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Dieselfreunde in gelben Westen

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In Frankreich wehren sie sich derzeit wieder nachdrücklich gegen Präsident Macrons Rentenreform und legen den Verkehr lahm, in Deutschland sind sie in der Versenkung verschwunden: Die Gelbwesten.

Während die Gilets jaunes in Frankreich Präsident Macrons Regierung und dessen Politik für die Reichen auf Trab halten, war die aus dem Nachbarland herübergeschwappte gelbe Empörung in Deutschland bloß ein Strohfeuer. Groß aufgelodert, dann abgekühlt. Und während in Frankreich die Gilets jaunes anfangs nahezu alle politischen Lager gegen soziale Ungerechtigkeit vereinten, wurden die Gelbwesten-Demos hierzulande vor allem getragen von empörten Autofahrern, gespeist von immenser Aufregung um Fahrverbote im Nachgang des Diesel-Skandals und dem Hass auf die Deutsche Umwelthilfe, die mit Nachdruck und Erfolg gegen Städte klagte, die ihre Schadstoffgrenzen nicht einhielten. Und: in Deutschland konnte man kaum so schnell kucken, wie die Rechte, allen voran die AfD, die Proteste in Weste okkupiert hatten. Zack – braun, sozusagen. Wie schnell das gehen kann, haben wir bereits Ende 2018 beschrieben, als die erste kleine Gelbwesten-Demo in Stuttgart stattfand.

Bundesweite Aufmerksamkeit dagegen erregten die Stuttgarter Diesel-Demos, organisiert von Ioannis Sakkaros ("Das ist unser Diesel, den man uns wegnimmt, da müssen wir zusammenhalten."), einem jungen Porsche-Mitarbeiter mit dunklem Schnauzer, der plötzlich wie ein Phönix aus der Asche Nachrichten und Talkshows vom Sat-1-Frühstücksfernsehen bis Anne Will bevölkerte.

Ausgabe 409, 30.1.2019

Aufstand der Dieselfreunde

Von Anna Hunger

Seit Jahresbeginn gibt es Diesel-Fahrverbote in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Seitdem formiert sich Protest, der es in den vergangenen Tagen bundesweit in die Medien geschafft hat. Ein Besuch bei den automobilen Wutbürgern.

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Zunächst protestierte Sakkaros mit seinen Diesel-Freunden am Stuttgarter Neckartor, Deutschlands dreckigster Kreuzung, mit Feinstaub und Stickoxyd-Werten zum Heulen. Nachdem aber ein ehemaliger AfD-Stadtrat und Landtagsabgeordneter versucht hatte, die Demo für sich zu nutzen, trafen sich Sakkaros' Autofahrer, Merkel- und Grünen-Hasser am Wilhelmsplatz.

Rund 20 Demos hat Sakkaros organisiert, anfangs jeden Samstag. Zu besten Zeiten waren etwa 2000 Leute dort, eine nahezu lächerliche Zahl, verglichen mit den Protesten gegen Stuttgart 21, denen lange nicht so viel mediale Aufmerksamkeit gewidmet wurde und wird. Der ein oder andere Journalist hatte den Autoliebhabern bereits in heller Aufregung das Potenzial zum Umsturz zugeschrieben.

Im April fand das Diesel-Theater in der Landeshauptstadt einen zeitweiligen Höhepunkt in der Zerstörung der bekanntesten Feinstaub- und Stickoxyd-Messstation Deutschlands, die irgendwann locker so viele Medien-Auftritte zu verzeichnen hatte, wie Sakkaros selbst. Irgendwer hatte das Teil angezündet, was zur Folge hatte, dass viele Messstationen heute nur noch hinter stabilen Zäunen messen.

Alles in allem: eine Mords-Aufregung um eine Bewegung, die, bis auf wenige unermüdliche Facebook-Gruppen, im Nichts verpufft ist. Mittlerweile sind die ersten Fahrverbote in Kraft getreten und das Abendland steht noch.

Auch die Aufregung um Ioannis Sakkaros, den 27-jährigen Gelbwesten-Anführer, hat sich gelegt. Dass es seine Demos nicht mehr gibt, findet er "schade", aber "das Deutsche Gemüt ist eben ruhiger als das französische". Seit einem halben Jahr sitzt er im Stuttgarter Gemeinderat, gewählt über die von ihm angeführte Liste "Kein Fahrverbot in Stuttgart" und inzwischen als CDU-Mitglied. Die Arbeit im Gremium sei eine Herausforderung für einen Menschen, der zwar politisch denkt, aber noch nie politisch gearbeitet hat, sagt er. Vor allem, dass es in der Politik, zumal in einer Demokratie, selten schnell geht, musste er erst lernen. Manchmal, erzählt er, dauere es wohl Jahre, bis ein Vorhaben umgesetzt würde. "Am Anfang habe ich mich gefragt: Wo bin ich denn hier gelandet? Ich bin Handwerker, wenn ein Auto kaputt ist, reparier ich es halt."

Im Gemeinderat gilt er als ruhiger Typ, ein Neuer, der erste Erfahrungen sammelt. Er selbst sieht das ähnlich. Und sonst? Die AfD sei völlig überflüssig, Stuttgart 21 zu teuer, der ÖPNV überlastet. Klingt eigentlich vernünftig. Wenn da nicht der Faible fürs Autofahren wäre. "Ich setze auf technischen Fortschritt", sagt der Porsche-Mitarbeiter. Dann packt ihn die Begeisterung: "Wasserstoffautos! Solarmodule! Irgendwas davon wird kommen."

Kürzlich war Sakkaros wieder in der Zeitung. Weil er mit seinem Diesel trotz Fahrverbot in die Stadt gefahren ist, das Knöllchen nicht bezahlte und dass brühwarm der Bild erzählt hat ("Ich pfeife auf das Diesel-Fahrverbot"). Seine CDU-Kollegen haben ihm daraufhin den Kopf gewaschen. Bezahlt hat er jetzt auch. 108,50 Euro.


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