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Krise in der Autoindustrie

Kampf statt Sozialpartnerschaft

Krise in der Autoindustrie: Kampf statt Sozialpartnerschaft
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Deutsche Autokonzerne kündigen Sparkurse bis hin zu Werkschließungen an, die IG-Metall-Spitzen Widerstand. Dass der tatsächlich geleistet wird, glauben an der Basis nicht alle. Bei Mercedes Untertürkheim machen sie Druck gegen den sozialpartnerschaftlichen Kurs ihrer Gewerkschaft.

Sie nennen es Petition. Überschrift: Gegenwehr jetzt! Inhalt: Kämpferische Gewerkschaften müssten jetzt "den Generalangriff der Bosse und ihrer Regierung stoppen". Zwei Seiten lang wird erklärt, wie hart die aktuellen Angriffe von Politik und Arbeitgebern auf soziale und gewerkschaftliche Errungenschaften derzeit sind: Arbeitszeit verlängern, Stellenabbau, Verschlechterung der Gesundheitsversorgung, Werksschließungen. Die Petition, die noch nicht veröffentlicht ist, liegt Kontext vor. Sie kommt aus dem Mercedeswerk Untertürkheim, wo ein traditionell linker Vertrauenskörper (VK) aktiv ist. Dieses von den Gewerkschaftsmitgliedern im Betrieb gewählte Gremium soll das Bindeglied zwischen Gewerkschaftsapparat und Mitgliedern sein.

In der Petition stehen Sätze wie: "Wahrscheinlich haben viele von uns zu lange an die Sozialpartnerschaft geglaubt." Oder: "Wer heute noch so tut, als säßen Beschäftigte, Gewerkschaften und Unternehmer im selben Boot, verschließt die Augen vor der Wirklichkeit." Die Initiator:innen wollen ihre Gewerkschaft zu mehr Härte gegenüber Arbeitgeberforderungen und der aktuellen Politik treiben. Der Zeitpunkt passt: Für den 21. September hat die IG Metall zum bundesweiten Autoaktionstag aufgerufen, um öffentlichkeitswirksam klar zu machen, dass die Belegschaften – vor allem die der großen Autowerke VW, Mercedes und BMW – sich nicht widerstandslos den Sparplänen des jeweiligen Managements beugen.

Im Oktober beginnt die Tarifrunde. Für die hat die Erste Vorsitzende der IG Metall Christiane Benner sich bereits empfänglich für einen Tarifabschluss mit Öffnungsklauseln erklärt, weil die wirtschaftliche Lage in den verschiedenen Branchen der Metall- und Elektroindustrie (M+E) sehr unterschiedlich sei. Das dürfte manche irritieren, denn schon jetzt kann jedes Unternehmen, das wirtschaftliche Schwierigkeiten hat, mit der IG Metall über Lösungen verhandeln, genannt Pforzheimer Abkommen. Andererseits macht Benner deutlich, dass es keine Abkehr von der 35-Stunden-Woche geben wird, zumal gerade die Autofabriken derzeit gar nicht ausgelastet seien.

Politik und Arbeitgeber gegen Beschäftigte

Dazu kommen die Angriffe aus der Politik. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) fordert mehr und längeres Arbeiten, weniger Krankschreibungen, hält Arbeit in Deutschland für zu teuer, und so weiter und so fort. Um Fehler von Manager:innen wie falsche Automodelle, versäumte Investitionen und trotz Krise weiterhin hohe Dividendenausschüttungen an Aktionär:innen geht es eher selten – hier ein ein aufschlussreicher Überblick.

Wer ganz sicher keine Schuld trägt an falscher Unternehmenspolitik sind die Beschäftigten. Die aber sollen die Zeche zahlen. Bei VW will das Management an den bis dato heiligen Haustarifvertrag, vier Werksschließungen in Deutschland stehen im Raum. Der Betriebsrat von Volkswagen hat ausgerechnet, dass selbst die Halbierung dieses haustariflichen Lohns "die Gesamtkosten für ein Auto nur um etwa 5 Prozent senken" würde. Insgesamt machten die Lohnkosten in der Autoindustrie 2025 noch 10,7 Prozent des Umsatzes aus, 2020 waren es 13,9 Prozent.

Und auch wenn Mercedes weniger Autos verkauft und weniger Umsatz macht: Im zweiten Quartal 2026 stieg der Konzerngewinn um 13,5 Prozent auf 1,09 Milliarden. Um zu sparen, versucht das Unternehmen mit einem Abfindungsprogramm Leute loszuwerden, zuletzt wurde eine tarifliche Sonderzahlung, der sogenannte T-Zug, verschoben, und es steht die Forderung, dass die 90.000 tarifgebundenen Beschäftigten statt 35 Wochenstunden 40 arbeiten sollen – ohne Lohnausgleich. Dagegen protestierten Anfang Juli nach IG-Metall-Angaben bereits 33.000 Mercedes-Mitarbeiter:innen.

Basis ist sauer auf IG-Metall-Chefin Benner

Der Druck aber hält an, und das ständige mediale Wiederholen von zu viel Bürokratie, Lähmung des Landes, mehr Flexibilität, schneller und billiger zeigt Wirkung. Vielleicht auch bei der IG-Metall-Chefin Christiane Benner: Im Juli veröffentliche sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Michael Vassiliadis von der IG BCE (Bergbau, Chemie, Energie) und Peter Leibinger, Präsident des Bundes Deutscher Industrie – also der Gegenseite – einen Gastkommentar im Handelsblatt unter der Überschrift "Deutschland braucht Haltungsänderung". Der Text strotzt vor Allgemeinplätzen wie "Deutschland hat Reformen und Investitionen vernachlässigt". Aber wer ist Deutschland? Nehmen hier zwei Gewerkschaftsvorsitzende tatsächlich alle, also auch Arbeitnehmer:innen in die Verantwortung?

Ein anderer Satz hat nicht nur in Untertürkheim für Aufsehen gesorgt: "Industrieverbände und Industriegewerkschaften sind gemeinsam bereit für eine Agenda für ein zukunftsfähiges Deutschland – die Kosten senkt, auch die vom Staat verursachten, und Arbeitsvolumen und Produktivität erhöht." Vertrauensleute und Betriebsräte aus mehreren Mercedes Werken verfassten daraufhin einen offenen Brief an den IG-Metall-Bundesvorstand. Sie stellen klar, dass Benner hier "weder in unserem Namen noch im Namen vieler tausend aktiven betrieblichen Kolleginnen und Kollegen" spricht. Ihre Forderung: dass die Gewerkschaft "wieder kämpft".

Ende Juli gab es dann einen offenen Brief aller deutschen Mercedes-VK-Leitungen an den Kanzler, in dem sie ihm seine unsoziale und beschäftigtenfeindliche Politik vorhielten und ihn aufriefen, umzusteuern. Im Gegensatz zum offenen Brief an Benner wurde dieser auf der IG Metall Homepage veröffentlicht.

Vor 22 Jahren wurde die B 10 blockiert

Dass vor allem linke Gewerkschaftsmitglieder schon lange unzufrieden mit dem sozialpartnerschaftlichen Kurs ihrer Funktionär:innen sind, ist kein Geheimnis. Nun in der Krise wird die Kritik immer öffentlicher. In Untertürkheim verabschiedeten die Vertrauensleute bereits im Juni eine Resolution, in der sie die IG-Metall-Führung auffordert, zum Kampf zu mobilisieren. Richtig gestreikt hat die IG Metall schon lange nicht mehr, Warnstreiks und aktive Mittagspausen waren in den vergangenen Jahren die Höhepunkte der Gefühle.

In Untertürkheim gibt es noch Beschäftigte, die sich an die Aktion auf der B 10 im Jahr 2004 erinnern. Das Management von Daimler-Chrysler, wie das Unternehmen damals hieß, hatte den hiesigen Tarifvertrag als "baden-württembergisch Krankheit" bezeichnet und wollte ihn schleifen. Pflichtgemäß rief die IG Metall für den 15. Juli zum Protest nach Untertürkheim. Per S-Bahn sollten die Belegschaften anreisen, doch bei der Belegschaft, vor allem im Werk Mettingen, kam das nicht gut an. Tom Adler, heute 72, war Betriebsrat in Untertürkheim und erinnert sich an heftige Diskussionen. "Da bahnte sich Verzicht an, es zeichnete sich ab, dass im Hintergrund bereits verhandelt wurde." Die Protestaufrufe der IG Metall seien "schon damals schaumgebremste Aktivierungen" gewesen, sagt Adler heute. Nachdem man die Stimmung unter den Kolleg:innen erkundet hatte, war klar: "Wir laufen nach Untertürkheim." Und zwar auf der B 10, der Hauptader durchs Neckartal nach Stuttgart. Die Bilder der rund 2.000 Daimler-Arbeiter:innen liefen medial hervorragend.

Sozialen Ungehorsam organisieren

Organisiert hatten die Aktion IG-Metall-Mitglieder. Nicht der Vorstand, nicht die Bezirksleitung, nicht der Gesamtbetriebsrat. Dort war man stinksauer auf die linken Rebellen aus Mettingen. Der damalige Bezirksleiter Jörg Hofmann nannte sie "Spalter" und forderte organisationspolitische Konsequenzen (die ausblieben), die IG-Metall-Fraktion im Betriebsrat schloss die "Undisziplinierten" aus ihren Sitzungen aus, erzählt Adler. Am Ende entstand "Die Alternative", eine Betriebsratsliste aus linken IG-Metall-Mitgliedern, die sich vorbehielten, nicht nur auf Sozialpartnerschaft zu setzen, weil für sie der Widerspruch von Kapital und Arbeit immer noch gilt.

Kleiner Gag am Rande: Als im vergangenen Juli die IG Metall Stuttgart ihr 80-Jähriges feierte, kam im Festprogramm in einem Film auch die B-10-Aktion vor. Die mitfeiernde Vorsitzende Christiane Benner zeigte sich begeistert von dem damaligen "Autobahn besetzen" (meinte aber die B 10). Tom Adler war dabei. "Ich habe in mich hineingegrinst und mich gleichzeitig gewundert, wie die Aktion umgedeutet wurde."

Unter den Protagonist:innen im Geburtstagsfilm ist auch Klaus Zwickel. Er war Bevollmächtigter der IG Metall Stuttgart, als 1984 für die 35-Stunden-Woche gestreikt wurde – sieben Wochen lang. Später wurde der heute 87-Jährige Erster Vorsitzender der IG Metall, hat also eine gewisse Erfahrung und die fasst er zusammen mit den Worten: "Es ist immer wieder derselbe Versuch, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die Krise bezahlen zu lassen." Pause. "Das ist Kapitalismus."

Da dürften die linken Gewerkschafter:innen von heute mitgehen und weil die aktuelle Krise besonders hart ist, wollen sie kämpfen – mit Gewerkschaften, die "keine Angst vor sozialem Ungehorsam haben, sondern denselben mitorganisieren", wie es in der Petition heißt. Wann und wo die Petition unterschrieben werden kann, wird in den kommenden Tagen entschieden.

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