Ausgabe 419
Medien

Durch dick und dünn

Von Susanne Stiefel
Datum: 10.04.2019
Er gehört zu den angesehensten Auszeichnungen im Journalismus: der Theodor-Wolff-Preis. Und Kontext ist in diesem Jahr dabei. Nominiert ist der Artikel von Anna Hunger über Marcel Grauf, einen strammen Faschisten im Stuttgarter Landtag.

Der Anruf aus Berlin hat Kontext-Redakteurin Anna Hunger in der S-Bahn kalt erwischt: Sie sei nominiert für den diesjährigen Theodor-Wolff-Preis, hieß es, mit ihrem Beitrag "Sieg Heil mit Smiley". Außerdem würde ein Filmteam nach Stuttgart reisen und sie gerne in der Redaktion filmen. Ob der 13. Mai denn recht wäre? Nach der ersten Atemnot kam die Freude: "Das ist toll, für mich und für die ganze Redaktion, die mit mir durch dick und dünn und vor Gericht gegangen ist."

Kontext-Redakteurin Anna Hunger. Foto: Joachim E. Röttgers

Anna Hunger, heute 38, lief bei Kontext ein, da war die Online-Zeitung gerade mal vier Monate alt. Sie hat bei der taz, der "Stuttgarter Zeitung" und der "Böblinger Kreiszeitung" reingeschnuppert, in der Zeitenspiegel Reportageschule in Reutlingen das Handwerk gelernt und bei Kontext ihre journalistische Heimat gefunden. Sie brachte mit, was man in so einem Projekt braucht: Leidenschaft für den Journalismus, ein Herz für die Menschen, den Blick für die Ungerechtigkeiten in dieser Welt. Seit nunmehr fast acht Jahren schreibt sie hier ihre Reportagen und Porträts.

Wir alle, Redaktion und Vorstand von Kontext, freuen uns über die Auswahl der engagierten Kollegin. An der Ausschreibung haben sich 438 JournalistInnen beteiligt, 13 wurden in verschiedenen Kategorien gesetzt, drei stehen beim Thema des Jahres "Welt im Umbruch – Demokratie in Gefahr?" noch auf der Shortlist – und wir sind dabei: Mit dem Text von Anna Hunger über die menschenfeindliche Weltsicht eines Mitarbeiters zweier AfD-Abgeordneter im baden-württembergischen Landtag. Mit im Rennen ist ein Artikel von Andrian Kreye in der "Süddeutschen Zeitung" über Künstliche Intelligenz ("Berührungspunkte"), außerdem eine Langzeitbetrachtung von Peter Dausend in der "Zeit" über die AfD im Bundestag ("Mitten im Beben"). An wen die Auszeichnung verliehen wird, entscheidet sich am 26. Juni bei der Preisverleihung in Berlin. Siehe auch hier.

Der Theodor-Wolff-Preis erinnert an den langjährigen Chefredakteur des "Berliner Tagblatts", der 1933 vor dem NS-Regime ins französische Exil fliehen musste, dort verhaftet und der Gestapo ausgeliefert wurde. Wolff starb 1943 im Jüdischen Krankenhaus in Berlin. Ein Journalist, der sich nicht von Nazis hat einschüchtern lassen.

Nun ändert ein Preis allein nichts. Es kann sich aber etwas ändern, wenn Journalismus, wenn Aufklärung und Information Wirkung zeigen. Etwa, wenn im Landtag die Hausordnung verschärft wird als Schutz vor rechtsextremen Gefährdern. So geschehen nach den Recherchen von Anna Hunger und Minh Schredle.

Wir begreifen die Nominierung deshalb als Bestätigung und Ermutigung, als Auftrag, nicht nachzulassen in dieser Arbeit. So wie es der Kollege Steffen Grimberg in der taz zu unserem Wohlgefallen formuliert hat: "Kontext hat Arsch in der Hose." Wir haben das auch geschafft, weil wir von vielen Menschen – auch finanziell – getragen werden.

Sechs Monate lang war der nun ausgewählte Beitrag nicht mehr in Kontext zu lesen. Das Landgericht Mannheim hatte der Klage von Marcel Grauf im August vergangenen Jahres statt gegeben, worauf wir die beiden Texte "'Sieg Heil' mit Smiley" und "Gefährder im Landtag" aus dem Netz nehmen mussten. Erst das Oberlandesgericht in Karlsruhe hat in der Sache entschieden: Ja, die von uns geprüften Chatprotokolle stammen von Grauf. Und ja, es ist richtig, seinen Namen zu nennen. Seit dem Gerichtsurteil vom 13. Februar dieses Jahres können beide Artikel wieder gelesen werden.

Aber wie sagte doch der jüngst verstorbene Wolff-Preisträger Stefan Geiger von der "Stuttgarter Zeitung", die Dinge einordnend, in der ihm eigenen klaren Art: Die Auszeichnung ist "schon wichtig, weniger für die, die ihn bekommen, viel eher für die, die ihn vergeben. Denn er erhebt einen Anspruch, an dem sie sich dann auch messen lassen müssen." Der Preis wird vom Bundesverband deutscher Zeitungsverleger vergeben.


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