Worte als verbale Watschen
"Flanieren kann man nur alleine, wir gehen spazieren", knurrt er, als er sich bei Ratzer einen Espresso bestellt. Es wird etwa 30 Minuten dauern, bis er zum ersten Mal lächelt. Ganze 200 Meter Spaziergang sind bis dahin geschafft, Bauer bleibt immer wieder stehen, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen - und um verbale Watschen zu verteilen. Die Stuttgarter Zeitungen hätten schon vor Jahrzehnten den Bezug zur Stadt verloren. Im Internet seien zu viele Schnorrer unterwegs, die Geiz tatsächlich geil fänden. Und so mancher Bürger sei erstaunlich spießig, und zwar nicht nur die alteingesessenen Schwaben: "Manche Menschen werden einfach schon alt geboren."
Natürlich bekommt auch die Stadtverwaltung ihr Fett weg, die neben dem Gerberviertel auch das Bohnenviertel vernachlässigt habe. Vom Leonhardsviertel ganz zu schweigen, in dem Bauer gerade steht, als er von früheren Zeiten erzählt. Damals, als sich Drogendealer und Drogenfahnder noch gemeinsam die Kante gegeben haben in den Bars der Leonhardsstraße, weil das Stuttgarter Nachtleben noch nicht viel mehr hergegeben hat. "Die mussten alle irgendwann mal saufen", sagt Bauer lakonisch. Er selbst hat Alkohol und Tabak vor sieben Jahren abgeschworen. Was erstaunlich ist, denn zumindest die Zigarette würde so gut in das Bild des Flaneurs passen.
Weniger melancholisch, mehr einordnend
Heute legt die Stadt lieber den Mantel des Schweigens über das angeblich verruchte Viertel, dessen Rotlicht kaum bis zum angrenzenden Wilhelmsplatz strahlt. Bauer ist gerne hier, immer wieder setzt er sich für das vermeintlich vergessene Gebiet ein. Nicht wegen seiner Melancholie, die ihm immer wieder von so manchem Beobachter unterstellt wird. Der 60-Jährige will ein Bewusstsein für seine Stadt schaffen.
Auch seine Texte sind trotz der vielen historischen Referenzen spätestens auf den zweiten Blick nicht mehr melancholisch, sondern vielmehr einordnend. "Die Leute kennen ihre Stadt einfach nicht mehr", klagt Bauer, der problemlos mit Jahreszahlen aus dem 19. und 20. Jahrhundert jongliert, die Biografie der Fotografin Gerda Taro aus dem Ärmel schüttelt, Sätze zitiert, die Patti Smith bei einem Stuttgarter Konzert gesagt hat, oder von einem ehemaligen Polizeichef erzählt, der sich unter fadenscheinigen Vorwänden in einschlägigen Etablissements die Hucke voll laufen ließen.
Derlei Wissen hat ihm bereits den Titel des "inoffiziellen Stadtchronisten" eingebracht, an anderer Stelle wurde er als "Wortartist" bezeichnet. Bauer ist beinahe empört, wenn man ihn darauf anspricht. Er sei lediglich Hobby-Historiker und manche würden schon in billigen Kalauern große Kunst entdecken. Es ist diese Art Bescheidenheit, die nur Menschen an den Tag legen können, die überzeugt sind von dem, was sie tun.
16 Jahre ist es her, dass er seine Texte erstmals im Rahmen des Flaneursalons einem Publikum vorgelesen hat. Sein erstes Buch "Stuttgart - My Cleverly Hills" war gerade erschienen. Die Idee einer klassischen Frontallesung schreckte Bauer schon damals ab, er stellte lieber eine Revue aus Musik, Tanz, Kleinkunst und Literatur auf die Beine. Seither reist er mit seinem Salon in unregelmäßigen Abständen durch die mal größeren, mal kleineren Veranstaltungsräume in Stuttgart.
Eine "Live-Zeitung" nennt er sein am Varieté angelehntes Konzept, das "die Stadt widerspiegeln" soll. "Wenn es gut gemacht ist, passen alle Künste zusammen", kommentiert Bauer die Mischung auf seinen Veranstaltungen. Bislang gab ihm der Erfolg recht, die bisherigen Flaneursalons waren gut besucht, zumeist finanzierten sie sich selbst. Hin und wieder habe er draufgelegt, um das Programm nach seinen Wünschen gestalten zu können, sagt Bauer, das sei aber im Rahmen gewesen: "Ich mache das ja auch nicht, um Geld zu verdienen." Eher wegen des Drangs, den Stuttgartern Stuttgart schmackhafter zu machen.
Zu Joe Bauers Flaneursalon geht es unter diesem <link http: www.flaneursalon.de de index.php _blank>Link.
4 Kommentare verfügbar
Benno Mehring
am 08.10.2014