Ausgabe 296
Editorial

Wutbürger Grube

Von unserer Redaktion
Datum: 30.11.2016

Lieber Rüdiger Grube, niemals hätten wir gedacht, dass wir das einmal in unserer Zeitung schreiben. Deshalb ganz langsam und bedächtig: Wir – sind – stolz – auf – Sie! "Ich habe Stuttgart 21 nicht erfunden und hätte es auch nicht gemacht", sollen Sie laut "Spiegel Online" vergangene Woche gesagt haben und wir, wir haben unseren Augen kaum getraut. Noch nie zuvor haben Sie uns Anlass gegeben, mit Ihnen einer Meinung zu sein.

Ihre Kritiker sagen, Sie seien ein netter Typ, aber ein miserabler Manager. Und tatsächlich haben Sie uns in den vergangenen Jahren mit einer Menge Themen versorgt: Sie haben das Unternehmen Deutsche Bahn so nachhaltig heruntergewirtschaftet, dass die Schiene der Autobahn niemals ernsthafte Konkurrenz machen wird. Verdienen Sie eigentlich an der geplanten Privatisierung der Autobahnen? Sie sind das Gesicht von Stuttgart 21 und haben das Projekt als Bahnchef die letzten Jahre immer weiter durchgedrückt, egal was links und rechts passiert ist: Die Gleise im Tiefbahnhof schräg wie eine Rodelbahn, die Brandschutz-Pläne im Grunde ein Fall für Amnesty International und sollte der empfindliche Untergrund unter der Stadt durch die Bauarbeiten aufquellen, wird Stuttgart aus dem Flugzeug bald aussehen wie ein fieser Pickel.

Es ist ein bisschen wie im Song von Klaus Lage: 1000 Mal berührt, Sie wissen schon. Und plötzlich – macht es zoom: Wir haben Stuttgart 21 auch nicht erfunden und wir hätten es auch nicht gemacht.

Wir von Kontext begrüßen Sie herzlich in Ihrem neuen Lebensabschnitt auf der guten Seite der Macht. Wir bieten Ihnen Rückendeckung in schwerer Zeit, in der sich sogar Ihr Arbeitgeber gegen Sie wendet und Ihre mutigen Aussagen als "völlig abwegig" dementiert. In der Ihre Freunde plötzlich zu Ihren Feinden werden. Wie SPD-Fraktionschef Andreas Stoch, der dem SWR sagte, Sie sollen lieber "Bauen und Gosch halten". Hans-Ulrich Rülke, der Vorsitzende der FDP-Fraktion, fragt sich sogar, ob Sie eigentlich überfordert sind und Wolfgang Reinhart von der CDU erinnert an die "rechtsverbindlichen Verträge", die Sie in der Vergangenheit selbst so gerne zitiert haben.

Herr Grube, Sie können einem leidtun. Aber es gibt einen Ausweg: Werden Sie Stuttgart-21-Gegner! Entdecken Sie eine völlig andere Welt! Sie könnten sich als neuer Wahl-Wutbürger weiterhin von Ihresgleichen beleidigen lassen. Sie könnten Star-Redner auf den Montagsdemos werden. Oder Parkschützer – rückwirkend. Sie könnten als Stargast an der alternativen Baustellenführung teilnehmen und einen Blick auf kluge Alternativkonzepte werfen. Wir würden uns auch darum kümmern, dass Sie mal eine ordentliche Grundwassermanagement-Besetzung miterleben dürfen. Wenn Sie Glück haben, kommen Sie dann sogar in den Genuss einer echten Hausdurchsuchung.

Wir von Kontext jedenfalls setzen auf Sie und freuen uns, Sie demnächst als prominenten Kontext-Unterstützer begrüßen zu dürfen. Unter diesem Link geht es zum Soli-Formular. Damit wir weiterhin unabhängig und kritisch daüber berichten können, was jetzt aus Ihnen wird.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

10 Kommentare verfügbar

  • Schwabe
    am 03.12.2016
    Demokratie und Rechtsstaat wäre:
    Wenn beim scheitern von S 21, was m.E. immer wahrscheinlicher wird, die Verantwortlichen (nicht nur die in der Öffentlichkeit stehenden Hauptverantwortlichen) , jedoch insbesondere Angela Merkel, Günter Öttinger, Rüdiger Grube, Ronald Pofalla, Winfried Kretschmann, entsprechende Bundes- Landes- und Gemeinderatsmitglieder, Mappus, Gönner, Kefer, etc., etc., persönlich und finanziell für die verbreiteten Lügen und die unnützen Kosten durch S 21, also für Betrug und Schaden gegenüber der deutschen Bevölkerung haften müssten. Auch wenn dies Gefängnis und persönliche Insolvenz der Verantwortlichen zur Folge hätte! Das wäre einer Demokratie und einem Rechtsstaat würdig!
  • Zaininger
    am 02.12.2016
    Jetzt haben die "armen Pflichtbeteiligten" von Schwarz bis Grün auch noch die Geologie gegen sich. Man schaut doch nicht immer in den Untergrund und wer kann schon was für Gipskeuper und solche aufblähenden Sachen?
    Da muss eine weitere Erschwerniszulage her!
  • Manfred Fischer
    am 01.12.2016
    Ich sehe Herrn Grubes "coming out" ähnlich wie 'Schwabe' in seinem letzten Abschnitt. Grube will sich als nicht für S21-Verantwortlicher darstellen, der das Projekt lediglich geerbt hat und es aufgrund seiner Stellung eben zu ende führen muss. Dagegen sind ja Stadt, Land und Region und natürlich die Wirtschaft heiß auf dieses Projekt und sogar die Grünen Kretschmann und Hermann tun mittlerweile alles, um den Gegenwind aus den Segeln zu nehmen, ja sie fördern es geradezu in peinlicher Weise, teilweise mit geänderten Einschätzungen von Fakten, die sie vor ihrer Regierungszeit noch anders sahen. (Stichworte: Leistung des Tiefbahnhofs, Aussagen des Bundesrechnungshofs, Einstufung der Volksabstimmung u.s.w.) Herr Grube gibt sich nun im gemeinsamen Boot nicht als Steuermann, sondern lediglich als Pflichtbeteiligter. Da liegt es doch nahe, auch all die eifrigen Ruderer für das Projekt bei den Kosten mit in der Verantwortung beim Bezahlen zu sehen.
    Dass Herr Grube mal glaubte, die Bahn könnte am Projekt gut verdienen, gibt er dagegen nicht zu, geschweige denn, die vielen anderen Winkelzüge: Geheimhaltungen, unplausible Einsparungen, Zeitverzögerungen durch die Gegner, Leistungsversprechen, Wirtschaftlichkeitsversprechen und, und und ............................! Hätte er die Fakten ans Licht gelassen (z.B. die Kosten), wäre S21 schon länger tot . Zu seinem großen Beitrag zur heutigen, miserablen Situation kann man nur sagen: „VERANTWORTLICH“.
  • Stuttgarter Bürger
    am 30.11.2016
    Sehr veehrter ArtikelschreiberIn,
    dieser Willkommensstil auf die gute Seite des Lebens in Stuttgart für den eK(=ehrenhaften Kaufmann) ist lobenswert.
    Man muss die Schmuddelkinder motivieren. Auf beiden Seiten.
    Mit dieser humoristischen Herangehensweise kann man fast niemanden verprellen. Das ist das Konzept der Zukunft.
    Humor statt Wahrheiten, die eh nur stören könnten.
    Schwerpunkt ist das gefühlte Mitnehmen. Da kennen sich die
    Propandisten der Befürworter aus. Davon lernen heißt, Ihnen die Zukunft Deutschlands wieder zu entreißen. Und wer kann so noch widerstehen ?
    Sicher kein cash in the täsch man.
  • Spelli
    am 30.11.2016
    In Anlehnung an Ihr Übertrittsangebot "Grube, Mitglied bei den S21-Gegener und Umsteigern" wäre es auch ratsam Herrn MP"Grätschmann" (absichtlich mit G) das Formular "Mitgliedsantrag der CDU" zu senden, denn weit entfernt von der CDU ist er nicht mehr.
  • Horst Ruch
    am 30.11.2016
    .....das wäre, wenn es denn kaufmännisch-ehrlich durchdacht ist, eines seiner besten Geschenke an die Stuttgarter Bevölkerung. Ein Traum wird war, seine Erleuchtung zum Erfindungsreichtum noch vor den nächsten Pfingsttagen 2017.
    Daaas Weihnachtsgeschenk 2016, sofern Angela Merkel und Wolfgang Schäuble einverstanden sind, die Zukunft Deutschlands
    bzw. die von BadenWürttemberg mit seiner Landeshauptstadt so mir nichts Dir nichts aufs Spiel zu setzen.....
    Absicherungshalber sollte er seinen Karriereknick mit OB Kuhn und Landesvater Kretschmann besprechen, welche demokratisch legitimierte Reihenfolge im möglichst unauffälligen Abgang der S21-Macher einzuhalten ist.
  • Makepeace
    am 30.11.2016
    Da ich befürchte, dass mancher langjähriger S21-Gegner (so wie ich) ein bisschen mit dem neuen S21-Gegner Grube fremdeln wird, schlage ich vor, dass Herr Grube an der Montagsdemo vor Weihnachten Häppchen verteilen lässt. Hergestellt durch seine Gattin. Liebe geht ja schließlich durch den Magen.
    Wenn wir uns erst mal an ihn gewöhnt haben, geben wir ihm auch gerne Tipps, wie er sich gegen die Kanzlerin behaupten kann - die will die Haltestelle ja leider immer noch.
  • Schwabe
    am 30.11.2016
    "Ich habe Stuttgart 21 nicht erfunden und hätte es auch nicht gemacht", aber das scheint ja für einen ehrlichen Kaufmann noch lange kein Grund zu sein einen millionenschweren Managerposten abzulehnen - getreu dem Motto "Gier frisst Hirn"

    Die Grube von der Kontext-Redaktion verliehene Auszeichnung "Sie haben das Unternehmen Deutsche Bahn so nachhaltig heruntergewirtschaftet, dass die Schiene der Autobahn niemals ernsthafte Konkurrenz machen wird." hat er sich redlich verdient. Allerdings muss er sich die schon mit neoliberalen Politikern wie Merkel (an S21 entscheidet sich die Zukunftsfähigkeit Deutschlands) und Kretschmann ("d`r Käs isch gessa") teilen.

    Aber, schon mal darüber nachgedacht das die Aussage von Grube, mit Blick auf die Klage gegen Stadt und Land, abgesprochen ist um den öffentlichen Druck auf Stadt und Land zu erhöhen (denn so blöd kann der doch nicht sein und alle Mitstreiter/Politiker gegen sich aufzubringen - oder)?
  • Heinz Greiner
    am 30.11.2016
    Bemerkenswert ist die Aussage des Herrn Stoch , der als Kumi für jeden Freien aufgrund seiner Nähe zu Waldorf eine Zumutung war . Er scheint der passende Nachfolger des Abgewählten aus Ludwigsburg . Man kann nur hoffen , daß ihm dasselbe geschehen wird , die SPD dank seiner herausragenden Stellung endlich die lang verdienten 5 %
    dann erreicht haben wird .
    Es sind diese Mediokritäten , die es ja nie schaffen direkt gewählt zu werden , die jede Schweinerei in diesem Land gebären oder mittragen um ihrer kümmerlichen persönlichen Vorteile wegen . Gewerkschaftsprozesse bringen zusätzlich Kohle zur üppigen Steuerzahlergrundversorgung .
    Wenn es denn so sein sollte , daß enttäuschte Arbeitnehmer AFD wählen , dann sind die Stochs und ihre Kumpane/innen die wahren Väter und Mütter der AFD .
  • Kornelia
    am 30.11.2016
    :-)

    Grube hat ja schon mal die Mahnwache überfallen....
    Er könnte doch sofort Mahnwachendienst übernehmen!
    :-)

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!