Ausgabe 346
Gesellschaft

Brand-Stiftung

Von Roland Reck
Datum: 15.11.2017
Wolf Kalz ist Künstler, Autor, wohlhabend und alt. Was tun mit dem Vermächtnis? Der Riedlinger gründet eine Stiftung. Doch das Geschenk an die Stadt ist vergiftet. Der Stifter pflegt offen rechtsradikales Gedankengut und niemand scheint es zu interessieren.

In Oberschwaben wurde die AfD in zehn von 16 Gemeinden zur zweitstärksten Kraft hinter der CDU. Das berichtete die "Schwäbische Zeitung", Lokalausgabe Riedlingen, aus ihrem Verbreitungsgebiet. So auch in Riedlingen selbst mit 16,1 Prozent. Ein fettes Stück hat dazu der Wahlbezirk Klinge beigetragen, wo die Rechtspopulisten mit über 30 Prozent sogar die Christdemokraten abgeschlagen haben. Das mag erschrecken, passt aber ins Bild, dass überall dort, wo ein hoher Anteil von Spätaussiedlern wohnhaft ist, das Wahlergebnis der flüchtlingsfeindlichen AfD überdurchschnittlich ausfällt. So auch im Stadtteil Klinge.

Wolf Kalz präsentiert 2014 seine Kunst im Riedlinger Rathaus. Foto: Eva Winkhart
Wolf Kalz präsentiert 2014 seine Kunst im Riedlinger Rathaus. Foto: Eva Winkhart

Das soziale Phänomen, dass diejenigen, die unten sind oder sich unten fühlen, nach unten treten, ist nicht neu. Abgrenzung nach unten statt Solidarität mit den noch Ärmeren – das ist nicht schön, aber verstehbar. Wirklich prekär wird es dort, wo der Antihumanismus aus üppigem Wohlstand wächst. Und dass dies in Boomländern wie Bayern und Baden-Württemberg und erst recht in Oberschwaben vielerorts der Fall ist, zeigt, dass die erstaunlichen Wahlergebnisse der AfD hierzulande nicht vorrangig aus wirtschaftlichen, sondern aus kulturellen Gründen sprießen und ein politisches Problem offenkundig machen. So viel vorweg.

Auch Dr. Wolf Kalz ist wohlhabend. Der pensionierte Gymnasiallehrer für Geschichte und Deutsch hat in seinem Berufsleben gut verdient, war als Beamter bestens abgesichert und lebt heute als 84-Jähriger von einer auskömmlichen Pension. Der Mann hat es geschafft, als Flüchtlingskind nach oben zu kommen, honorig zu werden – und rechtsradikal.

Aphorismus 885

"War Gott denn Demokrat? Aber mitnichten! Der Satan hingegen könnte durchaus ein solcher gewesen sein."

Das ist einer von fast 2000 "Aphorismen", die der promovierte Historiker in seinem Buch "Das entfesselte Gute" zum Besten gibt. Aphorismen? Muss man nicht kennen, klingt nach Schöngeistigem und wird vom Duden in der Einzahl Aphorismus als "prägnant-geistreicher Sinnspruch, der eine Erkenntnis, Erfahrung und Lebensweisheit vermittelt", erklärt. Kalz verbreitet also in seinem 2012 im Federsee-Verlag erschienen Buch vermeintlich prägnant Geistreiches. In Wahrheit ist es ein hoch toxisches rechtsradikales Gemisch, das antisemitisch und antichristlich, antidemokratisch, rassistisch und frauenfeindlich ist.

Aphorismus 1028

"Demokratie – ihr Ludergeruch entsteht stets bei der Verwesung der Völker."

Aphorismus 583

"Weltfriede, Liberalismus, Toleranz, Menschenrechte, Humanität, Solidarität – leider sind es allesamt Sterbevokabeln, Sterbesakramente morsch gewordener Völker."

Aphorismus 415

"Die liberale Demokratie ist historisch weitgehend eine Schöpfung des sich emanzipiert habenden Judentums."

Erkenntnisse eines pensionierten Lehrers, der am Kreisgymnasium 25 Jahre lang Hunderte Schüler unterrichtet hat. "Wolf Kalz möchte mit seiner Stiftung und dem Archiv einen Beitrag zum kulturellen Leben Riedlingens leisten, der Stadt, in der er nicht nur als Künstler wirkt, sondern auch lange am Kreisgymnasium als Deutsch- und Geschichtslehrer tätig war", heißt es im Stiftungsarchiv. Ausdrücklich werden auch seine Bücher und Schriften als Teil der Stiftung genannt.

Rainer Thiemann (59) wollte das nicht glauben und intervenierte, indem er vor Ort Kontakt zum Gemeinderat suchte und sich an das Regierungspräsidium in Tübingen wandte mit der Frage, ob die Kalz-Stiftung dem Anspruch des Gemeinwohls entsprechen würde. Es geschah ein Jahr lang nichts, klagt der gebürtige Augsburger und Unternehmer in München, der in den 80er Jahren sein historisches Interesse im Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg in Ulm schulte.

Dazu sollte man wissen: Von November 1933 bis Juli 1935 befand sich im Fort Oberer Kuhberg am Ulmer Stadtrand ein Konzentrationslager des Landes Württemberg. Hier waren mehr als 600 politische und weltanschauliche Gegner des NS-Regimes inhaftiert. Heute lässt sich an diesem Erinnerungs- und Lernort exemplarisch der Übergang von der ersten deutschen Demokratie – der Weimarer Republik – zur NS-Diktatur nachvollziehen. Gezeigt wird die Etablierung des Terrorapparats im Land und die Anfänge der nationalsozialistischen Konzentrationslager.

Doch in Riedlingen selbst tat sich nichts. Und vom Wissenschaftsministerium wurde Thiemann schließlich im April letzten Jahres mitgeteilt, dass "kein Rechtsfehler bei der Anerkennung der Stiftung durch das Regierungspräsidium Tübingen vorlag". Das führt Thiemann zu dem Schluss: "Die haben alle aus Weimar nichts gelernt." Der Münchner Unternehmer meint damit die Schwäche der demokratischen Kräfte, die dem Treiben der Nationalsozialisten viel zu lange zugeschaut haben, was dazu führte, dass die Nazis den Rechtsstaat usurpierten und schließlich auf quasi legalem Weg – wenngleich nicht ohne Gewaltanwendung – vom Reichstag per "Ermächtigungsgesetz" autorisiert, den Staat unterwarfen. Die Diktatur war geboren.

Aphorismus 838

"Kein Volk wird ohne einen Führer, einen Diktator, einen Monarchen zur Nation."

Bürgermeister Marcus Schafft kennt die Zitate und missbilligt sie. Selbstverständlich. Aber das Stadtoberhaupt sieht keinen Grund, die Kooperation mit der Stiftung aufzukündigen. Es verhält sich nämlich so, dass Kalz noch zu Zeiten seines Vorgängers Hans Petermann an die Stadt herangetreten war, um im Rahmen seiner Stiftung eine Dauerausstellung im Rathaus zu erhalten, was diese ihm zusicherte: Mit der Folge, dass der Bürgermeister im Beirat der Stiftung sitzt. Und jetzt also Marcus Schafft. Der trotz inzwischen bekannter Gesinnung des Stifters aber keinen Grund sieht, sich öffentlich davon zu distanzieren.

Die Rechtfertigung des Bürgermeisters geht so: Der Stiftungsvorstand habe eine Satzungsänderung beschlossen, die den gesamten schriftlichen Nachlass aus dem Inhalt der Stiftung entfernt habe. Somit falle dieser mit Ableben des Stifters auch nicht in die Obhut der Stadt. Im Übrigen sei das inkriminierte Buch ("Das entfesselte Gute") erst nach Gründung der Stiftung erschienen und gelesen habe er es nicht, obwohl er es von Ulrich Widmann, dem Riedlinger Kreisrat und ehemaligen Kollegen von Kalz, zur Lektüre erhalten hatte. Der Bürgermeister habe es ihm ohne Kommentar zurückgegeben, wundert sich Widmann. Schafft wendet sich entschieden gegen eine öffentliche Diskussion und möchte auch nicht öffentlich zitiert werden: Weil er Dr. Kalz nicht unnötig belastet wissen möchte.

Aphorismus 374

"Flüche aus der Büchse der Pandorra: Selbstbestimmungsrecht, Menschenrechte, Emanzipation. Das erste zerstört die Nationen, das zweite die Volksgemeinschaft, das dritte die Familienbande."

"Der Typ wird von allen gedeckt", erklärt Gemeinderat Roland Uhl die Tatsache, dass sich nicht schon längst Empörung breit gemacht hat. Mit im Boot des Schweigens die örtliche Presse. Der "Südfinder", das Anzeigenblatt der "Schwäbischen Zeitung", wollte berichten, tat es aber nicht. Und auch die Lokalredaktion ignoriert beharrlich das Buch. Kalz gehört zum Establishment in der kleinen Donaustadt, wenn denn Rotarier dazu zählen. Dort ist er noch Mitglied, bei der CDU trat er Ende der 90er Jahre aus.

Die Bücher sind inzwischen entfernt. Foto: Waltraud Wolf.
Die Bücher sind inzwischen entfernt. Foto: Waltraud Wolf.

1933 in Halberstadt im Harz geboren, flüchtete der Junge mit seinen Eltern 1945 in die Oberpfalz und absolvierte nach dem Abitur eine Lehre als Industriekaufmann. Anschließend studierte Kalz Geschichte, Germanistik und Politologie auf Lehramt. Als promovierter Historiker unterrichtete Kalz von 1967 bis 1970 am Deutschen Gymnasium in Santiago de Chile. Von seinen Reisen in Südamerika berichtete er als Korrespondent für verschiedene Zeitschriften. Nach seiner Rückkehr war er bis zu seiner Pensionierung 1995 am Kreisgymnasium in Riedlingen tätig.

"Kalz ist talentiert", bescheinigt ihm Rainer Thiemann. Dass ausgerechnet ein Münchner Unternehmer den Stein ins Rollen brachte, ist der Tatsache geschuldet, dass Kalz sich regelmäßig als Autor zu Wort meldete und dadurch Rainer Thiemann auffiel, der sich intensiv mit "rechter Kulturarbeit" auseinandersetzt. Als er auf Kalz' Stiftung aufmerksam wird, beschwert er sich beim Regierungspräsidium als Aufsichtsbehörde und erklärt, dass Kalz' "Geschichtsrevisionismus schon weit vor der Stiftungsgründung bekannt war, zumal er in der neuen Rechten auftrat und in den einschlägigen Publikationen erschien". Sein Fazit: "Ein deutscher Beamter außer Rand und Band."

Aphorismus 1858

"Alle Menschenrechtspraxis ist aggressiv, ist totalitär, ist imperialistisch und global."

Thiemanns Kritik schien zu verhallen. Seine Informationen kursierten zwar im Gemeinderat, aber die Angst um den guten Ruf war größer als das Entsetzen über Kalz' Hasstiraden. Deckel drauf und dicht halten, lautete die Parole. Rainer Thiemann zeigte sich enttäuscht, weil er nicht einsehen möchte, dass eine Stiftung, die zum Inhalt Hassparolen auf die demokratische Grundordnung hat, Menschenrechte verhöhnt, und dem Gemeinwohl zuwiderhandelt, steuerliche Begünstigung erfährt.

Aphorismus 1213

"Das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht ist nicht etwa ein Stein der Weisen zur Herstellung einer paradiesischen Welt, sondern ein Werkzeug zur Zersetzung der Völker in den Händen der Demagogen."

Es dauerte erneut ein Jahr, bis das Thema wieder im Riedlinger Gemeinderat auftaucht – in nicht-öffentlicher Sitzung. Warum eine Satzungsänderung einer Stiftung in nicht-öffentlicher Sitzung bekannt gegeben wurde, kann weder der Bürgermeister noch das Landratsamt erklären. Der Gemeinderatssitzung am 8. Mai voraus ging am 29. März 2017 eine Vorstandssitzung der Stiftung, die diese Satzungsänderung beschloss – "nach Beratung durch die Stiftungsaufsicht", wie das Regierungspräsidium auf Anfrage mitteilt. In derselben Vorstandssitzung erklären Georg Knapp, Schulleiter des Kreisgymnasiums, und Anton Hepp, dort Lehrer, ihren Rückzug aus dem Stiftungsbeirat. Dazu muss man wissen, dass die Dienstaufsicht für Gymnasien auch beim Regierungspräsidium angesiedelt ist.

Kalz bestätigt den Rückzug der beiden Lehrer, die nicht ins Zwielicht geraten wollten, wie er am Telefon erklärt, aber im Nachhinein nicht mehr zitiert werden möchten. Und am 20. September habe sich mit ihm, dem Unternehmer Christopher Selg und dem Rechtsanwalt Armin Schneider der neue Vorstand gebildet, so Kalz. Die Satzungsänderung mit Herausnahme seiner Schriften kommentiert Kalz bissig: Hier ist nicht der Boden, um das zu würdigen. Seine krude Weltanschauung rechtfertigt er lapidar: Das Gute klingt garstig.

Aphorismus 1417

"Das haben die demokratischen Staatsterroristen mit der Blutrunst von Kreuzrittern und der Mordgier der Konquistadoren gemein: ihr bleibend gutes Gewissen."

Dass die beiden Gymnasiallehrer zeitgleich mit der Satzungsänderung ihr Amt niederlegten, lässt vermuten, dass das Regierungspräsidium wiederum auf Drängen des Ministeriums eine Brandmauer einzog. Die ausgestellte Kunst im Rathaus soll fernerhin nichts mehr mit dem geistigen Brandstifter Dr. Kalz zu tun haben, und damit mögliche weitere Kritik an der Stiftung und am Engagement der Stadt entkräften.

Ende gut, alles gut? Den Verleger des Buches auf dessen Inhalt angesprochen und gefragt, warum er dieses menschenverachtende Buch verkauft – die dritte "verbesserte" Auflage erschien 2017 – legt August Sandmaier, Bad Buchau, den Telefonhörer auf. So konnte er das Zitat aus dem von ihm gehandelten Buch nicht mehr hören, denn gelesen habe auch er es nicht.

Aphorismus 23

"Seit zwölfhundert Jahren drischt die Kirche auf 'die Deutschen' ein, und sie hat jedes Wort, welches von Kraft und Mut und Kühnheit zeugte, unter Verdacht gestellt, jede Heldentat … verunglimpft. Stattdessen flößte sie ihnen Sklavenwerte ein – gelobt sei, was schwach macht! –, Feigheit und Schwäche, Duckmäusertum und weibische Art wurden ihr zu 'neuen Werten', und ihr bemerkenswertes Talent zur Gewissenserforschung fand Krönung im Syndrom der 'deutschen Schuld'."


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