Ausgabe 368
Gesellschaft

Geld für Korntaler Opfer

Von Susanne Stiefel
Datum: 18.04.2018
Seit vier Jahren kämpfen die ehemaligen Heimkinder der Korntaler Brüdergemeinde um Anerkennung ihres Leids und eine angemessene Entschädigung. Am Montag lag der Bescheid in ihren Briefkästen. Nicht alle sind mit der Höhe der Zahlung zufrieden.

Wie lassen sich Missbrauch, Demütigung und Gewalt in Geld aufwiegen? Vor dieser schwierigen Aufgabe steht die Korntaler Vergabekommission. Zügig soll es gehen, damit die oft kranken Betroffenen schnell an die Anerkennungsleistung kommen. Inzwischen hat das Gremium alle Anträge ehemaliger Korntaler Heimkinder bearbeitet. Und alle positiv beschieden. "Es gab keine Ablehnung", bekräftigt Brigitte Baums-Stammberger schriftlich auf Anfrage von Kontext. Und das ist nicht zuletzt ihr Verdienst. Schließlich waren die Gespräche, welche die pensionierte Jugend-Richterin mit den betroffenen Männern und Frauen führte, die Grundlage für die nun angewiesenen Zahlungen.

110 ehemalige Heimkinder haben der 70-jährigen Frau aus Frankfurt von Schlägen, sexuellem Missbrauch und drakonischen Strafen in den Heimen der pietistischen Brüdergemeinde berichtet. "Ich habe hier Details über einen Fall sexuellen Missbrauchs gehört, der war schlimmer als alles, was ich als Richterin erlebt habe", sagte Baums-Stammberger zu Beginn ihrer Arbeit vor einem Jahr. Und heute mit Blick auf die vielen Gespräche: "Besonderer Ansporn war für mich das Vertrauen, das mir die Betroffenen in großem Maße entgegengebracht haben."

Mission erfüllt? Alles auf einem guten Weg? Ganz so einfach läuft das nicht im pietistischen Korntal. Denn nicht alle sind zufrieden mit der Höhe der Entschädigungen, die von 5000 bis 20 000 Euro reichen. Noch haben sich wenige der Korntaler Heimkinder zu Wort gemeldet, der Brief ist noch zu frisch. Doch bereits jetzt sind die Reaktionen gespalten. Als Almosen empfindet es der eine, mit dem doppelten Betrag hat er gerechnet, die Mutter und die Geschwister nie kennengelernt – so wenig soll dieses Leid wert sein? Ein anderer beschwichtigt, jetzt bitte keine Aufregung, es gehe schließlich voran, und sie wollen endlich, endlich mit diesem traurigen Kapitel ihres Lebens abschließen.

Schließlich dauert ihr Kampf um Anerkennung des Leids und eine Aufarbeitung der Korntaler Heimgeschichte schon vier Jahre lang. Und immer wieder brechen die alten Verletzungen auf, die Angst vor dem dunklen Keller, die Demütigung des bloßgestellten Bettnässers, die Ohnmacht, weil einem niemand glaubt. Es kostet Kraft, immer wieder das kindliche Opfer zu sein.

Kontext berichtet von Anfang an über die Aufarbeitung der Missbrauchsvorfälle in den Kinderheimen der Evangelischen Brüdergemeinde in Korntal. In einem Dossier haben wir die wichtigsten Artikel zusammengefasst. Die Klageandrohung von Detlev Zander wegen Kindesmissbrauchs vor vier Jahren, die den Prozess ins Rollen bringt. Die Aufarbeitung der Landshuter Erziehungswissenschaftlerin Mechtild Wolff, die nach einem Jahr gescheitert ist. Die ehemaligen Heimkinder, die sich gegenseitig bekriegen. Die Täterorganisation der evangelischen Pietisten und ihre Kultur des Wegschauens und Schweigens. Es ist eine Chronologie der Vorwürfe, der Verschleppung und des Streits.

Und der Streit ist noch nicht zu Ende. Wenn es ums Geld geht, brechen alte Wunden auf. Brigitte Baums-Stammberger will aktuell noch nichts sagen zur Resonanz auf die Zahlungsbescheide, "dazu ist die Zeit bisher zu knapp", schreibt sie. Außerdem ist ihre Arbeit längst nicht abgeschlossen. Sie hat schon weitere Gespräch mit Betroffenen in ihrem Terminkalender stehen. Und auch die Vergabekommission wird wieder zusammenkommen, wenn weitere ehemalige Korntaler Heimkinder Entschädigung beantragen. Anfang Juni dieses Jahres wird Professor Benno Hafeneger das Ergebnis seiner Recherchen über die Täterorganisation öffentlich vorstellen und den Betroffenen und der Evangelischen Brüdergemeinde in Korntal übergeben. "Ich glaube", sagt Brigitte Baums-Stammberger, "dass wir eine realistische Chance haben, dass es zu einer Befriedung kommt."

Missbrauchsskandal in Korntal

Ein Kontextartikel verschaffte den Missbrauchsvorwürfen ehemaliger Heimkinder Gehör. Doch die Evangelische Brüdergemeinde tut sich schwer mit der Aufarbeitung.

Zum Dossier


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3 Kommentare verfügbar

  • Werner Hoeckh
    am 20.04.2018
    Warum wurde es unterlassen zu schreiben, dass mich das Kinderheim in Korntal nicht informierte, als sich meine Mutter 1965 aus Amerika nach mir erkundigte?

    Dies bestätigt ein Schreiben des Jugendamtes Stuttgart an das Hoffmannhaus in Korntal vom 20.05.1965, welches mir im Orginal vorliegt.

    Damals war ich 13 ½ Jahre jung.

    Nichts wäre mir in diesem Alter wichtiger gewesen als zu wissen, eine Mutter zu haben, welche mit mir Kontakt aufnehmen will.

    Die christliche Nächstenliebe scheint wohl beim Geld aufzuhören!
    • Werner Hoeckh
      am 21.04.2018
      Dafür eine Entschädigung von 5.000 Euro zu erhalten,
      ist einfach nur eine Frechheit und zynisch!!!
      Ein Tropfen auf den heißen Stein.

      Zur Kenntnisnahme:

      Noch ist nicht aller Tage Abend.
  • Carmen Eberhardt
    am 19.04.2018
    Diese Geldsumme ist eine Beleidigung.Es wird von 5.000-20.000 Euro gesprochen.Es gibt aber Opfer die wurden mit 4.000 Euro abgefertigt. Die Summen an sich sind sowieso eine Beleidigung.Nicht das man dieses Unrecht irgendwie wieder gut machen könnte.Aber dies ist nochmal ein Schlag ins Gesicht.Man soll einfach nur ruhig gestellt werden.Einfach nur eine Frechheit .!!!

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