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Zwischen Pumpen und Zäunen

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Man kann sich nicht immer aussuchen, womit man berühmt wird. Aber diese Woche hat Stuttgart es endlich mal wieder in die Schlagzeilen geschafft. Und auch noch in der Premium-Smalltalk-Sparte Wetter. Nach Käffern wie Dußlingen, Tübingen, Altensteig oder Herbertingen stand endlich mal die Landeshauptstadt an erster Stelle der Unwetterberichte, sogar zwei Tage hintereinander. Operndach teils abgedeckt, diverse Unterführungen und Klettpassage geflutet, große Parkbäume wie Streichhölzer umgeknickt, Feuerwehr im Dauereinsatz, Schäden in Millionenhöhe, Unmengen Instant-Seen müssen abgepumpt werden, meine Fresse.

Derlei meteorologische Randale gehen dann doch zu weit, weswegen sich unmittelbar nach dem als "Stuttgarter Unwetternacht" bekannt gewordenen montäglichen Ereignis OB Frank Nopper und Ordnungsbürgermeister Clemens Maier in einer Taskforce mit Polizei, Feuerwehr und Wetterfröschen zusammensetzten. Gemeinsam entschieden wurde, "als Sofortmaßnahme den Stuttgarter Talkessel bei Unwetterwarnungen mit einem Zaun abzuriegeln. Gegen dunkle Wolken wurde ein Verweilverbot ausgesprochen – Donner und Blitz gehören sich in Stuttgart nicht. Die Feuerwehr wird für die Einhaltung des Verweilverbots sorgen. Abgepumptes Wasser wird direkt in den Himmel geschossen", ist einer Pressemitteilung der Stadt Stuttgart … äh, nein, Verzeihung, ist einem offensichtlich nicht hundertprozentig ernst gemeinten Facebook-Post des Linken-Stadtrats Luigi Pantisano zu entnehmen.

Pantisanos Post erkennen Kundige natürlich als satirischen Kommentar auf ein anderes Phänomen: das vermeintlich krawallfördernde Potenzial attraktiver öffentlicher Plätze, die von der Stadt Stuttgart zur Krawallunterbindung gerne mal eingezäunt (Freitreppe am Schlossplatz; inzwischen wieder frei) oder zumindest mit einem nächtlichen Aufenthaltsverbot belegt werden, wie Marienplatz, Feuersee oder Max-Eyth-See. Ordnungsbürgermeister Maier dazu (diesmal echt): "Die Stimmung ist bis zu einem gewissen Zeitpunkt ausgelassen und fröhlich, allerdings nimmt der Lärm dann mehr und mehr für die jeweilige Anwohnerschaft unerträgliche Züge an. (…) Deswegen kommen wir um eine zeitlich bis in den Morgen beschränkte Sperrung nicht herum." Fraglich, ob die feierfreudigen Jugendlichen dann sagen: "Okay, sehen wir ein, war blöd von uns" – oder ob sie nicht einfach woanders weiterfeiern. Vielleicht sollte die Stadt daher über wohngebietsferne Abhäng-Reservate nachdenken, etwa den die meiste Zeit des Jahres sowieso nur ungenutzt in der Gegend rumliegenden Wasen.

Vielleicht sollten Nopper, Maier und Co. aber auch einfach mal den US-amerikanischen Soziologen Richard Sennett lesen, einen großen Verfechter öffentlicher Plätze. Denn die sind für ihn ein wesentlicher Schlüssel, "um eine komplexe Gesellschaft lebenswert zu machen". Wer dieser Sennett ist? Nun, Hegelpreisträger der Stadt Stuttgart im Jahr 2007. Besagtes Zitat stammt aus seiner Rede zu diesem Anlass im Rathaus – sicher noch alles im Archiv zu finden. Nur so als Tipp.

Aber zurück zu dem, was wirklich zählt: dem Wetter. So ganz unerwartet kam das mit den Unwettern diese Woche ja nicht, wie Kundige auch dem Kontext-Archiv entnehmen können, und der fortschreitende Klimawandel wird das mit dem Extremwetter wohl eher noch schlimmer machen. Die vollgelaufene Klettpassage am Dienstag gab dann auch einen erneuten Vorgeschmack darauf, was dereinst alles in den Tiefbahnhoftrog fließen könnte. Dass auch unabhängig von Unwettern Stadtuntertunnelungen nicht gerade ein Gewinnerthema sind, erlebt die Deutsche Bahn mit Stuttgart 21 ja schon länger. Und zieht jetzt endlich die Konsequenzen und – reaktiviert ihre alte Idee Frankfurt 21. Immerhin, hier soll der oberirdische Kopfbahnhof nicht zum Wohlgefallen der Immobilienbranche abgeräumt werden, sondern stehen bleiben. Vorbild Zürich, bemüht sich die Bahn zu betonen, nicht Stuttgart. Na dann Glück auf.

Ordnung im Haus

Ganz andere Baustelle: Angestoßen durch die Kontext-Berichterstattung über den rechtsextremen Mitarbeiter zweier AfD-Abgeordneter hatte sich der baden-württembergische Landtag vor bald drei Jahren entschlossen, seine Hausordnung zu verschärfen (Kontext berichtete). Dagegen hatte die AfD-Fraktion im Landtag geklagt. Der Verwaltungsgerichtshof (VGH) Mannheim hat deren Eilantrag nun abgelehnt, auch wenn die Fraktion weiterhin auf das Ergebnis des Hauptsacheverfahrens hofft. Kontext dagegen baut ganz auf die Vernunft des VGH.


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