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NSU: Maulkorb für Drexler

Wolfgang Drexler, der Vorsitzende des ersten und des zweiten NSU-Untersuchungsausschusses im Landtag, soll seine massive schriftliche Kritik am ARD-Film zum Mord an Michèle Kiesewetter vorerst nicht wiederholen. Der frühere SPD-Fraktionschef und Landtagvizepräsident hatte die Produktion, die am Montag ausgestrahlt wurde und für die der SWR mitverantwortlich zeichnet, als "grob falsch, unsachlich und anstößig" bezeichnet. Jetzt liegt der Landtagsverwaltung ein mehrseitiges Schreiben eines Rechtsanwalts vor, in dem Drexler zur Unterlassung etlicher Aussagen aufgefordert wird.

Drexler hatte sich per Pressemitteilung nach der Trauerfeier zum zehnten Jahrestag des Terroranschlags geäußert. Auf dieser habe er Kollegen getroffen, die wie er selbst den Fernsehbeitrag "mit Bestürzung" verfolgt hätten. Ein Punkt von vielen: Es sei suggeriert worden, die Polizistin habe selbst Heroin konsumiert und sei davon abhängig gewesen. Das verstoße "nicht nur gegen das Gebot journalistischer Sachlichkeit", sondern sei gerade zum jetzigen Termin "unpassend und für die Angehörigen belastend, wie etwa die ebenfalls verwendeten Bilder der grausam Ermordeten im Badeanzug". Er halte "derartige gänzlich unbewiesene Anwürfe für grob anstößig". Für Heroinkonsum hätten sich in der "intensiven mehrjährigen Aufklärungsarbeit" keine Hinweise ergeben.

Als "ähnlich perfide" bezeichnet der frühere Landtagsvizepräsident und SPD-Fraktionsvorsitzende die Versuche, "trotz ausführlicher Widerlegung, unmittelbare Kontakte zu Rechtsextremen zu unterstellen". Zudem irritiere, "dass die Verfasser sich offensichtlich nicht die Mühe gemacht hätten, die Protokolle oder wenigstens die Abschlussberichte der Untersuchungsausschüsse des Bundestags und des Landtags von Baden-Württemberg zur Kenntnis zu nehmen. Etwa wenn es um das Umfeld der beiden Opfer in ihrer Einheit gehe, auch würden die mittlerweile erfolgten teilgeständigen Einlassungen von Beate Zschäpe, die die Täterschaft von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos auch an der Tat von Heilbronn einräumt, vollständig ignoriert, ebenso wie etwa das Bekennervideo des NSU und seine Entstehung bereits bis Ende 2007". Mündlich wiederholen mochte der Ausschussvorsitzende seine Kritik einen Tag vor den nächsten Zeugenvernehmungen nicht. Die Landtagsjuristen prüfen gegenwärtig das Schreiben des Anwalts. (27.4.2017)


Offene Wunde in Heilbronn

"Wir hoffen alle, dass vielleicht doch noch mehr Licht in die Vorgänge kommt." Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat am zehnten Jahrestags des Anschlags auf Polizisten Michèle Kiesewetter und ihres Kollegen Martin Arnold genutzt, zumindest indirekt eine Fortsetzung der Ermittlungsarbeit zu verlangen. Der Heilbronner OB Harry Mergel (SPD) wurde auf der Gedenkfeier deutlicher: "Warum Heilbronn? Wieso Michèle Kiesewetter? Und weshalb der 25. April 2007?" Solange diese Fragen "nicht ausreichend beantwortet werden können, gibt es auch hier in Heilbronn eine offene Wunde".

Angestoßen wurde die Diskussion um neue Ermittlungen auch durch die Bundesanwaltschaft. Sie geht der Entstehung eines Graffito mit dem Kürzel "NSU" nach, das auf einer Mauer am Tatort aufgesprüht war. Bisher lautet die offizielle Version, dass das NSU-Trio für den Anschlag verantwortlich ist. Immer wieder und aufgrund zahlreicher anderer Spuren sind die Zweifel an dieser Darstellung nicht ausgeräumt. Bisher waren an Tatorten weder Bekennerschreiben des NSU noch andere Hinweise gefunden worden. Entdeckt worden waren die drei Versalien in schwarzer Farbe vom Filmemacher Clemens Riha beim Sichten von SWR-Archivmaterial. (25.04.2017)


AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


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Scientology-Zentrum Los Angeles. Foto: PictorialEvidence

Scientology-Zentrum Los Angeles. Foto: PictorialEvidence

Ausgabe 172
Gesellschaft

Stuttgart verdeckt im Fokus

Von Manfred Landner
Datum: 16.07.2014
Nach Berlin und Hamburg soll auch Stuttgart zu einem Zentrum der Scientology-Organisation (SO) in Deutschland werden. Hiesige Scientologen bleiben dabei außen vor: Die Expansion erfolgt verdeckt von Israel aus. Der Aufbau der Niederlassung stockt jedoch wegen unerwarteter Personalprobleme: Der israelische Mittelsmann sitzt in Tel Aviv wegen Mordverschwörung und anderer Kapitalverbrechen hinter Gittern.

Das bekannteste Scientologen-Gesicht gehört Tom Cruise. Doch so sympathisch wie den amerikanischen Schauspieler stufen Staatsschützer die öffentlich als Kirche auftretende Organisation nicht ein. "Die Scientology-Organisation strebt unter dem Begriff 'neue Zivilisation' eine gesellschaftlich-politische Ordnung an, die einem totalitären System entspricht", warnt der baden-württembergische Verfassungsschutz in seinem jüngsten Jahresbericht. Weil darin elementare Grundrechte wie Menschenwürde, Meinungs-, Informations- und Pressefreiheit sowie Demokratie- und Rechtsstaatsprinzip massiv eingeschränkt oder gar ganz außer Kraft gesetzt wären, steht die 1954 in den USA von L. Ron Hubbard gegründete Organisation seit 1997 im Visier der deutschen Behörden.

Derzeit zählt die Organisation zwischen 3000 und 4000 Mitglieder bundesweit, davon rund 900 in Baden-Württemberg. Die Deutschlandzentrale ist in Berlin angesiedelt. Nach Erkenntnissen der Verfassungsschützer hat Scientology in der Region Stuttgart einen ihrer Schwerpunkte und das dichteste Netzwerk. In der Landeshauptstadt plant sie seit Langem eine neue Repräsentanz. Diese Niederlassung soll zum größten SO-Zentrum Deutschlands ausgebaut werden. "Stuttgart ist als Zentrum einer wirtschaftsstarken Region für Scientology interessant", heißt es beim Verfassungsschutz. Im mittleren Neckarraum hoffe die SO leichter Zugang zu führenden Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu finden. Zudem verspreche man sich hier noch größere finanzielle Zuwendungen als bislang. Die bestehende Stuttgarter SO-Dependance, derzeit untergebracht in einem Hinterhofgebäude im Stadtbezirk Bad Cannstatt, soll jährlich eine Million Euro Spenden von ihren Mitgliedern vereinnahmen.

Der Wunschstandort liegt repräsentativ und verkehrsgünstig

Der Grundstein für eine "Ideale Org", wie größere Scientology-"Gemeindezentren" im internen Sprachgebrauch heißen, ist bereits gelegt: Im Dezember 2010 erwarb die SO für acht Millionen Euro ein Geschäftsgebäude am Rande des neuen Stuttgarter Europaviertels. Der Standort der Immobilie an der Heilbronner Straße 67 gilt als herausragend repräsentativ. Täglich passieren Zehntausende Autofahrer die benachbarte Kreuzung, im Herbst dieses Jahres soll schräg gegenüber mit dem "Milaneo" eines der größten Einkaufzentren Europas eröffnen. Für die Lage interessierte sich zuletzt auch ein potenter Wirtschaftsverband. Die Arbeitgeberorganisation Südwestmetall erwarb in 2013 das angrenzende Areal, um dort nach früheren Angaben bis Ende 2016 seine neue Zentrale zu errichten. Wenige Meter weiter hat die Handwerkskammer der Region Stuttgart ihren Hauptsitz. Beide Organisationen ahnten offenbar bis vor kurzem nicht, wer sich in ihrer Nachbarschaft niederlassen will. 

Geplante SO-Niederlassung: Geschäftshaus Heilbronner Straße in Stuttgart. Foto: Jo E. Röttgers
Geplante SO-Niederlassung: Geschäftshaus Heilbronner Straße in Stuttgart. Foto: Joachim E. Röttgers

Denn der Deal erfolgte laut Verfassungsschutz wie beim Aufbau der Repräsentanzen der "Church of Scientology" in Berlin und Hamburg verdeckt über Mittelmänner. Als Käufer trat das israelische Unternehmen "G. Stuttgart Properties Ltd." aus Tel Aviv auf. Zum Zeitpunkt der Grundbucheintragung wurde ein Rechtsanwalt namens Gur Finkelstein als Inhaber in den israelischen Firmenregistern geführt. Unternehmen und Anwalt residierten damals unter ein und derselben Postadresse in der zweitgrößten Stadt Israels in der Mosinzon Street 2. Finkelstein bemühte sich nach Kontext-Informationen nicht selbst ins Stuttgarter Grundbuchamt. Die Kaufabwicklung erfolgte über ein deutsches Maklerbüro.

Die Spur führt zu einer "G. Stuttgart Properties Ltd."

Laut Firmenregister betätigt sich die "G. Stuttgart Properties Ltd." in nicht näher definierten Geschäftsfeldern ("in any legal business"). Finkelstein gilt in Israel nicht nur als Persönlichkeit mit intensiven Verbindungen zur internationalen SO — sondern inzwischen auch als Schwerverbrecher. So erwarb er als Treuhänder des SIRT (Scientology International Reserves Trust) im September 2010 das historische Al-Hambra-Kino in Tel Avivs Altstadtbezirk Jaffa. Im Auftrag des SIRT sollte er den Umbau des historischen Lichtspieltheaters zu einem Ideale-Org-Center organisieren.

Renoviertes Al-Hambra-Kino Jaffa: Scientology-Repräsentanz in Israel. Foto: Ilan Costica
Renoviertes Al-Hambra-Kino Jaffa: Scientology-Repräsentanz in Israel. Foto: Ilan Costica

Dabei ging nicht alles mit rechten Dingen zu, wie israelische Medien über Ermittlungsergebnisse der Polizei berichteten. Demnach arbeitete Finkelstein ab Oktober 2010 mit dem organisierten Verbrechen von Tel Aviv zusammen. Er beauftragte eine arabische Verbrecherbande, in dem 1936 errichteten Gebäude einen Brand zu legen. Das Motiv: Finkelstein wollte von den anschließenden Sanierungsarbeiten profitieren. Später erteilte der Anwalt der Jaffa-Gang auch reihenweise Mordaufträge. So platzierte die Gang auf seine Anweisung hin eine Bombe am Auto des früheren Direktors der Stadtplanungsbehörde von Tel Aviv, Shoteh Hovel. Daneben gab der SO-Treuhänder auch den Auftrag zu einem Mordanschlag auf den Ehemann von Finkelsteins Exfrau. Beide Attentate scheiterten. Im April 2011 verhaftete die Polizei Finkelstein. Selbst aus dem Gefängnis heraus soll Finkelstein Mordaufträge erteilt haben, wie die Tageszeitung "Haaretz" berichtete. Abschließend verurteilt wurde der Anwalt schließlich wegen mehrfachen Mordversuchs und anderer Kapitalverbrechen im Juni 2014.

Bombenanschlag der Jaffa-Gang im Mai 2010. Screenshot: haaretz.com
Bombenanschlag der Jaffa-Gang im Mai 2010. Screenshot: haaretz.com

Kurz vor dem endgültigen Richterspruch wechselte Finkelsteins "G. Stuttgart Properties Ltd." den Besitzer. Im April 2014 wurde sie von der "R. Akiva Trust Holdings Ltd." mit Sitz in Jerusalem übernommen. Dieses Unternehmen gehört wiederum einer großen Anwaltskanzlei namens Yehuda Raveh Associates. Beide residieren unter der gleichen Postadresse in der Rabbi Akiva 1 in Israels Hauptstadt. Der Besitzerwechsel kommt für Insider nicht von ungefähr. Yehuda Raveh gilt in Israel als Haus-und-Hof-Anwalt des SIRT. Bei Prozessen gegen Finkelstein vertrat dessen Kanzlei die Interessen des Trusts. Die kriminellen Aktivitäten ihres Treuhänders bremsten die Pläne der internationalen Scientology-Organisation zumindest in Israel nur vorübergehend aus. Im August 2012 ging die israelische SO-Niederlassung in Jaffa im renovierten Al-Hambra-Kino in Betrieb. Zur feierlichen Eröffnung kamen rund 1000 Gäste.

Kaum voran ging es dagegen mit dem Aufbau der Idealen Org in Stuttgart in der Heilbronner Straße 67. Im vergangenen Herbst räumte der bisherige Hauptmieter, ein Motorradzubehörhandel, die Ladenetage im Erdgeschoss. Seitdem steht das Gebäude leer. "Derzeit sind dort keine Aktivitäten zu verzeichnen", teilen die Staatsschützer mit. Was der neue Besitzer derzeit mit dem Gebäude plant, bleibt weiter unklar. Der Nachbar, der Arbeitgeberverband Südwestmetall, hat offenbar Interesse an der Immobilie, um sein eigenes Grundstücksareal zu arrondieren. Dem Vernehmen nach blieben Kontaktversuche mit dem israelischen Besitzer ergebnislos. Vielleicht auch, weil die lokale Scientology-Basis in Stuttgart seit rund zehn Jahren hart für ein neues repräsentatives Domizil arbeitet. Für das Projekt sollen SO-Funktionäre zum Teil mit rüden Methoden bis zu acht Millionen Euro bei der örtlichen Anhängerschaft eingetrieben haben, sagt der Verfassungsschutz.

Ein Kommando von "Sea Org" kommt nach Stuttgart

Im vergangenen Jahr forcierte das internationale SO-Management seine Pläne zur Etablierung der Idealen Org und entsandte hierfür ein Kommando der Kaderorganisation Sea Org nach Stuttgart, so die behördlichen Erkenntnisse. Die hiesigen Scientologen sollen unter hohem Druck gestanden haben, die internen Vorgaben zu erfüllen. Dazu gehörte, mit 150 Mitarbeitern einen Zweischichtbetrieb in der Stuttgarter Niederlassung einzuführen. Nur durch Anwerbungen von Jugendlichen und Rentnern an der hiesigen SO-Basis gelang es, den Mitarbeiterstab in Stuttgart auf etwa 130 Personen aufzustocken. Häufiger als zuvor traten die hiesigen Scientologen im vergangenen Jahr öffentlich in Stuttgart auf; die Straßenwerbung auf der Einkaufsmeile Königstraße wurde intensiviert, registrierten Beobachter.

Zweischichtbetrieb im Hinterhof: derzeitiges SO-Quartier in Stuttgart. Foto: Jo E. Röttgers
Zweischichtbetrieb im Hinterhof: derzeitiges SO-Quartier in Stuttgart. Foto: Joachim E. Röttgers

Derzeit gebe es aber keine engeren Verbindungen des internationalen SO-Managements nach Stuttgart, sagt der baden-württembergische Verfassungsschutz. "Kontakte zu hiesigen Scientologen sind nicht gewollt", so ein Behördensprecher. Auf jüngste Medienanfragen zum geplanten Stuttgarter Zentrum hatte sich auch der SO-Sprecher in Baden-Württemberg, Hubert Kech, ahnungslos gegeben. Alle Angaben zu dem Thema seien gebetsmühlenhaft wiederholte Spekulationen des Verfassungsschutzes, behauptete Kech gegenüber den "Stuttgarter Nachrichten". Vor vier Jahren hatte der Sprecher jedoch noch selbst angekündigt, die Cannstatter Hinterhofidylle auf absehbare Zeit gegen eine vorzeigbare Repräsentanz tauschen zu wollen. "Wir haben das Ziel, in Stuttgart ein repräsentatives Gemeindezentrum aufzubauen", sagte Kech im Juni 2010 der "Stuttgarter Zeitung".

Persönlichkeitstest. Foto: Thomas Hawk
Test für die Persönlichkeit. Foto: Thomas Hawk

Bei der Stadt Stuttgart reagiert man zurückhaltend auf Hinweise, möglicherweise zur bundesdeutschen SO-Hauptstadt zu werden. "Die Planungen von Scientology kennen wir nicht. Zu privaten Immobiliengeschäften können wir uns nicht äußern", sagt Sprecher Sven Matis. Eine Handhabe gegen die Expansionspläne habe die Stadtverwaltung nicht.

Deutlicher Stellung nimmt der Verfassungsschutz. "Die Eröffnung einer neuen Repräsentanz in Stuttgart würde in der SO-Basis zunächst eine Aufbruchstimmung erzeugen", erwartet die Behörde. Ein neues Zentrum allein sei aber nicht geeignet, die Probleme zu lösen, mit denen die Organisation derzeit kämpft. "Scientology befindet sich international seit mehreren Jahren in einer Krise", heißt es im Verfassungsschutzbericht. Sowohl bei den Einnahmen als auch bei den Mitgliederzahlen ergebe sich das Bild eines schleichenden Rückgangs.

Scientology kämpft gegen Mitgliederschwund

Wegen der anhaltend kritischen Öffentlichkeit habe die Organisation nicht nur in Baden-Württemberg mittlerweile große Probleme bei der Mitgliederwerbung. Die offensive Informationspolitik staatlicher und privater Stellen zeige inzwischen Wirkung.

Weltweit Gegenwind durch Internet-Aktivisten: Anti-SO-Protest in Dublin. Foto: William Murphy
Weltweit Gegenwind durch Internet-Aktivisten: Anti-SO-Protest in Dublin. Foto: William Murphy

"Neugeworbene kann Scientology oft nicht langfristig an sich binden", so die Behörde. Diese Entwicklung hängt nicht zuletzt mit der stetig wachsenden Bedeutung des Internets zusammen. Weltweit verbreiten sich ungefiltert täglich mehr SO-kritische Informationen. Was das das Scientology-Management offenbar zunehmend beunruhigt. 2013 soll es einen Suchmaschinenbetreiber gedrängt haben, entsprechende Suchergebnisse im weltweiten Datennetz zu manipulieren. Der Vorstoß blieb jedoch erfolglos. Die SO bestritt die Berichte.

Nicht verneinen kann die Organisation, dass zuletzt immer mehr Prominente der "Kirche" aus Clearwater, Florida den Rücken kehren. Im vergangenen Jahr stieg die amerikanische Schauspielerin Leah Remini, bekannt als Carrie Heffernan aus der Sitcom "King of Queens", aus. Kurz zuvor hatte eine Buchpublikation für Aufsehen gesorgt. Im Frühjahr 2013 erschien in den USA "Beyond Belief: My Secret Life Inside Scientology and My Harrowing Escape." Autorin Jenna Miscavige Hill war nicht nur Mitglied der Sea Org, des elitären Scientology-Ordens. Sie ist auch die Nichte des aktuellen Scientology-Chefs David Miscavige.


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