Sitzt, wackelt, hat Luft. Eine Frau in Indien vertraut sich selbst. Fotos: Joachim E. Röttgers

Sitzt, wackelt, hat Luft. Eine Frau in Indien vertraut sich selbst. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 256
Gesellschaft

Mehr Vertrauen!

Von Anna Hunger (Interview)
Datum: 24.02.2016
Deutschland steckt in einer üblen Vertrauenskrise. Das befördert Wut und Hass, wie jüngst in Bautzen und Clausnitz. Ein Gespräch über fehlende Bildung und die Notwendigkeit, in Zukunft einen langen Atem zu haben.

Herr Schweer, wem vertrauen Sie?

Ein paar Menschen in meinem Umfeld. Viele sind es nicht.

In letzter Zeit merke ich, dass ich immer mehr Vertrauen verliere, in Menschen, Institutionen, Politiker.

Ihr Eindruck ist sicherlich einer, mit dem Sie nicht alleine sind.

Woran liegt das?

Weil vieles nicht zu funktionieren scheint. Wir erleben eine hohe Unsicherheit, ob bestimmte gesellschaftliche Probleme gelöst werden. Die Menschen glauben oftmals nicht mehr, dass diejenigen, die die Probleme lösen sollten, es auch wirklich können. Da wir aber mittelbar oder auch unmittelbar betroffen sind, entsteht dadurch ein Gefühl der Bedrohung.

Aber was ist Vertrauen?

Babys haben Vertrauen zu ihren Eltern. Alles andere können Menschen lernen.
Babys haben Vertrauen zu ihren Eltern. Alles andere können Menschen lernen.

Vertrauen ist die subjektive Überzeugung, sich in die Hände von anderen begeben zu können. Und das Risiko eingehen zu können, das damit einhergeht.

Und wie entsteht es?

Es entsteht in sozialen Beziehungen zunächst einmal durch den ersten Eindruck, den wir uns bilden. Wenn wir einen guten Eindruck haben, gehen wir wohlwollender auf Menschen zu, erste Vertrauenshandlungen werden wahrscheinlicher. Etwa das Erzählen von persönlichen Dingen. Eine solche Vertrauenshandlung wird vom anderen wahrgenommen, derjenige registriert, dass ihm Vertrauen geschenkt wird. Dies fördert die Wahrscheinlichkeit, dass derjenige wiederum mit einer Vertrauenshandlung reagiert. Durch das positive Agieren und Reagieren würde sich im besten Fall ein stabiles Vertrauensverhältnis aufbauen können.

Vertrauen ist also wie eine Spirale, die sich wechselseitig potenziert?

Ja, das kann man so formulieren. Das ist die Basis eines konstruktiven, positiven Umgangs miteinander. In Deutschland erleben wir im Moment an vielen Stellen leider genau das Gegenteil. Radikale Tendenzen sind eine psychologisch plausible Entwicklung. Man versucht, einfache alternative Lösungen zu finden.

In Deutschland ist das im Moment die AfD, in den USA Donald Trump. Das sind Politiker, die Positionen vertreten, die historisch oder auch rein logisch betrachtet null vertrauenswürdig sind. Klingt eher wie ein naiver Reflex.

Vertrauen hat leider nicht zwangsläufig damit zu tun, dass Menschen besonders differenziert denken müssen. Unsere Stereotype, unsere Denkschubladen und Vorurteile basieren auf dem Prinzip der Vereinfachung, das ist für unser Überleben ganz wichtig so. Es ist für uns daher viel einfacher, in Schwarz und Weiß zu denken, anstatt viele Schattierungen zu sehen. Den Anspruch, anderen Menschen durch einen differenzierten Blick mit vielen Schattierungen gerecht zu werden, haben viele gar nicht. Menschen haben in erster Linie das Bedürfnis, dass es ihnen möglichst gut geht.

Geht es einem mit Trump und AfD psychologisch gut?

Nehmen wir mal die Flüchtlingsfrage. Uns ist klar, dass es so nicht weitergehen kann, aber wie es weitergeht, das wissen wir noch nicht. Wir bemühen uns um eine europäische Lösung, wir wissen aber nicht, wie viele Flüchtlinge in einem halben Jahr zu uns kommen werden. Das sind keine befriedigenden Erklärungsmomente für jemanden, der sich bedroht fühlt. Wer sich bedroht fühlt, möchte ganz klar wissen, was jetzt als Nächstes passiert. Derjenige, der da ein einfaches Angebot machen kann, ist vorne. Das ist bei der AfD so und bei Trump. Sie präsentieren solche Lösungen.

Zum Beispiel offen und neugierig zu sein.
Zum Beispiel offen und neugierig zu sein.

Aber zum Beispiel die AfD macht kein Angebot. Sie sagt, wir machen die Grenzen dicht, was nicht geht. Reflektiert wird das von den Anhängern aber nicht.

Nein, weil die Leute das vielfach eben gar nicht wissen wollen. Darauf basieren auch Verschwörungstheorien. Differenziert und reflektiert zu denken und zu beurteilen muss gelernt werden. Es ist im Übrigen auch wesentlich anstrengender. Zu erkennen, dass einfache Lösungen eben nicht funktionieren, bedeutet, dass wir die Komplexität der Welt zur Kenntnis nehmen und darauf reagieren müssen. Sich mit einfachen Wahrheiten zufriedenzugeben, ist deutlich leichter.

Man muss sich öffnen und damit macht man sich angreifbar.

Richtig, ja. Natürlich müssen wir im Grunde von einem Politiker erwarten können, dass er komplex denkt, weil er Verantwortung übernimmt. Genau wie ich es bei einem Lehrer erwarten muss, bei einem Vorgesetzten ebenso. Erfolg, vor allem schneller Erfolg, wird aber oftmals dadurch erzielt, dass schwierige Prozesse in unseriöser Form vereinfacht oder auch gar nicht angesprochen werden.

Wie könnte man das lösen?

Für mich ist das in erster Linie die Aufgabe von Erziehung und Bildung. Wir müssen schon bei Kindern anfangen, Komplexität im Denken zu fördern.

Hier gibt es schon lange die Diskussion um den grün-roten Bildungsplan. Die Idee, dass es viel mehr gibt als bipolar Mann und Frau, war kaum raus, und sofort hat sich eine extreme Gegenbewegung gebildet. Da sind viele Lehrer dabei.

Menschen, die in Erziehung und Bildung tätig sind, müssen selbstverständlich selber auch über eine hinreichende Reflexionsfähigkeit und vor allem auch -bereitschaft verfügen. Leider wissen manche Gruppierungen nur zu gut, wie sie mit Unwahrheiten und Halbwissen ganz gezielt Ängste bei den Menschen heraufbeschwören können. Manches Mal werden dabei erfolgreich Ängste geschürt, von denen man als aufgeklärter Mensch dachte, dass sie schon Jahrzehnte hinter uns liegen. Liegen sie aber leider nicht. Anders sein erzeugt immer noch Angst. Angst und Unwissen erzeugen Unsicherheit und das Gefühl der Bedrohung.

Klingt traurig. Kann man die Fähigkeit, Vertrauen zu empfinden, lernen?

Ja, die Bereitschaft, den anderen zunächst einmal eine Chance zu geben, die kann man lernen. Wichtig ist, dass wir lernen, weg von Klischees, einfachen Kategorien und Vorurteilen zu kommen in dem Sinne, dass wir lernen, solche Phänomene zu reflektieren und damit sensibel umzugehen.

Einfach mal locker machen. Gemeinsam gegen Pegida auf dem Stuttgarter Schlossplatz im Januar 2015.
Einfach mal locker machen. Gemeinsam gegen Pegida auf dem Stuttgarter Schlossplatz im Januar 2015.

Wie viel hat Vertrauen überhaupt mit realer Wahrnehmung zu tun und wie viel mit Gefühl?

Vertrauen ist eine Mischung aus Wissen, Fühlen und Handeln. Alle drei Komponenten spielen eine Rolle. Wenn ich der Überzeugung bin, dass der andere mein Vertrauen verdient, bin ich bereit, in meinem Verhalten darauf zu reagieren, und fühle mich zudem dabei gut.

Angela Merkel hat lange Jahre Vertrauen genossen. Jetzt kommen Flüchtlinge, und das Vertrauen ist ratzfatz futsch. Dabei haben die wenigsten, die sich da abwenden, je einen Flüchtling kennengelernt. Die wenigsten Leute sind überhaupt in irgendeiner Form in ihrer Lebenswelt betroffen von Flüchtlingen.

Das ist ein typisches Phänomen, wenn es um Vorurteile geht, sei es nun bei Ausländerfeindlichkeit oder etwa auch bei Homophobie. Viele Menschen mit ausgeprägten Vorurteilen gegenüber einer Gruppe haben noch nie intensiven Kontakt zu Vertretern dieser Gruppe gehabt. Genau dieser Kontakt würde aber erheblich helfen, um Vorurteile und unnötige Befürchtungen abzubauen.

Ich bekomme eine Flüchtlingsunterbringung in die Nachbarschaft, die Leute, die drum herum wohnen, sind sehr skeptisch bis ärgerlich.

Natürlich gibt es Befürchtungen vieler Menschen, was da auf sie zukommen könnte. "Ist ja prinzipiell in Ordnung, muss aber ja nicht direkt bei mir um die Ecke sein." Aber hierin liegt auch die Chance für einen Einstellungswandel, wenn die Menschen die Bereitschaft aufbringen, den Kontakt aktiv zu suchen und sich ehrlich um eine Beziehung zu den neuen Nachbarn bemühen.

Sehen sie das Land auf einem guten Weg zu einer besseren Gesellschaft, oder blicken Sie eher weinend in die Zukunft?

Nein, dazu bin ich viel zu optimistisch. Aber natürlich werden wir auf allen Ebenen zunehmend komplexere Herausforderungen meistern müssen. Die Flüchtlingssituation ist nur ein Beispiel dafür. Das hängt mit Demografie zusammen, mit Globalisierung, mit Digitalisierung. Alles um uns herum wird immer fragiler, wir erleben auf vielen Ebenen eine immer höhere Unsicherheit und bemerken, immer weniger kontrollieren zu können. Schnelle und einfache Lösungen sind sicherlich nicht der richtige Weg zur Lösung komplexer Probleme. Wir müssen den richtigen Menschen vertrauen, wir müssen unseren gut funktionierenden sozialen Systemen vertrauen, und wir müssen bei der Lösung komplexer Probleme auch einen langen Atem haben. 

 

 

Martin Schweer ist Inhaber des Lehrstuhls für pädagogische Psychologie, Leiter des Zentrums für Vertrauensforschung an der Universität Vechta und Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung.


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