiterbeauftragte durch den Text und durch viele Klagen im Netz. Das Amt treibt Kritikern je nach Naturell die Zornesröte ins Gesicht oder Schweißperlen auf die Stirn.
Wenn das der Trittleiterbeauftragte sähe. Foto: Joachim E. Röttgers
Die traurige Pointe: Diese Funktion existiert nur als Hirngespinst. Behörden versuchen dagegenzuhalten, aufzuräumen mit dem "Mythos Leiterbeauftragter" und stattdessen die Rechtslage darzustellen. Das Regierungspräsidium Darmstadt beispielsweise lobt einschlägige Unterweisungen als "ein unbürokratisches und kostengünstiges Werkzeug, um die Beschäftigten über die Gefahren bei der Nutzung von Leitern aufzuklären". Mit geringem Aufwand könne "ein wichtiger Beitrag geleistet werden, um schwere Arbeitsunfälle zu vermeiden". Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) beklagt jährlich knapp 20.000 Arbeitsunfälle mit Leitern, auch schwere, manche davon sogar tödlich.
Gewiss ist vieles lästig im Umgang mit Ämtern und Kontrollen, mit unterschiedlichen Vorgaben der Länder, mit Dokumentationen, Listen und Statistiken, gern auf Papier statt digital, wo solche Lösungen (noch) nicht vorhanden sind. Indessen krankt der Diskurs an einer prinzipiellen Schieflage. Wirtschaftsvertreter:innen beklagen in einschlägigen Gesprächen, häufig höchst holzschnittartig, dass "der Staat" standortgefährdend viel zu wenig Vertrauen walten lässt oder gleich gar keins. Dass auf diese Weise der Wettbewerb verzerrt und Arbeitsplätze vernichtet werden. Umgekehrt sind sie selbst aber keineswegs bereit, "dem Staat" Vertrauen entgegenzubringen. Lieber werden undifferenzierte Schauermärchen erzählt, selbst in Chefetagen und am Stammtisch ohnehin. Als hätte es den abenteuerlichen, die EU vorsätzlich madigmachenden Mythos über die vorgeschriebene Bananenkrümmung nie gegeben. Und als wäre nicht längst vielfach untersucht und belegt, wie Fake News dieser Art zur Verdrossenheit gegenüber Brüssel im speziellen und sogar gegenüber der Demokratie im Allgemeinen beitragen.
Achtung: Kleingedrucktes beachten
Wer sich sachlich und neutral informieren will, stolpert im Netz alsbald über einschlägige Infoportale. Die Listen der Paragrafen und Gesetze sind lang, viele Notwendigkeiten fußen auf Bundes- und Europarecht. Und sie fallen logischerweise noch lange nicht weg, nur weil es keine Beauftragten mehr gibt für die Umsetzung im Unternehmen. Die neue baden-württembergische Landesregierung verspricht trotz beschränkter Kompetenzen, Bürokratieabbau “konsequent voranzutreiben” und zwar mit dem Effizienzgesetz, "mit dem alle landesrechtlichen Berichts-, Dokumentations- und Nachweispflichten bis zum 31. Dezember 2027 auslaufen, sofern sie nicht ausdrücklich begründet fortgeführt werden". Achtung, zweimal Kleingedrucktes: Es trifft – logischerweise – nur landesrechtliche Pflichten. Und bei "ausdrücklicher" Begründung der zuständigen Behörden kommt der gesamte Passus gar nicht zur Anwendung.




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