Ausgabe 140
Wirtschaft

Todesurteil Modetrend

Von Peter Freytag
Datum: 04.12.2013
"Die schönen Dinge des Lebens", so wirbt eines der erfolgreichsten Mode- und Lifestyle-Unternehmen in Deutschland. Doch das Sortiment des Stuttgarter Traditionshauses Breuninger umfasst nicht nur "Dinge", sondern auch Reste von toten Tieren: vor allem Pelze von Marderhunden, die als fragwürdige Mode-Accessoires über die Ladentheke gehen.

Eine gesichtslose Kleinstadt, Hunderte Kilometer nördlich von Peking. Hier besucht Manfred Karremann im Dezember 2012 einen Markt, auf dem Bauern aus der Umgebung täglich bis zu 1000 Tiere feilbieten. Viele Füchse, vor allem aber putzige Marderhunde, bilden die lebende Ware. Der Winter ist die Zeit, in der gepelzt wird, wie das Töten und Abziehen im Fachjargon heißt. Mit der Kamera beobachtet der Dokumentarfilmer, wie die Tiere nach einem elenden Leben in kleinem Käfig verschachert werden. Als Käufer treten Händler von chinesischen Pelzfabriken auf. Sie sind auf der Suche nach Fellen für die Wintersaison 2013/14. 

Pelztiermarkt in Nordchina: Tote Marderhunde in Reih und Glied. Foto: Karremann
Pelztiermarkt in Nordchina: Tote Marderhunde in Reih und Glied. Foto: Karremann

Der Pelz der Tiere endet als Kragenbesatz an Mänteln und Parkas, die aktuell in Boutiquen und Modehäusern der westlichen Welt verkauft werden, wie Karremann während der Recherchen für eine ZDF-Doku erfährt. "Wenn man sich über den Preis geeinigt hat, werden die Marderhunde mit einer Metallstange erschlagen", schildert er seine Beobachtung. Getötet wird zum Nulltarif, der Totschlag ist im Preis inbegriffen. Auf Wunsch wird den Tieren an Ort und Stelle das Fell abgezogen, oft bei lebendigem Leib. Was als Ausschuss betrachtet wird, bleibt im staubigen Straßengraben liegen. Die Szenen grausamster Tierquälerei und brutalen Totschlags waren vor Kurzem in der ZDF-Dokureihe "37 Grad" zu sehen.

Zeit- und Ortswechsel. Stuttgart, im Dezember 2013. Mit Christbaum und Budenzauber präsentiert sich der Marktplatz weihnachtlich. Gegenüber dem Rathaus der Landeshauptstadt dominiert der festlich dekorierte "Breuninger" die Kulisse. Im Jahr 1881 eröffnete der Backnanger Unternehmer Eduard Breuninger hier ein Einzelhandelshaus und legte damit den Grundstein für eines der erfolgreichsten Mode- und Lifestyle-Unternehmen Deutschlands. "5000 Mitarbeiter. 11 Häuser. Eine Leidenschaft", beschreibt sich der Warenhaus-Konzern, der in Besitz von drei Familien ist, heute im Internet. Der Gesamtumsatz der bundesweit aktiven Kette mit Häusern unter anderem in Düsseldorf, Nürnberg und Leipzig stieg 2012 um 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 516,1 Millionen Euro. Mit 35 000 Quadratmeter Verkaufsfläche zählt das Stuttgarter Stammhaus, neudeutsch als "Flagship-Store" bezeichnet, zu den größten Warenhäusern der Republik. Am ersten Adventswochenende herrscht in dem Breuninger-Kaufhaus Hochbetrieb.

Breuninger-Stammhaus in Stuttgart. Foto: M. Storz
Breuninger-Stammhaus in Stuttgart. Foto: Martin Storz

Der nordchinesische Pelztiermarkt, auf dem Filmemacher Karremann vor gut einem Jahr recherchierte, ist zehn Flugstunden entfernt. Felle von Marderhunden finden sich jedoch auch im noblen Breuninger-Stammhaus in Stuttgart. Damen-Abteilung, dritter Stock: Hier präsentiert das Unternehmen seine Eigenmarke Suzanna. Die Fellbesätze an den Kapuzen vieler Mäntel und Westen fallen auf Anhieb ins Auge. Es sind Echtpelze, wie ein Etikett im Innenfutter bestätigt. Seit 2011 ist in Deutschland dieser Hinweis gesetzlich vorgeschrieben. Mehr, etwa über Tierart oder Herkunft, erfährt der Verbraucher meist nicht. So auch nicht bei den Daunenwesten (Preis 179,99 Euro) und Daunenmäntel (Preis 249,99 Euro) der Eigenmarke. Ein weiteres Etikett "made in China" verrät das Herstellungsland. "Wir wissen nicht, woher der Pelz kommt", antwortet eine Breuninger-Verkäuferin der Kontext-Testkundin, die sich nach der Herkunft des Fells erkundigt. Genaues weiß die Verkäuferin auch nicht bei einer Pudelmütze des Sortiments, an deren Spitze ebenfalls Marderhundhaare vernäht sind.

Testkundin in Echtpelz-Daunenjacke. Foto: KTWZ
Testkundin in Echtpelz-Daunenjacke. Foto: KTWZ

Das gleiche Bild ein Stockwerk höher in der Exquisite-Abteilung, wo teure internationale Modelabels ihre Winterkollektionen für eine betuchte Käuferschaft präsentieren. Auch hier quellen die Kleiderständer über mit Mänteln mit Echtpelzkrägen. "Der Pelz kommt aus Europa", versichert die Breuninger-Verkäuferin der Testkundin, die sich für einen Daunenmantel von Boss Orange, der exklusiven Modelinie des Metzinger Luxuskonzerns Hugo Boss, interessiert. Woher sie das bei dem Kleidungsstück, Preis 499 Euro, auf Anhieb weiß, verrät die Angestellte auf weiteres Nachfragen. "Wir werden vom Hersteller geschult, auch auf Materialeigenschaften." Die Testkundin hakt nach und will genau wissen, wie das Tier, das sein Leben einem Boss-Mantel opfern musste, gehalten und getötet wurde. Hier muss das Breuninger-Personal passen. "Die Qualität des Pelzes lässt auf die Herkunft schließen", betont die herbeigerufene Abteilungsleiterin. Der Fellbesatz kann aus ihrer Sicht deshalb nur aus artgerechter Haltung in Skandinavien stammen, wo ein Großteil der europäischen Pelztierzucht angesiedelt ist. Alles in Ordnung also?

Nein, sagen Tierschutzorganisationen wie Peta und laufen Sturm gegen den wieder auflebenden Pelztrend in der Modebranche. Das Engagement von Prominenten wie der französischen Schauspielerin Brigitte Bardot, die sich seit Jahren gegen das grausame Abschlachten von Robbenbabys engagiert, hatte mit dazu beigetragen, dass Pelzmode weltweit gesellschaftlich geächtet ist. Auch ein Film von Manfred Karremann über den Handel von Hunde- und Katzenfellen, im Jahr 2000 unter anderem in der englischen BBC gezeigt, wirkte. Nach einer weltweiten Protestwelle verabschiedeten die USA, Australien und die EU ein Handelsverbot.

Seit Kurzem setzen Designer, Modefirmen und Händler dennoch wieder auf Pelz. Im Fokus diesmal Nerze, Blaufüchse und Marderhunde. "Einen Vollpelzmantel trägt kaum noch jemand", bestätigt Dokumentarfilmer Karremann. Der Bedarf für billige Pelze für Besätze steigt jedoch rasant, was sich auch in der Zuchtnation China widerspiegelt: Der Bestand an Pelztieren ist dort in wenigen Jahren von 55 Millionen auf 70 Millionen Tiere gewachsen, so Schätzungen. Allein zehn Millionen Marderhunde werden jährlich in China gezüchtet. Sie gelten als besonders anspruchslos in Haltung und Futter, sprich billig zu züchten. "Die Zahl der Zuchtfarmen steigt dort jährlich um ein Drittel", erwähnt Karremann.

Rasante Zuwachsraten beim chinesischen Pelzhandel. Foto: Karremann
Rasante Zuwachsraten beim chinesischen Pelzhandel. Foto: Karremann

Es ist ein unsinniger Boom. "Flauschige Kragenbesätze aus Echtfell besitzen keinerlei wärmende Funktion", sagen Tierschützer. Tatsächlich gibt es schon seit Jahren keinen Mangel an Alternativen. Spezielle Funktionsfasern wärmen sogar besser als natürliche Felle. Wie Hugo Boss betonen viele Modehersteller, nur Felle von europäischen oder amerikanischen Zuchtfarmen zu verarbeiten. "Dort geht es den Tieren nicht besser", kritisiert Manfred Karremann. "Marderhunde oder Nerze sind Wildtiere, die nie artgerecht in kleinen Käfigen zu halten sind", sagt er. Auch die Tötung in Europa mittels Stromschlag oder Vergasung kann Tierschützer nicht beruhigen. "Es ist eigentlich völlig egal, ob in Skandinavien oder China getötet wird. Die Tiere verlieren ihr Leben wegen eines modischen Accessoires", sagt Karremann.

Solche Gedanken machen sich die Pelzkundschaft hierzulande offenbar nicht. "Die Kunden stellen keine Fragen zum Pelzbesatz. Sie wollen höchstens wissen, ob das Kleidungsstück 'handmade' ist", erzählt eine Verkäuferin – und gibt offen zu, dass sie die modischen Vorlieben der Kundschaft nicht teilt. "Ich  habe eine Katze zu Hause und käme nie auf die Idee, sie mir um den Hals zu hängen", sagt die junge Frau.

Der Gesetzgeber schaut dem pelzigen Modetrend, der gerade im Weihnachtsgeschäft 2013 neue Rekorde setzt, tatenlos zu. Im Frühjahr 2013 verabschiedete der Deutsche Bundestag die Neuregelung des Tierschutzgesetzes. Sie soll den im Grundgesetz festgeschriebenen Schutz der Tiere verbessern. Das Gesetz enthält zahlreiche Vorschriften, unter anderem zu Tierversuchen sowie Haltung, Zucht und Verkauf von Tieren, aber auch Regelungen zur Hundeausbildung und das Verbot der Sodomie. Doch zur Pelztierzucht und Pelzverarbeitung findet sich darin kein Wort.

Kehrseite des Booms: Berge gehäuteter Pelztiere. Foto: Peta Deutschland
Kehrseite des Booms: Berge gehäuteter Pelztiere. Foto: Peta Deutschland

Bei der Vorstellung des Gesetzentwurfs der damaligen Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) übten die Länder noch deutliche Kritik. Der Agrarausschuss des Bundesrats empfahl sogar, den Vermittlungsausschuss anzurufen. Es sollte auch ein Verbot der Pelztierhaltung im Gesetz verankert werden. Pelze seien Luxusgüter und nicht zur "Befriedigung elementarer Grundbedürfnisse des Menschen" notwendig. Es gebe "hinreichend preiswertere Alternativen, sich wirksam gegen Kälte zu schützen", so die Begründung des Agrarausschusses. Doch dafür fand sich keine Mehrheit, der Bundesrat ließ das Gesetz unverändert passieren.

Kontext hat das Stuttgarter Modeunternehmen Breuninger um Stellungnahme gebeten, warum es Tierpelze verkauft und ob es Tierquälerei bei Zucht und Tötung der Tiere ausschließen kann. Eine Antwort kam erst nach Wochen und auf mehrfache Nachfrage. Sie fiel vielsagend nichtssagend aus. Demnach ist dem Unternehmen "die ethisch und moralisch korrekte Herstellung ein sehr großes Anliegen". Breuninger lege viel Wert auf transparente Fertigungsprozesse und verfolge diese in engem Austausch mit den Produzenten nachdrücklich. "Dazu gehört die konstante Überwachung und Prüfung der gesamten Lieferkette sowie die Verabschiedung verbindlicher Standards, wie zum Beispiel gerechte Entlohnung oder Vermeidung von Kinderarbeit", versichert Unternehmenssprecher Christian Witt. Mit keinem Wort geht er auf konkrete Anfragen zum Pelzverkauf ein.

Andere Unternehmen sind da schon weiter. Laut Peta haben zahlreiche Kauf- und Modehäuser in den vergangenen Jahren den Pelzverkauf eingestellt, darunter H & M, Zara, Peek & Cloppenburg, Escada und Hallhuber. Internationale Topdesigner wie Stella McCartney, Calvin Klein oder Tommy Hilfiger lehnen Pelz ab. Diese Modelabels führt auch Breuninger in seinem Sortiment.

Gegenüber Kontext hat das Unternehmen immerhin ein Versprechen abgegeben. Man würde "die Zusammenarbeit mit allen Lieferanten beenden, die entgegen der verabschiedeten ethischen und moralischen Standards handeln", teilte Breuninger-Sprecher Witt mit.

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Der Dokumentarfilm von Manfred Karremann "Das Gift auf unserer Haut", der auch die Pelztierzucht in Nordchina beleuchtet, wurde am 8. Oktober 2013 in der "37 Grad"-Reihe gezeigt. Zu sehen ist die Doku weiter in der ZDF-Mediathek. Das Pelztiersterben beginnt ab Minute 32:30.

Die Kontext-Redaktion hat zudem darauf verzichtet, einen Film der Tierschutz-Organisation Peta Deutschland zu zeigen, der die Tierquälerei im chinesischen Pelztierhandel drastisch dokumentiert. Wir weisen darauf hin, dass dieser Film nicht für Kinder und Jugendliche geeignet ist. 


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