KONTEXT Extra:
Noch ein Versuch: BI Neckartor vor dem Staatsministerium

Am kommenden Dienstag, den 21. November um 11.45 Uhr, unternimmt die Bürgerinitiative Neckartor einen zweiten Anlauf, der Landesregierung ihre Forderungen zur Umsetzung des gerichtlichen Feinstaub-Vergleichs zu übergeben. Der erste Versuch Anfang Oktober, schriftlich und mit Nachdruck daran zu erinnern, dass sich Grün-schwarz verpflichtet hat, ab dem 1. Januar 2018 bei Feinstaubalarmtagen das Verkehrsaufkommen am Neckartor um 20 Prozent zu reduzieren, war kläglich an den geschlossenen Gittertoren gescheitert. Niemand aus dem Stab von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) fand sich bereit, den Appell entgegenzunehmen.

Peter Erben, der Sprecher der Bürgerinitiative, kritisiert erneut, dass die Landesregierung den im April 2016 geschlossenen Vergleich nicht mehr erfüllen will: "Das bedeutet ja, dass hier versucht wird, die Umsetzung einer rechtskräftigen, vollzugsfähigen gerichtlichen Entscheidung zu verhindern, indem sie in der Sache nicht handelt." Die Verantwortlichen hätten trotz ihrer Selbstverpflichtung fast zwanzig Monate verstreichen lassen, ohne ein entsprechendes Handlungskonzept zu erarbeiten. Die Landesregierung lasse "die betroffenen Menschen in Stuttgart einfach im Stich und drückt sich durch vorsätzlichen Rechtsbruch davor, Verantwortung zu übernehmen".

Die Anwohner versuchen, per Zwangsvollstreckung ihr Recht auf Schutz vor Luftverschmutzung durchzusetzen. "Das ist ein unerträglicher, ja skandalöser Vorgang", sagt Erben. Die Bürgerinitiative Neckartor fordere "daher Ministerpräsident Kretschmann auf, diese unwürdige und verantwortungslose Vorgehensweise unverzüglich zu beenden". Verlangt wird, "die verletzte Rechtstreue unverzüglich wiederherzustellen" und die Verkehrswende in der Landeshauptstadt "unverzüglich einzuleiten".


Kontext beim IMI-Kongress in Tübingen

Heer, Luftwaffe, Marine – das waren bisher die drei Abteilungen der Bundeswehr. Seit diesem Jahr gibt es noch eine vierte: das Kommando Cyber- und Informationsraum. 260 Mitarbeitende sind dort zugange, im nächsten Jahr kommen nochmal 140 dazu. Auch Nato und EU rüsten netztechnisch massiv auf, um sogenannten hybriden Bedrohungen zu begegnen. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz von Kommunikations- oder Überwachungstechnik, sondern auch um die gezielte Beeinflussung öffentlicher Meinung. Der Cyberspace wird mehr und mehr zum Einsatzgebiet des Militärs, das Internet zum Schlachtfeld um Wahrheiten und Realitäten.

Unter dem Titel "Krieg im Informationsraum" geht die Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen auf ihrem jährlichen Kongress am kommenden Wochenende diesen Themenkomplex an. In Vorträgen und Diskussionen werden Strategien und Akteure vorgestellt und analysiert, es wird um mediale Schieflagen gehen, um Leaks als Instrument der Geopolitik, um Geheimdienste und die Konstruktion von Wirklichkeit, um die Frage, was als "Strategische Kommunikation" bezeichnet wird und was als "Propaganda". Welche Rolle spielen Soziale Medien? Und wer verdient überhaupt am Cyberkrieg?

Die Kontext-Autorin Anna Hunger ist am Sonntag zu Gast auf dem Podium zur Abschlussdiskussion und wird mit Moderatorin Claudia Haydt (Linke), einem Ad-Busting-Aktivisten aus Berlin, dem Politikwissenschaftler und Friedensaktivisten Tobias Pflüger und Pia Masurczak vom Radio Dreyeckland über "Widerstand im Zeitalter von Cyberwar und Strategischer Kommunikation" sprechen.

Kongressauftakt ist am Freitagabend, 17. November, in der Hausbar der Schellingstraße 6 in Tübingen, die beiden Kongresstage Samstag, 18., und Sonntag, 19. November, finden im Schlatterhaus in der Österbergstr. 2 statt. Das Program gibt's unter diesem Link. (15.11.2017)


Veränderungen im Polizeigesetz errungen

Geht doch: Gegen den erklärten Willen von Innenminister Thomas Strobl (CDU) haben sich die beiden Regierungsfraktionen mitten im bereits laufenden Verfahren auf Änderungen im umstrittenen Polizeigesetz verständigt. Wie von den Grünen verlangt, werden einzelne Passagen, etwa zum Einsatz von Staatstrojaner präzisiert. Sogar CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart lobte die "intensive Fließarbeit". Die habe auch die "Handlungsfähigkeit" der Koalition unterstrichen.

Tagelang war hinter den Kulissen gerungen worden, nicht nur zwischen Grünen und CDU oder mit der Opposition, sondern vor allem auch mit dem Innenministerium. Nach einer Expertenanhörung im Landtag, in dem vor allem Verfassungsrechtler und Datenschützer scharfe Kritik an dem Gesetzentwurf geübt hatten, wollte Strobl alle Änderungen verhindern. Jetzt bleibt dem CDU-Landesvorsitzenden, der das schärfste aller Polizeigesetze bundesweit versprochen hatte, nur, die Verständigung der Regierungsfraktion zur Kenntnis zu nehmen. "Entscheidend für mich ist, dass das keine Änderungen an der Substanz des Gesetzes gibt", sagt der Innenminister jetzt.

Eine Einschätzung, die allerdings selbst in seiner eigenen Fraktion nicht geteilt wird. Reinhart erläuterte, dass Fristen konkretisiert oder die Einsatzmöglichkeiten durch eine schärfer "Erheblichkeitsschwelle" verändert wurden. Und die Grünen, die das Paket am Dienstag ohne Gegenstimme in der Fraktion passieren ließen, rüsten sich für die nächste Auseinandersetzung. Von Strobl, der bei den Verhandlungen seit dem Frühjahr kein einziges Mal (!) persönlich anwesend war, ist bekannt, dass er zur Terrorabwehr und gegen die Organisierte Kriminalität auch Staatstrojaner zur Online-Durchsuchung von Smartphones oder Rechnern einsetzen will, was der Koalitionspartner strikt ablehnt. (14.11.2017)


Kampf gegen "reaktionäre Bildungskreise"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stemmt sich gegen die schleichende Rückabwicklung der gut 300 Gemeinschaftsschulen im Land. Die wird von der CDU vorangetrieben und von den Grünen, bekanntlich der größere Regierungspartner, praktisch kampflos hingenommen. Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz hat auf einer Tagung am Wochenende in Stuttgart dagegen daran erinnert, dass Gemeinschaftsschulen noch immer eine Schulart im Aufbau sei, deren "Akzeptanz bei den Eltern", aber auch deren "Qualität und die pädagogische Attraktivität in den vergangenen fünf Jahren von Jahr zu Jahr gewachsen ist".

CDU-Bildungspolitiker versuchen seit Schuljahresbeginn, den Niedergang zu belegen. Etwa mit dem Argument, dass die Hälfte der bestehenden Standorte heute nicht mehr genehmigt würde, weil es zu wenig Schüler und Schülerinnen gibt. Moritz verlangte vor gut hundert Lehrkräften aus dem ganzen Land eine bessere Bezahlung der Lehrkräfte und mehr Leitungsstellen, weil keine andere weiterführende Schulart "vergleichbar anspruchsvolle Aufgaben von Inklusion bis Begabtenförderung zu bewältigen hat". Mitveranstalter des Fachtags war das Fritz-Erler-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Baden-Württemberg, das eine ganze Reihe von bildungspolitischen Veranstaltungen plant. Denn noch immer ist der Südwest bundesweit Schlusslicht in allen Vergleichen zum Bildungsaufstieg: In keinem anderen Land ist der Schulerfolg der Kinder derart stark abhängig vom sozialen Status der Eltern. Auch um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hatten Grüne und SPD 2012 die neuen Formen des längeren gemeinsamen Lernens etabliert.

Der Verein für Gemeinschaftsschulen e.V., der für sich in Anspruch "100.000 Müttern und Vätern im Land eine Stimme zu geben", beklagt, dass "während sich an den Schulen der Starterjahrgang auf seinen Realschulabschluss vorbereitet und die erste Oberstufen aufgebaut werden", in Öffentlichkeit und Politik abermals eine "erbitterte Debatte" tobe. "Statt die Herausforderung anzunehmen, die Jugend von heute auf die Herausforderungen von morgen vorzubereiten, schwelgt man lieber in einer verklärten Feuerzangenbowlen-Romantik", sagt der Vorsitzende des Vereins Matthias Wagner-Uhl, der selber Gemeinschaftsschulrektor ist. Unter weiter: "Reaktionäre Bildungskreise werden nicht müde, stumpfe Reflexe zu bedienen."


Erinnern an einen Kriegsgegner: Lesung zum 100. Todestag von Friedrich Westmeyer

Vor 100 Jahren, am 14. November 1917, starb der Stuttgarter Waldheim-Pionier, Kriegsgegner und SPD-Vorsitzende Friedrich Westmeyer in einem Lazarett in Belgien. Wenige Monate davor war er, wie viele andere linke Sozialisten, an die Front geschickt worden. Eine bittere Ironie: Während zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Reichstagsfraktion der SPD am 4. August 1914 geschlossen für die Kriegskredite stimmte, kämpfte gerade in Stuttgart eine starke Gruppe linker Sozialdemokraten weiter gegen den Krieg, und Westmeyer war ihr Wortführer. Nach seinem Tod schrieb Rosa Luxemburg aus dem Breslauer Gefängnis an Clara Zetkin nach Stuttgart: "Westmeyer ist ein großer Verlust. Ich dachte immer, er würde noch in großen Zeiten eine Rolle spielen." Etwas verspätet meldet selbst die "New York Times" seinen Tod: "German Anti-War Socialist was sent to the Front as Punishment." Heute ist er nur noch wenig bekannt, dabei gilt er auch als geistiger Vater der Stuttgarter Waldheime, engagierte sich in sozialen Fragen wie Wohnungsnot, Organisation der Jugend und Frauenbildung. Der Historiker und Journalist Willy Reschl, der schon 2014  im Kontext-Buch "Der König weint" Westmeyer würdigte, erinnert nun mit einer Lesung am 12. November um 11 Uhr im Waldheim Gaisburg an den rebellischen Sozialisten. (10.11.2017)


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Ausgabe 346
Gesellschaft

Brand-Stiftung

Von Roland Reck
Datum: 15.11.2017
Wolf Kalz ist Künstler, Autor, wohlhabend und alt. Was tun mit dem Vermächtnis? Der Riedlinger gründet eine Stiftung. Doch das Geschenk an die Stadt ist vergiftet. Der Stifter pflegt offen rechtsradikales Gedankengut und niemand scheint es zu interessieren.

In Oberschwaben wurde die AfD in zehn von 16 Gemeinden zur zweitstärksten Kraft hinter der CDU. Das berichtete die "Schwäbische Zeitung", Lokalausgabe Riedlingen, aus ihrem Verbreitungsgebiet. So auch in Riedlingen selbst mit 16,1 Prozent. Ein fettes Stück hat dazu der Wahlbezirk Klinge beigetragen, wo die Rechtspopulisten mit über 30 Prozent sogar die Christdemokraten abgeschlagen haben. Das mag erschrecken, passt aber ins Bild, dass überall dort, wo ein hoher Anteil von Spätaussiedlern wohnhaft ist, das Wahlergebnis der flüchtlingsfeindlichen AfD überdurchschnittlich ausfällt. So auch im Stadtteil Klinge.

Wolf Kalz präsentiert 2014 seine Kunst im Riedlinger Rathaus. Foto: Eva Winkhart
Wolf Kalz präsentiert 2014 seine Kunst im Riedlinger Rathaus. Foto: Eva Winkhart

Das soziale Phänomen, dass diejenigen, die unten sind oder sich unten fühlen, nach unten treten, ist nicht neu. Abgrenzung nach unten statt Solidarität mit den noch Ärmeren – das ist nicht schön, aber verstehbar. Wirklich prekär wird es dort, wo der Antihumanismus aus üppigem Wohlstand wächst. Und dass dies in Boomländern wie Bayern und Baden-Württemberg und erst recht in Oberschwaben vielerorts der Fall ist, zeigt, dass die erstaunlichen Wahlergebnisse der AfD hierzulande nicht vorrangig aus wirtschaftlichen, sondern aus kulturellen Gründen sprießen und ein politisches Problem offenkundig machen. So viel vorweg.

Auch Dr. Wolf Kalz ist wohlhabend. Der pensionierte Gymnasiallehrer für Geschichte und Deutsch hat in seinem Berufsleben gut verdient, war als Beamter bestens abgesichert und lebt heute als 84-Jähriger von einer auskömmlichen Pension. Der Mann hat es geschafft, als Flüchtlingskind nach oben zu kommen, honorig zu werden – und rechtsradikal.

Aphorismus 885

"War Gott denn Demokrat? Aber mitnichten! Der Satan hingegen könnte durchaus ein solcher gewesen sein."

Das ist einer von fast 2000 "Aphorismen", die der promovierte Historiker in seinem Buch "Das entfesselte Gute" zum Besten gibt. Aphorismen? Muss man nicht kennen, klingt nach Schöngeistigem und wird vom Duden in der Einzahl Aphorismus als "prägnant-geistreicher Sinnspruch, der eine Erkenntnis, Erfahrung und Lebensweisheit vermittelt", erklärt. Kalz verbreitet also in seinem 2012 im Federsee-Verlag erschienen Buch vermeintlich prägnant Geistreiches. In Wahrheit ist es ein hoch toxisches rechtsradikales Gemisch, das antisemitisch und antichristlich, antidemokratisch, rassistisch und frauenfeindlich ist.

Aphorismus 1028

"Demokratie – ihr Ludergeruch entsteht stets bei der Verwesung der Völker."

Aphorismus 583

"Weltfriede, Liberalismus, Toleranz, Menschenrechte, Humanität, Solidarität – leider sind es allesamt Sterbevokabeln, Sterbesakramente morsch gewordener Völker."

Aphorismus 415

"Die liberale Demokratie ist historisch weitgehend eine Schöpfung des sich emanzipiert habenden Judentums."

Erkenntnisse eines pensionierten Lehrers, der am Kreisgymnasium 25 Jahre lang Hunderte Schüler unterrichtet hat. "Wolf Kalz möchte mit seiner Stiftung und dem Archiv einen Beitrag zum kulturellen Leben Riedlingens leisten, der Stadt, in der er nicht nur als Künstler wirkt, sondern auch lange am Kreisgymnasium als Deutsch- und Geschichtslehrer tätig war", heißt es im Stiftungsarchiv. Ausdrücklich werden auch seine Bücher und Schriften als Teil der Stiftung genannt.

Rainer Thiemann (59) wollte das nicht glauben und intervenierte, indem er vor Ort Kontakt zum Gemeinderat suchte und sich an das Regierungspräsidium in Tübingen wandte mit der Frage, ob die Kalz-Stiftung dem Anspruch des Gemeinwohls entsprechen würde. Es geschah ein Jahr lang nichts, klagt der gebürtige Augsburger und Unternehmer in München, der in den 80er Jahren sein historisches Interesse im Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg in Ulm schulte.

Dazu sollte man wissen: Von November 1933 bis Juli 1935 befand sich im Fort Oberer Kuhberg am Ulmer Stadtrand ein Konzentrationslager des Landes Württemberg. Hier waren mehr als 600 politische und weltanschauliche Gegner des NS-Regimes inhaftiert. Heute lässt sich an diesem Erinnerungs- und Lernort exemplarisch der Übergang von der ersten deutschen Demokratie – der Weimarer Republik – zur NS-Diktatur nachvollziehen. Gezeigt wird die Etablierung des Terrorapparats im Land und die Anfänge der nationalsozialistischen Konzentrationslager.

Doch in Riedlingen selbst tat sich nichts. Und vom Wissenschaftsministerium wurde Thiemann schließlich im April letzten Jahres mitgeteilt, dass "kein Rechtsfehler bei der Anerkennung der Stiftung durch das Regierungspräsidium Tübingen vorlag". Das führt Thiemann zu dem Schluss: "Die haben alle aus Weimar nichts gelernt." Der Münchner Unternehmer meint damit die Schwäche der demokratischen Kräfte, die dem Treiben der Nationalsozialisten viel zu lange zugeschaut haben, was dazu führte, dass die Nazis den Rechtsstaat usurpierten und schließlich auf quasi legalem Weg – wenngleich nicht ohne Gewaltanwendung – vom Reichstag per "Ermächtigungsgesetz" autorisiert, den Staat unterwarfen. Die Diktatur war geboren.

Aphorismus 838

"Kein Volk wird ohne einen Führer, einen Diktator, einen Monarchen zur Nation."

Bürgermeister Marcus Schafft kennt die Zitate und missbilligt sie. Selbstverständlich. Aber das Stadtoberhaupt sieht keinen Grund, die Kooperation mit der Stiftung aufzukündigen. Es verhält sich nämlich so, dass Kalz noch zu Zeiten seines Vorgängers Hans Petermann an die Stadt herangetreten war, um im Rahmen seiner Stiftung eine Dauerausstellung im Rathaus zu erhalten, was diese ihm zusicherte: Mit der Folge, dass der Bürgermeister im Beirat der Stiftung sitzt. Und jetzt also Marcus Schafft. Der trotz inzwischen bekannter Gesinnung des Stifters aber keinen Grund sieht, sich öffentlich davon zu distanzieren.

Die Rechtfertigung des Bürgermeisters geht so: Der Stiftungsvorstand habe eine Satzungsänderung beschlossen, die den gesamten schriftlichen Nachlass aus dem Inhalt der Stiftung entfernt habe. Somit falle dieser mit Ableben des Stifters auch nicht in die Obhut der Stadt. Im Übrigen sei das inkriminierte Buch ("Das entfesselte Gute") erst nach Gründung der Stiftung erschienen und gelesen habe er es nicht, obwohl er es von Ulrich Widmann, dem Riedlinger Kreisrat und ehemaligen Kollegen von Kalz, zur Lektüre erhalten hatte. Der Bürgermeister habe es ihm ohne Kommentar zurückgegeben, wundert sich Widmann. Schafft wendet sich entschieden gegen eine öffentliche Diskussion und möchte auch nicht öffentlich zitiert werden: Weil er Dr. Kalz nicht unnötig belastet wissen möchte.

Aphorismus 374

"Flüche aus der Büchse der Pandorra: Selbstbestimmungsrecht, Menschenrechte, Emanzipation. Das erste zerstört die Nationen, das zweite die Volksgemeinschaft, das dritte die Familienbande."

"Der Typ wird von allen gedeckt", erklärt Gemeinderat Roland Uhl die Tatsache, dass sich nicht schon längst Empörung breit gemacht hat. Mit im Boot des Schweigens die örtliche Presse. Der "Südfinder", das Anzeigenblatt der "Schwäbischen Zeitung", wollte berichten, tat es aber nicht. Und auch die Lokalredaktion ignoriert beharrlich das Buch. Kalz gehört zum Establishment in der kleinen Donaustadt, wenn denn Rotarier dazu zählen. Dort ist er noch Mitglied, bei der CDU trat er Ende der 90er Jahre aus.

Die Bücher sind inzwischen entfernt. Foto: Waltraud Wolf.
Die Bücher sind inzwischen entfernt. Foto: Waltraud Wolf.

1933 in Halberstadt im Harz geboren, flüchtete der Junge mit seinen Eltern 1945 in die Oberpfalz und absolvierte nach dem Abitur eine Lehre als Industriekaufmann. Anschließend studierte Kalz Geschichte, Germanistik und Politologie auf Lehramt. Als promovierter Historiker unterrichtete Kalz von 1967 bis 1970 am Deutschen Gymnasium in Santiago de Chile. Von seinen Reisen in Südamerika berichtete er als Korrespondent für verschiedene Zeitschriften. Nach seiner Rückkehr war er bis zu seiner Pensionierung 1995 am Kreisgymnasium in Riedlingen tätig.

"Kalz ist talentiert", bescheinigt ihm Rainer Thiemann. Dass ausgerechnet ein Münchner Unternehmer den Stein ins Rollen brachte, ist der Tatsache geschuldet, dass Kalz sich regelmäßig als Autor zu Wort meldete und dadurch Rainer Thiemann auffiel, der sich intensiv mit "rechter Kulturarbeit" auseinandersetzt. Als er auf Kalz' Stiftung aufmerksam wird, beschwert er sich beim Regierungspräsidium als Aufsichtsbehörde und erklärt, dass Kalz' "Geschichtsrevisionismus schon weit vor der Stiftungsgründung bekannt war, zumal er in der neuen Rechten auftrat und in den einschlägigen Publikationen erschien". Sein Fazit: "Ein deutscher Beamter außer Rand und Band."

Aphorismus 1858

"Alle Menschenrechtspraxis ist aggressiv, ist totalitär, ist imperialistisch und global."

Thiemanns Kritik schien zu verhallen. Seine Informationen kursierten zwar im Gemeinderat, aber die Angst um den guten Ruf war größer als das Entsetzen über Kalz' Hasstiraden. Deckel drauf und dicht halten, lautete die Parole. Rainer Thiemann zeigte sich enttäuscht, weil er nicht einsehen möchte, dass eine Stiftung, die zum Inhalt Hassparolen auf die demokratische Grundordnung hat, Menschenrechte verhöhnt, und dem Gemeinwohl zuwiderhandelt, steuerliche Begünstigung erfährt.

Aphorismus 1213

"Das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht ist nicht etwa ein Stein der Weisen zur Herstellung einer paradiesischen Welt, sondern ein Werkzeug zur Zersetzung der Völker in den Händen der Demagogen."

Es dauerte erneut ein Jahr, bis das Thema wieder im Riedlinger Gemeinderat auftaucht – in nicht-öffentlicher Sitzung. Warum eine Satzungsänderung einer Stiftung in nicht-öffentlicher Sitzung bekannt gegeben wurde, kann weder der Bürgermeister noch das Landratsamt erklären. Der Gemeinderatssitzung am 8. Mai voraus ging am 29. März 2017 eine Vorstandssitzung der Stiftung, die diese Satzungsänderung beschloss – "nach Beratung durch die Stiftungsaufsicht", wie das Regierungspräsidium auf Anfrage mitteilt. In derselben Vorstandssitzung erklären Georg Knapp, Schulleiter des Kreisgymnasiums, und Anton Hepp, dort Lehrer, ihren Rückzug aus dem Stiftungsbeirat. Dazu muss man wissen, dass die Dienstaufsicht für Gymnasien auch beim Regierungspräsidium angesiedelt ist.

Kalz bestätigt den Rückzug der beiden Lehrer, die nicht ins Zwielicht geraten wollten, wie er am Telefon erklärt, aber im Nachhinein nicht mehr zitiert werden möchten. Und am 20. September habe sich mit ihm, dem Unternehmer Christopher Selg und dem Rechtsanwalt Armin Schneider der neue Vorstand gebildet, so Kalz. Die Satzungsänderung mit Herausnahme seiner Schriften kommentiert Kalz bissig: Hier ist nicht der Boden, um das zu würdigen. Seine krude Weltanschauung rechtfertigt er lapidar: Das Gute klingt garstig.

Aphorismus 1417

"Das haben die demokratischen Staatsterroristen mit der Blutrunst von Kreuzrittern und der Mordgier der Konquistadoren gemein: ihr bleibend gutes Gewissen."

Dass die beiden Gymnasiallehrer zeitgleich mit der Satzungsänderung ihr Amt niederlegten, lässt vermuten, dass das Regierungspräsidium wiederum auf Drängen des Ministeriums eine Brandmauer einzog. Die ausgestellte Kunst im Rathaus soll fernerhin nichts mehr mit dem geistigen Brandstifter Dr. Kalz zu tun haben, und damit mögliche weitere Kritik an der Stiftung und am Engagement der Stadt entkräften.

Ende gut, alles gut? Den Verleger des Buches auf dessen Inhalt angesprochen und gefragt, warum er dieses menschenverachtende Buch verkauft – die dritte "verbesserte" Auflage erschien 2017 – legt August Sandmaier, Bad Buchau, den Telefonhörer auf. So konnte er das Zitat aus dem von ihm gehandelten Buch nicht mehr hören, denn gelesen habe auch er es nicht.

Aphorismus 23

"Seit zwölfhundert Jahren drischt die Kirche auf 'die Deutschen' ein, und sie hat jedes Wort, welches von Kraft und Mut und Kühnheit zeugte, unter Verdacht gestellt, jede Heldentat … verunglimpft. Stattdessen flößte sie ihnen Sklavenwerte ein – gelobt sei, was schwach macht! –, Feigheit und Schwäche, Duckmäusertum und weibische Art wurden ihr zu 'neuen Werten', und ihr bemerkenswertes Talent zur Gewissenserforschung fand Krönung im Syndrom der 'deutschen Schuld'."


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