16 Menschen werden in Zellen dieser Größe gepfercht: die Künstlerin Abeer Farhoud und eine ihrer Installationen. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 404
Gesellschaft

Syria, mon amour

Von Susanne Stiefel
Datum: 26.12.2018
Drei Frauen haben es geschafft. In Stuttgart wurden im Sommer die schockierenden Caesar-Fotos gezeigt – Bilder von Regimekritikern, die in Assads Folterkellern gestorben sind. Ein Ende des Syrienkriegs liegt bis heute in weiter Ferne. Aber es gibt Dinge, die Mut machen.

Das freut Tina Fuchs am meisten. Dass der syrische Menschenrechtsanwalt Anwar al-Bunni mit dem Deutsch-Französischen Preis für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit geehrt wurde. Nicht an einem beliebigen Tag, sondern genau 70 Jahre nach der Erklärung der Menschenrechte, am 10. Dezember 2018. "Er kämpft Tag und Nacht dafür, dass die Menschenrechtsverletzungen in Syrien wahrgenommen werden", sagt die Fernsehjournalistin, "dieser hochoffizielle Preis ist eine Anerkennung seiner Arbeit." Seit wenigen Tagen gehört auch Österreich zu den vier Ländern, die Ermittlungen gegen Kriegsverbrechen und Folter in Syrien eingeleitet haben. Nach Deutschland, Schweden und Frankreich.

Soldat in Afghanistan mit Kindern

Jede Leiche hat drei Nummern

Ausgabe 378, 27.06.2018
Von Susanne Stiefel

Die Fotos schockieren. Der syrische Fotograf mit dem Decknamen Caesar hat die Bilder der Gefolterten aus Assads Kerkern aus Syrien geschmuggelt. Bisher wurden sie erst zwei Mal ausgestellt – in Washington und in Nürnberg. Nun auch in Stuttgart.

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Tina Fuchs hat für ihren Film "Zeugen gegen Assad" die Arbeit von Anwar al-Bunni porträtiert. Sie hat um diesen Film gekämpft, bis er im April 2018 endlich in der ARD gezeigt wurde. Nun hat die SWR-Journalistin am selben Tag wie Anwar al-Bunni Genugtuung erfahren: "Zeugen gegen Assad" lief als Wiederholung im Bayerischen Rundfunk. Als öffentlich-rechtlicher Beitrag zum Tag der Menschenrechte. Manchmal braucht es Hartnäckigkeit und ein besonders dickes Fell, bis sich Erkenntnis durchsetzt.

In der praktischen Politik braucht das manchmal noch länger. Das deutsche und französische Außenministerium mögen einen Preis verleihen an einen Anwalt, der Baschar al-Assads menschenrechtswidriges Vorgehen gegen Regimekritiker publik macht. Doch den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl hielt das nicht davon ab, laut über Abschiebungen von Straftätern nach Syrien nachzudenken. Inzwischen hat die Innenministerkonferenz den Abschiebestopp für syrische Flüchtlinge bis Juni 2019 verlängert. Und außerdem ist der Krieg in Syrien längst ein internationaler Krieg mit verschiedensten Machtinteressen und noch längst nicht vorbei. Türkische Truppen marschieren seit dem 12. Dezember in einer neuen Offensive gegen Kurdentruppen in Nordsyrien. Präsident Trump hat vor wenigen Tagen überraschend den Rückzug der US-amerikanischen Truppen aus Syrien angekündigt. Waffengeschäfte mit der Türkei über F-35-Bomber spielen dabei auch eine Rolle. Es ist nicht allein der syrische Machthaber Assad, der eigene Interessen verfolgt und sich mit allen Mitteln an die Macht klammert.

Die Künstlerin Abeer Farhoud ist vor Assads Folter nach Deutschland geflohen. Sie hat mit ihren Installationen im Württembergischen Kunstverein den Caesar-Fotos eine dritte Dimension gegeben. Mit den abgehackten Händen und Füßen aus Gips oder der inszenierten sinnlich-erfahrbaren Enge der Gefängniszellen verarbeitet die Regimegegnerin ihre eigene Folter und die vieler ihrer Freunde. Inzwischen hat Abeer, die in Wismar lebt, dort zwei weitere Ausstellungen verwirklicht und eine künstlerische Heimat gefunden.

Da hat auch Heike Schiller etwas nachgeholfen. Die Chefin der baden-württembergischen Heinrich-Böll-Stiftung hat in Stuttgart gemeinsam mit Tina Fuchs Konzeption und Präsentation der Caesar-Fotos und das inhaltliche Beiprogramm erarbeitet. Nun soll die Ausstellung in weiteren Städten gezeigt werden. Die Gespräche mit Böll-Stiftungen in anderen Bundesländern laufen, Anfang nächsten Jahres, so Schiller, werden erste Entscheidungen fallen.

Bis Januar 2019 widmet sich die Böll-Stiftung gemeinsam mit der Kinemathek Karlsruhe dem filmischen Gedächtnis Syrien. Unter dem Titel "Syria, mon amour" soll die Reihe zeigen, dass Filme aus Syrien mehr sein können als Dokumente von Krieg und Zerstörung.


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3 Kommentare verfügbar

  • Andromeda Müller
    am 27.12.2018
    Zu Erinnerung des Lesers und was geflissentlich seit Beginn des von Außen nach Syrien getragenen Stllvertreterkrieges nicht thematisiert wird : Auch das BKA hat in syrischen Foltergefängnissen nach 9/11 tagsüber vernehmen und Erkenntnisse gewinnen dürfen.
    Was nachts geschah , das ist zu vermuten , entzog sich selbstverständlich deren Erkenntniss. Und "weiße Folter" bitte ncht zu vergessen.
    https://www.youtube.com/watch?v=rQ3O4R1aaZk
    Der Betroffene Deutsch-Syrer hieß Muhammad Haidar Zammar . Spiegel-Online vom 12.06.2002 , und 13.03.2008 , sowie Beschlußempfehlungund Bericht des 1. Untersuchungsausschusses nach Artikel 44 des GG,Bundestag v. 18.06.2009 Drucksache 16/13400,S.216-266, 377-388,677-736,865-870,924-935.
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/terrorismus-bka-soll-von-foltervorwuerfen-gewusst-haben-a-391739.html
    Ob Schah , Saddam Hussein , Assad , Argentinien , Brasilien , Chile , Israel , Südafrika , USA , Frankreich , Algerien, Marokko , Saudi-Arabien , Türkei oder DDR ... usw. die BRD/D hat noch mit jedem Geschäfte gemacht und/oder zugelassen und über verbrecherische Regierungspolitik/Folter hinweggeschaut.
    Warum blendet die Berichterstattung immer komplett die politische Unterstützung von befreundeten Folterstaaten aus ?
    Haben wir nicht gelernt zuerst vor der eigenen Haustüre zu kehren ? Und erst dadurch legitimiert auf andere zu verweisen ?
    Da fehlt eine komplette Erinnerungskultur in den Medien. Zufall über alles.
  • Jörg Tauss
    am 26.12.2018
    Was in allen diesen Berichten fehlt ist der Hinweis über Auftragsfolterungen der USA in Syrien - schon lange vor dem Krieg. Wer waren diese Opfer?

    Nur Assad ist aktuell der Schurke. Was er zweifellos auch ist. Aber eben auch an diesem Punkt nicht "allein".

    Warum und ab wann ließen ihn die USA fallen? Auch diese Geschichte wurde noch nicht geschrieben...
    • Waldemar Grytz
      am 27.12.2018
      Gute Frage Herr Tauss ! Syrien war trotz des Konflikts mit Israel noch vor dem Tod des alten Assad ein beliebtes Reiseziel, stolz auf seine mehrere tausend Jahre alte Geschichte (ein Vorteil von nicht-religiös ausgerichteten Regimes) und zur Eröffnung des Fußball Stadions in Aleppo flog Erdogan persönlich zu einem Freundschaftsbesuch ein. Als sich sein älterer Bruder, der weitaus martialischer auftrat, auf dem Weg zum Flughafen zu Tode fuhr, musste Baschar ran. Die Hoffnungen auf den in London lebenden waren groß. Im Hintergrund aber ein Dutzend Geheimdienste und in der SU ausgebildete Militärs. Das konnte nicht gut gehen. In Folge von Buschs Irak-Krieg überfluteten zudem 100.000 Flüchtlinge die wenigen Städte am Euphrat. Da sprach niemand von "humanitärer Katastrophe" als die sozialen Systeme zusammenbrachen.
      Das kann alles Korruption und Folter nicht rechtfertigen, aber man sollte wissen, warum der Westen ausgerechnet in Syrien auf einen Systemwechsel gesetzt hat.

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