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Pseudogewerkschaft Zentrum

Mitglied fühlt sich "verarscht" und tritt aus

Pseudogewerkschaft Zentrum: Mitglied fühlt sich "verarscht" und tritt aus
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Zu den kommenden Betriebsratswahlen wird auch Zentrum, ein AfD-naher Verein aus Stuttgart, Kandidaten aufstellen. Seine Vertreter geben sich in Betrieben als "Kümmerer", die professionelle Gewerkschaftsarbeit anbieten. Ein Ex-Zentrumsmitglied sieht das allerdings anders. Und warnt.

Demnächst beginnen die Betriebsratswahlen, vom 1. März bis 31. Mai werden deutschlandweit betriebliche Interessenvertretungen gewählt. Auch Zentrum kandidiert in manchen Betrieben, ein rechter Verein aus Stuttgart, der sich selbst als "alternative Gewerkschaft" bezeichnet. 2009 ist die damals elfköpfige Truppe um den ehemaligen Rechtsrocker (Noie Werte) Oliver Hilburger zum ersten Mal im Mercedes-Werk Untertürkheim zu den Betriebsratswahlen angetreten, damals noch unter dem Namen "Zentrum Automobil". 

Seitdem versucht der Verein größeren Einfluss zu bekommen in deutschen Betrieben. In einer Werbung für die Betriebsratswahl 2026 auf der Zentrums-Homepage steht: "Zentrum ist ein stetig wachsendes Netzwerk alternativer Betriebs- und Personalräte und ist bundesweit in allen Arbeitsbereichen und Industriezweigen aktiv." Was groß klingt, so aber nicht stimmt. Die Pandemie brachte Aufschwung und Hoffnung, war doch damals der Plan, mit Bundeswehr und Polizei auch Sicherheitsbehörden in die eigenen Reihen zu locken, ebenso die Pflegebranche, was letztlich weitestgehend erfolglos blieb. Aktuell hält Zentrum in acht Betrieben 18 Betriebsratsmandate von insgesamt 180.000 Betriebsratsposten in Deutschland.   

Die Frage "Warum solltest du dich zur Wahl stellen?" beantwortet Zentrum wie folgt: "Als Betriebsrat förderst du den Zusammenhalt und die Solidarität unter den Beschäftigten. Du stärkst die Gemeinschaft und sorgst dafür, dass die Anliegen der Belegschaft gehört werden." Auch das ist so nicht richtig. Vor allem geht es den Zentrums-Leuten seit jeher darum, die DGB-Gewerkschaften, explizit die beiden großen Verdi und IG Metall, zu diskreditieren. Und so die Belegschaft zu spalten und damit zu schwächen. Einer, der dabei war, berichtet Kontext von einer Mitgliederversammlung, in der es offenbar um kaum etwas anderes ging, als um die Bekämpfung der IG Metall.  

Der Verein lebt von Angst

Dabei verspricht Zentrum: "Wir verwenden deine Beiträge ausschließlich für DEINE Interessen – nicht für politische Kampagnen, nicht für Weltanschauungsprojekte, nicht gegen Andersdenkende." Auch das stimmt so nicht, denn Zentrum ist der verlängerte Arm der AfD in die Arbeitswelt. Der Verein lebt von der Angst der Beschäftigten vor Veränderungen, vor allem im Automobilsektor. 

Zeitweise hatte die partielle Nähe der AfD in Baden-Württemberg zu Zentrum hohe Wellen geschlagen innerhalb der Partei, denn nahezu der gesamte Vorstand des Vereins bestand aus Männern mit harter Nazi-Vergangenheit, was selbst für die AfD imagemäßig unvorteilhaft ist. Vor allem Alice Weidel versuchte, Zentrum irgendwie loszuwerden, unterlag letztlich aber den Hardlinern innerhalb ihrer Partei. Zeitweise stand Zentrum sogar auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD, recht schnell aber nicht mehr.  

Schon seit Gründung gibt es immer wieder Verbindungen zur extremen Rechten – das "Compact"-Magazin war vor allem Sprachrohr des Zentrums, als am Rande einer Corona-Demo in Stuttgart drei Vereinsmitglieder verprügelt wurden. Zum Prozess kamen Unterstützer von der Heimat, ehemals NPD, und vom "Dritten Weg". Immer wieder trat Zentrum mit dem rechtsextremen "Compact"-Magazin auf, mit Identitären wie Martin Sellner, dem extrem rechten Kampagnen-Verein "Ein Prozent", beim Verschwörungs-Quatsch-Sender "AUF1". 

Und immer wieder tritt Hilburger bei der AfD auf oder AfDler:innen mit Hilburger. Die AfD-Bundestagsabgeordnete Christina Baum war im April 2025 auf einer Pressekonferenz des Vereins, offenbar ist auch sie Zentrumsmitglied. Zentrumsvertreter nahmen kürzlich auch an einer Sitzung des thüringischen Landtags teil, in der es um die Zukunft der Automobilindustrie ging. Im Land von Björn Höcke also, ebenfalls ein ausgewiesener Zentrum-Fan, der auf mehreren Parteitagen in der Vergangenheit vehement bekannte, dass Zentrum ein Vorfeld sei, das die Partei dringend brauche.

Auch die Wortwahl ist ähnlich wie bei der AfD: Die Transformation der Autoindustrie zu Elektroantrieben nennt Hilburger, der Chef und Gründer, "sozialistisch motiviert" von Politik, Industrie und IG Metall. E-Mobilität und Energiewende seien "ideologische Großprojekte der linksgrünen Sektierer".   

VW lässt Zentrum nicht rein

Im vergangenen Jahr klagte Zentrum gegen eine VW-Tochter. Der Verein wollte im Werk Isenbüttel im Landkreis Gifhorn Werbung für sich machen, der Konzern jedoch machte "berechtigte Sicherheitsinteressen" geltend, zudem sei Zentrum keine tariffähige Gewerkschaft und verwehrte ihm den Zutritt. Auch das Arbeitsgericht Braunschweig fand, Zentrum hätte wenigstens eine Person nachweisen müssen, die Mitglied des Vereins sei und im Werk arbeite, was nicht in ausreichendem Maße passiert sei.  

Natürlich ist auch bei IG Metall und Verdi nicht alles immer tutti, aber beide sind richtige Gewerkschaften, die Tarifabschlüsse aushandeln können. Zentrum kann das nicht, zu klein, zu unbedeutend. Generell halte sich der Verein sowieso zurück, was innerbetriebliche Politik oder große Linien angeht, ist zu vernehmen. Was daran liege, dass die Leute von Zentrum so ausgegrenzt seien, klagt Hilburger, ein Trump-Fan, in einem Gespräch mit dem AfDler Hans-Jürgen Goßner auf Youtube. Die IG Metall nutze ihre Nähe zu Politikern im Bundestag – Lars Klingbeil war vor ein paar Monaten bei Mercedes in Sindelfingen  – "gravierend aus", schäumt Hilburger da. Nur um wenige Minuten später nachzufragen, wie denn Zentrum und der AfD-Bundespolitiker Goßner zukünftig zusammenarbeiten könnten.

Goßner, Wahlkreis Göppingen und im Bundestag im Ausschuss für Arbeit und Soziales, war mal in der IG Metall, jetzt ist er Zentrumsmitglied. Er überreicht Hilburger eine AfD-Tasse als Geschenk, weil er selbst auch eine Zentrum-Tasse habe, einen AfD-Meterstab, AfD-Feuerzeuge und -Kugelschreiber. Der Bundestag sei eine Showbühne, da finde kein echter Austausch von Argumenten statt, sagt Goßner, als habe er selbst schon Weltbewegendes angedacht. Dabei war er als AfD-Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg vor allem für zwei Dinge bekannt: keine Windkraft in seinem Wahlkreis und die absurde Geschichte um einen roten Kinderroller – nachzulesen hier.

 "Schizophren" sei es, sind sich beide Männer einig, dass Arbeiter:innen verstärkt AfD wählen, sich aber von DGB-Gewerkschaften vertreten lassen. Die Beweggründe laut Goßner: vor allem der Rechtsschutz. Hilburger: "Hat man bei uns übrigens auch. Rechtsschutz vorm Arbeits- und Sozialgericht" und, sagt Hilburger mit einem Anflug von Selbstironie, wenn man schon die falsche Meinung habe, böten sie Anwälte, die auch die falsche Meinung hätten. Das sei ein "nicht zu unterschätzender Faktor".

"Betriebsrat, Betriebsrat, Betriebsrat"

Vielleicht unterschätzt Hilburger da seinerseits auch die Arbeitnehmer. Denen geht es im Ernstfall einfach um anständige Vertretung ihrer Anliegen. In Stuttgart zumindest meldete sich  jüngst ein Arbeitnehmer, der sich schlecht beraten, ja "verarscht" fühlt von Zentrum. Denn das verspricht auf seiner Homepage: "Als Mitglied von Zentrum erhältst du eine umfassende Unterstützung bei arbeits- und sozialrechtlichen Auseinandersetzungen. Über eine kostenlose und kompetente Beratung bis hin zur Vertretung vor Gericht bei erstinstanzlichen Verfahren steht dir unser Team von erfahrenen Anwälten zur Seite." Was sich für den Laien kompetent anhört. 

Im Falle dieses Arbeitnehmers ging es um nichts arbeitsrechtlich Kompliziertes, eigentlich nichts, was zu einem Zerwürfnis führen sollte. So kam es aber.

Montag im Dezember in einer Gaststätte. Der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist wütend. Er wolle "informieren und warnen", damit anderen nicht dasselbe passiert. Es sei "verantwortungslos, rücksichtslos", wie man mit ihm bei Zentrum umgegangen sei, bei dem er Mitglied ist, weil der Mitgliedsbeitrag günstiger sei als bei den anderen Gewerkschaften und er jeden Cent einzeln umdrehen müsse.

Im Juli 2024 hat der Mann einen neuen Job angetreten. Bereits im Februar/März 2025 kam es in seinen Augen zu Ungereimtheiten: unregelmäßige Arbeitszeiten, Überstunden, Zehn-Stunden-Tage, später geht es um ein schlechtes Arbeitszeugnis. Zentrum empfiehlt wegen des Zeugnisses eine Arbeitsrechtsklage. Das koste ihn auch nichts, übernimmt alles der Verein, hieß es. Der Kontakt fand über Monate nur per Mail oder Telefon statt, ein Jurist war – anders als bei richtigen Gewerkschaften – nie zugegen. Immer wieder liest sich aus der Korrespondenz, die Kontext vorliegt, heraus, wie dankbar der Mann ist, dass sich jemand um ihn kümmert. 

Wiederholt, berichtet der Mann, habe ihn die Sachbearbeiterin aufgefordert, doch selbst einen Betriebsrat zu gründen in der Firma, für die er arbeitete. Einmal habe sie sogar "Betriebsrat, Betriebsrat, Betriebsrat" ins Telefon gesungen. Das habe ihn völlig befremdet, erzählt der Mann, dass da wer ins Telefon flötet, während er ein gravierendes Problem habe. Offenbar ist es Zentrum wichtiger, in noch nicht erschlossene Arbeitsbereiche vorzudringen, als einem Mitglied zu helfen.

Wer zahlt hier was?

Zentrum versucht es schließlich mit einem Brief und einem Telefonat mit dessen Arbeitgeber, doch der will vor Gericht. Kurz vor der Verhandlung taucht dann die Frage auf, ob der Arbeitnehmer nun einen Anwalt brauche. Eigentlich nicht, heißt es mehrfach, die Beraterin gehe mit zu Gericht. Dann aber und kurz bevor die Zentrum-Sachbearbeiterin in den Urlaub fährt, schreibt sie folgenden Satz, an dem die Beziehung letztlich scheitern sollte: "Wenn Du das Gefühl hast, dass Dir das zu unsicher ist, dann nimm einen Anwalt." Drei Anwält:innen wurden ihm von Zentrum zur Auswahl genannt, unter anderem Martina Böswald, AfD-Kreisrätin im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Zwei der Empfohlenen hätten ihm aus zeitlichen Gründen abgesagt, erzählt der Arbeitnehmer, einen habe er nicht erreicht, und freundlich seien sie auch nicht gewesen, dabei sei das Verhältnis zwischen Mandant und Anwalt ja eines, das auf Vertrauen basieren sollte. Schließlich suchte er sich eine eigene Anwältin "auf dem freien Markt", nur um dann zu erfahren, dass die nicht bezahlt wird durch den Zentrum-Rechtsschutz. Auch richtige Gewerkschaften übernehmen nur selten Kosten für selbst gesuchte Rechtsvertreter:innen, aber das hätte der Verein doch auf der Homepage, vielleicht ja in der Satzung, vermerken können, klagt der Mann.

Bis heute hat Zentrum die Kosten nicht übernommen, der Mann ist mittlerweile aus dem Verein ausgetreten und arbeitet nicht mehr bei seinem früheren Arbeitgeber. Seine eigene Anwältin, erzählt er, sei sehr kompetent gewesen. Zentrum selbst schreibt auf Nachfrage: "Wir können Ihnen mitteilen, dass die betreffende Person durch die Gewerkschaft Zentrum vollumfänglich, kontinuierlich und satzungsgemäß beraten und unterstützt wurde."

In wie vielen Betrieben Zentrumsleute demnächst kandidieren, ist noch nicht bekannt. Sicher aber ist, dass sich der Verein hartnäckig hält und die steigende Zahl an AfD-Wählenden für sich zu nutzen versucht.

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