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Aus der Schaum

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Wie viel politische Disziplin braucht ein Cappuccino? Eine Frage, die sich für unsere Autorin bisher in fairem Handel und Zucker aus menschen- und umweltfreundlicher Produktion erschöpft hat. Bis vor ein paar Tagen zumindest. Eine schaumige Glosse über die Abgründe des Alltags.

Böblingen, 20 Kilometer von Stuttgart entfernt, da komme ich her. Die Böblinger sind keine begnadeten Barista. Aber es gibt dort zwei Orte, an denen Kaffeeliebhaber einen guten Cappuccino trinken können: beim Italiener in der Bahnhofstraße und – tatsächlich – an der Agip-Tankstelle. Zu Fuß für mich 20 Minuten zu laufen, mit dem Auto grundsätzlich staufrei zu erreichen, weil Randlage, Autobahnanbindung top, hundert Meter Luftlinie vom Supermarkt – Agip liegt sozusagen immer auf meinem Weg.

Der Kaffee ein Traum vom italienischen Kaffeeröster, unaufdringliche Bitternote bei Benetzen der Zunge, dunkel und kräftig im Abgang. Perfekt proportioniert auch das Verhältnis zwischen Kaffee und aufgeschäumter Milch, einem cremigen, fluffigen Weiß, so fest geschlagen, dass man mit dem Rührstäbchen Herzen hineinzeichnen oder Formen auftürmen kann, die nach Sekunden wieder zart ineinander verlaufen. Milchbläschen, die beim Stäbchenablecken samtweich und wohlig kribbelnd an den Lippen zerplatzen. Cappuccino im goldenen Schnitt sozusagen. Wäre Milchschaum eine Religion, wäre der von Agip in Böblingen die Offenbarung.

Vergangene Woche war's dann aus mit Schaum. Es ist Samstag, und der Pächter, ein Muskelmann mit freundlichen Augen, trägt heute nicht Agip-Shirt, sondern private Klamotte. Signalfarbe. "Oh, Sonnengelb spannt sich da über den stahlharten Bizeps", dachte ich noch beim ersten Scannen. Knapp neben dem Schlüsselbein dann das Label: Thor Steinar, Neonazi-Marke. Meine Augen im Zoom auf den Schriftzug, drum herum Stille, wie im Film, wenn in der Nahen die Finger des endlich, endlich tot geglaubten Bösewichts doch noch zucken. Und ich dachte: "Scheiße. Nie mehr Milchschaum."

Ob er das mit Absicht trägt, frag ich. Da grinst dieser mir bis dahin sympathische Kerl seinen Kumpel an der Theke an, stolz, kein bisschen ertappt. Ob er weiß, was das für eine Marke ist, frag ich? Er faselt was von "das könne man so und so sehen" und von "nordischer Mythologie", während mein Kaffeeparadies in die Senkrechte kippt. Ich so: "Diese Marke tragen Rechte, Neonazis?" Er: "Stimmt." Grins. Ich: "Was ist jetzt, trägst du das aus Versehen oder mit Absicht?" Er grient wieder den Thekenkumpel an, vertraulicher Blick, selbstsicher: "Ja, ich trage das mit Absicht. Kann man so sagen." Als ich sage, dass ich nie mehr in meinem Leben einen Kaffee in seiner Tanke trinken kann, meinen Lieblingskaffeee, dass ich nie mehr eine Cola kaufe oder ihm auch nur einen Cent für einen halben Tropfen Benzin dalasse, da sagt er: "Tja, das ist dein Problem."

Außerdem, und viel entscheidender, waren diese Tankstelle und ihr wunderbarer Cappuccino für mich lange Zeit das i-Tüpfelchen auf einem gelungenen Samstags- und Sonntagvormittagsspaziergang: Draußen sitzen – im Winter, im Sommer, bei Regen, Schnee und brennender Sonne – und die Welt für eine warme Becherlänge vorbeiziehen lassen. Außerdem ist das Personal freundlich für kurze Schwätzchen oder kleine Späße zu haben.

Ich gucke mich um, und nun fällt mir auch auf, dass mich hier immer nur Deutsche bedient haben, immer. Ungewöhnlich in einer Stadt, in der an anderen Tankstellen Türken, Serben, Araber, Kroaten, Russen, Rumänen, dunkle, helle, eben alle arbeiten, die eine Gesellschaft und eine Halb-Industriestadt wie Böblingen eben so prägen. Und ich denke an all die Leute, die immer an dieser Tanken-Kaffee-und-Würstchen-Theke sitzen, Kumpels, Stammgäste. Und ich denke, wie oft ich hier war. Wie verdammt oft ich in dieser Tankstelle stand, Hunderte Male, wie viel Geld ich dort gelassen haben, ich, der stolze Deutsche immer die Magensäure die Speiseröhre rauftreiben.

Ich bin das letzte Mal durch die Schiebetür gegangen mit meinem Lieblingskaffee in der Hand, auf dem der fluffig-zarte Milchschaum schwebt wie ein Wölkchen. An diesem Tag hinterlässt er einen ekelhaften Film auf der Speiseröhre. Ich werfe ihn weg und fahre zu Aral. Ich glaube, es ist ein Araber, der mir dort den Kaffee macht. Ich schenke ihm zum Abschied ein strahlendes Lächeln.


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10 Kommentare verfügbar

  • Silke
    am 30.07.2015
    Antworten
    @Tillupp:
    "einen entspannteren Umgang mit ihren Kunden"? Ja klar, so kann man es auch sehen.
    Muss man aber nicht.
    Es geht dabei wohl eher rein um Kohle. Da bleibt die Moral auf der Strecke. Ist doch egal mit wem man seine Geschäfte macht!
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