Ausgabe 430
Editorial

Wir helfen gerne

Von unserer Redaktion
Datum: 26.06.2019

Der Pfad der Aufklärung ist mal ein langer und steiniger, mal ein kurzer und schneller. In der Kontext-Ausgabe vom 24. April hatte unser Autor Arno Luik ("Ungesund im Untergrund") über die Feinstaub-Belastung in der künftigen Tiefhaltestelle Stuttgart 21 berichtet, die den Erwartungen zufolge extrem hoch ausfallen wird. Luik zitierte dazu, neben anderen, den Münchner Verkehrsexperten Karlheinz Rößler: "Die Werte in Stuttgart werden alles in den Schatten stellen."

Zwei Monate später beschäftigt sich auch der "Spiegel" (Ausgabe 26/2019) mit dem Feinstaub bei S 21 ("Dicke Luft am Gleis") und zitiert, genau, den Experten Rößler: "Die Stuttgarter Werte werden alles in den Schatten stellen." Auch den ehemaligen Bahndirektor Eberhard Happe führt "Spiegel"-Autor Christian Wüst an, mit der Aussage, ältere Züge würden im Stuttgarter Gefälle den Bahnhof "mit qualmenden Bremsen" erreichen. Luik gegenüber hatte Happe gesagt, die Bremsbeläge würden "so heiß werden, dass sie qualmen". Nun gibt es in dem Hamburger Magazin nur selten Fußnoten und damit wenig Raum für etwaige Originalquellen. Aber Schwamm drüber, so ehrenkäsig sind wir nicht, wir freuen uns einfach nur, wenn wir bei der Aufklärung helfen können.

Interessant ist der "Spiegel"-Text aber auch aus anderen Gründen. So schreibt Wüst, beinahe en passant: "Als Musterbeispiel einer politischen Machtdemonstration hat Stuttgart 21 bereits einige gute Gegenargumente abgewettert, von denen jedes für sich als Killerkriterium gelten kann: die deutlich schlechtere Verkehrsleistung gegenüber dem bestehenden Bahnhof, ungeklärte Brandschutzfragen, das riskante Gefälle". Wie die baden-württembergische CDU mit Killerkriterien umgeht, nicht nur in Bezug auf die jüngst bekannt gewordene SMA-Untersuchung, die S 21 eine mangelnde Eignung für den Deutschland-Takt bescheinigt, dokumentiert in unserer neuen Ausgabe Johanna Henkel-Waidhofer. Ihre langjährigen Beobachtungen offenbaren eine gewisse Beratungsresistenz. Wir würden ja gerne helfen und empfehlen einige Ausflüge ins Kontext-Archiv.

Doch womöglich denken wir auch etwas zu klein, wie Kontext-Autor Rupert Koppold nahelegt. Er hat in Stuttgart 21 ein riesiges Gesamtkunstwerk erkannt, es "muss Kunst sein, denn als extrem destruktiv in Stadt, Land, Fluss eingreifender und alles beschädigender Bahnhof hätte das Projekt ja nie begonnen werden dürfen." Das sollte den Anwohnern des Kernerviertels über ihre durch S 21 immer rissiger werden Wohnräume hinweg helfen.

Knapp am Theodor-Wolff-Preis vorbei

Geholfen hatte die Kontext-Berichterstattung über den Rechtsextremisten Marcel Grauf  im vergangenen Jahr dem baden-württembergischen Landtag, seine Hausordnung zu verschärfen. Für das Seelenheil von Kontext-Redakteurin Anna Hunger, die den Artikel "‘Sieg Heil‘ mit Smiley" schrieb, und jenes der gesamten Redaktion, waren die Folgen der Veröffentlichung nicht immer hilfreich. Bekanntlich hatte Grauf die Redaktion verklagt, den Rechtsstreit in erster Instanz gewonnen und erst im zweiten Durchgang im Februar 2019 verloren. Diese Auseinandersetzung hatte auch ihre positiven Seiten: Denn Hungers Text wurde als einer von drei Artikeln in der Kategorie „Thema des Jahres: Welt im Umbruch – Demokratie in Gefahr?" beim diesjährigen Theodor-Wolff-Preis nominiert, der zu den renommiertesten Auszeichnungen gehört, die im deutschen Journalismus verliehen werden. Entsprechend groß war die Spannung bei der Preisverleihung am Mittwochabend in Berlin. Gewonnen hat schließlich Andrian Kreye von der „Süddeutschen Zeitung“, mit seiner Reportage „Berührungspunkte“, die sich mit den Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzt. Ein exzellentes Stück, das wir gerne weiterempfehlen. "Wir sind trotzdem stolz", meldete Kontext-Chefin Susanne Stiefel aus der Hauptstadt, "jetzt wird gefeiert".

Ehemals besetzte Wohnungen: Es wird saniert

Stets früh und nah dran war Kontext auch mit seiner Berichterstattung über die Wohnmisere in Stuttgart und die Wohnungsbesetzungen in der Forst- und Wilhelm-Raabe-Straße. Erstere wurde im April 2019 von der Polizei geräumt, letztere schon im Mai 2018, ohne dass direkt danach irgendwelche Sanierungen begannen – die Wohnungen standen weiter leer. Das hatte Kontext zuletzt Anfang April notiert, doch in der Zwischenzeit hat sich etwas getan: Wie der Pressesprecher der Stadt, Sven Matis, gegenüber Kontext mitteilte, wird "das Gebäude in der Wilhelm-Raabe-Straße aktuell saniert, die Bauherren haben 6 Monate Bauzeit ab April [2019] dafür angesetzt." Und "in der Forststraße 140", so Matis, "wurde Ende April Baufreigabe erteilt." Zudem seien zwei Anträge gestellt wegen einer geplanten Änderung der Wohnungszuschnitte, die im Zuge der laufenden Sanierungsarbeiten vorgenommen werden sollen.  Nun sind wir gespannt, für welche Geldbeutel die aufgewerteten Wohnungen geeignet sein werden – mit gedämpftem Optimismus.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

3 Kommentare verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    vor 2 Wochen
    "Hilf dir selbst, dann wird dir geholfen werden." ¹
    Nun wird in diesem Artikel das _Nützliche mit dem Zweckmäßigen_ auf eine leichte Weise verbunden:
    Feinstaub / Umweltbelastung durch (Kraftfahrzeug-)Verkehr und die Belastung durch das Verkehrsprojekt "S21 / STUTGART 21"; bis weit in die Zukunft belastend!!!

    SWR Aktuell R-P heute Morgen um 06:03 Uhr https://up.picr.de/36152180ua.pdf 2,7 MB mit Video
    "100 Jahre Beamtenbund" 0:59 Min. „Mit einem Eid auf das Grundgesetz verpflichten sich Beamte den Dienst für den Staat, orientiert am Wohl der Allgemeinheit, gerecht und unparteiisch. Und alles ein Leben lang. _
    Auch außerhalb der Dienststunden dürfen sie dem Ansehen des Staates nicht schaden, bei politischer Betätigung etwa! Aber sie haben auch Rechte. … Außerdem sind Beamte unkündbar. Es sei denn, sie lassen sich bestechen oder etwas anderes zuschulden kommen. …“

    Hinzugenommen NDR 12.11.2018 Richter-Spiel: Altersmilde oder Altersstrenge? https://up.picr.de/36151202lo.pdf mit drei meiner veröffentlichten Kommentare

    ¹ Hilf dir selbst, so hilft dir Gott ist eine sprichwörtliche Aufforderung, die Initiative in die eigene Hand zu nehmen und keinem anderen zu überlassen. Sie warnt davor, sich bei der Bewältigung des Lebens zu sehr auf Götter, höhere Mächte oder andere Menschen zu verlassen.
    Bereits vom Fabeldichter Äsop (um 600 v. Chr.) formuliert.
    • Jue.So Jürgen Sojka
      vor 1 Woche
      In unseren Kindertagen war eine Variante von Aussagen mit den Begriffen "Hilfe – helfen – helf – u. ä." oftmals in Anwendung. Die folgenden sind mir noch lebhaft gegenwärtig:
      „Ich helf Dir gleich!“
      „Warte – Ich werd Dir gleich helfen!“
      „Komm Du mir unter, dann werd ich Dir schon helfen (oder auch "Beine machen")!“

      Mit helfen -im Sinn von _be~hilf~lich_ sein- hatte das allerdings nichts gemein, wie sich unschwer erkennen lässt.
      Nun war in _unseren_ Kindertagen die Vorstellung vorherrschend, das Kinder das Eigentum der "Erziehungsberechtigen" sind, mit denen ungestraft gemacht werden darf, was immer auch gewollt ist!
      Übrigens hat sich diese Sichtweise bis heute erhalten, wie die Handlungsweise innerhalb großer Organisationen tagtäglich zeigt!!!

      Aufgeklärt sein (wollen), so beginnt dieser Beitrag der KONTEXT-Redaktionellen:
      „Der Pfad der Aufklärung ist mal ein langer und steiniger, mal ein kurzer und schneller.“
      Tja, das ist althergebracht, nicht mehr 'up to date'.

      Dazu diese von SWR4 gesendeten Regionalnachrichten vom 21.05. um 09:30 Uhr „Mit Kai Lenk. Guten Tag. Die Schlagzeilen
      • Oberlandesgericht verhandelt erneut Arbeitstempo eines Richters
      • Stuttgarter Tierschutzorganisation PETA feiert 25-jähriges Jubiläum
      • Kabelbrand verursacht Stadtbahnunterbrechung in Stuttgart Hedelfingen
      • Und das Wetter…“ https://up.picr.de/36205033ds.pdf 4,15 MB, Seite 5 Freiburger Richter
      2019.05.21 Di. 09.30 Regionalnachrichten SWR4 B-W

      https://up.picr.de/35147207sk.pdf zu Gerichten, Richtern, Richterinnen und …
      StZ-Online 2016
      08. August Prozess um Stuttgart 21 | Weichenstellung vor Gericht / Seite 2 "Warum die Justiz überfordert ist"
      26. Juli Tunnelbau in Stuttgart | Mehr Juristen und Planer für Rosensteintunnel / Seite 11
      * Gibt es, neben M. Schairer und F. Mayer, nicht genug Juristen in unserer Stadtverwaltung?!? *
      05. Juli Bundesrechnungshof geht intern von Mehrkosten aus / Seite 13
  • Peter Meisel
    vor 3 Wochen
    Wer trotz "CDU" Spar-Bildung in einer Schule die Ilias von Homer lesen durfte, hat den Untergang Troja's angekündigt bekommen: "wir aber hören nur die Kunde und wissen rein gar nichts -,". Ein Schlüsselsatz der Ilias: "dokumentiert in unserer neuen Ausgabe Johanna Henkel-Waidhofer. Ihre langjährigen Beobachtungen offenbaren eine gewisse Beratungsresistenz: edle Einfalt, stille Größe (Lessing)"
    Zitat. "Thersites interpretiert (analog Stuttgart 21) den Krieg um Troja als einen riesigen Raubzug (ca 80 ha Gleisgelände), von dem vor allem der Heerführer Agamemnon profitierte." (Ilias Manesse Verlag ISBN 978-3-7175-9022-4 S.489)
    Ja "womöglich denken wir auch etwas zu klein, wie Kontext-Autor Rupert Koppold nahelegt. Er hat in Stuttgart 21 ein riesiges Gesamtkunstwerk erkannt, es "muss Kunst sein, denn als extrem destruktiv in Stadt, Land, Fluss eingreifender und alles beschädigender Bahnhof hätte das Projekt ja nie begonnen werden dürfen."
    Das nenne ich unsere real existierend Kultur! Und Laocoon hatte vor der "Landesweiten Volksabstimmung gewarnt"!
    Günter Oettinger hat aus Liebe zu Friederike (MILANEO) den S21 Finanzierungsvertrag am 02.04.2009 über 4.526 Mrd. Euro unterschrieben. Er wurde mangels einer Europa Verfassung zum Kommissar "ausgewählt". Ich vermute heute hat er ein "reentry Problem?

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!