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Kleingärten in Stuttgart

Vorfahrt für Echsen

Kleingärten in Stuttgart: Vorfahrt für Echsen
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Im Stuttgarter Rosenstein-Viertel will die Stadt eine "Maker City" bauen. Für die dadurch vertriebenen Mauereidechsen braucht es ein Ersatzhabitat. Also müssen langjährige Pächter von Kleingärten weichen. Das findet sogar der Naturschutzbund seltsam.

"Am Ostersamstag haben wir die Kündigung gekriegt", sagt Norbert Gunkel. Bis Ende des Jahres sollen sie ihre Gartenhäuser leerräumen. Auf dem Schnarrenberg in Stuttgart zwischen Münster und Zuffenhausen sollen sechs langjährige Pächter einem Ersatzhabitat für Mauereidechsen weichen. Die Gerätereparaturen, die er für Nachbarn angeboten hatte und in seinem Gärtchen tätigte, kann Gunkel in Zukunft nicht mehr anbieten – zu Hause hat er keinen Platz dafür. Auch mit seinem großen Hobby, dem Schnitzen, wird es aus Platzgründen jetzt schwierig. Die Werke, die noch in seinem Garten stehen, nimmt er als Erinnerung nach Hause.

Die Pächter haben von der Stadt Ersatzgärten angeboten bekommen, Gunkel selbst hat sich drei davon angeschaut – empfand sie teils aber als zu "verwahrlost", keiner sei jedenfalls mit seinem alten, lange Jahre gepflegten Pachtgarten vergleichbar gewesen. Der fast 80-Jährige fühlt sich zudem zu alt, um nun noch einmal ganz neue Wege in Sachen Gärtnern zu gehen. Zudem hat er das Vertrauen in die Stadt als Verpächter verloren: "In Stuttgart von der Stadt einen Garten zu pachten, das ist ein Lottospiel – der kann am nächsten Tag weg sein."

Ausgabe 571, 09.03.2022

Am falschen Ende der Hackordnung

Von Thomas Rahmann

Bauprojekte, Eidechsen, Kleingärten – in dieser abfallenden Reihenfolge stellt sich die Stufenleiter in Stuttgart dar, wenn es um den Anspruch auf Grundstücksflächen geht. Auf dem Schnarrenberg sollen sechs langjährige Pächter weichen. Hier ist ein Ersatzhabitat für Mauereidechsen geplant.

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"Auch mein Teich wird wahrscheinlich niedergemacht", fährt Gunkel fort. Er hatte dort ein selbst gezimmertes Miniatur-Schwarzwaldhäuschen mit einem keinen Wasserrad aufgestellt. Gunkel tut es um die Molche leid, die in und um seinen Teich wohnen. Ohnehin habe er gerade in diesem Jahr einen Zuwachs an Eidechsen auf dem Grundstück entdeckt: "Da hat es überall gewimmelt."

Auch Hans-Peter Kleemann vom Naturschutzbund (Nabu) hat den Eindruck, dass "im Bereich der Umsiedelung schon sehr viele Eidechsen unterwegs zu sein scheinen". Das führt er unter anderem auf Bauarbeiten an den Bahnböschungen zurück: Die Eidechsen seien einfach in die Pachtgärten geflüchtet, die sich in der Nähe der Gleise befinden. Bei verschiedenen Grundstücks-Begehungen haben er und sein Kollege Ulrich Tammler eine "gewisse strukturelle Vielfalt erkennen können, die eine ganze Ansammlung von Tieren begünstigt". Der Nabu habe die Stadt öfters auf diese Bedenken hingewiesen: "Es ist im Endeffekt nicht darauf eingegangen worden, eine Nachuntersuchung zu dieser Situation hat nicht stattgefunden."

Der Nabu hatte den Pächtern angeboten, als Kläger vor Gericht gegen die Stadt aufzutreten, die Kosten hätten aber von den Pächtern übernommen müssen – insgesamt fehlten die finanziellen Mittel, den juristischen Weg einzuschlagen.

Kleemann sieht zudem das Problem, dass die Umsiedlung von Eidechsen nur selten erfolgreich sei. Dadurch komme Stuttgart laut dem Naturschützer seinen Verpflichtungen nicht nach, die aufgrund des europäischen Artenschutzgesetzes bestehen. Besser wäre es ihm zufolge, wenn die Eidechsen einfach in der Innenstadt bleiben können, anstatt dass die Stadt sich im Bereich des Nordbahnhofs weiter verdichtet. Das wäre auch für die Bürger:innen das Beste: "Was in Stuttgart fehlt, sind Grünflächen, die Frischluft schaffen und die uns Stuttgartern die zukünftige Klimasituation ertragen lassen."


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