KONTEXT:Wochenzeitung
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Wir helfen gerne

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Der Pfad der Aufklärung ist mal ein langer und steiniger, mal ein kurzer und schneller. In der Kontext-Ausgabe vom 24. April hatte unser Autor Arno Luik ("Ungesund im Untergrund") über die Feinstaub-Belastung in der künftigen Tiefhaltestelle Stuttgart 21 berichtet, die den Erwartungen zufolge extrem hoch ausfallen wird. Luik zitierte dazu, neben anderen, den Münchner Verkehrsexperten Karlheinz Rößler: "Die Werte in Stuttgart werden alles in den Schatten stellen."

Zwei Monate später beschäftigt sich auch der "Spiegel" (Ausgabe 26/2019) mit dem Feinstaub bei S 21 ("Dicke Luft am Gleis") und zitiert, genau, den Experten Rößler: "Die Stuttgarter Werte werden alles in den Schatten stellen." Auch den ehemaligen Bahndirektor Eberhard Happe führt "Spiegel"-Autor Christian Wüst an, mit der Aussage, ältere Züge würden im Stuttgarter Gefälle den Bahnhof "mit qualmenden Bremsen" erreichen. Luik gegenüber hatte Happe gesagt, die Bremsbeläge würden "so heiß werden, dass sie qualmen". Nun gibt es in dem Hamburger Magazin nur selten Fußnoten und damit wenig Raum für etwaige Originalquellen. Aber Schwamm drüber, so ehrenkäsig sind wir nicht, wir freuen uns einfach nur, wenn wir bei der Aufklärung helfen können.

Interessant ist der "Spiegel"-Text aber auch aus anderen Gründen. So schreibt Wüst, beinahe en passant: "Als Musterbeispiel einer politischen Machtdemonstration hat Stuttgart 21 bereits einige gute Gegenargumente abgewettert, von denen jedes für sich als Killerkriterium gelten kann: die deutlich schlechtere Verkehrsleistung gegenüber dem bestehenden Bahnhof, ungeklärte Brandschutzfragen, das riskante Gefälle". Wie die baden-württembergische CDU mit Killerkriterien umgeht, nicht nur in Bezug auf die jüngst bekannt gewordene SMA-Untersuchung, die S 21 eine mangelnde Eignung für den Deutschland-Takt bescheinigt, dokumentiert in unserer neuen Ausgabe Johanna Henkel-Waidhofer. Ihre langjährigen Beobachtungen offenbaren eine gewisse Beratungsresistenz. Wir würden ja gerne helfen und empfehlen einige Ausflüge ins Kontext-Archiv.

Doch womöglich denken wir auch etwas zu klein, wie Kontext-Autor Rupert Koppold nahelegt. Er hat in Stuttgart 21 ein riesiges Gesamtkunstwerk erkannt, es "muss Kunst sein, denn als extrem destruktiv in Stadt, Land, Fluss eingreifender und alles beschädigender Bahnhof hätte das Projekt ja nie begonnen werden dürfen." Das sollte den Anwohnern des Kernerviertels über ihre durch S 21 immer rissiger werden Wohnräume hinweg helfen.

Knapp am Theodor-Wolff-Preis vorbei

Geholfen hatte die Kontext-Berichterstattung über den Rechtsextremisten Marcel Grauf  im vergangenen Jahr dem baden-württembergischen Landtag, seine Hausordnung zu verschärfen. Für das Seelenheil von Kontext-Redakteurin Anna Hunger, die den Artikel "‘Sieg Heil‘ mit Smiley" schrieb, und jenes der gesamten Redaktion, waren die Folgen der Veröffentlichung nicht immer hilfreich. Bekanntlich hatte Grauf die Redaktion verklagt, den Rechtsstreit in erster Instanz gewonnen und erst im zweiten Durchgang im Februar 2019 verloren. Diese Auseinandersetzung hatte auch ihre positiven Seiten: Denn Hungers Text wurde als einer von drei Artikeln in der Kategorie „Thema des Jahres: Welt im Umbruch – Demokratie in Gefahr?" beim diesjährigen Theodor-Wolff-Preis nominiert, der zu den renommiertesten Auszeichnungen gehört, die im deutschen Journalismus verliehen werden. Entsprechend groß war die Spannung bei der Preisverleihung am Mittwochabend in Berlin. Gewonnen hat schließlich Andrian Kreye von der „Süddeutschen Zeitung“, mit seiner Reportage „Berührungspunkte“, die sich mit den Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzt. Ein exzellentes Stück, das wir gerne weiterempfehlen. "Wir sind trotzdem stolz", meldete Kontext-Chefin Susanne Stiefel aus der Hauptstadt, "jetzt wird gefeiert".

Ehemals besetzte Wohnungen: Es wird saniert

Stets früh und nah dran war Kontext auch mit seiner Berichterstattung über die Wohnmisere in Stuttgart und die Wohnungsbesetzungen in der Forst- und Wilhelm-Raabe-Straße. Erstere wurde im April 2019 von der Polizei geräumt, letztere schon im Mai 2018, ohne dass direkt danach irgendwelche Sanierungen begannen – die Wohnungen standen weiter leer. Das hatte Kontext zuletzt Anfang April notiert, doch in der Zwischenzeit hat sich etwas getan: Wie der Pressesprecher der Stadt, Sven Matis, gegenüber Kontext mitteilte, wird "das Gebäude in der Wilhelm-Raabe-Straße aktuell saniert, die Bauherren haben 6 Monate Bauzeit ab April [2019] dafür angesetzt." Und "in der Forststraße 140", so Matis, "wurde Ende April Baufreigabe erteilt." Zudem seien zwei Anträge gestellt wegen einer geplanten Änderung der Wohnungszuschnitte, die im Zuge der laufenden Sanierungsarbeiten vorgenommen werden sollen.  Nun sind wir gespannt, für welche Geldbeutel die aufgewerteten Wohnungen geeignet sein werden – mit gedämpftem Optimismus.


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3 Kommentare verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 01.07.2019
    Antworten
    "Hilf dir selbst, dann wird dir geholfen werden." ¹
    Nun wird in diesem Artikel das _Nützliche mit dem Zweckmäßigen_ auf eine leichte Weise verbunden:
    Feinstaub / Umweltbelastung durch (Kraftfahrzeug-)Verkehr und die Belastung durch das Verkehrsprojekt "S21 / STUTGART 21"; bis weit in die Zukunft…
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