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Mafia-Prozesse gegen Polizist

Mafiös und manisch

Mafia-Prozesse gegen Polizist: Mafiös und manisch
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Ein Polizist mit Mafia-Kontakt wurde freigesprochen. Das Stuttgarter Landgericht befand, er wollte seinen Chef nie wirklich verprügeln lassen, wie abgehörte Telefonate nahelegten. Allerdings läuft wegen Geheimnisverrats ein zweites Verfahren gegen den Fellbacher Beamten.

Ob den Angeklagten Eric R. der Freispruch erleichterte, war kaum zu erkennen. Der gedrungene 47-Jährige verfolgte zwar konzentriert den Urteilsspruch, doch wie im gesamten Verfahrensverlauf blieb seine Mimik weitgehend unbewegt. Seine kurzen abschließenden Worte las er wie schon seine einleitenden Worte ab, sie hatten letztlich auch denselben Inhalt wie zu Beginn des Verfahrens: Es tue ihm alles sehr leid.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hatte den Polizeibeamten wegen Anstiftung zum Totschlag angeklagt. Hintergrund: zwei abgehörte Telefonate. Eric R. hatte sich im April 2022 bei seinem italienischen Freund Antonino P. darüber beklagt, dass er nicht befördert wurde. Beim vorherigen Gespräch mit seinem Vorgesetzten Jan Kempe, Revierleiter in Fellbach, hatte R. wegen seiner 25-jährigen Dienstzugehörigkeit nachgefragt: Was denn nun sei? Kempe lehnte ab, denn: Eine Beförderung gehe nicht nach Dienstjahren, sondern nach Leistung, wie er in seiner Aussage vor Gericht sagte. Weil Eric R. der Ansicht war, er sei ein hervorragender Polizist, war er sauer und wollte dem Vorgesetzten eine Abreibung verpassen lassen. Und wer konnte dafür geeigneter sein als sein "fra"? Mit dieser Abkürzung für "fratello", italienisch für Bruder, redeten sich R. und P. auf Whatsapp an, wie aus der Verlesung einiger Chatnachrichten vor Gericht deutlich wurde.

In einem Telefonat Mitte April sagte Eric R. zu seinem Freund, er habe lange überlegt, ob P. "nicht italienische Killer besorgen" könne, um seinen Vorgesetzten zu verprügeln. Antonino P.: "Darüber schwätzt man nicht am Telefon." Eric R.: "Ich werd' net abgehört." Nein, er – bis dahin – nicht. Aber R.s Freund und Trauzeuge Antonino P. schon. Der 49-Jährige – in Stuttgart geboren, mit italienischem Pass – war im Rahmen der Operation Boreas in die Ermittlungen geraten. Antonino P. steht gemeinsam mit Eric R. noch in einem zweiten Verfahren vor Gericht. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft Stuttgart "die Unterstützung einer kriminellen Vereinigung im Ausland und gemeinschaftlichen gewerbs- und bandenmäßiger Betrug" vor sowie dass er seinen Polizistenfreund angestiftet habe, Dienstgeheimnisse zu verraten. Konkret: P. bat R., im Polizeicomputer zwei Kfz-Kennzeichen abzurufen, um zu erfahren, ob die Polizei nach einem Kumpel von ihm fahnde. Eric R. schaute nach und gab Entwarnung. Übrigens nutze er seinen Zugang auch, um die Namen seiner gesamten Familie und den eigenen abzurufen. Warum, wird vielleicht noch im Laufe des zweiten Verfahrens geklärt.

In Italien hat er den Beinamen "der Buchhalter"

Antonino P. wird vorgeworfen, für eine regionale Organisation der kalabrischen Mafia 'Ndrangheta, nämlich für die Ndrina Greco gearbeitet zu haben. Diese Mafia-Gruppe hat offenbar von Fellbach aus über eine Fakefirma Lebensmittel in Italien bestellt, nie bezahlt und sie dann hiesigen Gastronomen zum Teil aufgezwungen. Deswegen steht in einem weiteren Verfahren ein weiterer Italiener in Stuttgart vor Gericht. In der Anklageverlesung gegen ihn kam der Name Antonino P. mehrmals vor, die Info, dass an zwei Polizisten günstig Olivenöl verkauft wurde, war auch interessant.

Die 'Ndrangheta in der Region

Vier Jahre lang ermittelten italienische und deutsche Strafverfolgungsbehörden gegen mutmaßliche Mitglieder der kalabrischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta. Am 1. April 2025 schlugen sie zu: In Italien, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland gab es 40 Durchsuchungen, 34 Haftbefehle wurden vollstreckt. Der Rems-Murr-Kreis gilt schon lange als ein Schwerpunkt der italienischen organisierten Kriminalität. So wurde Fellbach in den Neunzigerjahren bekannt, als die Verbindung des italienischen Gastwirts Mario L. mit Günther Oettinger, damals Fraktionsvorsitzender der CDU-Landtagsfraktion, später Ministerpräsident, bekannt wurde. Mario L. sitzt mittlerweile in Italien im Gefängnis. 

Am Landgericht Stuttgart begannen Mitte Dezember/Anfang Januar vier Verfahren: gegen den Polizeibeamten Eric R. wegen des Verdachts auf Anstiftung zum Totschlag, der nun mit einem Freispruch endete; gegen Eric R. und seinen Freund Antonino P. wegen Verletzung des Dienstgeheimnisses, Unterstützung einer kriminellen Vereinigung im Ausland, gemeinschaftlichen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs; gegen drei Italiener wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung, räuberischer Erpressung, unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln; sowie gegen einen Italiener wegen Steuerhinterziehung im besonders schweren Fall, gemeinschaftlichen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs u.a..  (lee)

Auch in italienischen Zeitungen taucht Antonino P. in der Berichterstattung über die Festnahmen im Rahmen der Operation Boreas auf: Demnach führen die italienischen Ermittlungsbehörden ihn als "der Buchhalter".

Und mit dem also war Eric R. seit 2018 dick befreundet. Vor Gericht berichtete eine Polizeibeamtin, die das Handy des Polizisten ausgelesen hatte, dass die beiden nahezu täglich telefonierten oder chatteten, sich oft kurz zum Rauchen am Hintereingang der Polizeiwache in Fellbach trafen. 2019 flogen sie zusammen für ein paar Tage nach Neapel, um dort für Eric R. einen Hochzeitsanzug zu kaufen. Wer die Reise bezahlte, wurde vor Gericht bislang nicht erörtert, auch nicht, ob es weitere Reisen gab. Laut den Ermittlungen hatte P. den Beamten zu Beginn der Freundschaft eingeladen, in einem seiner italienischen Häuser gratis Urlaub zu machen. Ob R. das Angebot annahm, ist noch unklar. Die Hochzeit aber wurde offenbar groß gefeiert. Eric R. schenkte nicht nur seinem Trauzeugen Antonino P., sondern auch dem DJ, dem Caterer und Fotografen jeweils eine Polizeimütze, wie Eric R.s Anwalt Bernd Kiefer sagte.

Ein durchschnittlicher Beamter

Im Dienst unterdessen schien R. nicht sonderlich aufzufallen. Sein Vorgesetzter Kempe sagte vor Gericht aus, R. sei "aufgefallen als jemand, der große Sprüche macht". Weiter fielen die Worte "sehr selbstbewusstes Auftreten", "vorlaut", "machohaftes Gehabe", "proletenhaft". Was die Leistung angehe, sei R. ein "durchschnittlicher Beamter" gewesen, ganz ordentlich, aber "kein Leistungsträger". Irritiert allerdings habe ihn, Kempe, das Benehmen von R. bei dem Gespräch im März 2022 anlässlich von R.s 25-jährigen Dienstjubiläum. Da habe der sich "in den Sessel gefläzt", an fast jedem Finger einen Ring, sei extrem gut drauf gewesen. Mehr gedacht habe er sich dabei aber nicht.

Wenig später hatte Eric R. Schwindelanfälle, wurde versetzt, kam zurück und bekam schließlich eine neue Aufgabe im Präsidium Technik und Logistik in Stuttgart, wo es ihm offenbar gut gefallen habe, so Kempe. 2024 wurde R. langzeitkrank, was R. hatte, wusste Kempe nicht.

Es scheint kaum verwunderlich, dass Kempe nicht unbedingt mehr über dessen Krankheit wissen wollte. Denn er, Kempe, war es ja, den R. laut Telefonat mit P. verprügeln lassen wollte, gerne so, dass es für ein Vierteljahr Krankenhaus reichen würde, wie er in einem zweiten Gespräch mit P. sagte. Als die Boreas-Ermittler 2022 diese Gespräche hörten, informierten sie Kempe umgehend. Denn, so einer der leitenden Ermittler vor Gericht, man nahm das Gespräch sehr ernst. Der Tonfall der beiden Männer am Telefon sei sachlich gewesen. Man habe sogar überlegt, die gesamte Operation Boreas abzubrechen. Angesichts der internationalen Ermittlungen nahm man davon aber Abstand. Stattdessen wurde Kempe umfangreich bewacht. "Eine sehr belastende Situation" sei das gewesen, sagte Kempe. Als nichts passierte, war Ende 2022 "Aufatmen angesagt", so der 60-Jährige. Dass er während der Zeit dienstlich mit R. zu tun hatte, habe das Leben nicht einfacher gemacht. Aber irgendetwas gemerkt an R.s Verhalten habe er nicht.

Bei seiner Aussage sagte R.s Rechtsanwalt zu Kempe, er selbst schätze, dass R. "ein Schutzmann des alten Schlages" sei. Kempe: "Was meinen Sie damit?" Anwalt: "Hemdsärmlig, kein Griffelspitzer, aufs Wesentliche konzentriert." Kempe ließ den Anwalt auflaufen: Hemdsärmlig sei nicht professionell.

Ausgabe 773 vom 21.01.2026

Keine Überraschung

Von Gesa von Leesen (Interview)

Behörden haben die Mafia hierzulande jahrelang unterschätzt – dabei bedroht sie auch in Baden-Württemberg die Wirtschaft. Der deutsch-italienische Journalist Sandro Mattioli beschäftigt sich schon lange mit dem Thema. Im Interview betont er, warum die aktuellen Mafia-Prozesse in Stuttgart besonders sind.

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Dann kommt der Gutachter

Kein gutes Zeugnis für den Polizeibeamten Eric R. also. Doch dann kam der vom Gericht bestellte psychiatrische Gutachter Hermann Ebel. Der hatte R. in der Untersuchungshaft befragt, außerdem mit dessen Ehefrau telefoniert und kam zu dem Schluss: Eric R. leidet an einer schweren bipolaren Störung, die bislang unentdeckt geblieben sei. Ebel war sich sicher: "Es besteht eine manische Episode seit Ende November 2021 bis Juli/August 2022, möglicherweise darüber hinaus." Darauf ließen die Schilderungen des Betroffenen und dessen Ehefrau schließen: R. habe zeitweise kaum geschlafen, fasste wilde Pläne, wie ein schusssicheres Haus auf der Alb zu bauen, war dann wieder zu Tode betrübt, extrem schnell aufbrausend. Dazu passe auch, dass er anschließend eine depressive Phase gehabt habe, weswegen er sich in Therapie und auch in stationäre Behandlung begeben habe. Ebel führte auf, dass Maniker sich selbst extrem überschätzen, ihre Steuerungsfähigkeit zum Teil aufgehoben sei. Allerdings könne die Krankheit präventiv gut mit Medikamenten behandelt werden, und er würde keine Unterbringung in einer Anstalt empfehlen, zumal R. ein stabiles familiäres Umfeld habe.

Wegen der Krankheit forderte der Staatsanwalt am Ende denn auch Freispruch, blieb aber dabei, dass die Anklage "versuchte Anstiftung zum Totschlag" stimme: R. habe gewusst, dass Kempe bewaffnet sei, sich also wehren würde und dass P.s Leute zu weit gehen könnten. Er habe also den Tod von Kempe in Kauf genommen. Dem widersprach der Rechtsanwalt. Es sei gar keine "Anstiftung zum Totschlag" gewesen, denn die Telefonate seien nicht ernst gemeint gewesen, zudem habe P. das Gerede von R. als dummes Zeug eingeschätzt und also nie etwas unternommen.

Letztlich folgte die Kammer dieser Argumentation. Zwar sei das Verhalten von Eric R. moralisch verwerflich, zumal wenn man den mafiösen Hintergrund von P. einbeziehe, doch um Anstiftung zum Totschlag sei es nicht gegangen, so die Richterin. Zumal nie über Bezahlung, Ort, Zeitpunkt geredet worden sei. Der Ton zwischen den beiden Männern sei manchmal derb gewesen, auch sei mehrmals flapsig über Gewalt geredet worden. Dazu komme der mafiöse Hintergrund von P.. Es passe nicht zur Mafia, einfach einen Unbekannten zu überfallen. Denn das berge ein erhebliches Risiko und Aufsehen und eben das wolle die Mafia ja vermeiden. Zu all dem komme noch die psychische Erkrankung von Eric R., somit ergebe die Gesamtschau: R. wollte seinen Chef nicht ernsthaft verprügeln lassen. Freispruch. Ob er für seine Untersuchungshaft vom 1. April bis zum ersten Verhandlungstag in Stuttgart im Dezember Entschädigung bekommen müsse, konnte das Gericht nicht entscheiden. Das hängt vom Ausgang des zweiten Verfahrens wegen Geheimnisverrats ab.

Dafür hat das Landgericht noch sieben Verhandlungstage angesetzt. Zu erwarten ist, dass R.s Anwalt auch da die Bipolarität anführen wird. Allerdings bestand die Freundschaft zwischen R. und Antonino P. schon seit 2018 und dass man Polizist in Fellbach ist und nichts über die Mafiaaktivitäten vor Ort wisse – das, erklärte einer der Boreas-Ermittler vor Gericht, könne er sich nicht vorstellen.

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1 Kommentar verfügbar

  • Martin Deeg
    37 minutes ago
    Reply
    Ich habe mir als ehem. Polizeibeamter die Urteilsbegründung am vergangenen Freitag angehört: anders als der Bericht teilweise suggeriert, sind die von der Vorsitzenden Richterin Albrecht vorgetragenen Feststellungen absolut schlüssig und weder "moralisch" noch strafrechtlich in irgendeiner Weise zu…
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