Ausgabe 289
Gesellschaft

Ingenhoven-Poesie

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 12.10.2016
Das geht wie ein heißes Messer durch die Butter: "Unsere Arbeit lässt sich am besten als nachhaltige, zeitlose und natürliche Architektur beschreiben", lobt Christoph Ingenhoven sich und sein Team. Gemeinsam sei man "Ideen wie Transparenz, Klarheit, Plausibilität (...) und Langlebigkeit" verpflichtet. Bei Stuttgart 21 ist das mehr als zweifelhaft.

Er ist ein Provokateur, aber keiner, der die Welt verändern oder gar verbessern will. Anecken und Auffallen ist ihm wichtig, auch weil es das Ego streichelt. "Finden Sie mich unangenehm?", fragt er irgendwann während der mit Spitzen überreich garnierten Ausführungen bei der Schlichtung im November 2011 die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender. Die Antwort erspart sie ihm, sich selbst und dem Millionenpublikum, das die Live-Übertragung im Fernsehen sieht.

Heiner Geißler konnte ebenfalls wenig anfangen mit dem langen Düsseldorfer, der seine Jugendlichkeit mit Krawatten-Total-Verzicht oder über die Sakkoärmel umgeschlagenen offene Hemdmanschetten zu unterstreichen versucht. Gern rempelt er höhere Semester an, zumal wenn sie den Tiefbahnhof nicht mögen: "In Stuttgart hat eine lautstarke Minderheit von alten Menschen Stimmung gegen das Projekt gemacht. Wir reden von Menschen, die den Bauzaun dekorierten wie bei Prinzessin Dianas Beerdigung." Es könne doch nicht sein, dass 20 Prozent der Bevölkerung über die Zukunft aller bestimmen. 

Es kann aber auch nicht sein, dass ein national und international hochanerkannter Fachmann einfach immer neue Behauptungen, Euphemismen und Verklärungen in die Welt setzen darf. Jüngst bei der vielbejubelten Grundsteinlegung für den Tiefbahnhof, dem mindestens dritten Baubeginn, den die S-21-Fangemeinde feierte, beklagte er sogar, wie sich "Europa an uns vorbeientwickelt hat". Wobei "uns" für Stuttgart steht und Abhilfe dank Ingenhoven in Sicht ist. Denn der neue Tiefbahnhof bringe die Stadt zurück "auf die europäische Landkarte", prophezeit er.

Ein Architekt mit immensem Selbstbewusstsein

Womit sich mal wieder die alte Faustregel bewährt: Wer notorisch übertreiben muss, traut den eigenen Argumenten zu wenig. Beispielsweise fabulierte Ingenhoven während der Schlichtung, "das halbe Tal" sei von Gleisanlagen belegt und müsse davon befreit werden. Eigenwillig die Prosa, die die Stadtgeschichte umschreibt: "Stuttgart, das einst vom Württembergischen König ins Tal nahe an das Schloss heran befohlen wurde, wird jetzt befreit von den Fesseln durch die Tieferlegung der Durchgangsgeleise." Großväterlich gestimmt nennt er das "wichtigste Projekt" sein "Baby". Lyrisch lobt er den unterirdischen Bahnhof eine "lichtdurchflutete poetische Raumkonstruktion" eine, "die versucht, ihre Poetik durch einen naturähnlichen Entwurfsprozess zu erlangen". Und weiter: Die Schnittstelle werde zwischen "dem alten und dem neuen Herzen der Stadt als Katalysator einer kommenden Entwicklung" wirken.

Schöne Worte, unschöne Ahnungslosigkeit. Der "Ästhet mit Ecken und Kanten" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") geht schonungslos und zugleich ziemlich unbedarft mit Gegnern und Grünen ins Gericht. Wobei es ihn im überbordenden Selbstbewusstsein nicht stört, wie gravierende Lücken im Wissen zur Geschichte und den Motiven des Protests ans Licht kommen. "Ich glaube nicht, dass die Grünen ursprünglich gegen das Projekt waren", sagt er dem "Spiegel". Aber sie seien eben eine "populäre Partei in Stuttgart und ambitioniert, einmal den Bürgermeister zu stellen und meinen wohl, es wäre besser, zum Lager der Gegner zu gehören". Das war im Sommer 2010. Da hatten Grüne wie Kuhn und Schlauch, Hermann und Kretschmann, Palmer oder Bender schon seit 15 Jahren ihr Nein vorgetragen und immer neu begründet. Die erste einschlägige Broschüre stammt aus dem Jahr 1995.

Da hatte der Architektensohn allerdings ganz andere Sorgen. 1982, mit 22 Jahren und noch während des Studiums, fährt er seine erste Anerkennung ein, 1985 gewinnt er den ersten Wettbewerb und soll für die Deutsche Post bauen. Aus dem Millionenprojekt wird Makulatur, weil die Post zur Telekom mutiert. Mehr als zehn Jahre muss der Überflieger, der schon im Gymnasium als ungewöhnlich begabt auffiel, auf den Erstling warten: die gut 120 Meter hohe neue RWE-Zentrale in Essen. "Ich war langsam nervös geworden", gab er später zu. 

Bis heute wird das Gebäude gerühmt als erstes ökologisch orientiertes Hochhaus in Deutschland. Ingenhoven sah sich den Grünen nah, bezeichnet sich selbst als inspiriert von Herbert Gruhl, dem Ex-CDU-Bundestagsabgeordneten, der 1980 die Grünen mit aus der Taufe gehoben hatte, um sich zwei Jahre später wieder abzuwenden. Immerhin quert in seinen Planungen keine neue Bahnhofshalle den Talkessel. Zwar werden die Seitenflügel des alten Bonatzbaus geopfert, was wohl mit ein Grund für den anhaltenden Widerstand ist. Der Schlossgarten jedoch ist – sollte das Bauwerk wirklich irgendwann einmal fertig werden – tatsächlich weniger tangiert als durch andere Entwürfe.

Der Bahnhof sollte "nicht vor 2008" fertig werden

1997 waren in der ersten Runde des Realisierungswettbewerbs vier davon prämiert und in eine Überarbeitungsphase geschickt worden. Der Stuttgarter Preisrichter Klaus Humpert gab den Planern ausdrücklich mit auf den Weg, ihre Vorschläge zu verbessern in Bezug auf "die Verkehrssituation, den Denkmalschutz, den Städtebau und den Umgang mit der Parklandschaft des Mittleren Schloßgartens". Vier Monate später bekam das damalige Architekturbüro Ingenhoven, Overdiek, Kahlen und Partner in Zusammenarbeit mit Frei Otto den Zuschlag.

"Der neue Bahnhof wird keine klassische Halle bekommen", hieß es. Stattdessen würden "futuristisch anmutende Bullaugen in einer ebenerdigen Betonplatte die Bahnsteige auf ganzer Länge belichten". Weder der denkmalgeschützte Bonatz-Turm noch der Schlossgarten hätten größere Einschnitte zu erleiden. Die Jury ging von einem Baubeginn 2001 und einer Fertigstellung "nicht vor 2008" aus. "Als ich den Wettbewerb gewann, war ich 37 Jahre alt und habe scherzhaft gesagt, schön, dass ihr einen jungen Architekten ausgesucht habt, ich werde wohl noch erleben, dass der Bahnhof fertig wird", erzählt Ingenhoven (56) heute. "Das war als Scherz gemeint. Jetzt werde ich darüber wohl eher 60 werden." Das sei "schon herb".

Die Schuldigen hat er längst ausgemacht: Etliche Politiker ("Das ist ein echter Kindergarten") und vor allem die Grünen, denen der seit drei Jahren geschiedene Vater von fünf erwachsenen Kindern zumal seit dem Machtwechsel 2011 allein Taktik unterstellt: Dagegen zu sein, das habe ihre Wähler in die Kabinen getrieben. Herber als herb sind die Vorwürfe, sie hätten sich "nie bemüht, das Projekt zu verbessern" und "unredlich" immer nur getan, was "der Zerstörung" diene. Und den Wunsch nach einer "ehrlicheren und sachlicheren Diskussion" würde er besser an die DB richten.

Eine neue Chance dafür besteht. Oberbürgermeister Fritz Kuhn plant zwei etwa fünfstündige "Projektdurchsprachen" für den 26. Oktober und den 15. November im Stuttgarter Rathaus. Noch immer liegen zwei Bürgerbegehren von Kopfbahnhofbefürwortern auf dem Tisch. Die sollen aus rechtlichen Gründen zwar zurückgewiesen werden, nicht aber ohne sie zum Anlass für eine neue ausführliche Befassung mit Zahlen, Daten und Fakten, den aktuellen Kosten oder dem Baufortschritt zu nehmen. 

Einer wird auf der Seite der Gegner fehlen, der sich regelmäßig und hart mit dem berühmten Kollegen auseinandergesetzt hat: Der im März verstorbene Peter Conradi zerpflückte viele der Argumente ähnlich einleuchtend wie den Vergleich zwischen der Stuttgarter Kostenexplosion und der Preissteigerung beim VW Golf, die binnen 25 Jahren ganz ähnlich stattgefunden habe. "Allerdings ist der VW Golf heute technisch weit besser und leistungsfähiger als der VW Golf der 80er-Jahre, während der geplante Tief­bahnhof nicht einmal das leisten kann, was der alte Bonatz-Bahnhof heute leistet", so Conradi an die Adresse Ingenhovens, der leider zu jenen Architekten gehöre, die "auf der Seite der Macht stehen, denn von dort bekommen sie ihre Aufträge".


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4 Kommentare verfügbar

  • Horst Ruch
    am 14.10.2016
    @ Maria...leider kann ich Ihre "feministischen" Auffassungen zu den Architekten im allgemeinen und Besonderem, ihre Beurteilungen und Vorstellungen zu den Lichtaugen, zumindest aus ästhetischer Sicht nicht nachvollziehen, selbst wenn auch Oberkochweltmeister Vincent Kling-als Mann- ähnliche Sinneswahrnehmungen veröffentlich hat. Wobei Sie, und er offensichtlich mit viel Phantasie nur den Modellcharakter in Vogelperspektive im Blickfeld haben und die ausgeformten Kelchstützen zu Rüsseln erfinden. Ein großes Problem bleibt jedoch die funktionale, konstruktive Bedeutung von 26? verschieden hohen Elementen, mit durchkreuzenden noch nicht einmal definierten Rauchabzug und Lüftungskanälen die für diesen mickrigen Haltepunkt im krassen Mißverhältnis zu den Herstellungskosten stehen. Prizkerpreisträger Frei Otto hatte dies rechtzeitig erkannt und deshalb neben den Grundwasserproblematiken die "Scheidung" von Ingenhofen eingereicht. So stand Ingenhoven plötzlich alleine mit seinem
    "Baby". Es wurde mehr oder weniger von den "Baubetreuern" der unbedarften DB AG großgezogen, bis nach 15 Jahren der Schöpfer wieder auftauchte, und seine Missfallenspredigt kundtat, mit gleichzeitiger Aufforderung ihn endlich doch mit weiteren Projekten zu beauftragen.....keine Bescheidenheit, doch sie hinterließ bei den "Machern" von S21 immerhin einen großen Eindruck.
    Dr. Grube und Dr. Kefer sehen hier, wie an allen weiteren Ecken und Strecken ja noch eine Menge Einsparpotential. Siehe auch mein Kommentar vor genau einem Jahr zu gleichem Thema.
    Der nächste folgt im nächsten Jahr, sicherlich ähnlich lautend.
    Dabei wäre es ganz einfach, einfach das ganze Dach weglassen, fast eine Million gespart, und für Neugierigen ein wunderschöner Blick in die TGV Grube wie alle 2 Minuten da unten was vorbeirauscht.
  • Marla
    am 14.10.2016
    @Ruch..... in Vielem stimme ich Ihnen zu..... (wobei meiner Erfahrung nach männl.Architekten eher hochstapeln, während Frauen eher tiefstapeln, ;-)
    "Ein Projekt das nur wegen seiner Lichtaugen- wie ich meine mit Recht- prämiert wurde, "
    Sie meinen die Urinale? Sie finden, das ist archtektonisch einem Jahrhundertbau angemessen? Urinale plus Grün nennt Ingenhoven Park (Während von seiner Terrasse großzügig echter Park sichtbar ist!)
    Und die Rüsselverlängerungen unter den Urinalen, wobei diese nur im Untergrund sichtbar sind, sollen Tageslicht leiten? In einer Gegend, die mehr Grau als Sonnentage hat? ( Und lassen Sie sich mal die Umbauten "kleiner Schloßplatz" erklären... aus Lichtstrassen nach unten wurden Betonstraßen mit Beleuchtung!)

    Gerade diese "Urinale mit Rüssel" finde ich armselig für eine prosperitierende, wirtschaftspotente Stadt!
    Aber was will man erwarten wenn sich die Entscheidungsträger am eigenen Rüssel durch die Manege treiben lassen?
  • Horst Ruch
    am 14.10.2016
    @ Maria, ...die Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.....Das gilt natürlich für beiderlei Geschlecht, was zuletzt in der Architektur die leider viel zu früh verstorbene Zaha Hadid bewiesen hat. Allerdings hatte sie das Glück nicht für die unkompetente BahnAG einen Auftrag abwickeln zu müssen.
    Insofern handelt es sich bei dem Vergleich Ledoux / Ingenhoven um einen hinkenden. Ledoux hatte seinen Anspruch der Einmaligkeit -unterstützt von Louis XV- durch Aussprüche selbst formuliert, während Ingenhofen brav die Slogans seiner Auftraggeber seit der Jahrtausendwende übernimmt, ohne sich um die Funktion eines Bahnhofs, geschweige dem Stuttgarter zu kümmern. Sein "Baby" wurde einzig aufgrund der Elternschaft mit Frei Otto zur Welt gebracht. Von der Betonindustrie, -bevor überhaupt ein einziges Stückchen Beton verbaut war- wurde sein Büro gleich 2 mal mit Preisen überhäuft. Da kommt natürlich Übermut auf......denn es schmeichelt mit vollmundigen Parolen auf grandiose Weise die Unbedarften aus Politik und Wirtschaft...."es folgt ökologischen, ökonomischen Parametern und bietet Komfort und Sicherheit...durch den intelligenten Einsatz natürlicher Energieresourcen entstehen keine CO2-Emissionen.....(ergänzt in der Videobotschaft)... Modern,innovativ, leistungsstark für 49 Züge...das ist S21...."
    .....Das stand zumindest bis vor kurzem auf Ingenhovens Homepage. Wie wir seit Jahren -außer der BahnAG und der unterstützenden politischen "Elite"- wissen, ist es zwar modern zu schummeln, gelogen eigentlich, aber das Wort Lüge darf allenfalls nur von "Populisten" ausgesprochen werden.
    Ingenhoven's niedliches "Baby" wurde wegen der "Scheidung" von Frei Otto ziemlich vernachlässigt, aus dem Baby ist ein garstiger Heranwachsender geworden. Wer nach 20Jahren erst wieder Kontakt aufnimmt, hat den Ernst des Lebens nicht begriffen. Alte Spruchblasen durchziehen nachwievor sein Wunschdenken, während die Zeit in Stuttgart auch ohne Ingenhoven nicht stehen geblieben ist, ist sie es offenbar bei ihm selbst. Ein Projekt das nur wegen seiner Lichtaugen- wie ich meine mit Recht- prämiert wurde, muß aber in realo seine klar definierten Funktionen als "Haupt"Bahnhof erfüllen, und nicht als teuerster Haltepunkt in der Geschichte des Eisenbahnwesen eingehen und da kann der Architekt sich nicht als "Hüllenbauer" zurückziehen. Nochmals zu Ledoux:
    Haben die Franzosen doch mit ihrem TGV die Nase vorn, so sind deren Haltepunkte jämmerliche aber billige Architektur. So hatte Ledoux das Glück vor rund 250 Jahren nur eine Salinen"Fabrik" in Arc-et-Senans -tatsächlich 100jahre in Betrieb- zu errichten, die phantastisch im Vergleich zu der naheliegender TGV Station zu betrachten sich lohnt, "Weltkulturerbe". Von dieser Beurteilung ist Ingenhoven's Traum seiner Haltepunktseinhausung trotz Werbesprüche weit entfernt.
  • Marla
    am 12.10.2016
    http://www.sueddeutsche.de/karriere/frauen-in-der-architektur-die-gattin-des-genies-1.3027478
    "Architekten sind nach einem klassischen Berufsverständnis immer auch Selbstdarsteller. Schon der französische "Revolutionsarchitekt" Claude-Nicolas Ledoux (1736-1806) meinte, Architekten seien die "Rivalen des Schöpfers" beziehungsweise die "Titanen der Erde". ()
    Bescheidenheit gehört möglicherweise nicht zu den wichtigsten Tugenden am Bau. Frank Lloyd Wright entwarf ein Hochhaus mit atomgetriebenen Aufzügen. Le Corbusier wollte die halbe Altstadt von Paris abreißen lassen. Und der vor zwei Jahren verstorbene österreichische Architekt Hans Hollein skizzierte ein Hochhaus in Form eines erigierten Phallus.()
    Das galt auch für die Designerin Lilly Reich, die die erste Frau im Vorstand des Deutschen Werkbundes wurde. Ab 1926 arbeitete und lebte sie mit Ludwig Mies van der Rohe zusammen. Kongenial war sie sowohl am Barcelona-Pavillon wie am Bau der Villa Tugendhat beteiligt. Beides sind Ikonen der Moderne. Und beide Bauten schreibt man eindeutig Mies zu. Übrigens hieß er ursprünglich Ludwig Mies. Aus Gründen des Images schmückte er sich später mit dem Geburtsnamen der Mutter (Rohe) und adelte sich gleich mal selbst.()
    Da ist mehr Selbstbewusstsein mehr. Man könnte jetzt noch erzählen, wie überaus erbärmlich sich Le Corbusier gegenüber seiner Kollegin Eileen Gray verhielt, deren Haus er während ihrer Abwesenheit und ausdrücklich gegen ihren Willen mit fünf großen Wandgemälden ausmalte, und das auch noch nackt - als müsste er sein Revier markieren."

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