Ausgabe 369
Editorial

Mit Lindner in Berlin

Von unserer Redaktion
Datum: 25.04.2018

Unter dem Motto "Wie wollen wir arbeiten?" hatte die taz am vergangenen Samstag zum "taz lab" nach Berlin geladen, und das Haus der Kulturen der Welt bis zum Rand gefüllt. Klar, auch Kontext war dabei. Minh Schredle und Oliver Stenzel von der Redaktion sowie Johannes Rauschenberger vom Vorstand erzählten, was in Stuttgart geht, stürzten sich aber auch im Schichtbetrieb ins Getümmel des aus allen Nähten platzenden Programms.

In rund 60 Veranstaltungen auf elf Bühnen wurde bis in den Abend das Titelthema unter verschiedensten Blickwinkel gedreht und gewendet, es wurde diskutiert und gestritten, politisch und philosophisch, pragmatisch und utopisch, ernst und auch mal amüsant - etwa, wenn die Edelfedern des taz-Ressorts "Die Wahrheit" in der Lesung "Die Zukunft des Feierabends" dem gehobenen Nonsens frönten und dies mit einer Publikumsverkostung edler Brände kombinierten.

Bislang das "erfolgreichste taz lab", verkündete Organisator Jan Feddersen angesichts des komplett ausverkauften Kongresses, auf dem sich auch so manche Politiker tummelten: Darunter Katja Kipping und Bernd Riexinger von der Linken, das neue grüne Führungsduo Annalena Baerbock und Robert Habeck sowie Tübingens OB Boris Palmer, und, man höre und staune, FDP-Chef Christian Lindner.

Der liberale Posterboy war der wohl überraschendste Gast des taz lab. Das ihm zum Großteil nicht allzu gewogene Publikum blieb aber gesittet. Weder flogen Schuhe noch hallten Buhrufe, dafür gab's braven Applaus. Auch der Lindner befragende Taz-Chefreporter Peter Unfried behandelte seinen Gast, trotz einiger süffisanter Randbemerkungen, pfleglich. Da blieb Raum zur Selbstbeweihräucherung, eine Disziplin, in der Lindner fraglos Übung hat. Er inszenierte sich als den großen Kämpfer gegen die AfD, die sei der ideologische Gegenpol der FDP. Warum er dann im vergangenen Wahlkampf mit Aussagen zur Flüchtlingspolitik in AfD-Gewässern fischte, diese Frage wurde leider nicht gestellt. Ebenso wenig wie ein Hinweis auf die allein auf den Parteichef fokussierte FDP-Kampagne zur Bundestagswahl, als Lindner an Emmanuel Macrons Partei En Marche "die extreme Orientierung auf nur eine Person" kritisierte.

Wie man unliebsame Fragen umgeht, bewies Lindner mit knappen Worten an den taz-Moderator: "Ich will Ihre Frage gar nicht beantworten, weil ich die zugrunde liegende Analyse nicht teile und ich mich nicht in die Defensive bringen will." Das müssen wir uns merken.

Die zwei Kontext-Redakteure beantworteten dagegen alle möglichen Fragen am Kontext-Stand. Bei manchen ("Wie geht's eigentlich mit Stuttgart 21 weiter?") mussten sie passen, bei anderen wie der nach dem Dialekt auf den Karikatur-Postkarten ("Is dat bayrisch?") konnten sie dagegen weiterhelfen. Nicht gewehrt haben sie sich gegen Zuspruch und Lob, die aus allen Ecken der Republik eintrafen. Ein Paar aus Erfurt erzählte von Entwicklungen in der Thüringer Presselandschaft, die sie sehr an die von uns geschilderten Prozesse im Stuttgarter Pressehaus erinnerten (Wir berichteten).

Der Flyer des Pressefestivals auf dem Kontext-Tisch ermunterte sogar eine Bremerin, am 12. Mai mal wieder nach Stuttgart zu kommen – und eine Bekannte von hier gleich mitzunehmen. Manche Standbesucher mussten Stenzel und Schredle allerdings enttäuschen. Etwa den, der auf die Information, es seien noch weitere Kontext-Mitarbeiter beim taz lab, voller Erwartung ausrief: "Auch Peter Grohmann?".

Leibhaftig anwesend ist Peter Grohmann ganz sicher als unser Laudator beim Kontext-Pressefestival, für das wir noch einmal werben wollen. Kommen Sie zuhauf am 12. Mai ab 14 Uhr auf die Stuttgarter Kulturinsel. Das ganze Programm gibt's hier.

Die Teilnehmer am Kontext Osterrätsels, für das am 20. April Einsendeschluss war, müssen sich indes noch ein wenig gedulden: Unsere Glücksfee und der Notar standen bei Redaktionsschluss noch im Stau. Nächste Woche mehr dazu!


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1 Kommentar verfügbar

  • Rolf Steiner
    am 28.04.2018
    "Warum dieser FDP-Playboy Lindner im vergangenen Wahlkampf mit Aussagen zur Flüchtlingspolitik in AfD-Gewässern fischte, diese Frage wurde leider nicht gestellt." Und lächerlich verlogen Lindners "Kampf" gegen die AfD und den dort eingebetteten Rechtsextremismus.

    Ich vermute, die Menschwürde und unsere Pflicht, flüchtenden Menschen zu helfen geht manchen Journalisten am Hintern vorbei. Wer es heute versäumt, gegen die in vielen Leserbriefspalten und in sozialen Netzwerken wütenden rechten Fanatikern und Flüchtlingshasser mit den ihm (heute noch....) zur Verfügung stehenden Mitteln vorzugehen, der darf sich nicht wundern, wenn es ihm bald so schlecht geht wie den Journalisten in Erdogans Türkei. Wer sich heute vor einem klaren Bekenntnis zur Demokratie drückt, dem ist nicht zu helfen!

    Ich vergesse nicht das klare Wort von Klaus Wagenbach:"....der Extremismus derjenigen, die alles für 'extremistisch' erklären, was eine Verdänderung der Verhaltnisse auch nur zur Debatte stellte, Das wollen wir nicht vergessen. Es sind unsere Verhältnisse, die wir nicht vergessen wollen." Blicken wir auf dei "Verhältniss" in Sachsens CDU, Bayerns CSU, die österreichische Bundesregierung, dann brauchen wir nicht einmal den Irrwisch von Orban, den polnische Flaschengeist namens Kaczyński um zu erkennen, wohin die Reise unseres noch (!) demokratischen Europas bald gehen könnte.

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