Ausgabe 128
Debatte

Stimme zu verschenken

Von Thomas Moser
Datum: 11.09.2013
Diese Wahl ist geschenkt, sagt Kontext-Autor Thomas Moser und zieht daraus persönliche Konsequenzen. Er verschenkt seine Stimme an diejenigen, die nicht wählen dürfen: an Zugewanderte, Kinder und die Mollaths dieser Republik.

Zugegeben, es mag billig erscheinen, auf seine Stimme zu verzichten, wenn sowieso nichts zur Wahl steht. Doch erstens kann ich nicht ausschließen, dass der eine oder die andere doch einen Wert in der Veranstaltung sieht. Es sei ihnen unbenommen. Zweitens aber soll meine Stimme jemand kriegen, der gar nicht abstimmen darf. Kein Wahlrecht, obwohl er mitten unter uns lebt und arbeitet, Nachbar ist oder Kollegin. Sie sind Millionen. Etwa 20 Millionen der 80 Millionen Menschen in Deutschland sind nicht wahlberechtigt. Ein Viertel der Gesellschaft.

Zum Beispiel die Zugewanderten. Fünf Millionen Erwachsene. Der türkische Busfahrer, dem Eltern jeden Morgen ihre Kinder anvertrauen und der sie sicher wieder nach Hause bringt, der dieselben Steuern zahlt wie sein deutscher Kollege – warum soll er nicht wählen dürfen? Nur weil er keinen deutschen Pass besitzt? Warum soll er nicht mitentscheiden dürfen, wie der Verkehr organisiert wird? Er kennt sich aus und kann das beurteilen. Meine Stimme ihm!

Dann natürlich die unter 18-Jährigen, stark 14 Millionen, die stärkste Gruppe der nicht Stimmberechtigten. Sie sind am meisten und längsten von den politischen Entscheidungen heute betroffen. Nebenbei und nicht zuletzt sind sie Verbraucher. O-Ton Wahlkampf: "Jeder Verbraucher ist ein potenzieller Wähler!" Denkste. Mit jedem Kaugummi, den Jugendliche kaufen, zahlen sie Steuern. Doch mitentscheiden, wie sie verwendet werden, dürfen sie nicht.

Die Mehrheit hat beschlossen, das Wahlalter sei 18 plus. Aber warum soll die 12-jährige Tochter eines Bundeswehrsoldaten, der nach Afghanistan geschickt werden soll, nicht mitbestimmen dürfen, ob ihr Papa in den Krieg muss? Sie hat nur einen. Meine Stimme ihr!

Bundeswahlgesetz, Paragraf 13: "Vom Wahlrecht zum Deutschen Bundestag ist ausgeschlossen, 1. wer infolge Richterspruchs das Wahlrecht nicht besitzt, 2. für den ein Betreuer bestellt ist, und 3. wer sich aufgrund von § 63 und § 20 Strafgesetzbuch in einem psychiatrischen Krankenhaus befindet." Also all die Zwangsbetreuten und Untergebrachten, die Mollaths dieser Republik. In einer Stadt wie Stuttgart beträgt die Zahl der Entmündigten etwa 300, hochgerechnet ist sie fünfstellig. 

Exklusive Demokratie. Ich muss an die geistig Behinderten denken, zum Beispiel in Stetten im Remstal, die dem nicht entmündigten Publikum ergreifend Musik vorspielen können. Warum will man sich nicht vorstellen, dass sie wissen, was ihnen guttut? Meine Stimme der geistig behinderten Ursula, die so traumverloren davon singt, mit dem Wind nach Afrika zu fliegen, wo unsere Vögel vom Sommer sind!

Entrechtung qua Gerichtsurteil, Wahlverbot als Strafe. Eine Maßnahme aus dem Mittelalter, ohne praktischen Nutzen für die Allgemeinheit, nur in der Absicht verhängt, zu erniedrigen und abzuschrecken. Bezogen auf das passive Wahlrecht obendrein eine Entmündigung der Wähler. Weg damit!

One man, one vote. Jedem Menschen eine Stimme. Jedem, ohne Ausnahme, von Geburt an. Also auch für Babys. Das, was die mit am besten können, ist sowieso einen Griffel halten. Rüdiger und Bianca haben seit Kurzem ein Baby. Nun sind sie zu dritt. Warum also sollen sie nicht drei Stimmen haben? Ihr Kind hat Bedürfnisse und unaussprechbare Interessen: Zeit seiner Eltern, gesunde Lebensmittel und noch so ein paar Kleinigkeiten. Warum soll eine siebenköpfige Familie nicht sieben Stimmen haben? Meine Stimme ihnen, Eltern mit Kindern!

Kommen wir zur Gebrauchsanleitung. Die Sache geht so: Ich beantrage Briefwahl, bekomme den Stimmzettel zugeschickt und gebe ihn nun meinem persönlichen Kandidaten, der darauf ankreuzen kann, was er will. Allerdings gibt es einen Haken. Wer seine Stimme herschenken will, muss sich strafbar machen. Er muss einen Meineid begehen. An Eides statt ist zu erklären, dass man den Stimmzettel selbst ausgefüllt hat.

Ein Meineid für ein Stimmrecht. Das ist es mir wert. Wie wär's mit 20 Millionen Meineiden für die Entrechteten dieser Republik?


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

5 Kommentare verfügbar

  • Jean Berg
    am 13.09.2013
    Ich jedenfalls werde mich sicherlich nicht strafbar machen, um meine Stimme endgültig zu verdummbeuteln. Möge das jeder mündige Bürger halten, wie er will.
  • Bernd Oehler
    am 12.09.2013
    Aber »aufwachen« haben Sie schon gerufen, mit zwei Ausrufezeichen ... Und dann? Nur um »allem Ärger über v.a. Grün zum Trotz« wachzubleiben?
  • Jean Berg
    am 12.09.2013
    In keiner Weise. Die Wahl ist allgemein, frei und geheim. "Aufrufe" überlasse ich Herrn Gröhe und Herrn Brüderle.
  • Bernd Oehler
    am 11.09.2013
    Verstehe ich Sie richtig, Herr Berg, dass Sie dazu aufrufen, eine jener Parteien zu wählen, die den sozialen Kahlschlag begonnen und den Finanzjongleuren Tür und Tor geöffnet haben?
  • Jean Berg
    am 11.09.2013
    Diese Wahl ist mitnichten geschenkt!! Eine schwarz-gelbe Fortsetzung vollendet den sozialen Kahlschlag. Allem Ärger über v.a. Grün zum Trotz: aufwachen!!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:















Ausgabe 450 / Wir schweigen nicht / Peter Bahn / vor 1 Tag 10 Stunden
Kann man auch per PayPal spenden?

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!