Ausgabe 239
Editorial

Fanpost

Von Susanne Stiefel
Datum: 28.10.2015

Es muss raus, auch wenn es Prügel dafür gibt: Ich bin Merkel-Fan. Dass es einmal so weit kommt, hätte ich mir nicht träumen lassen. Doch die Flüchtlingskrise wirbelt so einiges an Gewissheiten durcheinander. Und so ist die Kanzlerin auf meinen persönlichen Beliebtheits-Charts weit nach oben gerückt, mag sie mit ihrer Partei in den neuesten Umfragen auch auf 36 Prozent abgesackt sein und mancher Parteifreund, allen voran der Chef der Schwesterpartei CSU, Horst Seehofer, munter an ihrem Stuhl sägen.

Merkel und ihre unerschütterliche Haltung zur Flüchtlingsfrage werden mir immer sympathischer. Sie will die Grenzen nicht dichtmachen, sondern in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen. "Wenn wir uns dafür entschuldigen müssen, dann ist das nicht mein Land." Das ist ein starker Satz und ein politisches Signal. Vor allem in Zeiten, in denen mit der Angst Politik gemacht wird, Flüchtlingsheime brennen und Pegida mit rechter Hetze Aggressionen schürt. In diesen Zeiten, in denen nicht zuletzt mit falschen Zahlen gezündelt wird, wie in dieser Ausgabe in unserem Aufmacher nachzulesen ist. Merkels pragmatisches "Wir schaffen das" heißt nicht nur die Flüchtlinge willkommen, sondern würdigt auch das Engagement der vielen freiwilligen HelferInnen, die anpacken, statt zu lamentieren.

Ganz alleine stehe ich nicht mit meiner neu entflammten Merkel-Liebe. Der Linken-Chef Bernd Riexinger bekannte kürzlich in Stuttgart: "Es ist mir fast peinlich, aber ich muss mich als Merkel-Fan outen." Und der grüne Altvordere Joschka Fischer bekundete der Kanzlerin "Bild"-öffentlich Respekt und Unterstützung und bekannte: "Dass ich einmal Angela Merkel öffentlich verteidige, hätte ich nicht gedacht."

Die Flüchtlingsfrage wirbelt so einige parteipolitische Koordinaten durcheinander. Zeit seines Lebens war mein Vater treuer CDU-Wähler und lange Zeit engagierter Kommunalpolitiker. Nichts lag ihm ferner, als auf die Straße zu gehen. Politik wurde in demokratisch gewählten Gremien gemacht, basta. Nun spielt er mit seinen knapp 90 Jahren erstmals mit dem Gedanken, gegen die hasserfüllten Parolen der Pegida und für eine humane Gesellschaft zu demonstrieren.

Ich hätte mir auch nie träumen lassen, dass ich einmal fast mit meinem Vater auf einer Demonstration stehen könnte. Fast. Denn leider machen seine Beine nicht mehr so mit. Mein Vater ist inzwischen übrigens, ganz gegen den Trend, sehr zufrieden mit seiner Parteichefin, die ihm zu viele Männerkonkurrenten weggebissen hat und mit der er sich als alter Macho nur schwer anfreunden konnte. Nicht nur dies ein alter politischer Streitpunkt zwischen meinem alten Herrn und mir. Einig sind wir uns jedoch darin, dass Humanität und Toleranz wichtig sind für eine Gesellschaft.

Am Montag hat Pegida in Dresden wieder mehrere Tausend Mitläufer gefunden. Die Stadt Dresden fürchtet um ihr Image und stellt bereits einen Rückgang der Übernachtungszahlen fest. Der Hetze muss etwas entgegengesetzt werden. Die Demokraten müssen aufstehen, egal ob in Dresden, Oferdingen oder Stuttgart, und den fremdenfeindlichen Krakeelern ihre Sicht der Dinge entgegenhalten. Das passiert bereits. Dass auch die Kanzlerin dies mit zwei signalhaften Sätzen getan hat, hat mich zum Fan gemacht.


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