Ausgabe 425
Gesellschaft

Ehre den Anfängen

Von Moritz Osswald
Datum: 22.05.2019
In Baden-Württemberg wählen am Sonntag mehr als eine halbe Million junge Menschen zum ersten Mal. In Stuttgart zieht man so ziemlich alle Register, um die Erstwähler ab 16 Jahren zu erreichen. Die Intention ist gut, aber an der Umsetzung hapert’s noch.

Josefine starrt auf das Tablet, das sie in der Hand hält. Sie schaut und schaut auf die zwei Begriffe, die wie digitale Karteikarten sortiert werden wollen. Zwei Minuten später: Josefine überlegt immer noch. „Das ist knifflig“, sagt die Schülerin mit den roten Haaren und dem fixierenden Blick. Eine klimaneutrale Stadt gestalten oder langfristig Integration und Zusammenleben fördern?

Die 18-Jährige klickt sich durch den „Komunat“ (www.komunat.de), einen Wahl-O-Mat für die Kommunalwahl hier in Stuttgart. Sie ist eine von über 532 000 Erstwählern in Baden-Württemberg. Für Kandidaten, Parteien und Vereine stellt sich die Frage: Wie erreichen wir diese jungen Menschen?

Freitagmorgen treffen online und offline aufeinander. Am Königin-Charlotte-Gymnasium in Möhringen befasst sich die Jahrgangsstufe zwei mit der Kommunalwahl. Eine Art provisorische Wahlkabine steht bereit, Info-Flyer und Zettel, die zum Wahlgang animieren, liegen überall verteilt. Steffen Schuldis vom Verein „Unsere Zukunft“, der hinter dem Komunat-Projekt steckt, erklärt die Absicht der digitalen Wahlhilfe: „Wir wollen junge Menschen für Politik begeistern.“ Die Wahlbeteiligung wolle man steigern, den Nachwuchs politisch aufklären. Das fängt damit an, dass man bei der Kommunalwahl schon ab 16 mitmachen kann.

Toleranz oder Solidarität?

Die Abiturienten mit den „Döner Kebabi“-Pullovern lauschen gespannt, bevor es praktisch wird. Noch ein paar Schul-Tablets werden verteilt, jetzt dürfen sich alle durchklicken. Der Komunat funktioniert mit Werten statt Thesen. Damit unterscheidet er sich von den meisten anderen Wahl-O-Maten. Erst gewichtet man zwölf Werte (zum Beispiel Pressefreiheit, Menschenwürde, Toleranz). Danach setzt man Schwerpunkte in kommunaler Politik, 13 an der Zahl: Mehr Wohnungen bauen oder Subkultur fördern? Preise für Bus und Bahn senken oder Schulen sanieren? Am Ende spuckt der Algorithmus dann eine Liste mit möglicherweise passenden Kandidaten aus.

Steffen Schuldis glaubt, dass Thesen bei einer personenbezogenen Wahl, etwa auf kommunaler Ebene, nicht gut funktionieren würden. Sven, 19 Jahre alt und auch in der Jahrgangsstufe 2, sieht das anders. „Es ist schwierig, zwei Werte gegeneinander aufzuwiegen“, sagt der Schüler. Toleranz versus Solidarität, Pressefreiheit oder Menschenwürde? Das gehe doch gar nicht, da eine Entscheidung zu treffen. Auch in der Feedback-Runde kommt das zentrale Problem des Komunat zur Sprache: „Menschenwürde ist einfach immer wichtig“, sagt eine Schülerin.

Uwe Wagschal, Professor am Seminar für Wissenschaftliche Politik der Universität Freiburg, hat den „VoteSwiper“ für die Europawahl mitentwickelt. Er hat sich den Komunat angeschaut – „völlig skurril“ findet er das Konzept. Es brauche konkrete Thesen, präzise Aussagen, mit denen sich die Nutzerinnen und Nutzer auseinandersetzen müssen. „Etwa: Soll das Jugendzentrum in Esslingen schließen?“ – damit könnten junge Menschen etwas anfangen. Schwierig findet der Wahl-Experte das Prinzip Werte statt Thesen zudem, da das Unkonkrete dazu einlade, sich hinter Worthülsen zu verstecken. Kein Kandidat würde angeben, dass er gegen Rechtsstaatlichkeit oder Pressefreiheit sei, so Wagschal.

Der Sprung ins Digitale reicht nicht

Sven hat mittlerweile alle Werte und Aufgaben ausgewählt und mustert mit kritischem Blick seine Kandidaten-Liste in der Komunat-Kabine. „SPD und FDP ganz oben – das wundert mich jetzt“, sagt er und zeigt das Ergebnis seinem Gemeinschaftskunde-Lehrer, der daneben steht. Ob er jetzt schlauer sei, das wisse er nicht. Aber es sei gut, dass es den Komunaten überhaupt gebe. Das meint auch Josefine, auch wenn ihr keine Kandidaten-Liste ausgespuckt wurde – ein bisschen Verlässlichkeit fehlt noch im Quellcode.

Dennoch: Es hat den SchülerInnen Spaß gemacht. Und das ist ein wichtiger Punkt, das weiß auch Steffen Schuldis. Er kommt selbst auf das Problem der jungen Generation zu sprechen: „Es ist schwierig, euch als Zielgruppe zu erreichen.“ Schuldis und sein Verein setzen daher neben dem Sprung ins Digitale auch auf die klassische Variante – Veranstaltungen, Diskussionen und Austausch, auch mit Politikerinnen und Politikern.

Schuldis als Workaholic zu bezeichnen, wäre untertrieben. 30 Veranstaltungen in 30 Tagen vor der Kommunalwahl waren geplant, „ein paar mehr“ seien es geworden. Alles neben dem Vollzeitjob als Ingenieur. Ob politisches Speeddating mit Kandidaten auf der Stuttgarter Dobelstaffel, Kooperationen mit dem Stuttgarter Jugendrat oder Diskussionen über Wohnpolitik am Marienplatz – mehr geht kaum.

Kampf an allen Fronten

Aber wo sind sie denn nun, die jungen Leute? Wenn sie nicht gerade in der Schule sind, dann natürlich im Internet. Auf Instagram und YouTube. Deshalb hat man bei der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) ein paar Influencer mit ins Boot geholt. Die Bloggerin Snukieful etwa, die sonst in ihrem Online-Shop Jutebeutel und Tragegurte verhökert. Sie erklärt, wie und warum man wählen sollte, was ein Gemeinderat so macht. Oder den humoristischen Lokalmatador Özcan Cosar aus Bad Canstatt, der mit ganz ernstem Unterton zum Urnengang aufruft.

Das Engagement wirkt bemüht, die Zugriffszahlen – zumindest auf YouTube – fallen bescheiden aus. Das Profil der LpB-Kampagne „Wählen ab 16“ auf Instagram hat etwas über 1 000 Follower. Knapp 60 junge Menschen haben sich dort unter dem Motto #meinestimmezählt mit hochgehaltenem Schild ablichten lassen.

Doch damit nicht genug: Eine Internetseite samt Erklärfilmen, ein eigener Podcast, Veranstaltungen von Böblingen bis Meckenbeuren. Es werden alle Register gezogen.

Der Komunat, ehrenamtlich programmiert und ohne Staatsmittel finanziert, kann mit mehr Nutzerinnen und Nutzern punkten. 10 000 haben ihn laut Steffen Schuldis seit dem Start am 26. April benutzt, zwei Drittel davon bis 34 Jahre alt. Josefine sagt, sie glaube nicht, dass sie einen Kandidaten wählen würde, nur weil er oder sie weit oben auf einer Liste stehe. Eines wurde immerhin erreicht: Josefine, Sven und ihre Mitschüler diskutieren und kommen über Politisches ins Gespräch. Und zwar offline. Von Politikverdrossenheit keine Spur.


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1 Kommentar verfügbar

  • Andrea K.
    am 22.05.2019
    10.000 haben ihn also benutzt - heißt das, sie haben ihn zu Ende geklickt? Ich bin schon beim ersten Klick gescheitert, weil ich Grundwerte nicht gegeneinander werten kann. Un damit erschien mir das als Zeitverschwendung.

    Aber im Netz steppt jetzt ja der Bär, das Bashing-Video hat 3 Mio Klicks oder so. Wenn davon jetzt nur 2 Millionen begreifen, dass das "liken" dieses Videos keinen Einfluss auf die Welt hat und folgerichtig zur Wahl gehen, dann ist wirklich etwas gewonnen.

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