Im Oktober beginnt die Tarifrunde. Für die hat die Erste Vorsitzende der IG Metall Christiane Benner sich bereits empfänglich für einen Tarifabschluss mit Öffnungsklauseln erklärt, weil die wirtschaftliche Lage in den verschiedenen Branchen der Metall- und Elektroindustrie (M+E) sehr unterschiedlich sei. Das dürfte manche irritieren, denn schon jetzt kann jedes Unternehmen, das wirtschaftliche Schwierigkeiten hat, mit der IG Metall über Lösungen verhandeln, genannt Pforzheimer Abkommen. Andererseits macht Benner deutlich, dass es keine Abkehr von der 35-Stunden-Woche geben wird, zumal gerade die Autofabriken derzeit gar nicht ausgelastet seien.
Politik und Arbeitgeber gegen Beschäftigte
Dazu kommen die Angriffe aus der Politik. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) fordert mehr und längeres Arbeiten, weniger Krankschreibungen, hält Arbeit in Deutschland für zu teuer, und so weiter und so fort. Um Fehler von Manager:innen wie falsche Automodelle, versäumte Investitionen und trotz Krise weiterhin hohe Dividendenausschüttungen an Aktionär:innen geht es eher selten – hier ein ein aufschlussreicher Überblick.
Wer ganz sicher keine Schuld trägt an falscher Unternehmenspolitik sind die Beschäftigten. Die aber sollen die Zeche zahlen. Bei VW will das Management an den bis dato heiligen Haustarifvertrag, vier Werksschließungen in Deutschland stehen im Raum. Der Betriebsrat von Volkswagen hat ausgerechnet, dass selbst die Halbierung dieses haustariflichen Lohns "die Gesamtkosten für ein Auto nur um etwa 5 Prozent senken" würde. Insgesamt machten die Lohnkosten in der Autoindustrie 2025 noch 10,7 Prozent des Umsatzes aus, 2020 waren es 13,9 Prozent.
Und auch wenn Mercedes weniger Autos verkauft und weniger Umsatz macht: Im zweiten Quartal 2026 stieg der Konzerngewinn um 13,5 Prozent auf 1,09 Milliarden. Um zu sparen, versucht das Unternehmen mit einem Abfindungsprogramm Leute loszuwerden, zuletzt wurde eine tarifliche Sonderzahlung, der sogenannte T-Zug, verschoben, und es steht die Forderung, dass die 90.000 tarifgebundenen Beschäftigten statt 35 Wochenstunden 40 arbeiten sollen – ohne Lohnausgleich. Dagegen protestierten Anfang Juli nach IG-Metall-Angaben bereits 33.000 Mercedes-Mitarbeiter:innen.
Basis ist sauer auf IG-Metall-Chefin Benner
Der Druck aber hält an, und das ständige mediale Wiederholen von zu viel Bürokratie, Lähmung des Landes, mehr Flexibilität, schneller und billiger zeigt Wirkung. Vielleicht auch bei der IG-Metall-Chefin Christiane Benner: Im Juli veröffentliche sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Michael Vassiliadis von der IG BCE (Bergbau, Chemie, Energie) und Peter Leibinger, Präsident des Bundes Deutscher Industrie – also der Gegenseite – einen Gastkommentar im Handelsblatt unter der Überschrift "Deutschland braucht Haltungsänderung". Der Text strotzt vor Allgemeinplätzen wie "Deutschland hat Reformen und Investitionen vernachlässigt". Aber wer ist Deutschland? Nehmen hier zwei Gewerkschaftsvorsitzende tatsächlich alle, also auch Arbeitnehmer:innen in die Verantwortung?
0 Kommentare verfügbar
Schreiben Sie den ersten Kommentar!