Ausgabe 404
Editorial

Heute schon gefaket?

Von unserer Redaktion
Datum: 26.12.2018

Der Nebel wabert feucht und schwer durchs Heusteigviertel. Breitbeinig gehen Joe Bauer und Wolfgang Schorlau, Stetsons auf ihren Köpfen, die Mozartstraße entlang, als plötzlich leise die Titelmelodie von "Spiel mir das Lied vom Tod", gespielt auf einer Querflöte, aus einem offenen Fenster über dem Café Herbertz dringt. Oder ist es die Melodie von "Zwei glorreiche Halunken"? Die wäre ja eigentlich fast noch eindrucksvoller... Sie sehen, liebe Leserinnen und Leser, es ist gar nicht so einfach, sich die richtige Musikbegleitung für eine möglichst eindrucksvolle Reportage auszudenken.

Womit wir beim alles dominierenden Medienthema dieser Tage wären, dem Skandal um die gefälschten Reportagen des "Spiegel"-Redakteurs Claas Relotius. Der garnierte seine Geschichten gerne zur Steigerung ihrer Wirkung mit ausgewählten Musikzitaten, was allerdings noch zu seinen weniger gravierenden Fälschungen gehörte. Jahrelang hat Relotius es geschafft, auch die Dokumentationsabteilung des "Spiegel" zu nasführen, hat einen Reportagepreis nach dem anderen eingeheimst. Und erst jetzt, nachdem das aufgeflogen ist, dämmert manchen: Das hätte uns eigentlich auffallen sollen.

Der Fall Relotius ist vor allem ein Beispiel dafür, dass man im Journalismus höllisch aufpassen muss. Dass es gerade heute, im Zeitalter von Fake News, besonders wichtig ist, seriös zu recherchieren und zu klären, was richtig oder falsch ist. Journalismus muss ein ständiges Bemühen sein, der Wahrheit möglichst nahe zu kommen. Und Fakten müssen immer wieder geprüft werden. Das lehrt uns der Fall Relotius.

Neu sind solche Fälle journalistischer Fantasterei freilich nicht. So mancher mag sich noch an den Schweizer Tom Kummer erinnern, der um die Jahrtausendwende fiktive Interviews mit Hollywoodstars weltweit an große Magazine verkaufte und dies, nachdem der Schwindel aufgeflogen war, als "Borderline-Journalismus" bezeichnete. Und der italienische Autor Pitigrilli alias Dino Segré setzte diesem Genre bereits 1922 in seinem satirischen Roman "Kokain" ein literarisches Denkmal. (Der Held des Buches, ein junger, erfolgreicher Pariser Journalist namens Tito Arnaudi, verschläft nach einer drogengeschwängerten Orgie einen wichtigen Termin: Die Hinrichtung eines mehrfachen Mörders. Der Drucktermin rückt unaufhaltsam näher, und so fantasiert er sich in seinem Hotelbett eine packende Reportage zusammen. Und warum auch nicht? Das Ereignis ist mehr als absehbar, denn der Präsident hat von seinem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch gemacht. Und so schildert Tito detailliert und lebhaft ein letztes Gespräch mit dem Verurteilten, das Werk der Guillotine, den herunterkullernden Kopf. Der Artikel ist ein sensationeller Erfolg, die Zeitung in kürzester Zeit ausverkauft, die Sache hat nur einen Haken: Eine Stunde vor der anberaumten Hinrichtung hat der Präsident den Verurteilten doch noch begnadigt.)

Zurück zu unserem gefaketen Einstieg, der, wie übrigens auch vieles bei Relotius, nicht komplett gefaket war. Denn die beiden genannten Herren, Schorlau ohne Hut, liefen vor kurzem tatsächlich durch die Mozartstraße, für ein Foto zu Schorlaus Artikel über Bauer und dessen neues Buch in dieser Ausgabe. Diese und viele andere Artikel mehr, alle nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert, in unserer letzten Ausgabe in diesem Jahr: ein Rückblick 2018 in Text und Bild und ein Ausblick auf das neue Jahr. Wir wünschen allen LeserInnen und Lesern einen guten Rutsch.


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