Ein alter Esel, ein immermüder Hund, eine verbitterte kratzige Katze und ein zäher Hahn leisten für uns Menschen nicht mehr genug und werden fortgejagt. Tendenz steigend. Doch weil wir hier keine Märchen erzählen, treffen sich die verjagten Tiere nicht in Bremen, sondern eher zufällig in Stuttgart, jenseits vom Eiernest in Heslach, und beschließen zusammenzubleiben. Ihr Wahlspruch lautet: "Was besseres als den Tod finden wir überall!".
An den Kreuzungen des Lebens trafen sich Mascha Riepl-Schmidt und ich wieder und wieder über die Jahre. Wir trafen uns, wenn wir unterwegs waren zu den Lebenden und Lehrenden, den widerspenstigen Geistern nach '45, die was Besseres als den Tod finden und dafür streiten wollten. Wir trafen uns bei Gruppenabenden der Sozialistischen Falken, auf Seminaren in Naturfreundehäusern, bei Ostermärschen, zum 1. Mai, beim Antikriegstag. Im linkssozialistischen Freundeskreis um Susanne Leonhardt und Fritz Lamm, im Club Voltaire. Wir trafen uns im Theaterhaus, denn das hatten wir gegründet (ein paar andere waren auch dabei), beim Bürgerprojekt der AnStifter. Das alles war auch deine Heimat, Mascha.
Ans Licht bringen und am Leben halten
Am 21. Mai 1941 schrieb die Stuttgarter Pazifistin und SPD-Politikerin Anna Haag in ihr Kriegstagebuch:
"Nicht die gelegentliche und zu allen Zeiten als Begleiterscheinung des normalen Lebens auftretende Niedertracht ist es, die mich im Innersten aufwühlt, sondern die Tatsache, daß bei uns zu Lande gegenwärtig die Niedertracht zum Prinzip erhoben ist – die braune Pest."
Solche Zitate musst du erst einmal finden, meine Freundin! Das reicht aber nicht, du musst sie aufschreiben. Das reicht aber nicht, du musst dafür sorgen, dass sie bekannt werden und bekannt bleiben. Das reicht aber nicht, du musst dafür sorgen, dass sie verstanden werden: heute.
Mascha Riepl-Schmidt war lebenslang auf der Suche nach dem Leben hinter den Worten. Sie liebte Musik und Tanz und Theater, Essen bei Christine und Paolo Secci und das alte und junge Ensemble von Eric Gauthier. Sie liebte die großen Sommer mit der Familie in den Weiten Frankreichs, den zünftigen Streit um den besten Weg. Aber man muss ihn nicht nur kennen, sondern auch gehen.
Neues Denken: dringend gebraucht
Geboren wurde Mascha Riepl-Schmidt am 22. Dezember 1942 in Stuttgart. Der Hang zu Widerspruch und Widerstand scheint ihr in die Wiege gelegt worden zu sein. Die Wohnung im "Eiernest", der Arbeitersiedlung in Stuttgart-Heslach, war nach 1945 ein Zufluchtsort: für Verfolgte, etwa solche, die anders lebten oder liebten, Homosexuelle, die in einer noch lange feindseligen Gesellschaft Schutz suchten.




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