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Weiter so, Frau Slomka

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Wir erinnern uns an das legendäre Interview mit Heribert Rech. "Braucht man Wasserwerfer, Tränengas und Schlagstöcke, um mit einer Schülerdemo fertig zu werden?" – mit dieser Frage brachte Marietta Slomka am Abend des Schwarzen Donnerstags den damaligen baden-württembergischen Innenminister ins Stottern. Die "heute journal"-Moderatorin ließ sich vom CDU-Politiker vor drei Jahren genauso wenig abschütteln wie jüngst von SPD-Chef Sigmar Gabriel.

"Wir haben die Bilder gesehen, nirgendwo ein schwarzer Block, sondern Anzugträger, Senioren und Kinder", hakte sie nach und schüttelte Heribert Rech noch mehr, als sie ihm entgegenhielt: "Sie reden über das schwäbische Bürgertum, es klingt, als ob Sie über Krieg reden." Am Tag darauf ging sie genauso schonungslos mit dem damaligen CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus um. Es lohnt sich, diese Streitgespräche noch einmal anzusehen. Beide Interviewpartner übrigens Christdemokraten, so viel, ganz nebenbei, zum Vorwurf der Parteilichkeit.

Eklat, unverschämte Fragen, Sozi-Bashing – was wurde seit vergangenem Donnerstag nicht alles an Kommentaren über Marietta Slomka ausgekippt, als sie einen sichtlich gestressten Sigmar Gabriel mit hartnäckigen Fragen in die Verzweiflung trieb. Die Anchorfrau wurde zur meistdiskutierten Journalistin der Woche. Sie habe genervt, sagen manche. Na und? Das ist schließlich ihr Job. Sie sei unkundig, patzig und frech gewesen? Es ist müßig, bei einem Schlagabtausch mit einem dünnhäutigen Politiker jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Aber wenn, dann sollte man es auch bei Sigmar Gabriel tun. 

Wer den journalistischen Schmusemodus verlässt, macht auch mal Fehler. Überflüssig der gönnerhafte Rat von meist männlichen Kollegen, sie hätte früher aufhören sollen, oder manch eine Belehrung aus dem Gemeinschaftskundeunterricht. Es war ein Streitgespräch, das die Zuschauer vom Sessel gerissen hat, auch wenn sie Slomkas staatsrechtliche Bedenken nicht geteilt haben. Und spätestens seit dem ritualisierten Frage-Antwort-Spiel, wie es am Montag drauf im ZDF von Bettina Schausten und Chefredakteur Peter Frey im sogenannten Interview mit Sigmar Gabriel zelebriert wurde, wissen Fernsehgucker, dass man so von Politikern nichts erfährt.

Wäre Marietta Slomka ein Mann, würde man ihr nicht Zickigkeit unterstellen, sondern ihre Beharrlichkeit loben. Und auch ihre "Husky"- wahlweise "gletscherblauen Augen" müssten nicht zum x-ten Mal herhalten für eine Persönlichkeitsanalyse im Horoskopstil. Diese blauen Augen machen nicht sentimental – na und? Die sind bei der Beurteilung einer journalistischen Leistung genauso wurscht wie der schiefe Hals vom "heute journal"-Kollegen Claus Kleber. Wir brauchen im Journalismus keine Heldinnen der öffentlich-rechtlichen Freiheit ohne Fehl und Tadel. Es genügt, wenn unerschrocken und schonungslos nachgefragt wird.

Liebe Frau Slomka, tun Sie mir einen Gefallen. Lassen Sie uns diese Interviews nicht beenden. Auch wenn Herr Gabriel das für Quatsch hält.


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24 Kommentare verfügbar

  • Argos
    am 25.12.2013
    Antworten
    Wieso wurde so großspurig,über dieses TV Gesprächchen berichtet??Es gibt ja sonst nichts...Herr Willy Wehner:Sie sind mit ihrer Meinung bestimmt nicht alleine,was Thomas Moser(NSU)betrifft.
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