Ausgabe 442
Editorial

Bauklötze staunen

Von unserer Redaktion
Datum: 18.09.2019

Was haben Boris Palmer, Ken Jebsen und Daniele Ganser gemeinsam? Richtig: alle waren  Waldorf-Schüler. Ist das schlimm? Nein: jeder malt sich die Welt, wie er will. Beunruhigender ist, wie die Steiner-JüngerInnen mit Kritik umgehen. In unserem Fall mit Jürgen Lessats Beitrag zum 100-Jährigen der Einrichtung, der mit dem Titel "Sie tanzen die Waldorfmania" überschrieben war. Da schäumte die Gemeinde.

Was war passiert? Der Autor hatte zunächst nichts anderes getan, als sich die Berichterstattung anlässlich des Geburtstags vorzunehmen. Breiten Raum bekam dabei der SWR eingeräumt, der mit einer Dokumentation ("Waldorf global: Eine Schule geht um die Welt") aufwartete, die man als affirmativ bezeichnen durfte, ohne dem Sender zu nahe zu treten. Der nannte sie "deskriptiv" und befand, dass es kein Beinbruch sei, wenn die verantwortliche Redakteurin eng mit der Privatschule verbunden sei. Nun darf man wohl fragen, ob das bei einer öffentlich-rechtlichen Anstalt in Ordnung geht?

Interessanterweise hat nicht eine, nicht einer der vielen KommentatorInnen diese Frage gestellt. Stattdessen ein Hagel der Entrüstung, mit allen Klötzen aus dem Baukasten der Abteilung Attacke, reflexhaft geworfen, um das Erbe des Gründervaters zu verteidigen. Weil ein paar Beispiele im Text genannt sind, was in einem ausgewogenen Beitrag an Kritik angeführt werden könnte. Eine Kampagne von Kontext,  tendenziös einseitig, mit dem Ziel, der Bewegung, der Erziehung zur Freiheit zu schaden. Man warte schon darauf, dass demnächst Mutter Teresa als Spendenbetrügerin entlarvt werde. Eine Nummer kleiner ging's kaum. Da halten wir's doch mal mit dem Festredner Kretschmann, der zu mehr Gelassenheit rät, wenn wieder einmal gesagt wird, von Waldorfianern sei vor allem zu lernen, seinen Namen zu tanzen und Honig zu schleudern. Dem würde sogar Boris Palmer zustimmen.

Kontext-Vorstand auf Reisen 

"Er soll einfach an Bord bleiben, in jeder Hinsicht, mit guten Ratschlägen und dem klugen Blick", schreibt Jan Feddersen von der taz über Johannes Rauschenberger. Der Stuttgarter Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, einer der "prägenden Menschen" der taz-Genossenschaft (Feddersen), verlässt den Aufsichtsrat der Geno: nach 24 Jahren und insgesamt acht Amtszeiten. Verabschiedet wurde er am vergangenen Samstag beim jährlichen Treffen der GenossInnen in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung – und die wollten sich vor lauter Standing Ovations gar nicht mehr setzen.

Gefreut hat er sich über die Reise, die er dann doch zum Dank für jahrelanges Ehrenamt mit taz Reisen in die Zivilgesellschaft unternehmen darf. Wir freuen uns auch! Vor allem darüber, dass uns "unser Rauschi" erhalten bleibt. Als Finanzvorstand, Berater und Freund. Und das hoffentlich noch viele Jahre. 

Wie immer waren wir mit einem Kontext-Stand bei der taz-Genossenschaftsversammlung in Berlin. Und haben uns über sehr viel Lob aus Köln, aus Bielefeld, aus Berlin und der gesamten Bundesrepublik gefreut. Und sogar darüber hinaus: Einer der Genossen hält sich viel in England auf und liest unsere Bahngeschichten besonders gerne – weil auch auf der Insel all das nicht funktioniere, was über Ecken der Deutschen Bahn gehöre, erzählte er. Und dann war da die Leserin aus Köln, die ihrer Familie in Stuttgart immer die besten Kontext-Texte ausschneidet und per Brief zuschickt, weil die Familie nur die StZN zu lesen hat. Eine andere Leserin schickt gleich die ganze Ausgabe, für den Schwiegersohn in der Landeshauptstadt. Top!, sagen wir da. Alle Daumen hoch für die Kontext-LeserInnen!

Raus zum Klimastreik

Mit dem Klimawandel, mit Feinstaub und Mobililtät, die mehr bedeutet als Autofahren, beschäftigt sich Kontext schon lange. Was also liegt näher, als beim globalen Klimastreik die Redaktion in der Hauptstätter Straße dicht zu machen und auf die Straße zu gehen? Wir haben also "den Raum aufgemacht", wie Wilfried Münch im Interview über seine GLS-Bank sagt. Am kommenden Freitag ist Minh Schredle in Tübingen, die Fotografen Joachim E. Röttgers und Jens Volle schwirren in Stuttgart herum, der Rest der Redaktion trifft sich am Kernerplatz, um von dort zum gemeinsamen Kundgebungsort Schlossplatz zu marschieren. Wundern Sie sich also nicht, wenn Ihnen der Autoresponder am Freitag sagt: Wir sind dann heute mal weg – beim Klimastreik auf der Straße. 


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9 Kommentare verfügbar

  • Rolf Steiner
    vor 3 Wochen
    Stochern im Wespennest. Kein Wunder, dass die Angesprochenen sich entrüsten und mit Schaum vor dem Mund gegen ihre/n Kritiker vorgehen. Ich erinnere an Heine, der mal schrieb: Die Philister, die Beschränkten, diese geistig Eingeengten darfst Du nie und nimmer necken....." - in Stuckkert glotzen sie stets um alle Ecken..
  • Waldemar Grytz
    am 19.09.2019
    Aus der Reformbewegung gegen Ende des 19. Jahrhunderts sind allerlei mehr oder weniger "geistige/geistreiche Strömungen" entstanden.
    Der aktuell praktizierten Waldorfpädagogik gleich immer alle skurrilen Äußerungen Steiners mit anzukleben, ist weder fair noch empirisch haltbar.
    Ich habe dort während der Schulzeit meiner Kinder weder Rassisten angetroffen noch wurde jemand dazu gedrängt sich mit der Antroposophie zu beschäftigen oder etwa der Christengemeinschaft beizutreten.
    "Kinder brauchen Märchen" (Bettelheim), Kleinkinder vielleicht eher die "Wurzelkinder" als den "bösen Wolf". Die geistige und körperliche Entwicklung der Menschheit vom kriechenden Lemur zum aufrechten Gang darzustellen, scheint mir wissenschaftlicher, als jeder kreationistische Unsinn oder abrahamitische Heilslehren, die auf ein besseres Leben im Jenseits orientieren.
    Dass in vielen reformorientierten Schulmodellen die Handarbeit (fördert scheinbar die Gehirnentwicklung) und Naturbetrachtung sowie die Mitarbeit der Eltern eingefordert wird, kann man/frau wohl auch nicht als besonders negativ ansehen.
    Und dann die belächelte Eurythmie: sich mit Übersicht im Raum zu bewegen soll sogar beim (von Hardcore-Waldis ungeliebten Fußball) hilfreich sein...
    Ansonsten: alle mal ein wenig abrüsten!
  • R.Philipp
    am 19.09.2019
    ... übrigens:

    Auch ich habe mich nun aufgrund des sehr guten Waldorf-Beitrags dazu entschlossen, Kontext nun regelmäßig zu unterstützen.

    Das ist erfrischend kritischer und unvoreingenommener Journalismus, der in den Mainstream-Medien leider nicht mehr vorkommt.
  • R.Philipp
    am 19.09.2019
    Ich habe mich - als es um die Frage ging, ob ich meine Kinder in einen "normalen" oder einen Waldorf-Kindergarten schicken soll, vollkommen unvoreingenommen und frei von Vorurteilen mit dem Steinerschen Waldorf-Konzept auseinandergesetzt. Im Gegenteil: Ich habe prinzipiell Sympathien für alternative Konzepte, die bestehende "verkrustete" Strukturen in Frage stellen, und war daher sehr neugierig.
    Bei meiner Recherche kam ich dann aber immer mehr zur Erkenntnis, dass Waldorf eher wie eine Sekte agiert, in der der große Guru "Steiner" mit teils Pseudo-wissenschaftlichen, esoterischen Veröffentlichungen in keinster Weise in Frage gestellt wird. Ich habe mich daher damals gegen den Waldorf-Kindergarten entschieden, und fühle mich durch den sehr guten Kontext-Beitrag von Jürgen Lessat nun nachträglich bestätigt.
    Sicher: Die ein oder andere Aussage in seinem Beitrag mag etwas spitz ausgefallen sein, aber pointierte Aussagen gehören nun mal zu gutem Journalismus dazu, und das stellt die berechtigte Kritik des Autors in keiner Weise in Frage.

    Jeder Mensch sollte in der Lage sein, berechtigte Kritik am eigenen Handeln und an den eigenen Überzeugungen zuzulassen und sich selbst zu hinterfragen. Das scheint mir tatsächlich bei etlichen Waldorf-Anhängern nicht der Fall zu sein.
    Ich glaube keineswegs, dass in Waldorf-Einrichtungen PRINZIPIELL schlechte Arbeit geleistet wird. Ganz im Gegenteil. Vieles an diesem Konzept finde ich sehr positiv.

    Der esoterische Quatsch hat jedoch in Kindergärten und Schulen nichts verloren. Wer - als erwachsener Mensch - dies glauben mag, darf dies tun. Er darf auch mit einem Aluminium-Hut rumrennen, wenn es seinem Seelenheil hilft.

    Aber ich werde es niemals zulassen, dass diese weltfremde Ideologie meinen Kindern nahegebracht wird, bevor diese in der Lage sind, diese selbst kritisch zu hinterfragen.

    Ich bin nach wie vor ein Fan von alternativen, reformpädagogischen Ansätzen, aber Waldorf kommt erst dann wieder in Frage, wenn sich die Verfechter von den zweifelhaften Inhalten distanzieren. Ich fürchte, diese dringend notwendige Waldorf-Reform wird jedoch so bald nicht stattfinden.
  • Felicitas B.
    am 19.09.2019
    "[...]In unserem Fall mit Jürgen Lessats Beitrag zum 100-Jährigen der Einrichtung, der mit dem Titel "Sie tanzen die Waldorfmania" überschrieben war. Da schäumte die Gemeinde.[...]"

    Nach einer gewissen, nicht unerheblichen Zeit werde ich Stuttgart demnächst nun wieder verlassen. Ein Grund dafür sind auch die hier vermehrt ansässigen, stalinistischen Beton-Anthroposophen, die das teilweise reaktionäre Klima dieser Stadt seit langem prägten und prägen. Von außen betrachtet wirken Diese putzig und pittoresk verschroben - lustige, vegane T-Reges (lässt man mal die Nazi-Zeit und die Affinität derer für diesen undialektischen, pseudowissenschaftlichen Humbug-Kult außen vor). Inwendig jedoch ersticken sie, ohne offensichtlich zuzubeißen - man lebt vegan - seit ehedem alles, was ihnen in ihrem Biotop mißfällt, bigotter darin als die hinterhältig-feigen, immer auf ihren Vorteil bedachten Maultaschen-Pietisten. Und das will was heißen. Ach, was bin ich froh, dieses elende S21 und die besonders dumme Medienkakophonie von SWR, StZ und StN da drum herum, getragen letztlich von solcher Idiotie, als Einheimische, nein: 'Nei-G'schmeckte, nicht länger ertragen zu müssen! ("Kontext" ist ein Lichtblick, aber ein zu kleiner, unentschlossener, als dass er mich etwa halten könnte.) -Eine gewisse Melancholie befällt mich trotzdem: Mit dem nahen, sicheren Ende des Neoliberalismus, dem Ende der Glanzzeit derer von Daimler & Co., also dem Ende der deutschen Ingenieurs-Gläubigkeit und des deutschen Ver- und Bemessungswahns, dem sicheren Tod der 'Schwäbischen Hausfrau', wird diese ganze Region auch wieder ökonomisch dorthin (zurück) verfallen, woher sie kam und wohin sie angesichts ihres allgemein zu besichtigenden, kulturellen Elends schon lange wieder hingehört. Ich sag's mal so: Nicht umsonst schon floh Schiller ausgerechnet von hier. Und wurde Hölderlin nebenan und auf den Tod in die Irrenanstalt gesteckt -passt.
    • Markus
      am 19.09.2019
      sehr schön geschrieben.
      ich beneide Sie.
      Ich kann die Bigotterie in diesem Bundesland auch nicht mehr aushalten. Fast 40 Prozent wählen grün, ändern aber ihr konsumiges bourgeoises Leben nicht.
      Die Menschen hier sind stolz auf den Fernsehturm und eine Automuseum und pilgern regelmässig zu zweitklassigen Fussballern. Der Ministerpräsident hat Biss wie ein Kirchenchor-Dirigent, und dafür lieben ihn die Menschen hier, Rausch weil sie sicher sein können, dass er nicht schneller denkt als er spricht.

      wenn ich später aus familiären Gründen kann, werde ich hier sofort verschwinden. und das sage ich als gebürtiger Stuttgarter.
  • Frank Schröder
    am 18.09.2019
    Boah, da hat Kontext den Waldörflern aber mal so richtig gezeigt, wo der Hammer hängt!
    Und mich zu der Erkenntnis gebracht, dass meine Spenden wo anders Besseres bewirken können. Apropos Besseres: Die SWR-Dokumentation "Waldorf global: Eine Schule geht um die Welt" hat mir ausnehmend gut gefallen.
    • GutSo
      am 19.09.2019
      Tja, so ist das im Leben: Die einen kommen, die anderen gehen. Sie gehen und ich komme zur Kontext (mit einem monatlichen Spendenbeitrag) gerade wegen der offenen und kritischen Haltung auch zum Thema Waldorf-Schulen. Wenn sie Wohlfühljournalismus bevorzugen (ansich schon ein Widerspruch) sind sie hier allerdings falsch.
  • Hans-Joachim Aderhold
    am 18.09.2019
    Guter Journalismus ist ein hohes Gut. Er setzt – anders als Sie unterstellen – nicht in erster Linie einen weiten Abstand vom behandelten Gegenstand voraus, sondern vor allem eine möglichst große Sachkenntnis. Die lässt der Artikel auf der ganzen Linie vermissen, und der SWR hat im Prinzip vollkommen recht. Ihr lamentierendes Editorial belegt ihr Selbstverständnis. Schade! Selbst dass Boris Palmer Ihnen zustimmen würde, wage ich zu bezweifeln.

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