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Tränen eines Hypochonders

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Hilft die rechtzeitige Panik, das Luftanhalten in der Badewanne oder vielleicht doch ein Hut, den sich alle aufsetzen und lüften, wenn man sich begrüßt? Wie früher. Ein exklusiver Beitrag in verstörenden Zeiten, die unserem Autor erscheinen, als müsste ihm gleich eine Träne aus den Augen quellen.

Wenn ich morgens sehr zeitig aufwache, schreckhaft, nassgeschwitzt, immer so, wie wenn man für einen Moment sich denkt, "Gott sei Dank, das habe ich nur geträumt", um dann einsehen zu müssen, eben nicht geträumt zu haben, sondern dass der Alptraum tatsächlich stattfindet, dann greife ich nicht, wie ich es zuvor stets zu tun pflegte, als erstes nach meinem Smartphone, um mir die neuesten Nachrichten anzusehen. Nein, seit einigen Wochen flüchte ich mich zu einem Buch, Suchbild mit Katze des österreichischen Autors Peter Henisch, der darin die Jahre seiner Kindheit kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs beschreibt. Diese ungemeine Fülle des Kindseins. Jeden Tag einige Seiten. Eine klare, schöne Sprache. Und wie gut das tut, zu lesen, wie beruhigend, besänftigend, tröstend.

Ich will nicht dieses eine Buch bewerben, ich will nicht mal das Lesen bewerben, so sinnvoll das auch wäre, sondern nur diesen Moment der Realitätsflucht erklären. Das Bedürfnis, woanders zu sein, bevor ich dann gezwungen bin, aufzustehen und zu sein, wo ich bin. Mit den neuesten Nachrichten, der Angst, dem In-sich-Hineinhören, der Brustenge, dem Bedürfnis, auch nur das kleinste Räuspern zu unterdrücken, und auch dem Gefühl von Würdelosigkeit, die so oft Angst und Panik begleiten. Dabei ist die Panik absolut gerechtfertigt, die Panik hätte, global betrachtet, viel früher eintreten sollen. 

In Sorge um das gottverdammte Klopapier  

Bereits bei den ersten Meldungen aus Wuhan, als man sich doch denken konnte, dass auch das Virus ein "Reisender" sein wird. Aber so läuft es immer, ist es immer gelaufen, nicht nur in zur Übertreibung neigenden Katastrophenfilmen. In jedem Krieg, vor jedem absehbaren Ernstfall, jedem Streit, jeder Verletzung. Es nützt nichts, dass sich das Gewitter ankündigt. Wir bleiben im Freien, bis es da ist. Und dann rennen wir. Die frühe Panik, die rechtzeitige Panik, sie könnte mit Würde gelingen. Die späte Panik ist oft würdelos. Ich sehe das an mir selbst.

Auch ich bin in Sorge ums gottverdammte Klopapier, worüber sich jetzt so viele lustig machen – mehrmals täglich kriege ich einen Klopapierwitz aufs Handy –, aber doch können die wenigsten davon lassen, ihre vorsorglich gehorteten Rollen zu zählen. Und dann lese ich, dass im Internet absurde Methoden zum Selbsttest kursieren, etwas mit Luftanhalten ... Ich will diesen Unsinn gar nicht wissen, ertappe mich aber, wie ich Sekunden später die Luft anhalte. Und jetzt? Ist es besser, wenn ich es lange aushalten kann, wie damals als Kind, wenn ich in der Badewanne den Kopf unters Wasser hielt, oder ganz im Gegenteil? Es erinnert mich an einen Woody-Allen-Film, wo der Protagonist, ein Hypochonder, der wegen eines Schwindelanfalls und plötzlich auftretender Schwerhörigkeit – "diesmal habe ich wirklich etwas" – zum Arzt geht, und der Arzt ihn nun fragt, ob er diese Klingelgeräusche nur in einem Ohr hat, und Woody Allen angstvoll fragt, ob es denn gesünder sei, Probleme mit beiden Ohren zu haben.

In den Schrecken mischt sich, sobald man einen Schritt zurücktritt, immer auch die Komik. Für einen Hypochonder – und ich bin selbst einer – wirkt das aktuelle Geschehen als ein Beweis dafür, dass sich sämtliche Befürchtungen bewahrheiten. Und sich dem kundigen Hypochonder längst angekündigt haben. Auch in der Fiktion. 

Ist Corona ein Komet, den wir pulverisieren können?

Ich muss an das Ende des 2011 gedrehten Films Planet der Affen: Prevolution denken. Es geht dabei um ein Medikament gegen Alzheimer, das an Affen getestet wird, wobei letztlich aber eine Substanz entsteht, die für die Affen ungefährlich, für Menschen jedoch tödlich ist. Am Endes des Films überträgt der erste infizierte Mensch, ein Tierpfleger, den Virus auf einen Berufspiloten. Im Nachspann nun ist eine Grafik zu sehen, bei der ein leuchtender Streifen die Flugroute dieses Piloten beschreibt. Und wie dieser leuchtend-gelbe Streifen das Flugziel erreicht und sich von dort in viele weitere Streifen aufspaltet, sich diese Linien nach allen Richtungen bewegen und an ihren Endpunkten weitere Aufspaltungen erfolgen, immer weiter, immer dichter, bis letztlich der gesamten Globus von einem grellen Netz umfangen ist. Ich war damals, 2011, so erschrocken ob dieses Endes, weil in dieser gekonnten Fiktion eine ungemeine Logik der Verteilung lag.

Kein Kunstwerk ist mir in diesen Tagen aber so ins Bewusstsein gerückt wie Jakob van Hoddis' expressionistisches Gedicht Weltende mit seiner zweiten Strophe: "Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen / An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. / Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. / Die Eisenbahnen fallen von den Brücken."

Zur Zeit, als Hoddis dies schrieb, war es die Vorstellung von einem auf die Erde fallenden Kometen, der die Menschen schreckte. Letztlich war es dann der Erste Weltkrieg, der so kometengleich über die Gesellschaften kam und an dessen Ende, gleich einem fürchterlichen Schweif, die Spanische Grippe tobte.

Haben wir nicht auch bis zuletzt noch einen Kometen erwartet? Gepaart mit der Hoffnung, dann bitteschön in der Lage zu sein, diesen zu pulverisieren, wenn er denn nicht gar zu überraschend auftaucht und nicht gar so groß ist. Wie wir auch jetzt hoffen, auf die Wissenschaft, die Technik, die Vernunft, den Zufall, auf den Sommer, die Hitze, den Herbst, das nächste Jahr, die Immunität, die Möglichkeit, von jeglichem Ungemach persönlich verschont zu bleiben, irgendeine Form des Einpendelns und Nachlassens.

Gewinnt der vornehme oder der vulgäre Mensch?

Werden wir Alternativen der Normalität finden? Dass wir uns nicht mehr die Hände schütteln, ist wohl der bisher beste Kollateralgewinn. Das war schon immer eine dumme Angewohnheit. Es gibt soviel elegantere, höflichere, würdevollere Arten, sein Gegenüber zu grüßen, man erinnere sich an früher, wo man im Angesicht eines Nahekommenden seinen Hut zu lüften verstand. Vielleicht sollten wir alle anfangen, Männer wie Frauen, alt wie jung, wieder Hüte zu tragen, den Hut zum Symbol einer neuen Freiheit zu erklären. Einer Freiheit, die ironischerweise dadurch entsteht, Abstand zu halten. Jetzt abgesehen davon, dass der Hut – gleich dem Schirm – auch als Symbol des Schutzes bestens funktionieren würde. 

Davon wird kein Impfstoff und kein Mittel zur Linderung der Beschwerden erzeugt, das weiß ich auch. Aber es geht nun auch ganz wesentlich um die Art des Umgangs, den wir pflegen werden angesichts der neuen Umstände. Wozu eben auch die Frage gehört, ob in einer Krise Selbstsucht oder Altruismus ausbricht. Ob sich der vornehme oder der vulgäre Mensch durchsetzt. Denn wenn wir nach dem ersten Schrecken alle unser Klopapier und unsere Seifen und unsere Putzmittel und sonst was gebunkert haben, können wir damit anfangen, nachzusehen, was wir davon abgeben können. Wie auch vom eigenen Reichtum. Nicht als noble Geste, sondern als notwendige Verteilung. 

Wird diese Krise endlich dazu führen, das längst fällige bedingungslose Grundeinkommen einzuführen? Wird es uns gelingen, endlich eine künstliche Intelligenz zu entwickeln, der wir vertrauen und die uns in ähnlich gearteten Situationen zu rechten Zeit einbremst? Zur rechten Zeit, und eben nicht mit Verspätung die Leute zur Besinnung ruft und Verlangsamung einfordert? Werden wir anfangen, die Alten zu lieben und die Alten uns? Werden wir endlich Pflegekräfte so gut wie Manager bezahlen, ohne uns darum wie Kommunisten vorkommen zu müssen, sondern einfach nur vernunftorientierte Christen- oder Sonstwiemenschen? Und wird uns gelingen, das Wirtschaften neu zu überdenken, das Reisen, die Hybris, den Profit, den Wert eines Fußballspiels, die Freundschaft, die Nachbarschaft?

Wehmut beim Blick ins Gestern

Ich schaue jetzt mehr Fernsehen als vorher, nicht nur wegen der Nachrichten. Auch um einen Blick auf die Welt von Gestern zu erhaschen. Vor oder nach den aktuellen Nachrichten, vor oder nach einer dieser nun publikumslosen Fernsehdiskussionen, sehe ich mir eine "eigentlich" neue Folge einer bestimmten Serie an. Diese Serien wie auch jüngst entstandenen Filme wirken merkwürdig veraltet, gleich den tatsächlich alten französischen Filmen, wo alle sich ständig eine Zigarette anzünden. 

Egal, ob Tatort oder Bergdoktor oder eine der unzähligen Krimi-Serien, man erlebt sie als den Schimmer einer vergangenen Welt. Als die Welt, trotz aller Verbrechen und allem Liebesleid und aller Erregung und aller Intrigen, doch noch in Ordnung war. Rückblickend. Sich Kinn an Kinn gegenüberstehende, ins Gesicht schreiende Kriminalkommissare, sich umarmende Helden und Heldinnen, Nähe allerorts, und Leute, die, wenn man sie mal ihre Hände waschen sieht, dies mit einer befremdlichen Leichtigkeit unternehmen. Mehr als würden sie ihre Hände benetzen. Vorgestern beim Tatort eine Kommissarin, die sich Schlagsahne in die Hand sprüht und davon ihren Kollegen abschlecken lässt. Ich empfinde Wehmut. Als wäre es eine alte Wiederholung. Wir werden solche Schlagsahneszenen in nächster Zeit einfach nicht mehr sehen.

Oder doch?

Wie gut es manchmal tun würde, nachher sagen zu können, man habe sich geirrt, man sei der Hysteriker.

Interessiert es das Universum etwa doch, was wir tun?

Man stelle sich Regierungen vor, die viel, viel früher reagiert hätten, und jetzt wäre alles unter Kontrolle, und diese Regierungen müssten sich vorhalten lassen, übertrieben und panisch und wirtschaftsschädigend gehandelt zu haben. So ist das nun mal mit Helden, die zur rechten Zeit agieren. 

Ich denke wieder mal an diesen Satz von Norbert Wiener, dem Erfinder der Kybernetik, der meinte, dass wenn wir eine Maschine programmieren, um einen Krieg zu gewinnen, wir gut nachdenken sollten, was wir mit Gewinnen meinen. Ich finde, das gilt auch für die Vorstellung einer Maschine, die wir programmieren, damit sie uns alle gesund macht, und wir uns also gut überlegen sollten, was wir unter Gesundheit verstehen.

Möglicherweise ist das die richtige Zeit, um wieder Trost und Rat bei den großen Philosophen und Philosophinnen zu holen, so unterschiedlich und widersprüchlich die als Gemeinschaft und oft auch in sich selbst sind. Aber dennoch schaffen sie ein Bewusstsein, das uns zu der eigentlichen Frage nach dem Warum zurückführt. Vielleicht hat es eben doch einen Sinn, unser Leben, vielleicht kümmert es das Universum eben doch, was wir tun und was wir unterlassen und wie wir aus einer Krise hervorgehen: gescheiter, dümmer, gleichgültiger oder leidenschaftlicher, das Leben feiernd und die Umwelt achtend. Verliebt in das Dasein. Großmütig. Klar, wir werden uns nie ganz von der Angst um Klopapierknappheit befreien können, das nicht, das ist wohl unsere Natur, aber nichts, was sich nicht zum Positiven entwickeln ließe. Der einzige Grund, wieso wir ja überhaupt auf der Welt sind, ist es, die Dinge zu verbessern. Egal, wie oft wir dabei scheitern. Ein Auftrag ist ein Auftrag. Göttlich oder nicht.

Mich erschreckt, so wie es mich zugleich eigentümlich rührt, dass mir dieser Tage oft scheint, es würde gleich eine Träne aus meinen Augen quellen.

Die Nerven, natürlich.  
 

Heinrich Steinfest, 58, Stuttgarter Bestsellerautor, hält es mit Beckett: Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.


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1 Kommentar verfügbar

  • Janina von Seydlitz-Kurzbach
    vor 2 Wochen
    Antworten
    Lieber Herr Steinfest,
    die Coronazeit bringt es mit sich, dass ich auf einen Artikel reagieren kann und einen Leserbrief schreibe.
    Vielen Dank für Ihren Artikel. Nicht, dass ich hypochondrisch veranlagt wäre, dennoch sprechen Sie mir ganz viel aus der Seele.
    Z.B. wenn Sie aufzählen wie wir uns…
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