KONTEXT:Wochenzeitung
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Bildet Banden!

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Im Februar dieses Jahres fällt das Waiblinger Amtsgericht ein denkwürdiges Urteil: Eine Prostituierte wird zu einer Zahlung von 500 Euro verknackt, weil ein Freier nicht zum Orgasmus gekommen sein soll und die Frau wegen Betrugs vor Gericht zerrte. Irre an sich schon, dass sowas geht. Noch irrer, dass die Richterin dem Mann auch noch recht gab. Wir haben damals Huschke Mau, die Bloggerin und Anti-Prostitutions-Aktivistin, gebeten, darüber einen Text für uns zu schreiben.

Mau hat ihren Beitrag mit einem Aufruf verbunden: "Liebe Frau, die Du in Waiblingen dazu verdonnert worden bist, 500 Euro zu zahlen, bitte wende Dich doch an das von mir gegründete Netzwerk Ella. Wir zahlen Dir die 500 Euro! Dass Du die jetzt auch noch anschaffen musst und der Staat sich hier zum Zuhälter macht, finden wir nämlich menschenunwürdig."

Tatsächlich hat sich die Frau gemeldet. Nicht einmal 20 Jahre alt sei sie, "und auf Grund eines Traumas (einer Vergewaltigung) in die Prostitution eingestiegen". Die 500 Euro sind über Spenden zusammengekommen. "Ein FETTES DANKE an euch, die ihr gespendet habt", schreibt Mau auf Facebook. Jawohl, dem schließen wir uns an!

***

Weniger erfreulich sind die Zuschriften, die uns erreichten, nachdem Emmi Dunz (Name geändert) verganene Woche beschrieben hatte, wie sie und andere Freie und Pauschalisten des "Stuttgarter Wochenblatts" (gehört wie die "Stuttgarter Zeitung" und die "Stuttgarter Nachrichten" zum Medienunternehmen SWMH) im März per Mail und in aller Eile gekündigt wurden: wegen Corona, mitten in der Krise. Ehemalige Mitarbeitenden der SWMH und ihrer Blätter berichten in Mails, ihnen sei es ganz ähnlich ergangen: "Aufträge wurden von heute auf morgen storniert, nicht einmal warme Worte zum Abschied gab es, weil es keinen Abschied gab", schreibt eine Kommentatorin. Eine andere: "Ich war selbst einige Monate lang Pauschalistin, bis 2013, als da schon betriebsbedingte Kündigungen kamen. Erfahren haben wir das durch ein FB-Posting der KontextWZ, erst später kam, in einem ähnlichen Tonfall, die Aufforderung zu einem Termin im Pressehaus, an dem uns die Kündigung mitgeteilt wurde." Ein Dritter bringt es auf den Punkt: "Leute, Euch wird nichts geschenkt! Tut Euch zusammen." Wir sind dafür!

Große Wendlinger Kurve: Mit Wumms teurer

Sehr, sehr viel geschenkt wird dagegen der Deutschen Bahn bei Stuttgart 21, ansonsten hätte sie sich auf das total verrückte Stadtumgrabungs- und Kapazitätsreduzierungsprojekt gar nicht eingelassen. Nun mögen die paar Milliarden, die sie in den letzten 20 Jahren dafür zugeschustert bekommen hat (Kontext berichtete), natürlich gegenüber dem #Wumms des Corona-Konjunkturpakets etwas abstinken. Das megalomane Vorhaben hat sich dennoch als solch zuverlässig wachsender Kostenfresser entpuppt, dass das Land Baden-Württemberg seit 2016 einen Rechtsstreit mit der Bahn führt, weil es keine weiteren Mehrkosten übernehmen will – und MP Kretschmann und Verkehrsminister Hermann werden nicht müde, dies immer wieder zu betonen.

Aber halt! Wie passt dazu, dass sich das Land umgehend bereit erklärte, die vergangene Woche bekannt gewordenen Mehrkosten von 23 Millionen Euro für den zweigleisigen Ausbau der Wendlinger Kurve, die ja zu S 21 gehört, komplett zu übernehmen? Das hat mit der faszinierend vertrackten Planung und Vertragskonstruktion zu tun: In der Planfeststellung ist der zweigleisige Ausbau – also die große statt der kleinen Kurve – nur "optional", obwohl alle Experten seit Jahren wissen und warnen, dass der nur eingleisige Ausbau ein programmiertes Nadelöhr wäre.

Das war der Bahn egal, steht ja nicht im Vertrag, weswegen vor gut einem Jahr ein gesonderter Finanzierungsvertrag zwischen dem Land Baden-Württemberg, der Bahn, dem Verband Region Stuttgart und der Region Neckar-Alb unterzeichnet wurde, um die Aufteilung des mit 100 Millionen Euro veranschlagten zweigleisigen Ausbaus festzulegen (Kontext berichtete). Mit 22,5 Millionen war dabei der Anteil des Landes beziffert. Und nun sind es nach nur einem Jahr schon mehr als doppelt so viel! Respekt. Aber sehen wir es positiv: Ohne diesen kleinen Landes-Wumms wäre die Bahn womöglich außerstande gewesen, die Mehrwertsteuersenkung aus dem großen Bundes-Wumms in den Fahrtkosten an die Bahnkunden weiterzugeben. Wer hätte das schon verantworten wollen?


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2 Kommentare verfügbar

  • Ruby Tuesday
    am 16.06.2020
    Antworten
    Ein kurzer Prozess wäre es wohl geworden, wenn die Richterin ein Gutachten zur Orgasmusfähigkeit des Klägers bestellt oder auch nur Inaugenscheinnahme angeordnet hätte. Warum musste der Kläger keinen Beweis antreten. Jetzt geht sie wohl in die Justizgeschichte ein, diese Episode, und der Kläger…
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