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Protest gegen "Querdenker"

Stinkefinger kostet 278,50 Euro

Protest gegen "Querdenker": Stinkefinger kostet 278,50 Euro
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Während "Querdenker" zu Tausenden ungehindert durch die Stadt ziehen, verfolgt die Polizei einen Rentner. Für einen Stinkefinger gegen die selbsternannten Freiheitskämpfer soll er eine saftige Strafe zahlen.

An Joachim Schlegels Balkon in Bad Cannstatt hängt ein Transparent, gut sichtbar für alle, damit sie wissen, was auf sie zukommt, wenn sie zur Demo gehen: "Vorsicht: Bill Gates hat den Wasen verstrahlt". Spott und Hohn, na klar. Für ihn, für andere nicht. Aluhüte sagen zum Beispiel, der Gründer von Microsoft und Multimilliardär sei verantwortlich für das Corona-Virus und ein Überwachungschipeinpflanzer. Also obacht geben.

Schlegel ist nüchterner. Seine Vita hat ihn Realität gelehrt, als gelernter Maschinenbauer, als Architekt, der für Daimler in China, Indien und den USA gearbeitet hat, und als ehrenamtlicher Bewährungshelfer. Ihm gehen die "Querdenker" auf den Senkel. Und das hat den 71-Jährigen dazu bewogen, ihnen am 20. Dezember 2020 den Mittelfinger entgegen zu recken. Vor dem Kleinen Haus am Eckensee. Eingefunden hat sich ein "Schweigemarsch für den Erhalt der Demokratie", weitgehend maskenlos und nah beieinander, initiiert von den 7171-"Querdenkern" aus Schwäbisch Gmünd und genehmigt vom Amt für öffentliche Ordnung, das wissen lässt, man habe bisher kein Problem mit den Veranstaltern gehabt. Eskortiert wird die Demonstration von der Polizei, die schon damals "auf Kommunikation gesetzt" hat, wie die "Stuttgarter Zeitung" festhält.  

Kommunikativ aufgeschreckt von dem Stinkefinger eilen drei OrdnungshüterInnen, so Schlegels Erinnerung, auf ihn zu und beschuldigen ihn zunächst der Beamtenbeleidigung. Dieser Vorwurf wird aber wieder zurückgezogen, weil die Adressaten zu offensichtlich die Demonstrierenden sind, die sich allerdings von dieser "Geste des deutlichen Missfallens" nicht beeindrucken lassen, und von denen auch kein Geschädigter in Erscheinung tritt. Das bremst den Ermittlungseifer freilich nicht. Schließlich habe sich Schlegel mit seinem E-Bike absichtlich in den Weg gestellt, um die Demonstration zu stören. Das weist der Rentner zurück, auch vor dem Hintergrund der potenziellen Übermacht. Aber alles Diskutieren hilft nichts – seine Personalien werden aufgenommen, ein Platzverbot wird ausgesprochen, verbunden mit dem Befehl, sich schleunigst vom Acker zu machen. Die Staatsgewalt notiert 14.15 Uhr. 

Der Rentner ist ein Schulfreund Kretschmanns

Schlegel folgt, absolvierte einen kurzen Termin in der Rotebühlstraße und begibt sich auf den Heimweg via Theodor-Heuss-Straße. Und siehe da, die "Querdenker" sind wieder da, in breiter Front, welchselbige den Rückradler zum Halten zwingt. Direkt vor dem Burger King, gleich neben der Polizeiwache, aus der drei Beamte auf ihn zueilen und sagen, er sei doch derjenige, dem sie bereits am Eckensee ein Platzverbot ausgesprochen hätten. Und zwar für den gesamten Verlauf der Demonstration, worüber der Delinquent erneut in Erstaunen gerät, hat er doch den Eindruck, dass die Freiheitskämpfer sehr frei und ungeordnet herum laufen, so frei, dass er sich die Proteststraßen hätte aufschreiben müssen, die ihm die Polizei genannt haben will. So sie selbige überhaupt gekannt habe, woran er erhebliche Zweifel habe. Oder hätte er es ahnen müssen, "dass mir diese Idioten auf dem Heimweg entgegen laufen" würden?, fragt Schlegel forsch. Das hat dem vernehmendem Beamten nicht gefallen und zu der Bemerkung veranlasst, dies werde noch ein Nachspiel haben.

Es kam in Gestalt eines Bußgeldbescheids vom 3. März 2021. Zur Last gelegt wird Schlegel, am 20.12.2020, um 14.56 Uhr, an der Theodor-Heuss-Straße 15 angetroffen worden zu sein, obwohl er von der Polizei von diesem Platz um 14.15 Uhr verwiesen worden sei. Gemeint ist der Erstkontakt am Eckensee, Gesamtforderung 278,50 Euro. Dagegen wird Joachim Schlegel Widerspruch einlegen.

Da kommt er schon ins Grübeln, der ehrenamtliche Bewährungshelfer, dem so manche Geschichte seiner Klientel nun in einem anderen Licht erscheint. Er frage sich, ob die Polizei nicht ein "merkwürdiges Beschuldigungsverhalten" an den Tag lege, wenn sie einen 71-jährigen Rentner verfolge, der vorschriftsmäßig mit Maske unterwegs sei, sich nie etwas zuschulden kommen lassen habe, und auf der anderen Seite offensichtliche Rechtsverstöße ungeahndet lasse.

Joachim Schlegel ist ein Jugendfreund von Winfried Kretschmann. Die gemeinsame Schulzeit in Riedlingen ist zwar lange her, "Kumpel Kretsche" erscheint aber nach wie vor zu runden Geburtstagen. Zuletzt zum 70. Ohne Entourage, einfach so, weil Oberschwaben und Oberschwäbinnen saulustig sein können.  


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7 Kommentare verfügbar

  • Die auf 80.000 Leichen tanzen
    am 16.04.2021
    Antworten
    Ja, das ist eineutig!

    Die Polizei in Stuttgart schützt „friedliche Leute der bürgerlichen Mitte“ So nobel werden die Nazis und Verschwörungsfanatiker bezeichnet, die
    - die Bundeskanzlerin lynchen wollen,
    - zu (körperliche) Gewalt gegen Andere und
    - zum Staatsstreich zugunsten von rechts…
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