Vorsicht Männer! Jetzt auch ganz offiziell im Lorettobad im Einsatz. Foto: Rita Eggstein

Ausgabe 333
Gesellschaft

Kampf um die Wasserhoheit

Von Susanne Stiefel
Datum: 16.08.2017
In einer idyllischen Nische des Freiburger Lorettobads haben nur Frauen Zugang. Das hat viele Musliminnen aus dem Elsass angelockt und einen Kulturkampf ausgelöst. Eine Petition gegen männliche Bademeister verschärft die Lage weiter.

"Nicht, dass ich darüber glücklich wäre", sagt eine junge Frau, "aber sind heute noch mehr Männer im Bad als die Aufsicht?" und deutet auf die Warnung an der Tür: "Männer im Bad!" Die Antwort lautet: Ja. Ab 16 Uhr. Männer, die Kabel schleppen. Es gibt an diesem Abend ein Konzert im Lorettobad. Aber noch ist es Mittag. High Noon im Damenbad.

Die Sonne lässt die Wellen lustig tanzen. Drinnen bringen junge und alte, dicke und dünne Frauen das Wasser in Wallung, schwimmen kreuz und quer oder stehen entspannt im Becken, mit oder ohne Badehaube, oben ohne oder im Einteiler, kein Burkini weit und breit. Und kein Mann. Draußen steht die Bademeisterin und sagt mit einem wachen Auge auf das Plantschen im Bad: "Ich hab' ja schon eine Petition für die Rettung der Wale unterschrieben, aber das jetzt – nein!" Damit meint sie die Petition gegen männliche Bademeister, die bis Mitte August 2000 Stimmen sammeln will zur Rettung eines ganz und gar männerfreien Bades. Die Bademeisterin schüttelt verständnislos die kurzen grauen Locken, lacht, vertreibt eine junge Frau ("Mit der Flasche bitte weg vom Beckenrand"), zuckt gut gelaunt mit der Schulter. Die Petition ist der vorerst letzte Schritt eines Kulturkampfs im Wasser, der nun schon zwei Jahre währt.

Ältere Damen wissen, was Ordnung ist

Klaus Winkler weiß, wie es begonnen hat. Schließlich ist der 73-Jährige Chef der Freunde des Lorettobades e.V. Dazu gehört ein Familien- und das umkämpfte Frauenbad. "Ich höre so einiges", sagt er. Alles Hörensagen, er dürfe ja nicht rein ins Frauenbad. Seit zwei Jahren ist er die Klagemauer der "älteren Damen". Die haben im Lollo, wie die Stammgäste das Bad nennen, eine dieser hübschen Holzkabinen gemietet, in der sie Sonnenmilch, Tücher und sonstigen Krimskrams lagern, den frau an einem heißen Sommertag im Bad so braucht. Sie gehören selbst zum Inventar, manche auch zum Verein der Freunde. Sie sind die heimlichen Herrscherinnen, neben, wenn nicht über der Badeaufsicht, und so fühlen sie sich auch. Sie kennen die Ordnung, ach was, sie sind die Ordnung.

Und dann kamen da diese Musliminnen aus dem Elsass. Verschleiert, während die heimlichen Herrscherinnen gerne oben ohne badeten. Mit vielen Kindern, während die älteren Damen ihre Ruhe haben wollten. Es wurde laut, es wurde ungemütlich, es wurde voll im Lollo. Und als es noch heiß wurde, knallte es. 2016 war die Polizei im Bad, um streitende Frauen zu trennen. Das böse Wort Nazi-Schlampe soll gefallen sein. Seit diesem Sommer gibt es eine neue Badeordnung, die für Ruhe sorgen soll: Jungs ab drei Jahren raus, männliche Bademeister rein. Doch statt Ruhe gibt es nun diese Petition, die nicht die Wale retten will, sondern einen männerfreien Raum. "Ich habe den Verdacht, dass diese Petition eine Spielwiese für eine Soziologiestudentin ist", sagt Klaus Winkler, von Beruf Anwalt. "Ich kann hier entspannen, niemand pfeift mir hinterher", sagt die Initiatorin, die Kulturwissenschaften studiert. "Was für ein sexistisches Machodenken", sagt eine Freiburger Feministin, die unterschrieben hat, "jetzt sollen's also starke Männer richten?" Im Lorettobad ist die Welt nicht mehr in Ordnung. Die Idylle aus Geranien, Holzkabinen und hübschen Bänkchen am Beckenrand stark eingetrübt.

Grün, tolerant und ein bisschen spießig

Das Lollo ist das einzige Frauenbad Deutschlands und ein eigener Kosmos. Hier tummeln sich Feministinnen, die überzeugt sind, dass es keine starken Männer braucht, um Konflikte zu lösen. Hier baden Damen, die auf der kleinen Wiese ungestört Krimi lesen möchten, den neuesten Tratsch austauschen und sich wünschen, dass alles so bleibt, wie es ist. Hier lassen Musliminnen den Schleier fallen, baden oder plantschen mit ihren Kindern. Hier trifft die weibliche Hälfte Freiburgs aufeinander. Und die ist feministisch, ökologisch sowieso, und tolerant natürlich auch. Aber eben auch ein bisschen spießig. Und seit das Frauenbad in Basel strenge Regeln eingeführt hat, wollen im Lollo auch Musliminnen aus der Schweiz und aus dem Elsass die Sonne genießen.

Inmitten dieser Melange macht die Bademeisterin mit den grauen Locken ihren Job. Sie hat die Badeordnung nicht aufgestellt. Kleine Jungs, die älter als drei sind, sind draußen, Mädchen drin, "die sind auch nicht leiser", kommentiert sie. Und Männer gebe es schon immer im Frauenbad, es gibt einfach nicht genug Bademeisterinnen, sagt sie.

An diesem Sommersamstag herrscht Waffenstillstand. Noch drei Stunden, bis die Männer die Konzertbühne aufbauen. Die Bademeisterin lehnt entspannt an einer Bank am Beckenrand. Vom Familienbad weht der Geruch von Bratwurst über die Bretterwand, die vor neugierigen männlichen Blicken aus dem Familienbad nebenan schützt. Und im Frauenbad haben sich die Lager vorsichtig sortiert. Die älteren Damen haben ihre Liegestühle zu einer Art Wagenburg zusammengeschoben, ein geschlossener Kreis, hochgeklappte Sitze als Schutzwall und möglichst weit weg vom Kinderplantschbecken. Dort haben Musliminnen unter einem der bunten Schirme ihr Basislager aufgebaut. Kinderwagen, Kühltaschen und Klamotten auf einem Haufen, eine Frau stillt ihr Baby. Friedliche Koexistenz. Vorsichtige Distanz. Keine Aggressionen. "Alles halb so wild heute", sagt die Bademeisterin mit dem Verständnis für Wale.

In diesem Jahr hat das Frauenbad 131 Jahre auf dem Buckel. Es hat schon einiges mitgemacht und schon oft Männerbesuch bekommen. 1980 sah sich ein Jurastudent schlimm diskriminiert und wollte sich den Eintritt ins Frauenbad erstreiten. Er scheiterte. 2010 haben Stammschwimmerinnen, die älteste war 70 Jahre, das Bad mittels einer Leiter gestürmt und die Liegewiese besetzt. Sie wollten nicht einsehen, dass am 3. September Schluss sein sollte, obwohl das Wetter riesig war, was auch nicht direkt mit der Badeordnung vereinbar war. Die Autobauer von Mercedes-Benz ließen die neue B-Klasse übers Wasser schweben. Es wurde Mode und Brillen vorgestellt, von männlichen und weiblichen Modells. Und einmal ließ ein Bootbauer sein Dinghi vor der malerischen Kulisse ins Wasser.

OB Salomon: Baderegelen gelten für alle Frauen

Auch Freiburgs OB Dieter Salomon, als Realo und einstiger Grünen-Fraktionschef im Landtag gestählt in innerparteilichen Kämpfen, war vergangenen September auf Stippvisite im heiligen Damenbad des Lollo. Er will endlich Ruhe haben an der Freiburger Wasserfront. Zumal das Bad in diesem Jahr 175 Jahre alt wird. In der Jubiläums-Broschüre schreibt er den Frauen ins Stammbuch: "Ihr bleibt fortan weiterhin unter Euch, liebe Damen und habt eure Ruhe". Und gegenüber der Öffentlichkeit gibt er zu Protokoll: "Die Baderegeln gelten für alle Frauen. Auch Musliminnen müssen sich daran halten. Entweder sie akzeptieren die Regeln oder sie gehen." Der Freiburger OB will endlich Ruhe im Bad.

Ausgerechnet in Freiburg. Die Ökohauptstadt, die mit dem Ökoviertel Vauban mindestens den Weltrekord im Grünwählen hält (72 Prozent). Wo die Sonne über Deutschland am längsten scheint, die Solarenergie zu Hause ist und die Polizei mit lustigen Segways durch die Innenstadt rollt. Ausgerechnet hier soll es einen Clash of Civilisation geben? Nix da. Eine Ordnung muss her. Eine Badeordnung. Und daran sollen sich alle halten. Und wenn es nicht genug Bademeisterinnen gibt, müssen halt auch Männer ins Bad. Dieter Salomon hat sich noch nie als Feminist hervorgetan.

Am 17. August läuft die Petition aus. 2000 UnterstützerInnen will die Initiatorin gewinnen, um die Stadt- und die Bäderverwaltung von einem Gespräch zu überzeugen. Bisher hat sich nur knapp die Hälfte gefunden. Es sieht so aus, als ob es auch weiterhin Männer geben wird, die auf badende Frauen schauen.

Und dann ist es soweit. "A quatre heures, des hommes vont arriver à la piscine", tönt es kurz vor vier über die Liegewiese. "Das ist meine erste Durchsage auf Französisch", sagt die Bademeisterin. Unter dem bunten Schirm schlüpfen Bikinimädchen und Badeanzugfrauen in Kopftuch und lange Gewänder. Haut wird unter Socken und Handschuhen versteckt, Kinder in Kinderwagen gepackt und zum Ausgang geschoben. In der Wagenburg recken ältere Damen den Kopf über den Liegenrand und beobachten neugierig die Flucht vor den Männern. Die neue Ordnung hat für heute gesiegt.


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4 Kommentare verfügbar

  • Andromeda Müller
    am 21.08.2017
    ich pflichte Burke bei , auch ich habe noch nie einen Bademeister auf der Arbeit weiblichen Badegästen hinterherpfeifen hören .
    Und wer da jetzt gerade im Bad arbeitet , daß entscheidet der Arbeitgeber nach Ermessen und verfügbarem Personal , nicht die Gäste . Möglichst einfach Fifty-Fifty .
    Wenn es hier so nach "den" Männern ginge wären viele Männer wohl eher ausschließlich für weibliche Models als Bademeister/innen, entsprechend ihrem biologischen Impetus.
    Aber die meisten sind doch ganz vernünftig und es ist ihnen ziemlich egal ob Männlein oder Weiblein da rumläuft und aufpasst.
    Und ob da Frauen ihren Rückzugsraum haben oder nicht ist den meisten wohl auch egal.
    Wenn schon , fühlen sie sich vielleicht nicht scheel angeguckt von einer Dame , wenn sie mal auf eine zur Schau gestellte blanke Brust sehen.
    Und wenn ein Herr , beispielsweise mal in einem "Herren - Tanga" sonnen oder sich über den Rasen bewegen würde , ich denke die meisten Damen würden auch ein 2.tes bis 3.Mal hinschauen . Die einen weil sie es nicht in Ordnung fänden , die anderen aus Neugierde.
    Einfach ein bisschen mehr Gelassenheit und Souveränität täte allen gut , auch den männlichen und weiblichen Muslima und sonstigen Religionsangehörigen .
  • D. Burke
    am 17.08.2017
    Seit wann pfeifen männliche Bademeister den weiblichen Badegästen hinterher - ein ehrlich gesagt saudummes Argument - sowas ist mir im Lollo noch nie passiert.
    Dieses Bad hat seit 175 Jahren eine Frauenabteilung und es ist schön wenn das so bleibt. Dafür gibt es jetzt gute Vorraussetzungen und das kann man und frau einfach mal anerkennen.
    Und jetzt zum Thema "immer mehr Verbote für Männer" wenn ich jetzt alle Clubs, Verbindungen und sonstige Frauen ausschliessende Vereine aufzählen müssste würde ich heute nicht fertig. Heuchelei ist wenn jemand eine gewachsene Struktur (175 Jahre) als "Frauengleichberechtigung"s-Gedöns anprangert und sich einen Antigenderwahn reinsteigert.
    PS: dieses Foto vom OB Freiburgs ist so ziemlich das unvorteilhafteste was sie finden konnten oder?
  • Körper Klaus
    am 16.08.2017
    Komisch das "Frauengleichberechtigung" immer mehr in Verbote für Männer übergeht. In Berlin haben sie mal einen Herren-Rasiersalon demoliert, weil dort keine Frauen zugelassen worden sind. Sowas geht natürlich gar nicht, das man Frauen von irgendwas ausschließt oder Männer Räume für sich haben wollen. Aber "nur für Frauen"... das ist Gleichstellung! Emanzipation! Heuchelei!
    • Marla V.
      am 17.08.2017
      Da es über Jahrtausende eine 1000% Männerquote gab und größtenteils immer noch gibt wird ein Quotierungsziel von 1000 auf 50 natürlich von den Machtinhabern als 'Verbote' gesehen!
      Da kommt dann auch das 'Gefühlte' zum Ausdruck!
      Kennen wir bei Christen-Islam, Weiße-Schwarze! Ein Allah Gläubiger in Sachsen gesichtet und schon wird Sachsen überflutet!
      https://bewegung.jetzt/2017/08/11/julia-spricht-frauen-und-macht/

      #Körper Klaus: guck dich doch mal um: die Männermacht ist nicht nur ungebrochen, sondern stärker denn je!
      Das 'Gruppenbild_mit_Dame' Öffentlichkeitsbild ist nur 'tarnen, täuschen und verpissen' PR!
      und
      Wie oft hast du schon mal ne Sauna verlassen, weil ein Mensch Probleme mit seinem 3Gestirn hatte? Ich schon! U.a. auch wegen einem Kind!

      Wo blieb da die Männerempörung?
      http://www.tagesspiegel.de/berlin/berliner-in-haft-polizei-sprengt-paedophilen-ring/19569306.html
      http://www.n-tv.de/panorama/Paedophilenring-in-Norwegen-hochgenommen-article19152831.html
      http://www.n-tv.de/panorama/Polizei-gelingt-Schlag-gegen-Paedophilenring-article19797740.html

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