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Zum Tod von Mascha Riepl-Schmidt

Sie suchte das Leben hinter den Worten

Zum Tod von Mascha Riepl-Schmidt: Sie suchte das Leben hinter den Worten
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Wohl niemand kannte sich mit Frauengeschichte im Südwesten so gut aus wie Mascha Riepl-Schmidt. Unzählige vergessene Frauenbiografien holte die Stuttgarterin ans Licht, war zugleich stets ein streitbarer politischer Kopf. Ende März ist sie mit 83 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Ein alter Esel, ein immermüder Hund, eine verbitterte kratzige Katze und ein zäher Hahn leisten für uns Menschen nicht mehr genug und werden fortgejagt. Tendenz steigend. Doch weil wir hier keine Märchen erzählen, treffen sich die verjagten Tiere nicht in Bremen, sondern eher zufällig in Stuttgart, jenseits vom Eiernest in Heslach, und beschließen zusammenzubleiben. Ihr Wahlspruch lautet: "Was besseres als den Tod finden wir überall!".

An den Kreuzungen des Lebens trafen sich Mascha Riepl-Schmidt und ich wieder und wieder über die Jahre. Wir trafen uns, wenn wir unterwegs waren zu den Lebenden und Lehrenden, den widerspenstigen Geistern nach '45, die was Besseres als den Tod finden und dafür streiten wollten. Wir trafen uns bei Gruppenabenden der Sozialistischen Falken, auf Seminaren in Naturfreundehäusern, bei Ostermärschen, zum 1. Mai, beim Antikriegstag. Im linkssozialistischen Freundeskreis um Susanne Leonhardt und Fritz Lamm, im Club Voltaire. Wir trafen uns im Theaterhaus, denn das hatten wir gegründet (ein paar andere waren auch dabei), beim Bürgerprojekt der AnStifter. Das alles war auch deine Heimat, Mascha.

Ans Licht bringen und am Leben halten

Am 21. Mai 1941 schrieb die Stuttgarter Pazifistin und SPD-Politikerin Anna Haag in ihr Kriegstagebuch:

"Nicht die gelegentliche und zu allen Zeiten als Begleiterscheinung des normalen Lebens auftretende Niedertracht ist es, die mich im Innersten aufwühlt, sondern die Tatsache, daß bei uns zu Lande gegenwärtig die Niedertracht zum Prinzip erhoben ist – die braune Pest." 

Solche Zitate musst du erst einmal finden, meine Freundin! Das reicht aber nicht, du musst sie aufschreiben. Das reicht aber nicht, du musst dafür sorgen, dass sie bekannt werden und bekannt bleiben. Das reicht aber nicht, du musst dafür sorgen, dass sie verstanden werden: heute.

Mascha Riepl-Schmidt war lebenslang auf der Suche nach dem Leben hinter den Worten. Sie liebte Musik und Tanz und Theater, Essen bei Christine und Paolo Secci und das alte und junge Ensemble von Eric Gauthier. Sie liebte die großen Sommer mit der Familie in den Weiten Frankreichs, den zünftigen Streit um den besten Weg. Aber man muss ihn nicht nur kennen, sondern auch gehen.

Neues Denken: dringend gebraucht

Geboren wurde Mascha Riepl-Schmidt am 22. Dezember 1942 in Stuttgart. Der Hang zu Widerspruch und Widerstand scheint ihr in die Wiege gelegt worden zu sein. Die Wohnung im "Eiernest", der Arbeitersiedlung in Stuttgart-Heslach, war nach 1945 ein Zufluchtsort: für Verfolgte, etwa solche, die anders lebten oder liebten, Homosexuelle, die in einer noch lange feindseligen Gesellschaft Schutz suchten.

Die Eierstraße war ein Ort, an dem Haltung nicht behauptet, sondern gelebt wurde. Dort war Heimat. Der Vater Albert Schmidt, Antifaschist, bis 1933 aktiv in der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), später Häftling im KZ Heuberg: einer der zu wenigen, die sich nicht beugen ließen. Maschas Mutter Trudel engagierte sich bei der Arbeiterwohlfahrt. Man lernt von Kind auf, dass Demokratie kein Zustand ist, sondern eine Tätigkeit.

Mascha Riepl-Schmidt studierte Romanistik, Philosophie und Germanistik, legte beide Staatsexamen ab und fand ihren Weg dorthin, wo ihr Denken am dringendsten gebraucht wurde: in die Frauengeschichte, in die verdrängten Kapitel des 18., 19. und 20. Jahrhunderts, in die Biografien derer, die zu oft übersehen wurden. Und von denen ohne sie viele noch heute übersehen geblieben wären.

"Wider das verkochte und verbügelte Leben"

Seit 1982 arbeitete sie in literarischen Projekten zur Geschlechtergeschichte, seit 1991 lehrte sie unter anderem an der Fachhochschule für Sozialwesen in Esslingen zu Frauen- und Familienpolitik, zu Ursachen und Wirkungen – und immer im Kampf "wider das verkochte und verbügelte Leben", so der Titel eines ihrer Bücher. Wissen verpflichtet, was viele vergessen.

Mascha Riepl-Schmidt schrieb über unzählige Frauen, die jeweils auf ihre Weise gegen Enge, Unrecht und Vergessen lebten. Sie schrieb über Clara Zetkin, die Sozialistin, Pazifistin und Frauenrechtlerin, die die Meinung vertrat, die Befreiung der Frau sei nur durch eine Veränderung der Gesellschaftsordnung möglich. Sie schrieb über Anna Haag, die den Nationalsozialismus mit klarem Blick und großem Mut beschrieb und die wusste, dass man Unrecht nicht dadurch überwindet, dass man es hinnimmt. Und 2016 promovierte sie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit einer Arbeit über Therese Huber: eine Frau, die zwischen Aufklärung und bürgerlicher Realität ihren eigenen Weg suchte. "Ich will Weisheit tauschen gegen Glück" – dieser Titel ihrer Dissertation blieb bei ihr nicht Theorie. Denn Mascha wusste: Glück ist nichts, das man privat sichern kann, während die Welt aus den Fugen gerät.

Wer widerspricht, nimmt ernst

Wer ihr begegnete, traf auf eine lebensfrohe, zugewandte Frau, die lachen konnte, die sich widersprechen konnte im selben Satz. Nun denk mal drüber nach, was richtig ist. Sie war streitbar, ja. Aber nie aus Lust am Streit. Sondern aus Respekt vor der Sache. Wer widerspricht, nimmt ernst: das Ernstnehmen als freundlichste Form der Zuwendung – zu Menschen und ihren Projekten.

So ernst und intensiv sie forschte und lehrte, der Elfenbeinturm war ihres nicht. Sie ging auf die Straße, engagierte sich, politisch, zivilgesellschaftlich. Wo anfangen, wo aufhören?

Da waren der Ostermarsch seit 1961, das Festival "Zu Gast bei Gastarbeitern" auf dem Killesberg, die Menschenkette von Ulm nach Stuttgart. Da waren zahlreiche Frauenprojekte, da war das Parteifreie Bündnis Eugen Eberle, auf dessen von Frauen dominierter Liste sie stand (auch wenn am Ende immer nur Eberle in den Stuttgarter Gemeinderat gewählt wurde). Da waren die AnStifter, die Stolperstein-Initiativen, das Projekt Stolperkunst, der Kampf um dem Erinnerungsort "Hotel Silber" in der ehemaligen Gestapozentrale. Und dann der Verein "Frauen & Geschichte", der einer einfachen Idee folgte: Geschichte gehört nicht ins Archiv. Sie gehört ins Leben.

Wie das geht? Auch das zeigte Mascha Riepl-Schmidt immer wieder selbst. Sie schrieb etwa nicht nur über die Ärztin und Schriftstellerin Else Kienle, die lange in Stuttgart lebte und schon um 1930 gegen den Paragrafen 218 kämpfte, gegen die Strafbarkeit der Abtreibung. Sie engagierte sich auch dafür, dass 2016 eine Staffel im Stuttgarter Osten in "Else-Kienle-Staffel" umbenannt wurde. Und sie ging lange davor "gegen das Gesetz und das Gericht der Männer" auch selbst auf die Straße, demonstrierte gegen den Paragrafen 218, ganz vorne dabei.

Versteh die Welt, dann kannst du sie verändern

Leben lassen sich selten erzählen. Man muss sie erleben. Aber was, wenn man nicht dazukam? Weil zu viel in der Küche zu tun war, weil man abends zu müde war, weil man zu spät geboren wurde oder zu früh gehen musste? Was viele Frauen, über die sie schrieb, erlebten, war auch Mascha Riepl-Schmidt nicht fremd: Die Männer mochten über Revolution und Emanzipation und Frauenrechte sprechen, sie blieben einfach sitzen und ließen die alten Rollen dort, wo sie schon so schön verteilt waren.

Mascha Riepl-Schmidt hatte ein feines Gespür für die Widersprüche unserer Zeit: Die Welt so zu verstehen, dass du sie verändern kannst – das ist auch eine Form von Haltung. Zugewandtheit gehört dazu, Türen öffnen. Nicht aufgeben. Nicht im Denken. Nicht im Erinnern. Nicht im Handeln. Hoffnung ist nichts für Bequeme. Also Solidarität im Alltag.

Ein Augenzwinkern zum Abschied. Und ein Nachruf mit Augenzwinkern darf sich erlauben, eine kleine Vermutung zu äußern: Sollte es so etwas wie ein Jenseits geben – weiß man's? –, dann hat Mascha dort bereits damit begonnen, historische Ungerechtigkeiten zu recherchieren, Diskussionsrunden zu organisieren und längst vergessene Frauenbiografien ans Licht zu holen. Und sollte es kein Jenseits geben, dann bleibt immerhin das, was sie hinterlassen hat – und das ist mehr als genug, um weiterzuarbeiten, auf Jahre.

Mascha Riepl-Schmidt starb am 25. März 2026. Mit ihren Töchtern Claudia und Nele und ihrem Mann Stefan Tümpel trauert eine große Kommune. Mascha hinterlässt uns keine einfachen Antworten, sie hinterlässt uns auch ihre Sorgen: über eine Welt, die unsicher geworden ist, über Menschen, die sich vor der Zukunft fürchten, über Gesellschaften, die Orientierung suchen und oft bei den falschen Antworten landen.

Und sie hinterlässt uns ihren Appell: Gebt nicht auf.


P.S.: So viel Wissen, so viel Geschriebenes, und das ist ja längst nicht komplett. Für eine Übersicht über ihre Bücher und Texte da schau her.

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