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Stuttgarter Umsonst & Draußen

Zerrissen zwischen Natur und Kultur

Stuttgarter Umsonst & Draußen: Zerrissen zwischen Natur und Kultur
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Was tun, wenn man doppelt parteiisch ist? Unser Autor ist Naturfreund und hat jahrelang das Festival Umsonst & Draußen mitorganisiert. Jetzt bringt ihn ein kleiner blauer Schmetterling in eine verzwickte Situation.

Ich gebe zu, dass ich den kleinen Falter namens Ameisenbläuling erst kennengelernt habe, als er zum Anlass für die mögliche Zerstörung eines kleinen aber wichtigen Festivals namens Umsonst & Draußen (U&D) in Stuttgart-Vaihingen geworden war. Und ich gehöre zu den Menschen, die viel dafür tun würden, dass seine Art und viele anderen Insektenarten erhalten bleiben. Aber eben nur viel – nicht alles. Und in der Auseinandersetzung von Kultur und Natur, die gerade anlässlich dieses kleinen Falters stattfindet, gerate ich nun selbst in eine Rolle, die ich nicht mag und die ich auch nicht akzeptiere.

Viele Jahre lang habe ich selbst mitgearbeitet, damit das Festival stattfinden konnte. Anfangs haben wir praktisch die gesamte Infrastruktur improvisiert und Dutzende Firmen und Hunderte Einzelpersonen haben jährlich etwas beigetragen, damit drei Tage "Umsonst und Draußen" stattfinden konnte – mit lokalen Bands aus Stuttgart, mit Dauercampern, Kinderprogramm, den unterschiedlichsten Initiativen und Bewegungen und natürlich auch mit immer mehr Erfahrung. Und während am Anfang noch Geld gesammelt wurde, um die städtischen Genehmigungsgebühren zahlen zu können, gibt es inzwischen sogar ein paar tausend Euro aus dem Kulturetat.

Dieses Fest ist nicht nur toll und erfolgreich. Es ist für die Stuttgarter Kulturlandschaft auch wichtig – ob es unverzichtbar ist, wird sich vielleicht zeigen.

Am 25.11.2022 hat das Amt für Umweltschutz dem U&D-Plenum die Genehmigung für das nächste Fest aus naturschutzrechtlichen Gründen versagt. Damit darf das 42. U&D nicht auf der angestammten Wiese am Pfaffenwald stattfinden. Die Begründung selbst ist so spannend, wie es die Natur nur sein kann, und passt damit auf eine nette Art zum Festival. Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläulinge sind kleine Falter, die leider vom Aussterben bedroht sind und die deshalb besonders geschützt werden müssen. Sie legen ihre Eier mit großer Begeisterung in die Blüte des Großen Wiesenknopfs, den es auf der Uniwiese wohl zuhauf gibt, während im angrenzenden Wald der Falter vielfach gesichtet wurde.

Der Ameisenbläuling mag kein g'mähtes Wiesle

Diese Blumen müssen, damit die Fortpflanzung klappt, in Ruhe verblühen und umknicken. Aus den auf den Boden gefallenen Knospen holt dann die namensgebende Ameise die Falterlarven ins eigene Heim, wo dann die Raupen wachsen und irgendwann der Falter schlüpft. Ein teuflisch spezialisierter Ablauf, den sich die Evolution hat einfallen lassen und der wird gestört, weil rechtzeitig vor dem Festival die Wiese gemäht und damit die Eier des Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläulings vernichtet werden. Da dieser aber auf der Liste der super-bedrohten Arten steht, gibt es keine andere Chance, als das Mähen und damit das Fest zu verbieten. Basta.

Natürlich könnte man sich zuerst einmal fragen, ob zum Beispiel ein Autobahnprojekt oder eine neue Solarfabrik genau so einfach verboten würden, wenn man eine bedrohte Art auf dem Baugelände finden würde. Aber das ist polemisch und greift zu kurz, denn zur DNA vom U&D gehört der Schulterschluss mit der vielgestaltigen Umweltbewegung. Damit verbietet es sich, mit dem Zeigefinger auf all die zu zeigen, die noch schlimmer sind. Umweltschutz ist wichtig – so gehörte man zu einem der ersten Feste ohne Einwegbecher und die Uniwiese wird nach jedem Fest komplett "geputzt". Dutzende Helfer:innen laufen mehrfach in Ketten über die Wiese und sammeln alles auf, was da nicht hingehört. Das ist natürlich auch viel Abfall, der nichts mit dem Festival zu tun hat, denn die Wiese wird auch durch die Bewohner:innen der angrenzenden Wohnheime für die ein oder andere Party genutzt.

Die zweite Frage, woher denn im 42. Jahr nun plötzlich Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläulinge kommen, ist schon werthaltiger. Denn wir reden zwar von einem schönen Wiesental, das sich nahezu ideal für ein Festival eignet – das aber eigentlich nur eine sehr kurze Geschichte hat. Es wurde beim Bau der Uni Vaihingen aufgeschüttet und der romantisch anmutende See dient in erster Linie der Vorklärung der Oberflächen-Abwässer des Uni-Geländes. Es wird schwer nachzuweisen sein, dass sich Ameisenbläulinge besonders gut in der Umgebung von Musikfestivals vermehren – zumindest ausschließen, lässt sich diese Annahme angesichts der Geschichte aber nicht ganz. Wer schon einmal nach irgendeinem Festival über dessen Gelände gelaufen ist, der kennt den typischen Geruch aus Bierpfützen, Tabakresten und Verwesung. Ich könnte mir zumindest vorstellen, dass es viele Pflanzen und Tierarten gibt, denen es in dieser Umgebung besonders gut gefällt.

Doch auch der Kultur geht es nicht bombe

Kommen wir zur dritten Frage, die man den Fachleuten eigentlich stellen müsste. Ob es denn nicht möglich wäre, dem Ameisenbläuling auf einer anderen Wiese in der Nähe genug Große Wiesenknöpfe zu pflanzen und damit seine Art zu schützen? Sie wurde bisher nicht gestellt oder beantwortet und hier wird auch deutlich, dass Umweltschutz, wenn er in Verordnungen gegossen wird – was sicher unvermeidlich ist –, zu einer Form von Sprachlosigkeit führt, die der Sache der Umwelt schadet. Die Sorge aller politisch Beteiligten, dass der Verstoß gegen eine sachlich wichtige und richtige EU-Verordnung unzumutbar viele Klagegründe und juristische Auseinandersetzungen verursachen würde, verhindert das Gespräch.

Mag sein, dass die vierte Frage unfair ist. Ich denke und unterstelle einfach, dass ein Amt für Umweltschutz in Stuttgart in so vielen Fällen der Sachlogik von Politik, Verkehr und Wirtschaft unterliegt, dass die Verbitterung nun in ihr Gegenteil umschlägt und genau an der Stelle, an der am wenigsten Widerstand zu erwarten ist, besonders hart durchgegriffen wird. Warum, so möchte ich aber fragen, kümmert Ihr Euch nicht um die wirklich schlimmen Fälle, die großen Sünder und Verschmutzer? Warum muss ein Festival verschwinden, das doch eine eigene kleine Rolle in der Geschichte der Umweltbewegungen spielt?

Machen wir uns die Antworten etwas leichter und identifizieren diesmal die Natur mit dem Ameisenbläuling und die Kultur mit dem Umsonst & Draußen. Dann könnte man argumentieren, dass die prekäre Situation, in der sich unbestritten die Natur befindet, als logische Folge das Zurückstecken der Kultur erzwingen muss. Aber auch die umgekehrte Argumentation ließe sich schlüssig führen. Denn auch der Kultur geht es nicht bombe, und wenn nun eines der letzten freien Festivals in Stuttgart verschwindet, ist das keine Bagatelle.

Wenn ich mir die vielen schönen Abende im Vaihinger Wiesental Revue passieren lasse, die tollen Auftritte unbekannter Bands, die Schlammschlachten nach Regentagen und die vielen hitzigen Diskussionen über die Verfassung eines offenen Plenums, über das Programm und jede Facette der Organisation, dann frage ich mich, warum es nicht möglich ist, dass Natur und Kultur miteinander reden. Wie vernünftige Menschen halt. Mathias Deutschmann hat vor vielen Jahren in einem legendären Auftritt im Zirkuszelt beim Umsonst & Draußen gesagt: "Kommt, lasst uns ein Lokal eröffnen und es Zur Guillotine nennen. Kommt, lasst uns miteinander reden."

Ich weiß nicht, ob es gelingen wird, das Stuttgarter Umsonst & Draußen zu retten. Aber ich habe große Sorge, dass eine Umweltbewegung, die Kultur verbietet ohne zu reden, keine Zukunft haben wird. Denn Zukunft gibt es nur mit Kultur.


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7 Kommentare verfügbar

  • Axel Donning
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Der Artikel zeigt das Problem im Naturschutz. Dieser funktioniert offenbar, wenn er nichts einschränkt. Das tut er aber, denn Der Schutz der Natur erfordert nun manchmal auch knallharten Nutzungsverzicht. Dem Bläuling ist es übrigens egal, ob er wegen der Eutrophierung seiner Habitate oder wegen…
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